Italien: Krieg gegen die Bevölkerung mit Jagdgewehren
Schon wenige Tage nach Beginn der italienischen Jagdsaison 2024/2025 liegt der erste «Bollettino della guerra», das «Kriegsbulletin», der Associazione Vittime della Caccia (AVC) auf dem Tisch. Ein Dokument, das klingt wie ein Lagebericht aus einem Konfliktgebiet, nicht wie eine Statistik zu einem staatlich erlaubten Freizeitvergnügen. Es listet Tote und Verletzte, Tag für Tag, Region für Region.
Was die Zahlen zeigen: Die Hobby-Jagd ist in Italien nicht nur ein Massaker an Wildtieren, sie ist auch ein unterschätztes Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung.
AVC ist eine Bürgerorganisation von Betroffenen und Angehörigen, die seit Jahren systematisch Medienberichte und lokale Polizeimeldungen zu Jagdunfällen sammelt, weil der Staat selbst keine vollständige offizielle Statistik führt. Die Organisation stellt ihre Dossiers seit 2007 öffentlich zur Verfügung und erlaubt explizit die Weiterverwendung der Daten, sofern die Quelle genannt wird.
Das erste Bulletin der Saison 2024/2025 dokumentiert bereits in den ersten zwei Wochen der sogenannten «Preaperture» mehrere Tote und Verletzte:
- Zwei Hobby-Jäger, die bei der Ausübung ihres Hobbys ums Leben kamen
- Weitere Hobby-Jäger, die schwer verletzt wurden
- Zwei Frauen, die vom eigenen Vater beziehungsweise Ehemann mit der Jagdwaffe getötet wurden, im privaten Umfeld, aber mit derselben Waffe, die am Wochenende «Sportgerät» sein soll
Dieses Muster zieht sich durch alle Jahrgänge der AVC-Dossiers: Es sind nicht nur die Schützen selbst, die sterben oder verstümmelt werden, sondern auch Menschen, die mit der Hobby-Jagd gar nichts zu tun haben, ausser dass sie zufällig in der Nähe sind oder mit jemandem zusammenleben, der Zugang zu einem Jagdgewehr hat.
68 Opfer in einer Saison, über 800 in einem Jahrzehnt
Die Saison 2023/2024 gibt einen Eindruck von der Dimension. Laut AVC wurden in diesem einen Jagdjahr 68 Menschen durch Jagdwaffen getroffen: 12 starben, 56 wurden verletzt.
Aufgeschlüsselt zeigt sich die Tragweite für die Allgemeinheit:
- 28 Opfer waren keine Hobby-Jäger, darunter 6 Tote und 22 Verletzte, 7 davon Kinder und Jugendliche
- 40 Opfer waren Hobby-Jäger, darunter ebenfalls 6 Tote und 34 Verletzte
Die Hobby-Jagd tötet also nicht nur die, die freiwillig teilnehmen, sondern sie trifft regelmässig Spaziergängerinnen, Bauern, Mountainbiker, Anwohnerinnen und Kinder auf dem Schulweg.
In einem Bericht über die Arbeit des Beobachtungszentrums «Vittime della Caccia» werden die Langzeitdaten zusammengefasst: In den letzten zehn Jahren wurden in Italien 630 Menschen verletzt und 204 getötet, in direktem Zusammenhang mit Jagdaktivitäten oder Jagdwaffen.
Hinzu kommen Saison-Zahlen, die den Charakter eines permanenten Ausnahmezustands haben: Allein zwischen dem 1. September 2024 und dem 5. Januar 2025 registrierte AVC 53 Menschen, die durch Jagdwaffen getötet oder verletzt wurden, davon 13 Minderjährige.
Das sind keine «tragischen Einzelfälle». Das ist ein strukturelles Problem.
Spaziergang im Wald als Sicherheitsrisiko
Tierschutzorganisationen wie OIPA sprechen inzwischen offen von einem «Problem der öffentlichen Sicherheit» und fordern Regierung und Parlament zum Handeln auf. In einer gemeinsamen Auswertung mit AVC verweist OIPA auf denselben Befund: Jahr für Jahr trifft es auch Menschen, die «nur im falschen Moment am falschen Ort sind», etwa beim Spaziergang im Wald oder auf dem Feldweg vor dem eigenen Haus.
Die Fallbeispiele in den Berichten lesen sich wie ein Horrorprotokoll der Normalität:
- Ein älterer Mann, der im Garten steht, wird von einem Querschläger getroffen
- Eine Familie, die mit dem Auto unterwegs ist, wird in der Nähe eines Treibens beschossen
- Kinder, die spielend im Freien sind, geraten in die Schusslinie
Viele dieser Fälle schaffen es nur in die Lokalrubriken, nicht in die nationale Wahrnehmung. Genau deshalb sprechen die Aktivistinnen von «Bollettini della guerra»: Sie versuchen, das diffuse, unsichtbare Gewaltgeschehen sichtbar zu machen.
Die unsichtbaren Toten im System
Besonders brisant: Italien führt bis heute keine umfassende, offizielle Statistik über Jagdunfälle mit Menschenopfern. Umweltjuristen weisen seit Jahren darauf hin, dass es keine staatlich geführten, zentralen Zahlen gibt, obwohl regelmässig Menschen getötet oder schwer verletzt werden.
Was bekannt ist, stammt fast ausschliesslich aus der Zivilgesellschaft, aus mühsam zusammengestellten Übersichten wie jenen von AVC. Die Organisation analysiert Presseberichte, Polizeimeldungen und lokale Medien. Was niemand meldet, erscheint auch nicht in der Statistik.
Man muss daher davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl der Vorfälle höher liegt. Schon vor einigen Jahren berichtete eine grosse italienische Tageszeitung, dass es allein zwischen 2011 und 2021 über 200 Tote und fast 700 Verletzte durch Jagdunfälle gab.
Wie die Jagdlobby die Gefahr kleinrechnet
Während AVC und Tierschutzorganisationen vor einer anhaltenden «menschlichen Tragödie» warnen, erzählt die Jagdlobby eine andere Geschichte.
Verbände wie die «Cabina di regia del mondo venatorio» und jagdnahe Magazine veröffentlichen eigene Auswertungen und sprechen gerne von rückläufigen Zahlen und «immer mehr Sicherheit». In einem gemeinsamen Bericht zur Saison 2024/2025 verweisen sie darauf, dass die Zahl der Verletzten 2024 bei 34 liege und damit deutlich unter dem Vorjahr. Zugleich geben sie aber zu, dass es im Zeitraum vom 1. September 2024 bis zum 30. Januar 2025 insgesamt 62 Jagdunfälle mit 14 Toten gab.
Pro Jagdseite werden diese Zahlen oft relativiert, indem sie etwa mit der Zahl der Jagdscheine oder der «geleisteten Jagdtage» verrechnet werden, um den Eindruck zu erwecken, die Hobby-Jagd sei praktisch so sicher wie der Sonntagsausflug.
Was dabei konsequent ausgeblendet wird:
- Es geht nicht um ein freiwillig eingegangenes Risiko wie beim Klettern oder Alpinismus, sondern um Menschen, die unfreiwillig betroffen sind
- Es gibt keinerlei Schutzräume in der Landschaft, die jagdfrei wären
- Das Risiko wird von der Allgemeinheit getragen, nicht von der Jagdszene allein
Die Botschaft der Jagdlobby lautet: Alles unter Kontrolle. Die Realität der «Kriegsbulletins» sagt etwas anderes.
Jagdwaffen im Haus: Vom «Hobby» zur häuslichen Gewalt
Die Bilanz der AVC umfasst nicht nur klassische Jagdunfälle im Feld, sondern auch Tötungsdelikte im häuslichen Umfeld, bei denen Jagdwaffen eingesetzt werden. Schon im ersten Bulletin der Saison 2024/2025 tauchen zwei Frauen auf, die von einem Familienangehörigen mit der Jagdflinte erschossen wurden.
Auch hier ist das Muster klar: Jede zusätzliche Schusswaffe in einem Haushalt erhöht das Risiko tödlicher Gewalt. Studien aus anderen Ländern zeigen seit Jahren, dass legal verfügbare Waffen bei Amokläufen, Suiziden und häuslicher Gewalt eine zentrale Rolle spielen. Die italienische Situation bestätigt dies im Kleinen.
Wer die Hobby-Jagd legitimiert, legitimiert in der Praxis nicht nur das Töten von Tieren, sondern schafft einen erleichterten Zugang zu tödlichen Waffen, die im Familienkonflikt oder in einer psychischen Krise jederzeit zur «Lösung» werden können.
Europas blinder Fleck: Jagd als Sicherheitsproblem
Das italienische Beispiel ist kein exotischer Sonderfall. In der Schweiz sterben im Durchschnitt rund vier Hobby-Jäger pro Jahr bei der Ausübung ihres Hobbys, schwere Unfälle mit Drittpersonen treten auch hier regelmässig auf.
Was in Italien jedoch besonders auffällt:
- Die Dichte der Jägerschaft in einigen Regionen
- Die lange Jagdsaison mit Vor- und Nachöffnungen
- Die Nähe zwischen Siedlungsräumen, Landwirtschaftsflächen und Jagdrevieren
Dazu kommt eine enge Verflechtung zwischen Jagdverbänden und Politik, die Kritiker seit Jahren dokumentieren.
Das Ergebnis ist ein Sicherheitsregime, in dem das Recht einer Minderheit auf Freizeitballistik höher gewichtet wird als das Recht der Mehrheit, sich ohne Angst vor Gewehrkugeln im Freien zu bewegen.
Was das für die Politik bedeutet
Wenn eine zivilgesellschaftliche Organisation ihre Unfallstatistiken «Bollettini della guerra» nennt, dann ist das keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beschreibung der Bilanz. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
- Dutzende Tote und Verletzte in jeder Saison
- Hunderte Opfer in einem Jahrzehnt
- Kinder, Frauen, Unbeteiligte unter den Getroffenen
- Keine vollständige staatliche Statistik, keine ernsthafte politische Debatte über eine drastische Einschränkung der Hobby-Jagd
Solange die Politik diese Realität ignoriert, trägt sie Mitverantwortung an jeder weiteren Kugel, die einen Spaziergänger trifft, an jedem Kind, das von einer Schrotladung erwischt wird, an jeder Frau, die mit einer «Sportwaffe» im eigenen Wohnzimmer erschossen wird.
Die Jagd ist kein «Hobby», sie ist ein Risiko für alle
Das erste Kriegsbulletin der Saison 2024/2025 der Associazione Vittime della Caccia ist mehr als ein Pressetext, es ist ein Notruf. Er macht unmissverständlich klar: Die Hobby-Jagd ist in Italien kein harmloser Traditionssport, sondern ein dauerhaftes Sicherheitsproblem, das die gesamte Gesellschaft betrifft.
Wer weiterhin behauptet, die Jagd betreffe «nur» die Tiere, blendet aus, dass jedes Jahr Menschen sterben, weil irgendwo jemand das Bedürfnis verspürt, in der Freizeit auf lebende Ziele zu schiessen.
Solange Regierungen in Rom, Bern oder Brüssel diese Gewalt als unvermeidliche Begleiterscheinung eines «naturnahen Hobbys» abtun, werden die Kriegsbulletins der Opferverbände dicker werden.
Die einzig verantwortliche Antwort wäre, genau das zu tun, wozu OIPA, AVC und viele andere seit Jahren aufrufen: die Hobby-Jagd als Sicherheitsrisiko erkennen, Jagdwaffen massiv zurückdrängen und die Natur tatsächlich schützen, statt sie zur Schiessbahn zu erklären.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →