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FACE: Wie die Jagdlobby der EU‑Behördenmeldungen umschreibt und Bleiverbote entkernt

Drei Posts in einer Woche: Der Dachverband der Hobby-Jäger macht aus einem Fangprogramm ein Managementvakuum, aus einer Hundeimpf-Warnung ein Jagdargument und aus einem entkernten Bleiverbot einen Naturschutzerfolg.

Redaktion Wild beim Wild — 24. September 2026

Ein Verband, drei Posts, drei Verdrehungen.

FACE nennt sich «European Federation for Hunting and Conservation» und vertritt in Brüssel nach eigenen Angaben sieben Millionen Hobby-Jäger. Auch JagdSchweiz gehört dem Verband an, jener Verband, den wir bereits als Fabrik für Fehlinformation beschrieben haben. Der Dachverband in Brüssel arbeitet nach demselben Prinzip, nur mit grösserer Reichweite: Was FACE veröffentlicht, wandert in die Argumentationsketten der nationalen Jagdverbände, auch hierzulande. Es lohnt sich deshalb, genau hinzuschauen, was der Verband allein in der vergangenen Woche auf seinen Kanälen verbreitet hat. Drei Beispiele, drei Muster.

Cabañeros: Das «Managementvakuum», das keines ist

«What happens when wildlife populations are no longer managed?», fragt FACE und verweist auf den spanischen Nationalpark Cabañeros, wo die Hobby-Jagd seit Dezember 2020 verboten ist. Die Antwort des Verbands: Überweidung, Bodenerosion, Notstand.

Die Wirklichkeit ist eine andere. Die spanische Nationalparkbehörde legte einer Delegation des Europaparlaments im Februar ihren Huftier-Managementplan vor: Bis 13. Februar 2026 waren 5’252 Hirsche und 1’101 Wildschweine gefangen worden, 78 beziehungsweise 64 Prozent der vorgesehenen Entnahmen. Der Park verfügt dafür über 13 Fanganlagen für Hirsche und neun für Wildschweine. Von einem «Managementvakuum» kann also keine Rede sein: Der Nationalpark wird aktiv bewirtschaftet, mit Fang statt mit Gewehr. Für die privaten Flächen im Park wurde im Januar 2026 zusätzlich eine Vereinbarung zur Bestandskontrolle unterzeichnet.

Wer der Delegation die «Überpopulation» vorführte, verschweigt FACE: Es war die Asociación de Afectados, ein Zusammenschluss der Eigentümer von neun Privatfincas im Park, die mit dem Verbot ihre Jagdeinnahmen verloren haben. Die Visite wurde vom Partido Popular vorangetrieben, mit dem erklärten Ziel, Spanien über Brüssel zur Wiederzulassung der Jagd zu drängen. Ecologistas en Acción kritisierte, die Delegation habe kein Treffen mit Umweltverbänden gesucht und folge den Anliegen einer Handvoll Grossgrundbesitzer; die Jagd sei die Hauptursache der Umweltprobleme im Park, nicht deren Lösung. Cabañeros war vor der Parkgründung 1995 ein Jagdgut, in dem die Hirschbestände bewusst hochgehalten wurden. Die heutige Dichte ist ein Erbe der Hobby-Jagd, nicht ihrer Abwesenheit.

Lettland: Aus einer Impfwarnung wird ein Jagdargument

Zweites Beispiel: «Why fox population management matters», titelt FACE und beruft sich auf eine Meldung des lettischen Veterinärdienstes PVD vom 23. September. In Füchsen bei Ādaži wurde Staupe nachgewiesen.

Die Behördenmeldung ist eine Warnung an Hundehalter: Vor Waldspaziergängen soll geprüft werden, ob der Hund gegen Staupe geimpft ist; Hunde sollen an der Leine geführt und Kontakte mit Füchsen, anderen Wildtieren oder Kadavern vermieden werden. Die Leiterin der Tierseuchenüberwachung betont ausdrücklich, dass Staupe und Listeriose in Lettland längst bekannt sind und der Fall keine neue Seuchenlage anzeigt, sondern an die Impfprophylaxe erinnert. Gemeldet wurden die auffälligen Füchse von Anwohnern. Von Jagd, Abschuss oder Bestandsregulierung ist in der Meldung keine Rede.

Das alles hat FACE hinzugedichtet und «Source: PVD» daruntergesetzt. Fachlich ist die Konstruktion unhaltbar: Abschuss senkt die Krankheitsprävalenz in Fuchspopulationen nicht, sondern erhöht den Anteil Jungfüchse und die Wanderbewegungen, was Kontakte fördert. Die Tollwut hat es vorgemacht: Jahrzehnte Fuchsabschuss und Baubegasung brachten nichts, die orale Impfung machte Europa tollwutfrei. Das Staupevirus zirkuliert zwischen Haus- und Wildtierpopulationen; genau deshalb ist eine hohe Impfquote bei Hunden zentral, ergänzt durch Leinenführung und das Meiden auffälliger Tiere. Das sagt der PVD. Abschussforderungen folgen daraus nicht.

Dass die zentrale Rechtfertigung der Fuchsjagd auch im Jägerlager bröckelt, zeigt unser Beitrag Riss im Jägerlager: Ökologischer Jagdverein stellt die Fuchsjagd-Linie von JagdSchweiz infrage. Die Studienlage dazu findet sich auf unserer Seite Jagd im Faktencheck.

Bleischrot: Sieben Jahre Aufschub als «Erfolg»

Das dritte Beispiel ist kein Unsinn, sondern eine Bilanz, und gerade deshalb aufschlussreich. FACE erklärt seinen Mitgliedern, warum sie das EU-Bleischrotverbot nicht mehr bekämpfen sollen. Der Verband hält die finale Beschränkung für «workable». Die Übergangsfrist für Bleischrot wurde auf sieben Jahre verlängert, gegenüber den 18 Monaten, die der Risikobewertungsausschuss der EU-Chemikalienagentur empfohlen hatte, und den drei Jahren im Kommissionsvorschlag. Bleikugeln und Flintenlaufgeschosse wurden vollständig aus dem Anwendungsbereich gestrichen; die europäische Verteidigungsagenda sei dabei ein wesentlicher Faktor gewesen.

Aus einem Gesamtverbot aller Bleimunition mit kurzer Frist wurde ein Schrotverbot mit sieben Jahren Karenz. FACE verfolgt das Dossier nach eigener Angabe seit fast 20 Jahren. Jedes Jahr Aufschub bedeutet weitere Tonnen Blei in Feuchtgebieten, in Böden, in Wasservögeln und Greifvögeln. Dass Stahlschrot heute schon zu vergleichbaren Preisen erhältlich ist und die Munitionsindustrie den Umstieg innert sieben Jahren liefern kann, sagt FACE selbst. Damit fällt das Hauptargument für die lange Frist in sich zusammen.

Besonders zynisch ist die Rettung der Bleikugel über die Sicherheitsdebatte. Jagdmunition ist keine Militärmunition. Gerettet wurde genau jene Munition, die bei Schalenwild in Fleisch und Aufbrüche splittert, Steinadler und Bartgeier vergiftet und laut dem Ratsdokument zur Beschränkung für Kinder in Jägerfamilien ein moderates bis hohes Gesundheitsrisiko durch Blei im Wildfleisch bedeutet. Und der Massstab, an dem FACE den Umstieg in Dänemark, den Niederlanden und Flandern misst, ist entlarvend: kein Rückgang der Jägerzahlen und der Jagdstrecken. Nicht weniger vergiftete Vögel, sondern gleich viele Hobby-Jäger und gleich viele tote Tiere gelten als Erfolg.

Wie die Vertagung zustande kam, haben wir im Juli dokumentiert: EU vertagt Bleiverbot bei Jagdmunition auf sieben Jahre. Die Hintergründe zu Blei in Wildfleisch, Böden und Greifvögeln stehen im Beitrag Bleimunition: Giftige Jagdmunition und ihre Folgen für Mensch und Tier.

Der nächste Hebel: Stresstest der Naturschutzrichtlinien

Im selben Monatsbericht kündigt FACE an, wo es als Nächstes ansetzt. Die EU-Kommission unterzieht die Vogelschutz- und die FFH-Richtlinie einem «Stresstest» im Rahmen ihrer Vereinfachungsinitiative zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. FACE interessiert sich dabei vor allem für einen Punkt: das Verfahren zur Anpassung der Anhänge. Der Verband räumt ein, die Relevanz dieses Punkts für die Wettbewerbsfähigkeit sei «not quite clear», organisiert aber nächste Woche einen Anlass im Europaparlament dazu; Gastgeber ist der spanische PP-Abgeordnete Juan Ignacio Zoido.

«Anhänge anpassen» heisst im Klartext: Wolf, Biber, Kormoran, Gänse und weitere Arten aus den strengen Schutzkategorien holen oder in die jagdbaren Anhänge verschieben. Die Herabstufung des Wolfs in der Berner Konvention war die Blaupause; die Schweiz hat dabei im Windschatten der EU agiert. Was FACE in Brüssel vorbereitet, landet mit Verzögerung in den Vorstössen von JagdSchweiz und den kantonalen Jägerverbänden. Dazu unser Dossier Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd.

Was das für die Schweiz bedeutet

Die Schweiz übernimmt REACH nicht automatisch. Bleischrot ist hierzulande nur bei der Jagd über Gewässern und in Feuchtgebieten verboten, bei bleifreier Kugelmunition herrscht ein kantonaler Flickenteppich. Selbst die von FACE auf sieben Jahre gestreckte EU-Frist wäre damit ehrgeiziger als der Schweizer Stillstand. Und die Argumentationsmuster, die FACE liefert, funktionieren in Bern und in den Kantonen genau gleich wie in Brüssel: Fangprogramme werden zum «Managementvakuum», Impfwarnungen zum Jagdargument, Verzögerungen zum Naturschutzerfolg.

Wer den Verband als Naturschutzorganisation wahrnimmt, sollte seine Posts lesen, bevor er sie teilt.

Quellen

  • Europäisches Parlament, Petitionsausschuss: Missionsbericht zum Nationalpark Cabañeros (Delegation 16. bis 18. Februar 2026, Bericht angenommen 6. Mai 2026)
  • eldiario.es, 19. Februar 2026: «Dueños de fincas de Cabañeros alegan ‹deterioro ecológico› para denunciar la ‹superpoblación› de animales»
  • Ecologistas en Acción Castilla-La Mancha, 13. Februar 2026: Stellungnahme zur Delegationsvisite in Cabañeros
  • Revista Jara y Sedal, 7. Mai 2026: Bericht zum PETI-Beschluss mit den Fangzahlen der Nationalparkbehörde
  • Pārtikas un veterinārais dienests (PVD) / LSM, 23. September 2026: Staupe bei Füchsen in Ādaži
  • FACE, 22. September 2026: «The EU restriction on lead gunshot: FACE’s assessment»
  • Rat der Europäischen Union, Dok. 11840/26, 13. Juli 2026: Entwurf der REACH-Beschränkung für Blei in Schrotmunition
  • Europäische Kommission: Stress test of the Birds and Habitats Directives
  • FACE, 22. September 2026: «Member States Cautious about Changing the Nature Directives»
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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