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Polen: 204’000 Unterschriften gegen die Hobby-Jagd, Parlament muss über Reform beraten

Eine Bürgerinitiative zwingt den Sejm zur Beratung eines Gesetzes, das Vergnügungsjagd, Jagdtourismus und die Intransparenz des Jagdverbands beenden will.

Redaktion Wild beim Wild — 16. September 2026

In Polen hat eine Bürgerinitiative geschafft, was in der Schweiz noch keiner Bewegung gelungen ist: Sie hat das nationale Parlament gezwungen, sich mit einer grundlegenden Reform der Hobby-Jagd zu befassen.

Die Initiative «UWAGA! Polowanie. Zmieńmy prawo łowieckie. Na dobre» («Vorsicht: Jagd! Ändern wir das Jagdgesetz. Für immer.») hat nach Angaben des Initiativkomitees exakt 204’238 Unterschriften gesammelt. Nötig gewesen wären 100’000. Am 3. September 2026 übergab das Komitee Gesetzesentwurf und Unterschriften vor dem Sejm an Sejm-Marschall Włodzimierz Czarzasty, der persönlich zur Pressekonferenz erschien und der Initiative im Namen der Parlamentarier «Weisheit in dieser Sache» zusicherte. Damit ist der parlamentarische Prozess eröffnet: Die Vorlage geht zunächst an die Sejm-Kommission für Umwelt, Naturressourcen und Forstwirtschaft.

Keine Online-Petition, sondern Papier

Das Ergebnis wiegt umso schwerer, als das polnische Recht für Volksgesetzgebungsinitiativen physische Unterschriften verlangt. Bürgerinnen und Bürger mussten Formulare ausdrucken, Unterschriften sammeln und die Originale per Post an den Initiativausschuss schicken. Genau das geschah, laut den Organisatoren des Zentrums für Umweltaktivitäten «Źródła», aus dem ganzen Land: aus Grossstädten, Kleinstädten und Dörfern, in Umschlägen mit Dutzenden oder Hunderten von Unterschriften, gesammelt von Einzelpersonen, Nachbarschaften und lokalen Gruppen.

Und das unter erheblichem Gegendruck. Die Online-Kampagne wurde von einer anhaltenden Welle feindseliger Kommentare aus Hobby-Jäger-Kreisen begleitet, während der Polnische Jagdverband PZŁ eine eigene öffentliche Kampagne gegen die Reform führte. Die Formulare kamen trotzdem.

Wie hart der Weg durch das Parlament wird, zeigt ein Detail: Die zuständige Umweltkommission wird von Urszula Pasławska (PSL) präsidiert, einer aktiven Hobby-Jägerin und Ehrenmitglied des Polnischen Jagdverbands, die sich öffentlich gegen die Kernpunkte der Vorlage ausgesprochen hat. Eine Petition von Akcja Demokracja fordert deshalb, dass sie die Leitung der Beratungen abgibt.

Was die Bevölkerung wirklich denkt

Die Initiative bewegt sich nicht am Rand der Gesellschaft, sondern in ihrer Mitte. Das Initiativkomitee verweist auf eine repräsentative Umfrage von More in Common Poland vom Mai 2026 unter 1’500 Erwachsenen, die ein differenziertes Bild zeichnet: Zwar halten demnach 55 Prozent Hobby-Jäger für nützlich beim Schutz von Kulturen und dem ökologischen Gleichgewicht. Gleichzeitig sprechen sich 78 Prozent für ein Verbot der Jagd zum Vergnügen aus, 76 Prozent für einen Mindestabstand von 500 Metern zwischen Jagdgebieten und Wohnhäusern und 89 Prozent für obligatorische, regelmässige medizinische Untersuchungen für Hobby-Jäger.

Mit anderen Worten: Selbst wer Wildtiermanagement grundsätzlich akzeptiert, will deutlich strengere Regeln für die Freizeitjagd, für die öffentliche Sicherheit und für die Rechenschaftspflicht der Beteiligten. Ein Befund, der sich mit den Erfahrungen im Kanton Genf deckt, wo die Bevölkerung 2005 mit 90 Prozent an ihrem Verbot der Hobby-Jagd festhielt.

Was der Gesetzesentwurf verlangt

Die Initiative fordert kein sofortiges generelles Jagdverbot, sondern eine Systemreform auf drei Ebenen. Der vollständige Gesetzestext samt Begründung ist auf der Kampagnenseite öffentlich einsehbar; die folgenden Punkte stützen sich darauf und auf die Mitteilung des Initiativkomitees.

Tierschutz und Ende des Jagdtourismus. Unternehmen, die kostenpflichtige Jagdzugänge organisieren, verkaufen, vermitteln oder bewerben, sollen schrittweise abgeschafft werden. Bestehende Anbieter erhalten eine Übergangsfrist, neue dürfen nach Inkrafttreten nicht mehr entstehen. Die Einstufung von Arten als jagdbar soll auf wissenschaftlichen Kriterien und Monitoring beruhen und regelmässig überprüft werden. Kirrung, Anfütterung zur Konzentration von nichtmenschlichen Tieren, Treibjagd, Nachtjagd, Jagd vom Fahrzeug aus und Jagd in der Fortpflanzungszeit sollen eingeschränkt werden. Bestandsreduktionen müssen künftig eine reale Bedrohung, das Fehlen nicht-tödlicher Alternativen und die Verhältnismässigkeit der Tötung belegen.

Öffentliche Sicherheit. Der Schussabstand zu Wohngebäuden soll von heute 150 auf 700 Meter erhöht werden, inklusive öffentlicher Versammlungsorte. Grundeigentümer können der Hobby-Jagd näher an ihren Gebäuden ausdrücklich zustimmen; die Regel gibt Anwohnenden also Mitsprache statt eines starren Verbots. Gemeinschaftsjagden müssen präziser angekündigt werden, mit genauer Beschreibung des Jagdgebiets statt der blossen Nennung eines ganzen Reviers. Grundeigentümer erhalten ein klareres Einspruchsverfahren gegen geplante Jagden auf ihrem Land.

Öffentliches Jagdregister und finanzielle Transparenz. Die wohl wichtigste Strukturreform ist ein zentrales, öffentlich zugängliches Register: Termine von Gemeinschafts- und Einzeljagden, Reviergrenzen, Jahres- und Mehrjahresabschusspläne, geplante und tatsächlich erlegte nichtmenschliche Tiere, angeschossene und nicht geborgene nichtmenschliche Tiere, Standorte der Jagdinfrastruktur sowie die Finanz- und Tätigkeitsberichte des Jagdverbands und der Jagdvereine. Dazu kommen klarere Alkoholregeln mit Kontrollbefugnissen für die staatliche Jagdaufsicht und die Wiedereinführung obligatorischer medizinischer und psychologischer Untersuchungen für Inhaber von Jagdwaffenlizenzen.

Der Punkt Transparenz ist im polnischen Kontext besonders brisant: Der PZŁ hat eine gesetzliche Sonderstellung, weil nur seine Mitglieder jagen dürfen. Er erfüllt damit quasi-staatliche Funktionen, unterliegt aber bisher keiner öffentlichen Kontrolle.

Warum das die Schweiz angeht

Die polnischen Fragen sind europäische Fragen. Soll das Töten von Wildtieren als touristisches Produkt verkauft werden? Wie viel muss die Öffentlichkeit darüber wissen, wann und wo in gemeinsam genutzten Landschaften geschossen wird? Welche Mitsprache haben Grundeigentümer und Anwohnende? Und welche Transparenzpflichten gelten für Organisationen, denen der Staat das Wildtiermanagement überträgt?

In der Schweiz sind genau diese Punkte ungelöst. Abschusspläne, Fehlschüsse und angeschossene nichtmenschliche Tiere werden von den Kantonen lückenhaft oder gar nicht veröffentlicht, Hochjagden finden ohne präzise Vorankündigung statt, und die Jagdverbände agieren als private Vereine mit öffentlichem Auftrag, aber ohne öffentliche Rechenschaft. Das Argumentarium für professionelle Wildhüter und die Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten formulieren dieselben Forderungen für die Schweizer Kantone. Wer wissen will, wie ein Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd funktioniert, findet die Antworten im Dossier Jagdverbot Schweiz.

Polen zeigt, dass eine Bewegung, die als Randthema abgetan wird, innerhalb von Monaten über 200’000 Menschen mobilisieren kann. Der parlamentarische Prozess hat begonnen. Wild beim Wild wird ihn weiterverfolgen.

Quellen: Mitteilung des Zentrums für Umweltaktivitäten «Źródła» (Krzysztof Wychowałek); Gesetzesentwurf auf uwagapolowanie.pl; OKO.press und Akcja Demokracja zur Unterschriftenzahl und Übergabe; SmogLab zur Pressekonferenz; englische Materialien unter zakazpolowania.pl. Fotos: Daniel Ciura.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier umfassende Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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