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Biber bremsen Waldbrände, doch die Schweiz gibt sie zum Abschuss frei

Während Studien belegen, dass Biberlandschaften Feuer stoppen und Brandnarben heilen, dürfen die Nager hierzulande seit dem 1. Februar 2025 bei «erheblichen Schäden» geschossen werden, ohne vorgängige Anhörung des Bundes.

Redaktion Wild beim Wild — 1. August 2026

Während in Frankreich und Spanien im Juli 2026 historische Waldbrände ganze Landstriche verwüsten, rücken Biber als natürlicher Feuerschutz in den Fokus.

Ausgerechnet dieses Tier steht in der Schweiz seit dem 1. Februar 2025 auf der Abschussliste.

Wenn eigene Rauchwolken neue Brände zünden

Brütende Hitze und ausbleibender Regen haben laut einem Bericht von Euronews vom 29. Juli 2026 in Teilen Frankreichs und Spaniens Brände ungekannten Ausmasses entfacht. In Spanien sind demnach über 80’000 Hektar verbrannt, in Frankreich rund 42’000 Hektar. Hunderttausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen, in einer der grössten Evakuierungen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg.

Am 27. Juli erreichte ein Feuer in Frankreich eine solche Wucht, dass seine eigene Rauchwolke ein Gewitter bildete. Blitze schlugen in den Boden und entzündeten neue Brände ausserhalb des ursprünglichen Herds. Die Löschkapazitäten der EU kommen mit der Intensität der Feuer kaum noch mit.

Eine grüne Oase mitten in der Asche

Der wissenschaftliche Kern der Geschichte ist älter als die aktuelle Feuerwelle. Als 2020 der Grossbrand «East Troublesome» rund 193’800 Acres in Colorado verwüstete, den zweitgrössten Brand der Staatsgeschichte, blieb inmitten der verkohlten Fläche eine grüne Insel erhalten. Verantwortlich dafür war der Biber.

Biber bauen Dämme, graben Kanäle und verwandeln Bäche in ausgedehnte Feuchtgebiete. Die Vegetation rund um ihre Teiche bleibt auch in langen Dürrephasen saftig und lässt sich deutlich schwerer entzünden als ausgedörrte Flächen. Feuer sucht sich den Weg des geringsten Widerstands und umgeht die nassen Zonen. So entstehen Rückzugsräume für Tiere, die einem Brand kaum entkommen können.

Eine 2020 in «Ecological Applications» erschienene Studie mit dem Titel «Smokey the Beaver» wertete Satellitendaten von fünf grossen Waldbränden im Westen der USA zwischen 2000 und 2018 aus. Das Ergebnis: Der Rückgang der Vegetationsdichte während des Feuers fiel in Gebieten ohne Biber im Schnitt 3,05-mal so stark aus wie in Gebieten mit Bibern. Ein Jahr nach dem Brand erholte sich die Vegetation allerdings unabhängig von der Biberpräsenz. Der Effekt liegt also in der Widerstandsfähigkeit während des Feuers, nicht in einer schnelleren Erholung danach.

Eine Modellrechnung für die kalifornische Sierra Nevada, publiziert 2025, schätzt für den dort heimischen nordamerikanischen Biber, dass dessen Baue bis zu 120 Millionen Kubikmeter Oberflächenwasser speichern und rund 2’200 Quadratkilometer feuerresistente Landschaft schaffen könnten. In der Region ist demnach noch die Hälfte der ursprünglichen Damm-Baukapazität vorhanden.

Biber heilen sogar die Brandnarben

Forschende der Colorado State University gehen einen Schritt weiter. Sie errichteten künstliche Biberdämme in sogenannten Burn Scars, den verkohlten Flächen nach einem Feuer, um die Erholung der Ökosysteme zu untersuchen. Waldbrände destabilisieren Böden und verringern deren Fähigkeit, Regen aufzunehmen. Die Folge sind stärkerer Abfluss, höheres Überschwemmungsrisiko und verschmutztes Wasser.

Die künstlichen Dämme bremsen den Wasserfluss und verteilen ihn über die Aue. Sedimente sinken zu Boden, statt talabwärts gespült zu werden. Erste Ergebnisse deuten laut den Forschenden darauf hin, dass sich die Wasserqualität verbessert.

Der Widerspruch: Comeback in Europa, Abschuss in der Schweiz

Der europäische Biberbestand hat sich spektakulär erholt. Zwischen 1960 und 2016 stieg die Zahl der Tiere (ohne Russland) um rund 16’000 Prozent, heute leben über 1,2 Millionen Biber auf dem Kontinent. Ihr Verbreitungsgebiet wuchs zwischen 1955 und 2020 um rund 835 Prozent. Damit entstehen überall zusätzliche natürliche Feuerschneisen, neben Vorteilen wie Hochwasserschutz und sauberem Wasser.

In der Schweiz zählte die nationale Bestandserhebung 2022 rund 4’914 Biber in 1’382 Revieren. Die Art wurde aus der Roten Liste entlassen und gilt als nicht gefährdet. Genau diese Erholung wird dem Tier nun zum Verhängnis: Mit der revidierten Jagdverordnung können die Kantone seit dem 1. Februar 2025 einzelne Biber abschiessen, die «erhebliche Schäden» anrichten, sofern sich diese nicht anders verhüten lassen. Eine vorgängige Anhörung des Bundes ist dafür nicht vorgesehen. Ein Ökosystem-Ingenieur, der Brände bremst, Dürren abfedert und Biodiversität schafft, wird damit zum potenziellen Schädling erklärt, obwohl rund 30 Jahre Praxis zeigen, dass sich Konflikte mit Prävention lösen lassen. Die IG Wild beim Wild hält die Regelung für möglicherweise gesetzeswidrig, weil das Stimmvolk 2020 eine entsprechende Ausweitung der Abschusskompetenzen an der Urne abgelehnt hatte.

Der Fall reiht sich in ein bekanntes Muster ein: Nicht die bewaffnete Freizeitlobby wird reguliert, sondern jene Arten, die ökologische Funktionen kostenlos übernehmen würden. Während Frankreich und Spanien Milliarden für Löscharbeiten aufwenden, schiesst die Schweiz auf einen ihrer wirksamsten natürlichen Brandschutz-Verbündeten.

Mehr dazu im Dossier Der Biber in der Schweiz: ausgerottet, wieder angesiedelt und neu zum Abschuss freigegeben sowie in der Analyse Hobby-Jäger regulieren, nicht die Beutegreifer.

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