Im Chablais-Rudel pflanzen sich Mutter und Tochter mit demselben Rüden fort
KORA-Jahresbericht 2025: Erstmals doppelte Reproduktion in der Schweiz nachgewiesen – und was die Forschung längst weiss
Im Jahr 2025 haben sich im Walliser Chablais-Rudel erstmals in der Schweiz zwei Wölfinnen im selben Jahr fortgepflanzt.
Die Stiftung KORA hat das per genetischer Analyse nachgewiesen und Ende Mai 2026 im KORA-Jahresbericht 2025 kommuniziert. Der Fall ist biologisch präzise dokumentiert und wirft ein Schlaglicht auf eine Wolfspolitik, die sich seit Jahren gegen den Stand der internationalen Wissenschaft stellt.
Was KORA nachgewiesen hat
Beim Wolf erfolgt die Fortpflanzung in der Regel durch ein einzelnes Paar innerhalb des Rudels. Es kommt jedoch vereinzelt vor, dass sich zwei Fähen im selben Jahr innerhalb derselben Gruppe fortpflanzen: Man spricht in diesem Fall von einer «doppelten Reproduktion». Dieses Phänomen ist bei Wölfen bekannt und in verschiedenen Regionen dokumentiert, unter anderem in Europa und Nordamerika.
Im Chablais-Rudel konnte KORA durch Verwandtschaftsanalysen des Laboratoire de Biologie de la Conservation der Universität Lausanne folgendes belegen: Ein neues Männchen hatte sich sowohl mit F43, dem reproduzierenden Weibchen dieses Rudels seit 2019, als auch mit einer Tochter dieses Weibchens fortgepflanzt. Insgesamt wurden acht Welpen erfasst.
Der Auslöser: Ein Rüde wurde erschossen
Der Fall hat einen konkreten behördlichen Auslöser, den KORA im Bericht benennt. Nachdem der reproduzierende Rüde M88 im Januar 2024 legal erlegt worden war, konnte in diesem Jahr keine Reproduktion festgestellt werden. Im Sommer 2025 zeigte das kantonale Monitoring erneut eine Reproduktion mit acht Welpen.
Ein neuer Rüde wanderte in das nun vakante Territorium ein und paarte sich mit beiden Weibchen. Der Abschuss von M88 hat damit exakt den Mechanismus in Gang gesetzt, den die internationale Forschung seit Jahren als «kompensatorische Reproduktion» beschreibt.
Was die Wissenschaft längst dokumentiert hat
KORAs Formulierung, die Auswirkungen des letalen Managements seien «noch nicht abschliessend bewertet», trifft auf einen schmalen Teilbereich zu. Der grundlegende Mechanismus ist gut belegt.
Letales Management von Wölfen hat zahlreiche unbeabsichtigte Folgen: Vereinfachung der Sozialstruktur, Auflösung von Rudeln und kurzfristige Reproduktionsrückgänge. Gleichzeitig kann die Entnahme von Wölfen künftige Nutztierrisse erhöhen. Der entscheidende Mechanismus dahinter: Nicht-fortpflanzende Weibchen beginnen sich fortzupflanzen, sobald das Leitweibchen oder der Leitrüde fehlt. Genau das ist im Chablais-Rudel eingetreten.
Wielgus und Peebles haben 2014 in einer vielzitierten Studie 25 Jahre Daten aus Idaho, Montana und Wyoming ausgewertet. Ihr Befund: Bei Abschussraten unter 25 Prozent des Bestandes nahmen Nutztierrisse sogar zu, möglicherweise wegen der kompensatorisch gestiegenen Zahl von Zuchtpaaren. Sterblichkeitsraten über 25 Prozent sind langfristig nicht tragbar. Diese Studie wurde methodisch angefochten, doch auch die Gegenstudie von Poudyal et al. (2016) hält fest: Die Tötung eines Wolfes führt im selben Jahr zu einem Anstieg der Schafsrisse um 2,2 Prozent, wirkt also zumindest kurzfristig kontraproduktiv.
Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Faktor: Jagddruck auf Wölfe führt zu Hormonveränderungen, die unbeabsichtigt die Reproduktionsrate erhöhen und die genetische Struktur der Population verändern können.
Eine aktuelle Studie aus Wisconsin (Scientific Reports, 2024) zeigt zudem: Der Verlust eines Rudelmitglieds kann zur Auflösung des Rudels führen, besonders wenn fortpflanzungsaktive Individuen entnommen werden und der Bestand klein ist. In stabilen, grossen Populationen können nachrückende Tiere die Rolle des entfernten Mitglieds übernehmen und die Sozialfunktionen erhalten. Die Schweizer Wolfspopulation ist eine wiederbesiedelnde, noch nicht stabile Population, in der dieser Puffereffekt nur begrenzt greift.
43 Rudel, 350 Wölfe, 89 erschossen
Der Einzelfall im Chablais steht im Kontext einer Gesamtbilanz, die das Schweizer Wolfsmanagement in einem widersprüchlichen Licht erscheinen lässt. Im Monitoringjahr 2025/26 wurden in der Schweiz 43 Rudel bestätigt, zwei mehr als im Vorjahr. Davon leben 32 vollständig in der Schweiz, 11 nutzen auch Gebiete im benachbarten Ausland. Drei Rudel gelten bereits wieder als aufgelöst.
In der Regulierungsperiode von September 2025 bis Januar 2026 wurden insgesamt 89 Wölfe getötet, inklusive Schadenwölfe und verletzte Tiere. Insgesamt wurden 153 Wolfswelpen erfasst. Der Bestand wuchs trotzdem. KORA warnte vor einem verfrühten Fazit: Erste belastbare Ergebnisse zur Wirksamkeit der Bejagung lägen erst 2027 vor.
Im Kanton Wallis, wo das Chablais-Rudel lebt, fällt die Bilanz so aus: 75 Wölfe wurden formell identifiziert, darunter 57 neue Individuen. Elf Rudel wurden bestätigt, zehn davon mit Reproduktion. Bei 81 Angriffen wurden 318 Nutztiere getötet. Im Rahmen der proaktiven Regulierung wurden 24 Wölfe entnommen.
Neue Rudel, neue Genetik
Parallel zur doppelten Reproduktion im Wallis vermeldet KORA geografische Ausbreitung: Erstmals etablierte sich ein Rudel im Kanton Obwalden, ein weiteres entstand im Kanton Neuenburg.
Genetisch relevant ist ein Fund aus dem Kanton Bern: Erstmals wurde ein Weibchen aus der zentraleuropäischen Population in der Schweiz registriert. Diese Population ist genetisch diverser als die dominierende Alpenpopulation und trägt zur langfristigen Stabilität des Bestandes bei. Dass dieser genetische Zugewinn über ein gewildertes, also illegal getötetes Tier nachgewiesen wurde, ist eine bittere Randnotiz der aktuellen Hobby-Jagd-Politik.
Was das Chablais-Rudel zeigt
Das Chablais-Rudel ist kein Sonderfall. Es ist ein Lehrstück. Der Abschuss von M88 hat nicht das Rudel geschwächt, er hat es umstrukturiert, einen neuen Rüden angezogen und erstmals eine doppelte Reproduktion ausgelöst. Acht Welpen, zwei Würfe, ein einziger Eingriff.
Die internationale Forschung hat diese Dynamik beschrieben, lange bevor die Schweiz ihre Abschusspraxis zur Regel gemacht hat. Dass KORA im selben Jahresbericht, in dem dieser Fall dokumentiert wird, die Wirksamkeit der Regulierung als «noch nicht abschliessend bewertet» bezeichnet, ist wissenschaftliche Vorsicht. Aber es darf nicht als Freifahrtschein dafür gelten, so weiterzumachen wie bisher.
Wer Wölfe in Rudel schiessen lässt, reguliert nicht den Bestand. Er reguliert die Sozialstruktur, und die Konsequenzen sind längst dokumentiert.
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