Jäger liess Toten ein Jahrzehnt im Wald liegen, um die Wildtiere nicht zu stören
In der Steiermark lag ein toter Radfahrer rund ein Jahrzehnt nahe einer Wildfütterung. Der Jäger kannte den Fund und meldete ihn nicht. Selbst die Jagdpresse verurteilt ihn scharf.
Dreharbeiten zur Sendung "Fahndung Österreich" (ServusTV) © ServusTV
In einem Waldstück im Bretsteingraben im steirischen Bezirk Murtal lag rund ein Jahrzehnt lang die Leiche eines Mannes, nur wenige Meter von einer Wildfütterung entfernt.
Der zuständige Eigenjagdbesitzer hatte den Toten samt Fahrrad nach Angaben des Landeskriminalamts Steiermark bereits 2014 oder 2015 entdeckt. Gemeldet hat er den Fund nicht. Seine Begründung gegenüber den Ermittlern: Er habe die Wildtiere in seinem Revier nicht stören wollen.
Erst im Mai 2025, als der Grossgrundbesitz übergeben werden sollte, erstattete der Hobby-Jäger Anzeige, also etwa elf Jahre nach dem Fund. Seither ermittelt das LKA Steiermark in einem Fall, den die Behörden selbst als ungewöhnlich bezeichnen.
Ein Revier, wichtiger als ein Menschenleben
Die Faktenlage, die die Polizei über die Austria Presse Agentur verbreitet hat, ist eindeutig. Es geht nicht um ein Übersehen, sondern um ein bewusstes Schweigen über Jahre. Der Hobby-Jäger hatte das Fahrrad der Marke Cube sogar schon vor der Leiche entdeckt, mitgenommen und witterungsgeschützt an seinem Hof untergestellt. Den Toten liess er liegen.
Das Motiv ist der eigentliche Skandal. Wer ein Revier bewirtschaftet, kennt dort jede Fährte und jede Veränderung. Dass ausgerechnet die ungestörte Hobby-Jagd schwerer wog als die Meldung eines Leichenfunds, sagt etwas über eine Prioritätensetzung aus, die weit über diesen Einzelfall hinausweist. Zehn Jahre lang blieb einem Verunglückten ein würdiges Begräbnis verwehrt. Zehn Jahre lang konnten mögliche Angehörige keinen Abschied nehmen und keine Gewissheit erlangen.
Auch die Jagdpresse distanziert sich
Bemerkenswert ist, wie deutlich die Kritik aus den eigenen Reihen ausfällt. Der Chefredakteur des deutschen JÄGER-Magazins, Christian Schätze, kommentierte den Fall mit ungewöhnlicher Schärfe und kam zum Schluss, der Mann sei alles, nur kein Jäger. Laut dem Magazin soll der Eigenjagdbesitzer sogar dann geschwiegen haben, als seine Tochter nach der Erlegung eines Hirsches über die Schuhe des Verstorbenen stolperte. Diese Angabe stammt aus dem Kommentar der Jagdpresse und ist bislang nicht von den Ermittlern bestätigt.
Genau hier liegt der Punkt, den die IG Wild beim Wild seit Jahren benennt. Es geht um ein System, in dem das Revier, die Strecke und die ungestörte Bejagung einen Stellenwert einnehmen können, der jedes Mass verliert. Wenn ein Hirsch wichtiger wird als ein toter Mensch im eigenen Wald, ist das die Eskalationsstufe eines Denkens, dessen mildere Formen im Revieralltag verbreitet sind.
Die offenen Fragen
Die Identität des Toten ist bis heute ungeklärt. Es handelt sich um einen Mann zwischen 40 und 60 Jahren. DNA-Analysen, forensische Gutachten und internationale Abgleiche mit Vermisstendatenbanken blieben erfolglos. Der Schädel des Mannes fehlt. Ein Fremdverschulden kann die Polizei nicht ausschliessen, konkrete Hinweise darauf gibt es bislang aber nicht. Durch das jahrelange Schweigen dürften wichtige Spuren unwiederbringlich verloren sein.
Die heisseste Spur führt nach Deutschland: Das an der Leiche gefundene Radtrikot wurde im Raum Bremen von der mittlerweile aufgelösten National Cycling Academy an Teilnehmer von Spinning-Kursen ausgegeben. Das LKA Steiermark hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung, insbesondere von Menschen, die seit Jahren einen Angehörigen vermissen.
Für die IG Wild beim Wild ist dieser Fall ein extremes, aber kein isoliertes Beispiel. Er wirft die Frage auf, welches Verantwortungsbewusstsein eine Tätigkeit voraussetzt, die mit Waffen, Wildtieren und grosser Autonomie im Revier verbunden ist. Wer mehr über die strukturellen Hintergründe erfahren möchte, findet vertiefende Analysen in unserem Dossier zur Psychologie der Hobby-Jagd sowie zur Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz.
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