Italien: Nur 3 Prozent erwarten mehr Hobby-Jagd, auch die Wähler der Regierung nicht
Eine Ipsos-Doxa-Umfrage mit 7002 Befragten zeigt: Drei von vier Italienerinnen und Italienern wollen die Hobby-Jagd abschaffen, auslaufen lassen oder auf Notfälle beschränken. Das Parlament in Rom arbeitet am Gegenteil.
Während die italienische Abgeordnetenkammer über eine Lockerung des Jagdgesetzes berät, liegt eine der grössten Erhebungen vor, die in Europa je zur Hobby-Jagd gemacht wurden.
Ipsos Doxa hat im Auftrag der Fondazione Capellino zwischen dem 28. Juli und dem 4. August 2026 insgesamt 7002 volljährige Personen befragt, online und nach Quoten für Geschlecht, Alter, Region, Bildung, Erwerbsstatus und Gemeindegrösse gewichtet. Das Ergebnis lässt wenig Spielraum für Interpretation. Die vollständige Auswertung steht hier zur Verfügung: Ipsos Doxa für Fondazione Capellino: «Caccia e biodiversità: il pensiero dei cittadini italiani» (PDF, italienisch).
Die Zahlen
27 Prozent wünschen, die Hobby-Jagd vollständig abzuschaffen. 13 Prozent wollen sie so stark reduzieren, dass sie verschwindet. 35 Prozent wollen sie nur noch in wenigen Notfällen zulassen. Zusammen sind das 75 Prozent. 17 Prozent möchten die heutige Regelung beibehalten, 6 Prozent haben keine Meinung. Für eine Förderung der Hobby-Jagd sprechen sich 3 Prozent aus.
In einigen italienischen Medien war zu lesen, 91 Prozent verlangten die Abschaffung. Das stimmt so nicht: Die Zahl ergibt sich nur, wenn man jene mitzählt, die den Status quo behalten wollen. Richtig ist: 91 Prozent wollen keine Ausweitung. Und genau eine Ausweitung steht im Parlament zur Debatte.
Auch die eigene Basis will es nicht
Politisch am heikelsten ist die Aufschlüsselung nach Parteien. Unter den Wählerinnen und Wählern von Fratelli d’Italia wollen 68 Prozent die Hobby-Jagd abschaffen, auslaufen lassen oder auf Notfälle begrenzen. Bei der Lega sind es 66 Prozent, bei Forza Italia und Noi Moderati 63 Prozent, bei Futuro Nazionale 62 Prozent. Eine Förderung wünschen sich in keiner dieser Wählerschaften mehr als 6 Prozent. Bemerkenswert: Ausgerechnet bei der Lega, der traditionellen Stimme der Hobby-Jagdlobby, ist der Anteil jener, die ein vollständiges Verbot wollen, mit 27 Prozent am höchsten im ganzen Regierungslager.
Bei der Opposition liegen die Werte noch höher: 83 Prozent beim Partito Democratico, 84 Prozent beim Movimento 5 Stelle, 87 Prozent bei Alleanza Verdi e Sinistra. Die Ablehnung der Hobby-Jagd ist in Italien keine linke Position. Sie ist Konsens.
Unsicher, umweltschädlich, wirtschaftlich bedeutungslos
82 Prozent halten die Hobby-Jagd für nicht ganz oder überhaupt nicht sicher, und zwar ausdrücklich auch für Menschen, die während der Saison im Wald oder auf Wanderwegen unterwegs sind. Knapp die Hälfte, 49 Prozent, wählt die schärfste Formulierung. Selbst bei Fratelli d’Italia sehen 77 Prozent ein Sicherheitsproblem, bei der Lega 83 Prozent. Warum diese Sorge begründet ist, zeigt unser Beitrag Italien: Krieg gegen die Bevölkerung mit Jagdgewehren.
61 Prozent halten die Umweltbelastung durch die Hobby-Jagd für sehr hoch, wegen der Schadstoffe, die im Gelände zurückbleiben, und wegen der Schäden an der Wildtierfauna. Nur 23 Prozent glauben der Erzählung, Hobby-Jäger gehörten zu den sorgsamsten Naturnutzern.
Gefragt, was den ländlichen Raum in den nächsten zwanzig Jahren voranbringt, nennen 53 Prozent den sanften Naturtourismus und 50 Prozent neue Berufe einer naturverträglichen Wirtschaft. Es folgen Biolandbau mit 35 und Waldbewirtschaftung mit 31 Prozent. Die Hobby-Jagd landet mit 3 Prozent auf dem letzten Platz, weit hinter künstlicher Intelligenz. Dazu passt: Eine reiche Wildtierfauna ist für 34 Prozent eine moralische Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen, für 33 Prozent eine wirtschaftliche Ressource für den sanften Tourismus, und 19 Prozent finden, lebendige Natur bringe mehr ein als tote. Als Ressource für die Hobby-Jagd sehen sie 3 Prozent.
Ein Gesetz für 3 Prozent
Für 74 Prozent ist der Schutz von Umwelt und Biodiversität ein essenzielles Thema, der Mittelwert liegt bei 8,3 von 10. Die Hälfte der Befragten findet, die Regierung Meloni tue dafür zu wenig. Selbst im eigenen Lager sagen das 27 Prozent.
Dieselbe Regierung treibt eine Reform des Rahmengesetzes 157 von 1992 voran, das den Schutz der Wildtierfauna regelt. Die Vorlage, von Kritikern «sparatutto» genannt, also «schiesst auf alles», ist vom Senat bereits verabschiedet und liegt in der Landwirtschaftskommission der Abgeordnetenkammer. Die Tierschutzorganisation ENPA wirft ihr vor, den Schutz der Fauna durch deren blosse «Bewirtschaftung» zu ersetzen. Die Fondazione Capellino hatte schon im Herbst 2025 gegen die Vorlage mobilisiert, wie wir in Capellino-Stiftung: Vernunft statt Bleiromantik berichtet haben.
Kommentar: Die Minderheit mit dem Gewehr regiert mit
Drei Prozent. So gross ist die gesellschaftliche Basis für das, was in Rom gerade Gesetz werden soll. Dass eine derart kleine Gruppe die Gesetzgebung eines ganzen Landes prägt, ist kein italienisches Phänomen, sondern das Geschäftsmodell der Hobby-Jagdlobby überall: gut organisiert, in Parlamenten und Verwaltungen überproportional vertreten, und nie verlegen, die eigene Freizeitbeschäftigung als Dienst an der Allgemeinheit auszugeben. Die Umfrage zeigt, dass die Allgemeinheit diesen Dienst nicht bestellt hat.
Die Schweiz kennt das Muster. Rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger, gut drei Promille der Bevölkerung, prägen Jagdgesetze, Abschusspläne und den Umgang mit Wolf, Luchs und Fuchs. Dass es anders geht, beweist seit 1974 der Kanton Genf: Dort hat die Bevölkerung die Hobby-Jagd an der Urne abgeschafft, und das Wildtiermanagement funktioniert. Was die Hobby-Jagd die Allgemeinheit tatsächlich kostet, haben wir im Dossier Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet zusammengetragen.
Eine Erhebung in dieser Grösse und Tiefe wäre auch für die Schweiz fällig. Wer sicher ist, im Namen der Bevölkerung zu handeln, hat von 7002 Antworten nichts zu befürchten. Wie die Hobby-Jagd direkt vor der Haustür Italiens aussieht, dokumentiert unser Tessin-Ticker 2026/27. Die gängigen Rechtfertigungen prüft das Dossier Jagdmythen: 12 Behauptungen geprüft.
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