Erneut Gewalt bei Parforcejagd: Hobby-Jäger greifen filmende Aktivisten im Wald von Orléans an
Vier Monate nach dem Urteil gegen drei Hobby-Jäger berichtet Pierre Rigaux erneut von einem Angriff, diesmal durch eine Equipage, die bereits das französische Parlament beschäftigt.
Symbolbild: Versammlung vor einer Parforcejagd mit Hundemeute (England, 1970er/1980er Jahre). Die abgebildeten Personen stehen in keinem Zusammenhang mit dem beschriebenen Vorfall. Foto: Annie Spratt / Unsplash
«Stumm sollst du sein»
Am Samstag, 24. Oktober 2026, filmten der französische Naturschützer Pierre Rigaux und seine Partnerin eine Parforcejagd im Wald von Orléans bei Bouzy-la-Forêt. Rund sechzig Hobby-Jäger waren an diesem Tag mit der Equipage Rallye Fontainebleau unterwegs. Rigaux hat ein 50-sekündiges Video des Vorfalls in den sozialen Netzwerken veröffentlicht.
Was das Video zeigt
Laut dem Bericht des Regionalsenders ICI Orléans ist zu sehen, wie ein Hobby-Jäger die Begleiterin von Rigaux körperlich angeht, während sie mit einer kleinen Kamera filmt. Sie ruft, er solle aufhören, er schlage sie. Rigaux liegt am Boden, drei Männer stehen um ihn herum, einer versucht, ihm das Telefon zu entreissen.
Rigaux schildert den Ablauf so: Sie seien friedlich gekommen, um Pferde, Hunde und die Praxis der Jagd zu dokumentieren. Man habe sie sofort angegriffen, zu Boden gebracht und geschlagen. Die Telefone seien mit Schlaufen am Handgelenk befestigt gewesen, trotzdem habe der Equipagenleiter mit aller Kraft daran gerissen. Sein Gerät sei seither verschwunden. Laut ICI wurde Anzeige wegen Diebstahls mit Gewalt in Gemeinschaft erstattet.
Die Verteidigung der Equipage
Matthieu Payet-Godel, Verantwortlicher des Rallye Fontainebleau, räumt gegenüber ICI ein, der Ton sei schnell gestiegen. Rigaux habe sich aber selbst zu Boden geworfen und spiele das Opfer. Er bestreitet, Rigaux das Telefon entrissen zu haben. Falls es verschwunden sei, liege es vielleicht noch im Wald. ICI beschreibt den Mann, der im Video nach dem Telefon greift, jedoch als Payet-Godel.
Seine Begründung: Nicht die Szene im Video sei die eigentliche Gewalt, sondern das, was Rigaux seit zwei Jahren tue. Er nenne Namen in den sozialen Medien, filme die Jagden und halte den Hobby-Jägern das Telefon unter die Nase. Der Vorfall sei die Folge dieser Provokationen.
Täter-Opfer-Umkehr als Methode
Die Behauptung, das Filmen sei die eigentliche Gewalt, schiebt die Verantwortung für körperliche Übergriffe jenen zu, die sie dokumentieren. Bereits im Juni wurden in Orléans drei Hobby-Jäger wegen versuchten Diebstahls in Gemeinschaft verurteilt, weil sie Rigaux im November 2024 im selben Wald das Handy entreissen wollten. Bestraft wurde damals der Griff nach dem Telefon, nicht das Filmen. Der neue Vorfall zeigt, dass diese Lektion bei Teilen der Equipagen nicht angekommen ist.
Auch der Rest der Verteidigung trägt nicht. Payet-Godel betont, in vier von fünf Fällen werde gar kein Tier getötet. Damit reduziert er die Frage nach dem Tierleid auf den Moment der Tötung und blendet die Verfolgung davor aus. Genau dort setzt die Kritik an: Eine im Auftrag des britischen National Trust durchgeführte Untersuchung von Patrick Bateson und Elizabeth Bradshaw (1997) wies bei Rothirschen, die mit Hundemeuten gejagt wurden, schwere physiologische Belastungen nach. Der National Trust verbot die Hirschhetzjagd daraufhin auf seinem Land. Ebenso wenig entkräftet der Verweis auf Schlachthöfe und das Opferfest die Kritik an der Parforcejagd. Dass anderswo nichtmenschliche Tiere leiden, rechtfertigt keine Freizeitbeschäftigung, deren Kern die Hatz ist.
Ein Muster, kein Einzelfall
Bereits eine am 11. November 2025 veröffentlichte parlamentarische Anfrage schildert schwere Vorwürfe gegen dieselbe Equipage. Nach Darstellung der Abgeordneten Ersilia Soudais wurde Rigaux am 21. Oktober 2025 unter anderem mit dem Knie eines Reiters, einem Peitschengriff und einem Reithelm getroffen und erhielt einen Ellbogenschlag ins Gesicht. Die Anfrage nennt eine ärztlich festgestellte dreitägige «incapacité totale de travail» (ITT), ein Hämatom an der Nase und Rippenschmerzen. Rigaux erstattete drei Anzeigen. Am 4. November 2025 soll der Rallye Fontainebleau als Gast im Wald von Rambouillet erneut filmende Aktivisten behindert haben.
Soudais fordert vom Umweltministerium die Auflösung der Equipage. Sie verweist auf wiederkehrende Übergriffe gegen friedliche Beobachter, auf Verfolgungsjagden über Waldwege und Strassen sowie auf verirrte und verletzte Hunde. Zum Zeitpunkt der Anfrage hatte eine Petition der Organisation Nos Viventia für die Auflösung laut Soudais über 62’000 Unterschriften. Die Abgeordnete verweist zudem auf eine IFOP-Umfrage von 2025, wonach 72 Prozent der Befragten ein Verbot der Parforcejagd befürworten.
Warum Dokumentation unverzichtbar bleibt
In Deutschland ist die Hetzjagd auf Wild seit Jahrzehnten verboten (§ 19 Bundesjagdgesetz). In Frankreich wird sie weiter betrieben, und wer sie öffentlich macht, riskiert Übergriffe. Der Fall Orléans zeigt, weshalb die Dokumentation solcher Jagden wichtig bleibt: Die Aufnahmen machen sichtbar, was Beteiligte anschliessend anders darstellen. Der Versuch, Rigaux zum eigentlichen Gewalttäter zu erklären, ändert nichts an den von ICI beschriebenen Übergriffen und dem Griff nach seinem Telefon.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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