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Kriminalität & Jagd

Die grosse Jagd-Lüge: Wie Hobby-Jäger Europas Unfallzahlen frisieren und ihre Toten verschweigen

Ein europäischer Vergleich soll die Hobby-Jagd harmlos aussehen lassen, doch was nicht passt, wird nicht gezählt. Und wenn ein Hobby-Jäger seine Frau erschiesst, verschweigen die Medien, wer der Täter war.

Redaktion Wild beim Wild — 17. Juli 2026

Einmal mehr verfälschen Hobby-Jäger Zahlen, Fakten und erzählen die Unwahrheit.

Das französische Portal «Le Chasseur Français» hat am 17. Juli 2026 die Jagdunfall-Bilanzen von Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Finnland nebeneinandergestellt. Die Botschaft klingt beruhigend. Frankreich stehe mit rund 9,5 Unfällen pro 100’000 Hobby-Jägern gut da, Deutschland habe 2025 sogar «keinen einzigen Toten» verzeichnet. Doch schon der eigene Schlusssatz des Beitrags verrät den Schwindel. Ein echtes europäisches Sicherheitsranking sei unmöglich, weil jedes Land etwas anderes zähle.

Das ist der Kern der Sache. Die vermeintlich «erstaunlichen Unterschiede» zwischen den Ländern belegen keine unterschiedliche Sicherheit, sondern unterschiedliche Zählregeln. Und diese Regeln haben fast überall dieselbe Richtung. Sie sind so gebaut, dass die Hobby-Jagd sicherer erscheint, als sie ist. Jedes Opfer der Hobby-Jagd ist eines zu viel. Und die einzige ehrliche Konsequenz aus diesen Zahlen heisst nicht «bessere Statistik», sondern Abschaffung der Hobby-Jagd.

Deutschland: «Null Tote» ist eine dreiste Zahlenmanipulation

Die frechste Behauptung betrifft Deutschland. 460 Unfälle, aber angeblich kein einziger Todesfall im Jahr 2025.

Die Zahl stammt aus der Pressemitteilung der SVLFG, der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau. Sie räumt selbst ein, dass sich diese Unfälle meist auf unbefestigten Wegen sowie an und auf Hochsitzen und bei deren Instandhaltung ereignen. Bei Unfällen mit Jagdwaffen meldet sie sogar einen Rückgang. Die 460 «Jagdunfälle» sind also zu einem grossen Teil gar keine Schussunfälle, sondern Stürze und Arbeitsvorfälle. Und erfasst wird ausschliesslich das versicherte Kollektiv der Erwerbstätigen.

Was diese Statistik verschwinden lässt, zeigt die medial belegte Chronik der Jagdunfälle und Straftaten mit Jägerwaffen für dasselbe Jahr. Im November 2025 erschiesst ein Hobby-Jäger vier Familienmitglieder und sich selbst. Im Dezember tötet ein Hobby-Jäger seinen Nachbarn mit einem gezielten Kopfschuss. Bei einer Treibjagd wird ein Mann tödlich getroffen. Dazu kommen mehrere erweiterte Suizide, bei denen Ehefrauen und Kinder mit der legalen Jagdwaffe erschossen werden.

Warum stehen diese Toten in keiner «Jagdunfall»-Statistik? Weil Tötungsdelikte und erweiterte Suizide strafrechtlich in eine andere Schublade wandern und weil die Opfer keine versicherten Erwerbstätigen bei der Jagdausübung sind. «Kein Toter 2025» ist keine Sicherheitsbilanz. Es ist eine Lüge mit Methode.

Italien: Dieselbe Saison, zwei Zählungen, 50 Prozent mehr Tote

Für Italien nennt der französische Beitrag 45 Unfälle und 8 Tote in der Saison 2025/2026. Diese Zahl liefert die Universität Urbino, deren Auswertung die Jagdverbände dankbar verbreiten. Der Haken: Urbino filtert bewusst und rechnet Unwohlsein, Stürze, vorsätzliche Taten und Wilderei heraus. Übrig bleiben 45 Vorfälle, 8 Tote im Saisonzeitraum vom 1. September 2025 bis Ende Januar 2026.

Dem steht eine unabhängige Erhebung gegenüber. Die «Associazione Vittime della caccia» (AVC), ein Observatorium für Jagdopfer, dokumentiert für praktisch denselben Zeitraum 46 betroffene Personen. Davon 33 Hobby-Jäger als Opfer mit 10 Toten und 23 Verletzten, dazu 13 Unbeteiligte mit 2 Toten und 11 Verletzten. Macht 12 Tote gegenüber den 8 der geschönten Verbandszahl.

Derselbe Zeitraum, dasselbe Land, ein Unterschied von 50 Prozent bei den Toten. Der ganze Unterschied liegt im Filter. Wer die unbequemen Fälle herausrechnet, bekommt die niedrigere Zahl, die dann als angeblicher Sicherheitsbeweis durch die Presse gereicht wird.

Frankreich: Die «Erfolgsgeschichte» blendet die Opfer aus

Frankreich gibt den Musterschüler. Die Biodiversitätsbehörde OFB registrierte für die Saison 2025/2026 92 Unfälle bei rund 963’000 Hobby-Jägern, vier davon tödlich, und rühmt sich eines Rückgangs um 49 Prozent in zwanzig Jahren.

Auch diese Bilanz hat eine hässliche Kehrseite. Die Tierschutzorganisation ASPAS hält dagegen, dass in einer früheren Saison mehr als jeder vierte Unfall eine unbeteiligte Person traf. Radfahrer, Wanderinnen, Pilzsammler, Spaziergänger. Die naheliegende Forderung nach einem jagdfreien Sonntag bleibt bis heute unerfüllt, weil die Hobby-Jagd-Lobby sie blockiert. Eine niedrige Zahl toter Hobby-Jäger sagt nichts darüber aus, wie gefährlich der Wald für alle anderen ist.

Spanien: Dass Zahlen fehlen, ist kein Zufall, sondern Absicht

Für Spanien nennt der Vergleich «mindestens 9 Tote und 27 Verletzte» und keinen nationalen Vergleichswert. Das trifft zu, verschweigt aber das Entscheidende. Spanien führt überhaupt keine offizielle nationale Statistik über Jagdunfälle.

Sämtliche kursierenden Zahlen für 2025, ob 9 Tote und 27 Verletzte oder 8 Tote und 29 Verletzte, stammen ausschliesslich aus Presseauswertungen von Tierschutzorganisationen. Diese benennen den wahren Grund: Das Fehlen offizieller Daten sei kein technisches Versäumnis, sondern eine politische Entscheidung. Ohne öffentliche Zahlen gibt es keine Risikobewertung und keinen Handlungsdruck. Genauso will es die Branche.

Wie manipulierbar die spärlichen Angaben sind, zeigte sich 2020. Auf eine parlamentarische Anfrage nannte die Regierung 605 Opfer, davon 51 tödlich. Diese Zahl bezog sich auf zehn Jahre, wurde medial aber als Jahresbilanz gehandelt. Über den Dreijahreszeitraum 2022 bis 2024 starben in Spanien 32 Menschen bei der Jagd, fast einer pro Monat. Auch hier sind viele Opfer Unbeteiligte, deren Fälle in allgemeinen Statistiken untergehen.

Finnland: Niedrige Zahlen, aber auch hier zwei Messlatten

Finnland weist die tiefsten Werte auf. Bei rund 300’000 Hobby-Jägern, von denen etwa 196’000 tatsächlich jagen, zählt die Wildtierbehörde Riistakeskus jährlich nur 10 bis 20 Jagdunfälle. Tödliche Fälle sind selten. 2025 gab es mindestens einen. In Juva starb ein Hobby-Jäger, als sich die Waffe eines Mitglieds derselben Jagdgruppe versehentlich löste.

Doch auch hier zeigt eine zweite Zählweise ein anderes Bild. Das finnische Institut für Gesundheit und Wohlfahrt (THL) erfasst Vorfälle mit grossen Schusswaffen wie Gewehren und Flinten und registriert davon 15 bis 30 pro Jahr, seit 2010 insgesamt 246. Nicht alle sind Jagdunfälle, aber die Lücke beweist erneut: Selbst im vermeintlich sichersten Land hängt das Ergebnis davon ab, wer misst.

Der wahre Skandal: Wenn der Täter ein Hobby-Jäger ist, schweigen die Medien

Bis hierhin geht es um frisierte Zahlen. Doch der grössere Skandal liegt tiefer. Er liegt darin, dass die Öffentlichkeit oft gar nicht erfährt, dass ein Hobby-Jäger die Tat begangen hat.

Am 9. Juli 2026 wird in Faido im Tessin eine 56-jährige Frau auf dem Gelände einer Rehaklinik mit einer Kopfschussverletzung gefunden. Sie stirbt kurz darauf im Spital. Der Täter ist ihr 59-jähriger Ex-Mann. Einen Tag später sprengt er im Bleniotal ein Haus in die Luft, verschanzt sich darin, und kommt dabei ums Leben. Bei der Explosion werden drei Polizisten verletzt, einer gerät unter die Trümmer. Es ist der 17. Femizid in der Schweiz allein in diesem Jahr, der dritte im Tessin.

Der Täter war Hobby-Jäger. Das ist keine Vermutung. Das öffentlich-rechtliche Radiotelevisione svizzera (RSI) bestätigte auf Anfrage von Wild beim Wild ausdrücklich: «Fatto accertato e confermato è che era un cacciatore.» Gesicherte und bestätigte Tatsache also, dass der Mann ein Hobby-Jäger war und legal mehrere Waffen besass. Weil niemand den tödlichen Schuss gehört hat, gehen die Ermittler davon aus, dass die Waffe mit einem Schalldämpfer versehen war. Und Schalldämpfer sind in der Schweiz grundsätzlich verboten. Die entscheidende Ausnahme gilt ausgerechnet für Inhaber eines Jagdpatentes, denen der Kanton eine Ausnahmebewilligung erteilen kann.

Nun die entscheidende Frage: Wer erfuhr aus den grossen Schweizer Medien, dass der Täter ein Hobby-Jäger war? Praktisch niemand. Die Berichterstattung sprach vom «Ex-Mann», vom «Unternehmer aus Leontica», vom «59-Jährigen». Der Umstand, der diesen Mann mit legalen Waffen und dem privilegierten Zugang zu Schalldämpfern ausstattete, seine Eigenschaft als Hobby-Jäger, fehlte in der Mainstream-Berichterstattung fast durchgängig, obwohl dies die Polizei an der Pressekonferenz mehrmals erwähnte.

Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Bei Familientragödien, erweiterten Suiziden und Gewalttaten mit der Jagdwaffe wird regelmässig verschwiegen, dass der Täter ein Hobby-Jäger war. Der Mann heisst dann «Familienvater», «Rentner», «Nachbar», «Ehemann». Nie «Jäger». So entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung nie das Bild, das die Fakten zeichnen: dass die Hobby-Jagd Männern in persönlichen Krisen legalen Zugang zu tödlichen Waffen verschafft, und dass genau diese Waffen dann gegen Ehefrauen, Kinder, Nachbarn und Polizisten gerichtet werden.

Wer definiert, gewinnt. Wer verschweigt, schützt die Täter

Fünf Länder, fünf Zählweisen, ein System. Die offiziellen Zahlen liegen überall unter der Realität, und der Mechanismus ist immer derselbe. Wer definiert, was als «Jagdunfall» gilt, bestimmt das Ergebnis. Diese Definitionsmacht liegt fast überall bei jagdnahen oder versicherungstechnischen Stellen, deren enge Kategorien die unbequemen Fälle aussortieren.

Erweiterte Suizide mit der Jagdwaffe? Strafsache, kein Unfall. Erschossene Ehefrauen und Nachbarn? Familientragödie, kein Jagdthema. Stürze und Unwohlsein? In Italien herausgefiltert. Nationale Statistik? In Spanien gar nicht vorhanden. Und wenn doch einmal ein Fall Schlagzeilen macht, wie in Faido, dann verschwindet wenigstens das Wort «Hobby-Jäger» aus der Berichterstattung.

Der französische Beitrag folgert, ein europäisches Sicherheitsranking sei unmöglich. Das stimmt, doch die Konsequenz ist eine andere als die harmlose Achselzucken-Variante. Solange jene Institutionen die Zählregeln bestimmen, die ein Interesse an niedrigen Zahlen haben, und solange die Medien die Täterrolle der Hobby-Jäger verschweigen, verdienen die schönen Zahlen kein Vertrauen.

Erst die unabhängigen Dokumentationen zeigen das wahre Ausmass. Die deutsche Chronik der Jagdunfälle, das italienische AVC-Dossier, die spanischen Presseauswertungen, die Recherchen von Wild beim Wild zu Faido. Jedes einzelne dieser Opfer ist eines zu viel. Die «erstaunlichen Unterschiede» in Europa sind in Wahrheit erstaunlich wirksame Methoden, die Opfer der Hobby-Jagd unsichtbar zu machen. Die einzige Antwort, die diesem Befund gerecht wird, ist die Abschaffung der Hobby-Jagd.

Weiterführend auf wildbeimwild.com: Femizid in Faido, Explosion in Leontica: kein Einzelfall, sondern Muster bei Hobby-Jägern | Jagdopfer in Europa: Tote, Verletzte und ein Kontinent ohne Statistik | Schweiz: Statistik tödlicher Jagdunfälle | Jagdunfälle und Straftaten von Hobby-Jägern

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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