Aus Zofingen in die Welt: JagdSchweiz als Fabrik für Fehlinformation
JagdSchweiz verbreitet seit April 2026 eine Studie, die Treibjagd-Fleisch als qualitativ einwandfrei darstellt – doch die Forschungslage zeigt ein grundlegend anderes Bild: Stresshormone, Bleipartikel und Parasiten machen Wildfleisch zu einem Produkt, das dem Versprechen «natürlich und gesund» wissenschaftlich nicht standhält.
Der Verband JagdSchweiz sitzt in Zofingen – und von dort aus versorgt er Medien, Politik und Öffentlichkeit regelmässig mit Darstellungen, die unabhängiger wissenschaftlicher Prüfung nicht standhalten.
Das zeigt sich beim Positionspapier zur Fuchsbejagung vom November 2025 ebenso wie bei der aktuellen Verbreitung einer methodisch schwachen Wildfleisch-Studie. Wer die Muster kennt, erkennt das System: Selektive Quellenauswahl, fehlende Gegenbelege, dafür griffige Botschaften für die Jagdlobby. Das Fuchs-Dossier von wildbeimwild.com hat dokumentiert, wie JagdSchweiz Probleme erfindet, die andere längst gelöst haben – von der angeblichen Fuchsexplosion bis zur widerlegten Seuchenthese. Beim Thema Wildfleischqualität funktioniert dasselbe Prinzip: Eine Studie wird präsentiert, die die Lobby-Botschaft stützt – während die gesamte übrige Forschungslage unerwähnt bleibt.
Mehr dazu: Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet
Die Fulda-Studie und ihre methodische Schwäche
Im April 2026 verlinkte JagdSchweiz auf eine Studie der Hochschule Fulda, die keinen signifikanten Qualitätsunterschied zwischen Treibjagd- und Ansitzjagd-Fleisch feststellte. Was der Verband dabei verschweigt: Die Studie misst Glucose im Zungenmuskel – einem Gewebe mit minimalen Glykogenspeichern, das auf Stressreize kaum reagiert. Cortisol, das massgebliche Stresshormon, wurde gar nicht gemessen.
Eine Gegenstudie, ebenfalls im European Journal of Wildlife Research publiziert (Universität Zagreb, 2025), kam mit robusterer Methodik zu einem anderen Befund: Bei 407 Wildschweinen wurden Cortisol-Konzentrationen im Blutserum direkt gemessen. Tiere aus Treibjagden wiesen mit 431 nmol/L fast viermal höhere Cortisolwerte auf als Tiere aus Einzeljagden (118 nmol/L). Fleisch aus Treibjagden zeigte zudem erhöhte pH-Werte und veränderte Farbparameter – beides Indikatoren für stressbedingte Fleischqualitätsmängel.
Eine Studie in Scientific Reports (Niedersachsen, 2021) bestätigt: Die Hälfte aller untersuchten Wildschweine aus Treibjagden wies explizit erhöhte Stresshormonspiegel auf.
Panik tötet – und das schmeckt man
Wenn ein Wildtier gehetzt, angeschossen oder durch Treiben in Panik versetzt wird, reagiert sein Körper wie jeder Säugetierorganismus auf akuten Stress: Cortisol und Adrenalin überschwemmen die Muskulatur. Glykogen wird zu Glucose abgebaut, Laktat akkumuliert, der pH-Wert sinkt oder steigt unkontrolliert – je nach Stärke und Dauer der Belastung. Das Ergebnis ist Fleisch, das in der Lebensmittelchemie als DFD («dark, firm, dry») oder PSE («pale, soft, exudative») klassifiziert wird: zäh, wässrig oder dunkel verfärbt, mit verkürzter Haltbarkeit.
Das Robert Koch Institut empfiehlt, die Dauer der Vorbelastung vor dem Schuss so kurz wie möglich zu halten – auch wegen der Auswirkungen auf die Fleischqualität. Die Ansitzjagd, bei der das Tier ahnungslos aus der Ruhe heraus erlegt wird, erzeugt nach aktuellem Forschungsstand das tierschutzgerechteste und qualitativ hochwertigste Fleisch. Die Treibjagd ist das Gegenteil davon – und JagdSchweiz in Zofingen weiss das.
Mehr dazu: Achtung: Warnung vor Wildfleisch vom Hobby-Jäger
Bleipartikel: Unsichtbar, ungeklärt, gefährlich
Das zweite grosse Problem ist die Kontamination durch Bleimunition. Das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte im LEMISI-Projekt (2011–2014) fest: Fleisch von mit Bleimunition erlegten Tieren enthält signifikant höhere Bleikonzentrationen als Fleisch aus bleifreier Jagd – und das nicht nur im Schusskanal, sondern weitflächig im Gewebe, weil Bleigeschosse beim Aufprall in Hunderte mikroskopisch kleine Splitter zerfallen, die sich bis zu 45 cm vom Einschussloch entfernt im Fleisch verteilen können.
Blei ist ein hochgiftiges Schwermetall, für das kein sicherer Grenzwert existiert. Es schädigt das Nervensystem, die Nieren und das Herz-Kreislauf-System – bei Kindern besonders die Hirnentwicklung. Das BfR empfiehlt Kindern, Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch explizit, auf Wildfleisch aus Bleimunitions-Jagd zu verzichten. Eine Studie in Environmental Research (2024) zeigte, dass Personen, die regelmässig Wildfleisch essen, im Durchschnitt 51 Prozent höhere Blutblei-Werte aufweisen als Nicht-Konsumentinnen und -Konsumenten.
In der Schweiz konsumieren Hobby-Jäger und ihre Haushalte laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) bis zu 90 Portionen Wildfleisch pro Jahr – eine Belastung, die das BLV ausdrücklich als bedenklich einstuft.
Parasiten: Sechs krank machende Arten im Wildfleisch
Das BfR dokumentierte 2018 in einer umfassenden Stellungnahme (Nr. 045/2018) sechs humanpathogene Parasitenarten, die regelmässig in Wildfleisch nachgewiesen werden: Toxoplasmen (Toxoplasmose), Trichinellen (Trichinellose), Sarkosporidien (Sarkosporidiose), Schweinebandwurm (Zystizerkose, Taeniose), kleiner Fuchsbandwurm (Echinokokkose) sowie der Duncker’sche Muskelegel. Besonders Wildschweine gelten als Hauptwirt für Trichinella spp., die in der Skelettmuskulatur parasitieren und beim Menschen zu schweren Erkrankungen führen können. Das Robert Koch Institut verweist darauf, dass Wildschweinfleisch aus privater Jagd «erfahrungsgemäss nicht immer untersucht wird» – anders als Schlachtvieh, das einer lückenlosen Veterinärkontrolle unterliegt.
Hinzu kommt Hepatitis E: Das Universitätsklinikum Bonn verzeichnet steigende Fallzahlen, die unter anderem auf den Verzehr von rohem oder unzureichend gegartem Wildfleisch zurückgeführt werden.
Das «ehrliche» Fleisch und seine Leerstelle
Die Hobby-Jägerschaft vermarktet Wildfleisch mit Begriffen wie «ehrlich», «natürlich» und «regional». Was dabei ausgeblendet wird: Wildfleisch unterliegt keiner vergleichbaren Kontrollkette wie Schlachtvieh. Es gibt keine standardisierte Schlachthof-Untersuchung, keine lückenlose Kühlkettenüberwachung, keine verpflichtende Stresshormon-Messung. Wer das Fleisch eines gehetzten, angeschossenen oder längere Zeit unkühlt liegenden Wildes als «Naturprodukt» verkauft, betreibt Marketing – keine Lebensmittelsicherheit.
Das Muster ist dasselbe wie beim Fuchsjagd-Positionspapier: JagdSchweiz in Zofingen setzt eine bequeme Teilwahrheit in die Welt, lässt die unbequemen Studien weg und hofft, dass niemand nachfragt. Wildbeimwild.com fragt nach.
Das Genfer Modell zeigt seit 1974, dass professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jägerschaft möglich ist. Wildhüterinnen und Wildhüter arbeiten mit geregelten Abläufen, wissenschaftlicher Begleitung und klaren Qualitätsstandards – das ist der Unterschied zwischen Wildtierschutz und Freizeitjagd.
Quellen:
- Kuhnhenn S., Braun-Münker M., Ecker F. (2025): Influence of driven hunts on selected game meat quality parameters in central Germany. European Journal of Wildlife Research 71:82. DOI: 10.1007/s10344-025-01959-8
- Kroatische Studie (2025): Fear of the hunt in wild boar: stress response and meat quality. European Journal of Wildlife Research. DOI: 10.1007/s10344-025-02032-0
- Güldenpfennig et al. (2021): An approach to assess stress in response to drive hunts using cortisol levels of wild boar. Scientific Reports. DOI: 10.1038/s41598-021-95927-2
- BfR-Stellungnahme Nr. 045/2018: Wildfleisch: Gesundheitliche Bewertung von humanpathogenen Parasiten in Wild
- BfR / LEMISI-Projekt (2018): Lead content in wild game shot with lead or non-lead ammunition. PLOS ONE. DOI: 10.1371/journal.pone.0200792
- Robert Koch Institut: RKI-Ratgeber Trichinellose (aktualisiert 2025)
- Environmental Research (2024): Hunting with lead – association between blood lead levels and wild game consumption
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