Der Jagdsumpf ist überall: Wie FACE und die Hobby-Jäger-Verbände Politik machen
Von Brüssel bis Bern verfolgen die Verbände der Hobby-Jäger dieselben Ziele: weniger Artenschutz, mehr Abschussbefugnisse, mehr Staatsgeld. Im Zentrum steht der europäische Dachverband FACE.
«Der grüne Filz»
Am 21. September 2026 hat der deutsche Blog WolfsBlick eine umfangreiche Dokumentation mit 73 Quellen veröffentlicht.
Der Titel: «Der Jagdsumpf aus Macht, Geld und getöteten Tieren». Der Autor beschreibt keinen Geheimbund, sondern ein offenes Geflecht, dessen Bausteine in Lobbyregistern, Parlamentsdrucksachen und Verbandsmitteilungen nachzulesen sind. Wer den Text liest und dann über die Grenzen schaut, stellt fest: Dieses Geflecht ist kein deutsches Phänomen. In Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz funktioniert es nach denselben Regeln. Und es hat einen gemeinsamen Kopf.
Der Kopf des Fisches: FACE in Brüssel
Die European Federation for Hunting and Conservation (FACE) vertritt nach eigenen Angaben rund sieben Millionen Hobby-Jäger. Sie besteht aus den nationalen Verbänden aus 37 Ländern, darunter alle 27 EU-Staaten, und hat ihr Sekretariat in Brüssel. Der Deutsche Jagdverband, die französische FNC, Jagd Österreich, die italienischen Verbände und JagdSchweiz sind dort angeschlossen.
Wie eng die Verflechtung ist, zeigt die Vorstandsliste auf der FACE-Website. Vizepräsident für Deutschland ist Helmut Dammann-Tamke, zugleich Präsident des DJV. Für Frankreich sitzt Nicolas Rivet im Vorstand, Generaldirektor der FNC. Treasurer General ist David Clavadetscher, Geschäftsführer von JagdSchweiz. Die Leute, die in Brüssel die Linie bestimmen, führen zu Hause die nationalen Verbände. Finanziert wird FACE vor allem über Mitgliederbeiträge, ein Teil des Budgets stammt nach eigenen Angaben aber aus dem LIFE-Programm der EU-Kommission.
Ihr wichtigster Hebel ist der direkte Draht ins Europaparlament. FACE ist im EU-Transparenzregister eingetragen und führt seit 1985 das Sekretariat der parlamentarischen Intergruppe «Biodiversity, Hunting, Countryside», die nach eigenen Angaben von mehr als 120 Abgeordneten unterstützt wird. Heute teilt sich FACE diese Aufgabe mit der European Landowners‘ Organization, dem Verband der Grossgrundbesitzer. Die Intergruppe beschliesst keine Gesetze. Sie ist aber eine dauerhafte Plattform, auf der Abgeordnete, Kommission und Verbände über Natur- und Jagdpolitik beraten, und ihr Sekretariat stellt ein Interessenverband.
Wie FACE mit Fakten umgeht, hat Wild beim Wild erst im September an drei Beispielen aus einer einzigen Woche dokumentiert. Aus dem spanischen Nationalpark Cabañeros, in dem Hirsche und Wildschweine mit Fanganlagen reguliert werden, machte der Verband ein angebliches «Managementvakuum». Aus einer Impfwarnung des lettischen Veterinärdienstes an Hundehalter wurde ein Argument für die Fuchsjagd, obwohl die Behördenmeldung Jagd mit keinem Wort erwähnte. Und die Verwässerung des EU-Bleiverbots feierte FACE als tragfähigen Kompromiss. Die Fachausschüsse der EU-Chemikalienagentur hatten für Bleischrot eine Frist zwischen 18 Monaten und fünf Jahren empfohlen, die Kommission drei Jahre. Die im Juni gebilligte Vorlage gewährt für Bleischrot nun eine Übergangsfrist von sieben Jahren, Bleikugeln sind vorerst ganz gestrichen. Dabei schätzt die ECHA, dass allein das Verbot über Feuchtgebieten jedes Jahr den vermeidbaren Bleitod von rund einer Million Wasservögeln verhindert.
Das nächste Ziel hat FACE bereits benannt: den «Stresstest» der EU-Naturschutzrichtlinien, bei dem der Verband vor allem das Verfahren zur Änderung der Artenanhänge im Blick hat. Die Herabstufung des Wolfs war die Blaupause. Dieselben Forderungen kehren in den Mitteilungen der nationalen Verbände wieder, von Berlin bis Bern. Ob man darin eine koordinierte Strategie oder eine ideologische Gleichrichtung sieht, ist eine Wertung. Die Verbindungen selbst sind öffentlich dokumentiert. In der Schweiz verläuft diese Linie besonders direkt: JagdSchweiz-Geschäftsführer David Clavadetscher amtet zugleich als Schatzmeister von FACE. Wild beim Wild hat den Schweizer Dachverband deshalb schon früher als Fabrik für Fehlinformation beschrieben. FACE ist dieselbe Fabrik, nur mit europäischer Reichweite.
Deutschland: Ein Verband feiert sein Gesetz
Der Ausgangspunkt bei WolfsBlick ist Java, eine dreijährige Tschechoslowakische Wolfhündin, die im Januar 2026 bei Nordhorn von einem Hobby-Jäger erschossen wurde. Er habe sie für einen Wolf gehalten und Angst gehabt, so seine Erklärung. Selbst die örtliche Jägerschaft stellte klar, für diesen Schuss habe kein Recht bestanden.
Von dort zeichnet der Beitrag die Struktur nach: Der Deutsche Jagdverband (DJV) bezeichnet die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht selbst als eigene «Erfolgsgeschichte». Er forderte den Abschuss von bis zu 40 Prozent des jährlichen Wolfsnachwuchses und begrüsste, dass Klagen gegen Abschüsse keine automatische aufschiebende Wirkung mehr haben sollen. DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke sass zuvor fast zwanzig Jahre für die CDU im niedersächsischen Landtag. Die Landesjägerschaft Niedersachsen koordiniert das Wolfsmonitoring des Landes und fordert zugleich die Bejagung derselben Art. Der Bayerische Jagdverband erhielt von 2019 bis 2023 rund 4,9 Millionen Euro aus der Jagdabgabe, unter anderem für Öffentlichkeitsarbeit in Kitas und Schulen, und verlangt, das Wolfsmonitoring in Jägerhand zu legen.
Der DJV ist Mitglied von FACE, sein Präsident sitzt dort als Vizepräsident im Vorstand. Seine Forderung nach Abschussquoten für den Wolf folgt derselben Linie, die FACE in Brüssel für die Herabstufung des Schutzstatus verfolgt hat.
Frankreich: Willy Schraen, der Stolz auf das Töten und die «Liebesbeweise» des Präsidenten
In Frankreich trägt der Jagdsumpf ein Gesicht: Willy Schraen, Präsident der Fédération nationale des chasseurs (FNC). Anders als die meisten Funktionäre versteckt er das Motiv der Hobby-Jagd nicht hinter Hege oder Naturdienst. Im August 2020 sagte er im Sender CNews auf die Frage, ob ihm das Erlegen Freude bereite: «Die Antwort ist ja. Ich töte gerne Tiere im Rahmen der Jagd.» Töten sei «überhaupt nicht gewalttätig». Zur Ernährung müsse man nicht jagen, aber es sei «ein grosses Vergnügen». Wild beim Wild hat diese Selbstauskunft ausführlich eingeordnet.
Zum Selbstbild gehört ein Besitzanspruch auf die Landschaft. Spaziergängern, die sich zwischen bewaffneten Hobby-Jägern unsicher fühlen, empfahl Schraen, doch zu Hause spazieren zu gehen. Sein Satz «Die Natur gehört nicht allen» trug ihm vom Direktor der französischen Vogelschutzliga den Titel «Trump am Abzug» ein. Zur Eröffnung der Saison 2026/27 rief er die Hobby-Jäger auf, stolz zu sein, und kündigte an, man lasse sich nicht einschüchtern und verzichte weder auf Territorien noch auf Traditionen noch auf Rechte (Wild beim Wild berichtete).
Kritik beantwortet der Verband mit Druck. Als die Grünen-Abgeordnete Sandrine Rousseau im August 2026 dazu aufrief, sich zur Jagderöffnung in Wälder und Felder zu begeben, kündigte die FNC eine Strafanzeige an und wandte sich an die Präsidentin der Nationalversammlung. Regionale Verbände riefen ihre Mitglieder auf, eine Rücktrittspetition gegen Rousseau zu unterschreiben. Schon 2021 hatte Schraen persönlich vor Gericht gegen Brigitte Bardot obsiegt, die ihn auf ihrer Stiftungswebsite mit einem inakzeptablen, NS-belasteten Begriff beschimpft hatte. Sie musste ihm 1’000 Euro Entschädigung zahlen.
Selbst Naturkatastrophen ändern daran nichts. Als Tierschutzorganisationen nach den Waldbränden im Sommer 2026 forderten, die Jagdsaison zu verschieben, weil Nahrung und Lebensräume grossflächig verbrannt waren, nannte Schraen das «lächerlich» und eine «Ideologie von Ökos, die nichts davon verstehen». Portugal hatte Brandflächen da längst per Verordnung für die Hobby-Jagd gesperrt.
Dass Schraen so auftreten kann, hat mit seinem Zugang zur Macht zu tun. Der Lobbyist und politische Berater der FNC, Thierry Coste, fasste die Bilanz der ersten Amtszeit von Emmanuel Macron gegenüber dem «Journal du Dimanche» so zusammen: Der Präsident habe den Hobby-Jägern «Liebesbeweise» geliefert. Nach einem Treffen mit der FNC kündigte Macron an, den nationalen Jagdschein von 400 auf 200 Euro zu verbilligen. Kritiker in der Nationalversammlung rechneten vor, dass die Massnahme 27 Millionen Euro koste und dem staatlichen Wildtieramt ONCFS 21 Millionen Euro an Einnahmen entziehe. Die Reform übertrug zudem die Abschusspläne an die Verbände der Hobby-Jäger. Umweltminister Nicolas Hulot trat zurück.
Dazu kam neues Geld. Seit 2019 gilt die sogenannte Öko-Abgabe: Jeder Hobby-Jäger zahlt 5 Euro, der Staat legt 10 Euro dazu, insgesamt fast 15 Millionen Euro pro Jahr für die Biodiversität. Für übertragene Staatsaufgaben erhalten die Verbände zusätzlich 9 Millionen Euro jährlich, wie die Regierung auf eine parlamentarische Anfrage bestätigte. Die FNC veröffentlichte ihre Jahresrechnungen 2017 bis 2021 erst nach wiederholter Aufforderung, obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet ist. Eine Auswertung durch die Plattform Lanceurs d’Alerte ergab: Die öffentlichen Zuschüsse an den Dachverband stiegen von 27’000 Euro im Jahr 2017 auf 11,46 Millionen Euro im Jahr 2021 (Wild beim Wild berichtete). Schraen hatte dazu aufgerufen, bei der Präsidentschaftswahl 2022 im ersten Wahlgang Macron zu wählen.
Der französische Rechnungshof hat 2023 nachgeprüft. Sein Befund: Die Verbände kommen ihren gesetzlichen Rechenschaftspflichten nur ungenügend nach. Die Reform von 2019 verursacht dem Staat jährliche Mehrausgaben von rund 40 Millionen Euro. Ohne vorherige Analyse der Finanzlage sagte der Staat im März 2023 weitere 60 Millionen Euro über drei Jahre zu. Die FNC las daraus einen Freispruch, weil keine Unregelmässigkeiten in der Buchführung gefunden wurden. Die Kontrolllücke bleibt trotzdem bestehen.
Schraen belässt es nicht beim Lobbying. Für die Europawahl 2024 stand er selbst auf einer Liste: die «Alliance rurale», hinter der Coste und Schraen standen. Die Liste wollte erreichen, dass der Wolf nicht mehr als geschützte Art gilt. Am Kongress 2026 in Deauville forderte Schraen einen Kurswechsel in der Wolfspolitik und dass die Hobby-Jäger ihr Geld vom staatlichen Biodiversitätsamt OFB zurückbekommen. Die FNC gehört zu FACE. Was Schraen in Paris fordert, ist die französische Fassung dessen, wofür der Dachverband in Brüssel lobbyiert.
Die Folgen tragen auch Unbeteiligte. In der Saison 2024/25 zählte das OFB 11 Todesfälle, so viele wie seit 2019/20 nicht mehr, und 16 Opfer unter Personen, die gar nicht an der Jagd teilnahmen.
Italien: Hobby-Jagd per Gesetz zum Naturschutz erklärt
In Italien läuft der Umbau über das Parlament. Am 23. Juni 2026 verabschiedete der Senat den Gesetzesentwurf 1552 von Fratelli-d’Italia-Fraktionschef Lucio Malan mit 80 zu 56 Stimmen. Ursprünglich wollte Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida die Reform als Notverordnung durchbringen. Nun liegt der Text als Vorlage C.2984 in der Abgeordnetenkammer und ist noch nicht in Kraft.
Der Kern ist ein Begriffswechsel mit Gesetzeskraft. Das Gesetz von 1992 soll neu festhalten, dass die Hobby-Jagd zum Schutz der Biodiversität und der Ökosysteme beiträgt. Hobby-Jäger werden zu «Bioregulatoren». Genau jene Behauptung, die in Deutschland als Selbstlob des Verbands daherkommt, würde in Italien Gesetzestext.
Laut der Juristenorganisation Animal Law Italia enthält der Entwurf unter anderem folgende Punkte: Das Gutachten des staatlichen Umweltinstituts ISPRA wird von verbindlich zu bloss beratend herabgestuft, zugunsten eines politisch besetzten Gremiums; die Jagdsaison wird über den Februar hinaus in die Zug- und Brutzeit ausgedehnt; die Herabstufung des Wolfs wird übernommen; und die Suspendierung der Jagdlizenz wird von obligatorisch zu fakultativ. Die Zahl der Vogelarten, die als lebende Lockvögel eingesetzt werden dürfen, steigt von 7 auf 47.
Die EU-Kommission hat gewarnt. In einem Schreiben der Generaldirektion Umwelt vom 18. Dezember 2025 an das italienische Umweltministerium hielt sie fest, die Änderungen weckten mehrere Bedenken. Die Verbände der Hobby-Jäger reagieren mit bekanntem Muster: Die «Cabina di Regia», in der Federcaccia und die übrigen anerkannten Verbände zusammengeschlossen sind, bezeichnete die Kritik der Tierschutzorganisationen als «Falschheiten». Der WWF zählt derweil seit 2023 acht verschiedene Gesetzeseingriffe, die das Jagdgesetz an 23 Stellen geändert haben, oft versteckt in fachfremden Vorlagen wie dem Budgetgesetz.
Die Herabstufung des Wolfs, die der Malan-Entwurf ins italienische Recht übernimmt, ist genau jene Änderung, für die FACE in Strassburg und Brüssel lobbyiert hat. Die Bevölkerung sieht es anders. Laut einer aktuellen Umfrage wollen nur 3 Prozent der Menschen in Italien die Hobby-Jagd fördern.
Österreich: Ein Gatter, ein Landesjägermeister und 35,6 Millionen Euro
In Österreich zeigt sich der Jagdsumpf in seiner ältesten Form. Maximilian Mayr-Melnhof führt seit zehn Jahren die rund 11’800 Salzburger Hobby-Jäger und will beim Landesjägertag im April 2027 abtreten. Im Jahr 2024 präsidierte er zudem «Jagd Österreich», den Dachverband der neun Landesjagdverbände mit rund 132’000 Mitgliedern. Seither ist er zweiter Vizepräsident. Präsident ist nun der steirische Landesjägermeister Franz Mayr-Melnhof-Saurau.
Was in den freundlichen Abschiedsmeldungen fehlt, ist die Antheringer Au. Nördlich von Salzburg betrieb die Familie über Jahrzehnte ein rund 500 Hektar grosses Jagdgatter, gesetzlich legitimiert seit 1989. Angelegt wurde es unter seinem Vater Friedrich, der damals als Salzburger Landesrat für Landwirtschaft und Umwelt zuständig war. Im umzäunten Gelände lebten laut einer Recherche des Magazins «profil» rund 600 Wildschweine, die gefüttert, in hoher Dichte gehalten und bei Treibjagden mit Hunden vor die Schützen getrieben wurden. Das Magazin berichtete von bis zu 200 getöteten Wildschweinen an einem einzigen Jagdtag. Mayr-Melnhof räumte selbst ein, dass bei Schüssen auf bewegte Tiere Streifschüsse nicht völlig vermeidbar seien. Das Gatter lag in einem Natura-2000-Gebiet.
Als Tierschützer 2017 eine Gatterjagd von aussen filmten, eskalierte der Konflikt. Das Landesverwaltungsgericht Salzburg stellte fest, dass Mayr-Melnhof einem Tierschützer rechtswidrig mit Gewalt die Kamera abgenommen und ihn dabei verletzt habe. Das Land ersetzte die Kamera im Amtshaftungsverfahren. Strafrechtlich wurde er dafür nicht angeklagt, ein Verfahren wegen falscher Beweisaussage endete 2021 mit Freispruch. Umgekehrt wurden mehrere Tierschützer, die nach den Vorfällen angeklagt worden waren, freigesprochen. Eine Richterin bezeichnete die von Mayr-Melnhof aufgebotenen Zeugen als unglaubwürdig.
Das teure Ende trägt die Öffentlichkeit. 2022 kaufte das Land Salzburg die Au für rund 35,6 Millionen Euro, mehr als zwei Drittel davon kamen von Bund und EU. Der Landesrechnungshof beurteilte den Kauf als weder sparsam noch wirtschaftlich noch zweckmässig. Danach verpachtete das Land die Jagd bis Ende 2024 für 1’000 Euro im Jahr an Mayr-Melnhof zurück, obwohl ein Gutachten von 2020 einen Pachtzins von 50 Euro pro Hektar angesetzt hatte. Der Rechnungshof nannte den Betrag ausdrücklich nicht nachvollziehbar. Ab 2027 verbietet das Salzburger Jagdgesetz allseitig eingefriedete Wildgehege. Die Hobby-Jagd hinter Zäunen endet damit per Gesetz, nicht aus Einsicht des Verbands. Jagd Österreich ist wie die Verbände der Nachbarländer Mitglied von FACE.
Schweiz: kleiner, aber nach demselben Bauplan
Wer glaubt, die Schweiz sei mit ihrer direkten Demokratie immun, irrt. Auch hier sitzt die Verbandsspitze im Parlament: Fabio Regazzi ist Mitte-Ständerat, Präsident des Gewerbeverbands und Vizepräsident von JagdSchweiz. Wie seine Rollen ineinandergreifen, hat Wild beim Wild in einer Auswertung von 28 Positionspapieren des Dachverbands und in einem Porträt seiner Wolfspolitik dokumentiert. Mit Clavadetscher sitzt die Schweizer Verbandsführung zudem direkt in der Finanzverantwortung von FACE. Der Weg von Brüssel nach Bern ist hier kein Umweg, sondern eine Personalunion.
Die politische Richtung gleicht jener in Berlin und Rom. In der laufenden Vernehmlassung zum Jagdgesetz sollen Wölfe künftig auch zwischen Februar und Mai sowie in Jagdbanngebieten geschossen werden dürfen. Der Erläuterungsbericht räumt verwaiste Jungtiere selbst ein.
Auch die Datenfrage stellt sich hier. In Zürich trägt der Hobby-Jäger den Abschussgrund selbst ins Wildbuch ein. Von 21’846 zwischen 2015 und 2025 erschossenen Füchsen tragen nur 7,7 Prozent einen Krankheitsvermerk, obwohl der Kanton die Fuchsjagd mit Krankheit begründet. Im Tessin verkauft der Präsident der Hobby-Jäger-Föderation Verstösse als «fast verschwunden», während der kantonale Jagdbericht 190 Selbstanzeigen und 186 Übertretungsverfahren zählt.
Die Medienmaschine fehlt ebenfalls nicht. Der gebührenfinanzierte Sender RTR verlost ein Jagdpatent und kürt das «schönste» Erlegerbild, jagdkritische Stimmen fehlen auf dem Portal. Und auch in der Schweiz sterben Haustiere, weil ein Ziel nicht erkannt wurde: Flims, Klosters, Sedrun, drei Hunde, die Bündner Hobby-Jäger für Füchse hielten. Wer eine geschützte Wölfin erschiesst, kommt im Wallis mit 300 Franken davon.
Ein Kopf, fünf Länder, sieben Bausteine
Nebeneinandergelegt zeigen die fünf Länder dieselben Bausteine, und der erste erklärt die übrigen:
- Der Knotenpunkt. FACE bündelt die nationalen Verbände in Brüssel, stellt das Sekretariat der Intergruppe im Europaparlament und vertritt dieselben Forderungen, die in allen fünf Ländern wiederkehren.
- Personalunion von Verband und Politik. Dammann-Tamke in Niedersachsen, Schraen auf einer Europaliste, Mayr-Melnhof als Landesjägermeister mit einem Vater in der Landesregierung, Regazzi im Ständerat, Clavadetscher zwischen Zofingen und Brüssel. In Italien trägt die Regierungsmehrheit die Forderungen der Verbände direkt ins Gesetz.
- Öffentliches Geld mit wenig Kontrolle. Jagdabgabe in Bayern, Öko-Abgabe und 60 Millionen Euro in Frankreich, 35,6 Millionen Euro für die Antheringer Au und eine Pacht von 1’000 Euro in Salzburg. Rechnungshöfe und Regierungen können die Wirkung kaum beziffern, oder sie rügen sie.
- Selbsternannter Naturschutz. Hege in Deutschland, «Biodiversität» als Etikett in Frankreich, «Bioregulatoren» in Italien, «Regulation» in der Schweiz, «Conservation» im Namen von FACE. Die Tötung wird zur Schutzleistung umgedeutet.
- Der Wolf als Feindbild. Von der Herabstufung in Brüssel bis zu Wurfzeit-Abschüssen in Bern ist er überall das politische Hauptziel.
- Entmachtung unabhängiger Fachstellen. Das ISPRA-Gutachten soll unverbindlich werden, das Monitoring in Jägerhand wandern, die ECHA-Empfehlung zum Blei wurde um Jahre gestreckt.
- Abwertung der Kritik. «Sogenannte Umweltverbände» in Hessen, «Falschheiten der Tierschützer» in Italien, Strafanzeigen und Rücktrittspetitionen in Frankreich.
Der Begriff «Jagdsumpf» ist ein Werturteil, ebenso die Bezeichnung von FACE als Fabrik für Fehlinformationen. Die Tatsachen darunter sind es nicht: Lobbyregister, Rechnungshofberichte, Parlamentsprotokolle, Gerichtsentscheide, Behördenmeldungen und die eigenen Verlautbarungen der Verbände. Nirgends braucht es eine Verschwörung. Es genügt eine gut vernetzte Minderheit mit einem europäischen Knotenpunkt in Brüssel, die ihre eigene Tätigkeit zum Naturschutz erklärt, Behördenmeldungen umdeutet, die Kontrolle über die Daten beansprucht und politische Siege anschliessend als wissenschaftliche Bestätigung verkauft. Der Fisch stinkt vom Kopf her.
Die Biologie hat über diese Gesetze nicht abgestimmt. Eine erfüllte Abschussquote beweist nur, dass nichtmenschliche Tiere getötet wurden, nicht, dass ein Schaden verhindert wurde. Wer tödliche Befugnisse beansprucht, muss mehr Kontrolle aushalten als alle anderen, nicht weniger. In allen fünf Ländern geschieht gerade das Gegenteil.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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