28. Mai 2026, 06:41

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Kriminalität & Jagd

Neuer Präsident der Bündner Hobby-Jäger: Benjamin Hefti will Kritik filtern und Vogeljagd retten

Der SVP-Grossrat aus Zizers folgt auf Tarzisius Caviezel und positioniert sich als Gatekeeper darüber, welche kritischen Stimmen aus der Bevölkerung er noch zulässt.

Redaktion Wild beim Wild — 28. Mai 2026

Am Pfingstsamstag haben die Delegierten des Bündner Kantonalen Patentjägerverbands in Disentis Benjamin Hefti zum neuen Präsidenten gewählt.

Der 42-jährige Landwirt aus Zizers, seit acht Jahren für die SVP Fünf Dörfer im Bündner Grossen Rat aktiv, übernimmt das Amt von Tarzisius Caviezel. Was wie ein gewöhnlicher Generationenwechsel klingt, ist in Wirklichkeit ein politisches Signal: Die Bündner Hobby-Jagd rüstet sich gegen Mitsprache aus der jagdfernen Bevölkerung.

Ein Netzwerk aus Landwirtschaft, Politik und Hobby-Jagd

Hefti vereint Ämter, die im Bündnerland seit jeher eng verflochten sind. Landwirt mit Hof in Zizers, gepachteter Alp Languard im Engadin und einem 40 Hektar grossen Maiensäss oberhalb Says. Daneben Bürgerratspräsident, Mitglied der Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates und Präsident der Viehversicherungsgenossenschaft Bündner Rheintal. Seit bald zwanzig Jahren geht er zudem auf die Hochjagd. Diese Bündelung von Landbesitz, kantonaler Politik und Hobby-Jagd-Lobby ist im Kanton kein Einzelfall, sondern Strukturmerkmal.

Stunden an der Seilwinde: Geborgen wird kein Fleisch, sondern Aas

Sein Maiensäss nutzt Hefti während der Hochjagd als Ausgangspunkt für das Erlegen von Hirschen, Rehen und gelegentlich Gämsen. Wegen des steilen Geländes muss er die getöteten Tiere häufig mit einer Seilwinde bergen, was nach eigener Schilderung Stunden in Anspruch nehmen kann. Was im Porträt der «Südostschweiz» wie ein folkloristisches Detail klingt, ist in Wahrheit ein zentrales Hygiene- und Tierschutzproblem der Hobby-Jagd.

In keinem Schweizer Schlachtbetrieb wäre eine solche Verzögerung zwischen Tötung und Verarbeitung zulässig. Dort gelten klare Regeln: Betäubung, Entbluten innerhalb weniger Sekunden, rasche Ausweidung, Kühlung des Schlachtkörpers binnen kurzer Zeit auf wenige Grad. Diese Kette schützt vor explosionsartigem Bakterienwachstum im warmen Tierkörper, vor der Kontamination des Muskelfleisches mit Magen- und Darminhalt und vor gesundheitlichen Risiken für die Konsumentinnen und Konsumenten.

Auf der Hochjagd fällt diese Kette praktisch komplett aus. Ein Tier, das nach dem Schuss noch flüchtet, irgendwo im steilen Gelände zusammenbricht, dort liegen bleibt und anschliessend stundenlang an der Seilwinde ins Tal gezogen wird, ist im lebensmittelrechtlichen Sinn längst kein frischer Schlachtkörper mehr. Das Fleisch bleibt warm, der Mageninhalt verteilt sich, Bakterien arbeiten ungehemmt. Was im regulierten Schlachthof als Aas entsorgt würde, landet aus der Hobby-Jagd als sogenanntes Wildbret auf dem Teller oder im Verkauf. An die kommerzielle Fleischproduktion legt der Gesetzgeber höchste Hygienestandards an, an die Hobby-Jagd so gut wie keine.

Kaliberfreigabe als Türöffner für eine breitere Gesetzesrevision

Im Zentrum von Heftis politischer Agenda steht die sogenannte Kaliberfreigabe. Bislang schreibt das Bündner Jagdgesetz auf der Hochjagd ein Mindestkaliber vor. Diese Vorgabe soll nach Vorstellung eines Teils der Hobby-Jägerschaft fallen. Wer sich auf eine solche Revision einlässt, öffnet allerdings die ganze gesetzliche Klammer. Hefti weiss das und nennt im Porträt die Vogeljagd als jenen Bereich, in dem er gegen Korrekturen kämpfen will. Die besonders umstrittene Praxis soll also gerade dann verteidigt werden, wenn das Gesetz ohnehin zur Diskussion steht.

Wer entscheidet, was zulässige Kritik ist?

Hefti gibt sich nach aussen dialogbereit. Tatsächlich aber definiert er von vornherein, welche Kritik er gelten lassen will. Konstruktive Mitsprache sei wichtig, sagt er, müsse aber auf einem bestimmten Niveau bleiben, das es erlaube, sich danach noch in die Augen zu schauen. Die Botschaft ist klar: Wer dieser selbst gesetzten Schwelle nicht entspricht, hat im Diskurs nichts verloren. Dieser Gatekeeping-Reflex zeigt sich auch in einer der wenigen offenen Spitzen, die Hefti zulässt. Bei strittigen Punkten will er sich für die Hobby-Jägerschaft starkmachen, «damit wir nicht von Andersdenkenden übersteuert werden». Wer als Stimme aus der jagdfernen Bevölkerung Mitsprache einfordert, ist in dieser Lesart kein legitimes Gegenüber, sondern eine zu bremsende Bedrohung.

Die Strategie der Geräuschlosigkeit, vom Präsidenten selbst eingeräumt

Bisher war das Schlagwort vom geräuschlosen Durchregieren eine Lesart von aussen. Im Porträt bestätigt Hefti es nun ungeschminkt selbst: Vieles lasse sich im Hintergrund regeln, ohne grosses Aufheben. Übersetzt heisst das: Möglichst leise sollen Anliegen der Hobby-Jägerschaft durchgesetzt werden, bevor die breitere Öffentlichkeit aufmerksam wird. Mit rund 6200 Mitgliedern verfügt der Verband über einen beachtlichen politischen Hebel. An seiner Spitze steht jetzt ein SVP-Grossrat, der diesen Hebel zu bedienen weiss. Der Vorstand wird zugleich generational aufgefrischt: Mit dem Förster Simon Zeltner (Jahrgang 1998) als Schützenmeister und dem Juristen Chaspar Vital (Jahrgang 1989) als Finanzchef stellt sich die Lobby auf längere Sicht auf.

Frauen im Vorstand: Diversität als PR-Instrument

Auffällig prominent platziert: das Porträt den Hinweis, dass mit Martina Just (Wildbiologie) und Sarah Luisa Cadotsch (Öffentlichkeitsarbeit) zwei Frauen im siebenköpfigen Zentralvorstand mitarbeiten. Hefti spricht von einer Bereicherung, die «Südostschweiz» macht daraus gleich im Anriss eine zentrale Botschaft. Hinzuschauen lohnt sich: Ausgerechnet die Öffentlichkeitsarbeit, also die Aufgabe, das Image der Hobby-Jagd in einer zunehmend kritischen Bevölkerung zu polieren, liegt in weiblicher Hand. Diversität wird hier weniger als gleichberechtigte Teilhabe inszeniert denn als kommunikatives Instrument einer Lobby, die spürt, dass sie ihre Akzeptanz im Kanton aktiv verteidigen muss.

Trophäenmentalität in moderner Verpackung

Im Porträt liefert Hefti selbst ein bemerkenswertes Bild seiner Praxis. Wer die Trophäe schon vor dem Schuss an der Wand hängen sehe, habe verloren. Gemeint ist eine Demutshaltung gegenüber dem Wild. Tatsächlich offenbart der Satz aber, dass die Trophäe als Endprodukt selbstverständlich mitgedacht wird, nur eben mit dem nötigen Anstand. Die Inszenierung als bescheidener, naturverbundener Schaffer überlagert eine Praxis, die Wildtiere zu Beute und Schmuckstück erklärt.

Was auf dem Spiel steht

Eine Lockerung der Kaliberregel, das Festhalten an der Vogeljagd und ein Präsidium, das öffentliche Kritik nach selbst gesetzten Massstäben filtern will, sind keine Detailfragen. Sie betreffen direkt, wie Graubünden mit seinen Wildtieren umgeht und wie weit die Hobby-Jagd ihre Spielregeln gegen den Willen einer wachsenden Mehrheit fortschreiben darf. Heftis Wahl ist insofern weniger eine Personalfrage als ein politisches Signal: Die Bündner Hobby-Jagd rüstet sich gegen wachsende Kritik aus der Bevölkerung und gegen die Forderung nach mehr Tierrechten.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden