Parforcejagd in Frankreich: Hirsch ertrinkt, 19-Jähriger schwer verletzt
Im Wald von Amboise stirbt ein gehetzter Hirsch in einem privaten Teich, in der Gironde wird ein junger Teilnehmer durch das Geweih eines Hirsches schwer verletzt.
Symbolbild. Foto: Tim Morgan / Unsplash
Wenn die Hunde kommen
Am Samstag, 31. Oktober 2026, ist im Wald von Amboise (Indre-et-Loire) ein von Hunden gehetzter Hirsch im Teich eines Privatgrundstücks ertrunken. Am Dienstag, 3. November, wurde in Saint-Laurent-Médoc in der Gironde ein 19-jähriger Teilnehmer einer Parforcejagd durch das Geweih eines Hirsches schwer verletzt.
Amboise: Hirsch flüchtet in einen Teich und ertrinkt
Estelle Chalon und ihr Mann Christophe sassen am Samstag mit den Schwiegereltern und den Kindern beim Familienessen auf ihrer Domaine «Terre de Lumière», als sie die Meute hörten. «Mindestens 20 Minuten vor dem Drama», sagte Chalon gegenüber dem Sender ICI (ehemals France Bleu). Dann sei der Hirsch direkt vor ihnen vorbeigelaufen, gefolgt von rund dreissig Hunden. Laut La Nouvelle République überquerte er das Grundstück, umrundete einen Unterstand und erreichte gegen 14 Uhr den Teich, rund 15 Meter von der Eingangstür entfernt. Die Meute folgte ihm ins Wasser.
Ein Mitglied der Equipage habe gepfiffen, um die Hunde zurückzurufen, «aber es war zu spät», so Chalon. «Der Hirsch ist tot, ertrunken, die Hunde auf ihm.» Gegenüber La Nouvelle République schilderte sie, das Tier sei nach vier Stunden Verfolgung erschöpft gewesen. Anschliessend fragten die Jagdteilnehmer um Erlaubnis, den Kadaver aus dem Teich zu bergen. Einer habe gesagt: «Tut mir leid, Sie werden traumatisiert sein.» Gegenüber ICI fügte Chalon an: «Ich habe auf dem Instagram-Konto gesehen, dass sie den Hirsch gefeiert haben.»
Chalon filmte die Szene und veröffentlichte das Video am 3. November mit dem Kommentar: «Ein Tier auf privatem Grund muss begnadigt werden.» Gegenüber ICI wiederholte sie: «Dieser Hirsch hätte begnadigt werden müssen.» Die Nouvelle République titelte mit dem Satz der Familie «Wir haben nichts verlangt». Die Eigentümer sprechen von einem Tod, der hätte verhindert werden müssen. Die Veneurs berufen sich laut der Zeitung auf eine frühere Bewilligung.
Was die Verordnung von 2019 vorschreibt
Seit 2019 schreibt eine französische Verordnung vor, dass ein bei der Parforcejagd gestelltes Wildtier in der Nähe von Wohnhäusern und daran angrenzenden Privatgärten grundsätzlich verschont werden muss. Dasselbe gilt in der Nähe von Gewerbezonen, Büros und Einrichtungen, die Publikum empfangen. Die Jagdleitung muss die Hunde schnellstmöglich zurücknehmen und verhindern, dass sich jemand dem Tier nähert. Gelingt es nicht, die Situation zu entschärfen, sind die zuständigen Behörden einzuschalten. Diese können eine Betäubung durch einen Tierarzt oder, falls dies nicht möglich ist, eine Tötung veranlassen.
Chalon betont, ihr Anwesen sei beides: Wohnsitz der Familie und ein Ort, an dem sie Kurse in der Natur anbiete. Warum der Tod des Hirsches trotz der Schutzvorschrift nicht verhindert wurde und ob die Verantwortlichen ihre Pflichten verletzt haben, lässt sich anhand der vorliegenden Berichte nicht abschliessend beurteilen. Chalon hat inzwischen bei der Tierschutzorganisation ASPAS Schritte eingeleitet, um ihr fünf Hektar grosses Anwesen zu einem Wildtier-Refugium erklären zu lassen.
Gironde: Hirsch verletzt jungen Teilnehmer schwer
Drei Tage später endete eine Parforcejagd im Médoc mit einem Schwerverletzten. Wie Midi Libre, La Dépêche und Sud Ouest berichten, wurde ein 19-jähriger Teilnehmer in Saint-Laurent-Médoc vom Geweih eines Hirsches getroffen. Er erlitt schwere Verletzungen an der Lunge. Laut Midi Libre besteht keine Lebensgefahr.
Kommentar: Ein Brauch, der Tierleid zur Inszenierung macht
Der genaue Ablauf in der Gironde ist noch ungeklärt. Der Vorfall zeigt jedoch, dass die Verfolgung eines Wildtieres auch für die Beteiligten gefährlich werden kann. Ein Hirsch, der von einer Meute gestellt wird, verteidigt sich mit dem, was ihm bleibt.
Bei der Parforcejagd wird die Verfolgung eines Wildtieres zum traditionsgebundenen Ritual. Aus Sicht des Tierschutzes steht dabei eine entscheidende Frage im Raum: Warum wird einem nichtmenschlichen Tier diese Hetze überhaupt zugemutet? Amboise zeigt, wie schnell Grundstücksgrenzen, Wohnhäuser und das Begnadigungsgebot zur Nebensache werden, wenn Hunde und Reiter einmal in Bewegung sind. Wird ein solcher Tod danach, wie Chalon schildert, in den sozialen Medien gefeiert, sagt das viel über das Selbstverständnis dieser Hobby-Jagd.
Wild beim Wild berichtet seit Langem über die Gewalt rund um die Parforcejagd. Im Wald von Orléans wurden filmende Aktivistinnen und Aktivisten angegriffen, und ein Gericht hat das Recht bestätigt, Hetzjagden zu filmen. Gerade diese Aufnahmen machen sichtbar, was sonst im Wald verborgen bliebe. Auch das Video aus Amboise ist ein solcher Beleg.
In Deutschland verbietet das Bundesjagdgesetz die Hetzjagd auf Wild ausdrücklich (§ 19 Abs. 1 Nr. 13). Frankreich hält an ihr fest. Die beiden Vorfälle zeigen, welchen Preis nichtmenschliche Tiere, Anwohnende und selbst die Teilnehmenden dafür zahlen.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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