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Kriminalität & Jagd

Flims, Klosters, Sedrun: Drei Hunde, die Bündner Hobby-Jäger für Füchse hielten

RTR hat fünf Fälle zusammengetragen, in denen Bündner Hobby-Jäger Haustiere erschossen. Die drei Hunde haben eines gemeinsam: Nacht, Fuchsjagd und ein Ziel, das der Schütze vor dem Schuss nicht sicher erkannt hat.

Redaktion Wild beim Wild — 26. September 2026
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«Die geraubte Nacht»

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Das Pferd von Avers Cröt, das ein Hobby-Jäger am 6. September 2026 für einen Hirsch hielt, hat es in alle Medien geschafft.

Weniger bekannt ist, dass es nicht der erste Fall dieser Art in Graubünden war. Ausgerechnet RTR, der Sender, der die Bündner Jagd sonst als Volksfest inszeniert, hat am 8. September 2026 fünf Fälle zusammengetragen, in denen Bündner Hobby-Jäger Haustiere erschossen haben: zwei Pferde und drei Hunde. RTR weist selbst darauf hin, dass es nur jene Fälle sind, welche die Redaktion in Mitteilungen der Kantonspolizei fand; ob es weitere gab, ist nicht bekannt. Die beiden Pferde starben am Tag, bei der Hochjagd, durch Verwechslung mit Hirsch oder Reh. Die drei Hunde starben in der Dunkelheit, im Zusammenhang mit der Jagd auf den Fuchs: 2006 in Flims, 2017 in Klosters, 2024 in Sedrun. In Klosters und Sedrun gingen die Schützen nachweislich davon aus, einen Fuchs vor sich zu haben.

Flims, November 2006: Schuss auf einen markierten Schweisshund

Ein Wildhüter ist an einem Freitagabend im Gebiet Bodmergut in Flims mit seinem Schweisshund unterwegs, um ein angefahrenes Reh nachzusuchen. Der Hund, ein vierjähriger Deutsch-Langhaar-Rüde mit internationalem Zuchtwert, trägt einen breiten, gelben, reflektierenden Kragen. Plötzlich fällt ein Schuss. Der Hund kommt nicht zurück.

Der Wildhüter und zwei Kollegen finden ihn tot, getötet durch eine Schrotladung. Vom Schützen zunächst keine Spur. Die Kantonspolizei setzt einen Diensthund ein, der kurz vor Mitternacht die Fährte bis zu einer verschlossenen Jagdhütte verfolgt. Darin finden Polizei und Wildhut laut RTR Flinte, Munition und Zielfernrohr, versteckt. Der Bündner Hobby-Jäger wird identifiziert und gesteht. RTR berichtet zudem, er habe illegal eine Falle gestellt. Der Hund hatte einen geschätzten Wert von rund 15’000 Franken; der Schütze musste sich vor Gericht verantworten und die finanziellen Folgen tragen.

Der Schuss traf ein Tier mit reflektierendem Kragen, das einem Wildhüter gehörte. Der Schütze entfernte sich danach und versteckte seine Ausrüstung. Die belegten Details sprechen für sich.

Klosters, November 2017: 80 Jahre alt, 21 Uhr, Passjagd

Ein 80-jähriger Hobby-Jäger sitzt an einem Novemberabend im Gebiet Schlappin bei Klosters auf der Passjagd, der nächtlichen Jagd auf den Fuchs. Um 21 Uhr taucht auf der Wiese, die er beobachtet, ein frei laufender Hund auf. Der Mann geht davon aus, dass es ein Fuchs ist, schiesst und trifft tödlich. Erst als er sich dem Tier nähert, bemerkt er den Irrtum.

Sedrun, Februar 2024: Vom Haus aus auf die Quartierstrasse

Nächtliche Quartierstrasse in Sedrun mit Wiesenbord, auf der im Februar 2024 ein angeleinter Hund von einem Hobby-Jäger erschossen wurde
Die Quartierstrasse in Sedrun, auf der am 10. Februar 2024 nach 23 Uhr ein angeleinter Hund erschossen wurde. Foto: Kantonspolizei Graubünden

Eine Frau geht an einem Samstagabend nach 23 Uhr auf einer Quartierstrasse in Sedrun mit ihrer zehn Monate alten Weimaraner-Hündin spazieren. Die Hündin läuft angeleint vor ihr ein Wiesenbord entlang. Ein Schuss fällt, das Tier sackt zusammen. Die Kantonspolizei findet noch in derselben Nacht einen 79-jährigen Anwohner mit Jagdpatent, der den Schuss zugibt. Er habe an den Abenden zuvor mehrmals einen Fuchs vor seinem Haus gesehen und den Hund an der Laufart für diesen Fuchs gehalten, sagte er gegenüber «Blick». Sein Anwalt bestätigte gegenüber «20 Minuten», dass der Mann «derzeit nicht so gut zu Fuss» sei und deshalb wohl vom Haus aus geschossen habe. Anwohnerinnen sagten, die Jagdaktionen des Mannes seien bei Hundehaltern im Dorf seit langem als problematisch bekannt gewesen.

Die IG Wild beim Wild hat den Fall damals dokumentiert und Strafanzeige gegen das Amt für Jagd und Fischerei eingereicht, weil es die Passjagd im Siedlungsgebiet zugelassen hatte: Graubünden: Gefährliche Folgen der sinnlosen Hobby-Jagd und Strafanzeige gegen Amt für Jagd in Graubünden.

Das Muster

Drei Hunde, drei Fälle, ein Muster. Alle drei starben in der Dunkelheit im Zusammenhang mit der Fuchsjagd, in zwei Fällen durch Schützen, die 79 und 80 Jahre alt waren, in einem Fall im Wohnquartier, abgefeuert vom eigenen Haus aus. In Klosters und Sedrun hielten die Schützen den Hund für einen Fuchs. In Flims wurde ein deutlich markierter Schweisshund erschossen. In keinem der drei Fälle wurde das Ziel vor dem Schuss sicher als jagdbares Wild erkannt. Das Ansprechen des Wildes ist die elementarste Regel jeder Jagd. Aus Sicht der IG Wild beim Wild werfen die drei Fälle die Frage auf, ob eine nächtliche Ansitzjagd auf kleine, sich bewegende Tiere diese Regel überhaupt einhaltbar macht.

Dazu kommt die Dimension dieser Jagd: Die kantonalen Jagdvorschriften erlauben die Bejagung des Fuchses in mehreren Jagdperioden, darunter die nächtliche Passjagd im Winter. Die Statistik des Amts für Jagd und Fischerei weist für das Jagdjahr 2024 insgesamt 2’131 getötete Füchse aus, über alle Jagdformen hinweg. Wildbiologisch bringt das nichts: Die Studie des Büros SWILD im Auftrag des Kantons Zug kam 2026 zum Schluss, dass die Patentjagd auf Füchse weder die Bestände nachhaltig senkt noch Wildkrankheiten eindämmt, worauf Zug die Fuchsprämie strich (Kanton Zug stoppt Förderung der Fuchsjagd). Der frühere Präsident des Bündner Patentjägerverbands, Robert Brunold, hat die Niederjagd selbst als «nicht nötig, aber berechtigt» bezeichnet.

Nicht nötig. Aber drei tote Hunde, zwei tote Pferde, und das sind nur die Fälle, die es in eine Polizeimeldung geschafft haben. Von Einzelfällen kann keine Rede sein. Das Bündner Amt für Jagd und Fischerei hat in seinen Jahresberichten neun Jahre lang die Zahl der Ordnungsbussen und Anzeigen pro Jagdjahr ausgewiesen, und sie lag jedes Jahr über tausend: 1’089 (2012), 1’122 (2013), 1’102 (2014), 1’298 (2015), 1’201 (2016), 1’384 (2017), 1’114 (2018), 1’104 (2019), 1’241 (2020). Wo das Amt die Kategorien aufschlüsselte, entfiel der grösste Teil auf Fehlabschüsse: 1’013 von 1’201 im Jahr 2016, 1’146 von 1’384 im Jahr 2017, bei jeweils rund 5’500 Teilnehmenden an der Hochjagd. Wie viele einzelne Patentinhaber dahinterstehen, lässt sich aus den Summen nicht ableiten; das Amt publiziert keine Täterstatistik. Sicher ist nur: Es sind pro Jagdjahr mehr als tausend Verstösse.

Seit 2021 wird diese Zahl nicht mehr beziffert. Die Jahresberichte 2021 und 2022 schreiben nur noch, die Anzahl der Bussen und Anzeigen habe sich «im üblichen Rahmen» bewegt. In den Jahresberichten 2023, 2024 und 2025 sowie in den Auswertungen zum Jagdbetrieb 2024 und 2025, die wir am 26. September 2026 geprüft haben, findet sich keine Angabe mehr zu Bussen, Anzeigen oder Fehlabschüssen. Der «übliche Rahmen» ist nach den eigenen Zahlen des Amts ein Rahmen von über tausend Verstössen pro Jahr. Dass er nicht mehr beziffert wird, ändert nichts daran, dass er gilt. Die Hunde von Flims, Klosters und Sedrun sind die Spitze einer Statistik, die der Kanton selbst geführt hat, bis er aufhörte, sie zu publizieren (Nachtjagd in Amden, Avers, Tessin). Wer nachts im Quartier auf einen Fuchs schiesst, könnte auch eine Katze treffen. Oder ein Kind, das mit dem Hund unterwegs ist. In Sedrun stand die Halterin wenige Meter hinter dem Tier.

Was folgen müsste

Die IG Wild beim Wild fordert seit Jahren das Ende der Fuchsjagd (Kampagne: Schluss mit der Fuchsjagd). Solange Graubünden daran festhält, fordert sie mindestens: ein Verbot der Passjagd im Siedlungsgebiet und in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern; regelmässige gesundheitliche und praktische Eignungsprüfungen für Patentinhaber, besonders im hohen Alter; eine unabhängige Untersuchung jedes Schusses auf ein Haus- oder Nutztier und den Patententzug bei groben oder wiederholten Verstössen gegen die Sorgfaltspflicht; und die Rückkehr zur öffentlichen Publikation von Anzeigen, Bussen, Fehlabschüssen und ihren Konsequenzen. Der Fall Sedrun zeigt, weshalb diese Forderungen nicht abstrakt sind: Ein 79-Jähriger, der nach Angaben seines Anwalts «nicht so gut zu Fuss» war, schoss vom Haus aus auf eine Quartierstrasse. Dass dies mit gültigem Patent möglich war, ist nicht das Versagen eines Einzelnen. Es ist eine Frage der Aufsicht.

Wie RTR die Bündner Jagd sonst darstellt, mit Beute-Hotline und Jagdpatent-Verlosung, haben wir hier dokumentiert: RTR: SRG-Sender verlost Jagdpatent und kürt das «schönste» Erlegerbild. Die Bündner Jagdsaison 2026/27 begleiten wir laufend im Beitrag Graubünden Jagd 2026/27: Vorfälle, Verstösse und Entwicklungen im Überblick.

Quellen: RTR, «Preda per negligientscha: Dus chavals e trais chauns ch’èn daventads preda», 8. September 2026, https://www.rtr.ch/novitads/grischun/chatscha/preda-per-negligientscha-dus-chavals-e-trais-chauns-ch-en-daventads-preda; Kantonspolizei Graubünden, Medienmitteilung vom 13. Februar 2024; «20 Minuten», «Blick» und Keystone-SDA vom 13. Februar 2024; Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, Jahresberichte Jagd 2013 bis 2025 und Auswertungen Jagdbetrieb 2024 und 2025 (https://www.gr.ch/DE/institutionen/verwaltung/diem/ajf/jagd/mpp/Seiten/Publikationen.aspx, abgerufen am 26. September 2026); SWILD, Fuchsjagd im Kanton Zug, Mai 2026.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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