Steinbock: Wildökologe fordert Ende der Hobby-Jagd auf Steinwild
Ein Wildökologe aus den Hohen Tauern warnt vor Inzucht und Hitzestress beim Alpensteinbock. In Graubünden läuft die Steinwildjagd noch bis am 8. November, auch in der Stammkolonie am Piz Albris.
Foto: Roger Benz / Unsplash
«Hoch am Grat»
Der Alpensteinbock ist nach Ansicht eines österreichischen Nationalpark-Wildökologen erneut gefährdet. Gunther Gressmann vom Nationalpark Hohe Tauern nennt im Artikel «Ist der Steinbock in den Alpen noch zu retten?» der österreichischen Tageszeitung «Der Standard» vom 1. November 2026 Hitzestress und fortschreitende Inzucht als Hauptgründe und plädiert für ein Ende der Jagd auf Steinwild. In Graubünden läuft die Steinwildjagd derweil noch bis am 8. November. Der Kanton hat dafür 644 Steinböcke und Steingeissen zum Abschuss freigegeben, 98 davon in jener Engadiner Kolonie, von der laut Gressmann fast alle Steinböcke der Ostalpen abstammen.
Was der Wildökologe aus den Hohen Tauern beobachtet
Steinböcke haben im Vergleich zu anderen mittelgrossen Säugetieren kaum Schweissdrüsen. Gegen Hitze hilft ihnen nur der Weg nach oben. Im Sommer 2026 lag die Temperatur in den Hohen Tauern auf 2300 Metern laut Gressmann an 15 Tagen über 19 Grad, vereinzelt bei 22 Grad. Geissen legten an solchen Tagen zweimal täglich 500 bis 600 Höhenmeter zurück, um unten zu fressen und oben abzukühlen. Diesen Mehraufwand bezahlen sie mit weniger Nachwuchs. Den Böcken setzt die Wärme in der Brunft zu: Die Tiere sind auf minus 25 Grad ausgelegt, im Dezember erleben sie zunehmend Plusgrade.
Noch schwerer wiegt für Gressmann die Genetik. Praktisch alle Alpensteinböcke gehen auf rund 90 bis 120 Tiere im Gran Paradiso zurück. Vor 20 Jahren hätten sich Steinböcke auf dem Verwandtschaftsgrad von Cousins gepaart, heute bereits auf dem von Halbgeschwistern. Die Folgen sind kürzere und verformte Hörner, schwere Zahnanomalien, eine tiefere Fortpflanzungsrate und eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten. Als Warnsignal nennt er die Population in den Seealpen an der französisch-italienischen Grenze, die seit zehn Jahren zusammenbricht.
Daraus zieht Gressmann einen klaren Schluss für die Jagd. «Wir haben derzeit keine Ahnung, was wir entnehmen», sagt er: Niemand wisse, ob ein erlegtes Tier einen Gendefekt trage oder gesund sei und alt geworden wäre. Auch das Krankheitsargument trägt aus seiner Sicht nicht. Bei rund der Hälfte der erlegten gesunden Tiere seien Milben nachweisbar, die Räude auslösen können, aber nur knapp drei Prozent der natürlichen Todesfälle gingen auf Räude zurück. Wer befallene Tiere vorsorglich erschiesse, nehme der Population womöglich die Chance, sich anzupassen.
Die Spur führt an den Piz Albris
Die Stammkolonie, die Gressmann nennt, lebt oberhalb von Pontresina. Laut Gressmann gingen fast alle Steinböcke der Ostalpen aus dieser kleinen Engadiner Gruppe hervor, deren Gründertiere von Kitzen abstammten, die ab 1906 aus dem Gran Paradiso geschmuggelt worden waren. Die Geschichte des Schmuggels zeichnet unser Dossier «Steinbock Schweiz: Geschmuggelt, gerettet, Trophäe» nach. Heute ist Albris eine der am stärksten bejagten Kolonien im Kanton.
Laut dem Abschussplan Steinwild 2026 in den Bündner Jagdbetriebsvorschriften sollen am Albris dieses Jahr 98 Tiere getötet werden: 45 Böcke und 53 Geissen. Nur die Kolonie Flüela hat mit 144 Tieren ein höheres Kontingent. Kantonsweit gibt Graubünden 644 Tiere frei, 269 Böcke und 375 Geissen, darunter 16 Böcke über elf Jahre. Die Steinwildjagd dauert vom 5. Oktober bis zum 8. November. Wie die Böcke nach dem Alter der Hobby-Jäger verteilt werden, steht im Dossier und im Bündner Jagd-Tracker 2026/27.
Begründet wird die Jagd mit hohen Beständen. 2023 zählte der Kanton 7’245 Steinböcke, so viele wie nie seit der Wiederansiedlung. Zu hohe Bestände machten die nichtmenschlichen Tiere anfälliger für Krankheiten und verdrängten die Gämse, sagte Lukas Walser vom Amt für Jagd und Fischerei damals in einer Medienmitteilung des Kantons. Ob die erlegten Tiere genetisch wertvoll waren, spielt in der Planung keine Rolle: Der Abschussplan regelt Kolonie, Geschlecht und Alter, nicht das Erbgut.
Das Wallis kennt das Problem und schiesst trotzdem
Noch deutlicher wird der Widerspruch im Wallis. Im Infoblatt Steinbock 2025 schreibt die Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere selbst, dass alle Kolonien auf wenige Gründertiere zurückgehen, eng verwandt sind und die fehlende genetische Vielfalt die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen oder Krankheitserreger erschweren kann. Im selben Infoblatt stehen die Zahlen für 2025: ein Frühlingsbestand von 6’993 Tieren, ein Abschussplan von 624 Tieren, davon 445 erlegt (Jagd und Zusatzabschüsse der Wildhut), und 291 Tiere Fallwild.
Zusätzlich verkauft der Kanton Abschüsse alter Böcke an ausländische und ausserkantonale Kundschaft, also gerade jener Tiere, die für die Fortpflanzung zentral sind. Wie diese Trophäenjagd vermarktet wird, haben wir in «Ist die Trophäenjagd im Wallis für einen guten Zweck?» dokumentiert. In Freiburg will die Hobby-Jagd-Lobby den Steinbock ebenfalls bejagen.
Was die Schweizer Forschung zeigt
Gressmanns Befund deckt sich mit Schweizer Genomforschung. Ein Team der Universitäten Zürich und Neuenburg hat für Nature Communications (Grossen et al. 2020) 60 vollständige Genome von sechs Steinbockarten und der Hausziege verglichen. Der Alpensteinbock zeigt eine aussergewöhnlich geringe genetische Vielfalt und eine Anhäufung leicht schädlicher Mutationen. Kolonien mit den stärksten Engpässen bei der Wiederansiedlung weisen die höchste Inzucht auf. Die Forschenden halten fest, dass selbst Populationen von rund 1’000 Tieren solche Mutationen ansammeln können.
Dass die Hobby-Jagd zudem nach Hornlänge selektiert, zeigen Messungen an über 8’000 in Graubünden erlegten Böcken, die wir im Dossier und auf unserer Studienseite Jagd im Faktencheck zusammengefasst haben. Wie verletzlich das Erbgut ist, zeigen auch die Steinbock-Hybride im Tessin.
Kommentar: Wer nicht weiss, was er schiesst, soll nicht schiessen
Ein Wildökologe eines öffentlichen Nationalparks sagt offen, man wisse nicht, was man mit jedem Schuss aus der Population entferne. In der Schweiz ist es nicht anders. Graubünden und das Wallis planen ihre Abschüsse nach Kolonie, Geschlecht und Altersklasse, das Erbgut kennt niemand. Das Wallis schreibt die genetische Verarmung sogar ins eigene Infoblatt und verkauft im selben Atemzug alte Böcke an zahlende Kundschaft.
Am Piz Albris, von wo aus der Steinbock Anfang des 20. Jahrhunderts die Ostalpen zurückeroberte, sterben diesen Herbst 98 Tiere für Hobby-Jäger, die nach mindestens fünf Hochjagdpatenten per Los zugelassen werden und je nach eigenem Alter einen Bock zugeteilt bekommen. Das ist keine Artenschutzmassnahme, das ist Freizeitgestaltung auf Kosten einer genetisch geschwächten Art. Gressmanns Räude-Zahlen zerlegen zudem das Krankheitsargument, mit dem Behörden die Abschüsse begründen.
Die Konsequenz liegt auf der Hand: ein Moratorium der Steinwildjagd, bis ein genetisches Monitoring aller Kolonien vorliegt. Wo Eingriffe nachweislich nötig sind, gehören sie in die Hände der Wildhut, nicht in eine Patentlotterie. Die natürliche Auslese überlässt man den Beutegreifern, beim Steinbock vor allem dem Steinadler, statt sie zu bekämpfen. Dass sich Wildbestände selbst regulieren, zeigt die wissenschaftliche Evidenz aus Genf und dem Nationalpark.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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