29.09.2026, 14:37

Suchen

Psychologie & Jagd

Italienische Psychologin: Was Menschen zur Hobby-Jagd treibt

Die Psychotherapeutin Patrizia Mattioli nennt die Hobby-Jagd Feigheit und sieht dahinter ein Bedürfnis nach Macht und Kontrolle.

Redaktion Wild beim Wild — 29. September 2026
Audio zum Beitrag

«Die Lustjagd»

0:00 -0:00
Alle Lieder

In einem Meinungsbeitrag für die italienische Tageszeitung «Il Fatto Quotidiano» stellt die Psychologin und Psychotherapeutin Patrizia Mattioli eine Frage, die in der Debatte um Abschusszahlen, Schutzgebiete und Jagdzeiten regelmässig untergeht: Warum erlaubt und organisiert ein moderner Staat überhaupt, dass nichtmenschliche Tiere zum Zeitvertreib getötet werden?

Kein Sport, sondern Feigheit

Mattioli bezeichnet die Hobby-Jagd als Überbleibsel aus einer Zeit, in der das Töten der Ernährung diente. Heute sei sie überflüssig, teuer und belaste die Umwelt. Den sportlichen Anspruch lässt sie nicht gelten: Wer mit hochpräzisen Waffen auf Wildtiere schiesst oder sie mit lebenden Lockvögeln täuscht, beweise keine besondere Fähigkeit. Ihr Fazit fällt deutlich aus: «Auf Wesen zu schiessen, die ums Überleben fliehen, ist Feigheit, kein Sport.»

Macht als verborgenes Motiv

Wenn weder Hunger noch Notwendigkeit bleiben, müsse das eigentliche Motiv woanders liegen, argumentiert die Psychotherapeutin. Sie sieht es in einem inneren Bedürfnis nach Macht: im kurzen Moment des Schusses die Natur zu beherrschen und über Leben und Tod eines anderen Lebewesens zu verfügen. Ob den Hobby-Jägern das bewusst sei, spiele dabei keine Rolle.

Die Hobby-Jagd biete dafür den idealen Rahmen, weil sie das Töten umdeute: nicht als Gewalt gegen die Natur, sondern als angebliche Verbundenheit mit ihr. Naturerleben, hält Mattioli dagegen, brauche kein Leid eines anderen Lebewesens.

Was die Forschung zu Hobby-Jägern zeigt

Mattioli verweist auf Untersuchungen, die Hobby-Jäger und Nichtjäger psychologisch vergleichen. Demnach schätzten sich Hobby-Jäger deutlich aggressiver ein, bevorzugten in Konflikten dominante Strategien und zeigten weniger Empathie gegenüber nichtmenschlichen Tieren. Diese Empathie nehme mit wachsender Jagderfahrung weiter ab: Je häufiger jemand jage, desto stärker stumpfe er ab. Die Bereitschaft, ohne Not zu töten, gehe laut Mattioli mit Persönlichkeitsmustern einher, die in anderen Lebensbereichen als Risikofaktoren gelten würden.

Die Forschung zur Psychologie der Hobby-Jagd ist bislang schmal und stützt sich vor allem auf Selbstauskünfte. Was an Befunden vorliegt, fasst Wild beim Wild in der Studienübersicht «Jagd im Faktencheck» zusammen, ergänzt durch den Beitrag «Jagdfieber» und kantonale Analysen wie die Psychologie der Hobby-Jagd im Tessin. Weitere Beiträge finden sich in der Rubrik Psychologie & Jagd.

Beutegreifer als unliebsame Konkurrenz

Besonders deutlich zeige sich das Kontrollbedürfnis im Umgang mit Beutegreifern, schreibt Mattioli. Die Erzählungen von «Wildtiermanagement» und «Herdenschutz» dienten dazu, Wolf, Bär und Luchs zu beseitigen. Dahinter stehe weniger die Angst um Nutztiere als die Tatsache, dass diese Arten Wildbestände selbst regulieren. Damit entziehen sie der Hobby-Jagd eines ihrer wichtigsten Rechtfertigungsargumente und werden als Konkurrenz wahrgenommen.

Die Bevölkerung will keine Ausweitung

Mattioli stützt ihre Forderung nach mehr Schutz auf eine aktuelle Erhebung von Ipsos Doxa für die Fondazione Capellino, über die Wild beim Wild bereits berichtet hat. Befragt wurden zwischen dem 28. Juli und dem 4. August 2026 insgesamt 7’002 volljährige Personen in Italien. Nur 3 Prozent wollen die Hobby-Jagd fördern. 27 Prozent möchten sie abschaffen, 13 Prozent so stark reduzieren, dass sie verschwindet, und 35 Prozent auf wenige Notfälle begrenzen. 17 Prozent wollen das geltende Gesetz beibehalten, 6 Prozent haben keine Meinung.

Das Ergebnis steht in scharfem Kontrast zur geplanten Jagdreform der Regierung Meloni, gegen die zuletzt in Mailand demonstriert wurde. Hintergründe dazu liefert der Beitrag «Italiens Sparatutto-Gesetz».

Einordnung: Das Motiv hinter der Fassade

Mattiolis Beitrag benennt, was die Jagdverbände hinter Begriffen wie Tradition, Hege und Regulierung verstecken. Wie offen dieses Motiv manchmal ausgesprochen wird, zeigte Frankreichs Jagdfunktionär Willy Schraen mit seinem Satz «Ich töte gerne Tiere». Wenn die Ernährung als Begründung wegfällt, bleibt das Vergnügen am Töten, und das lässt sich weder ökologisch noch ethisch rechtfertigen.

Für die Schweiz ist die Debatte ebenso aktuell. Auch hierzulande werden Beutegreifer mit dem Argument des Herdenschutzes zum Abschuss freigegeben, während die Hobby-Jagd ihre Rolle als angeblich unverzichtbare Regulatorin verteidigt. Mattiolis Frage gilt deshalb auch nördlich der Alpen: Weshalb tolerieren wir eine Freizeitbeschäftigung, deren Kern das Töten ist?

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Psychologie der Hobby-Jagd ordnen wir Forschung, Motive und gesellschaftliche Folgen ein. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden →