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Jagd

Jagdzeit im Aargau: Was das Merkblatt der Hobby-Jäger verschweigt

Zum Start der Bewegungsjagden sagt ein Merkblatt der Bevölkerung, wie sie den Hobby-Jägern Platz macht. Über Tierleid, unnötige Abschüsse und die eigenen Bauten steht darin nichts.

Redaktion Wild beim Wild — 1. Oktober 2026
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«Wenn die Hunde kommen»

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Von Oktober bis Dezember finden im Aargau grosse Bewegungsjagden statt.

Die Aargauer Zeitung erklärt ihrer Leserschaft deshalb, was im Wald jetzt gilt, gestützt auf ein Merkblatt von Jagd Aargau, dem Verband der Aargauer Hobby-Jäger. Die Botschaft: Warntafeln «Achtung Jagd» ernst nehmen, Hunde anleinen, mit dem Pferd ausweichen, mit dem Bike auf befestigten Wegen bleiben, auffällige Kleidung tragen. Und wer den Jagdbetrieb vorsätzlich behindert, riskiert laut Merkblatt eine Busse bis zu 20’000 Franken.

Gelesen wird das als Sicherheitsinformation. Tatsächlich ist es eine Verhaltensanleitung, mit der eine kleine Freizeitgruppe die grosse Mehrheit der Waldbesuchenden auf ihre Bedürfnisse einstellt. Was das Merkblatt nicht erwähnt, ist mindestens so aufschlussreich wie das, was drinsteht.

Bewegungsjagd heisst Treibjagd

«Bewegungsjagd» klingt nach Organisation und Fachlichkeit. Gemeint ist, dass Wildtiere mit Treibern und Hunden aus ihren Einständen gescheucht und auf der Flucht beschossen werden. Rehe, Wildschweine und Füchse werden in Panik auf die Schützenlinie zugetrieben, Familienverbände auseinandergerissen.

Wer auf ein flüchtendes Tier schiesst, trifft schlechter. Tötet der Schuss nicht sofort, flüchtet das Tier mit Treffern in Läufen, Kiefer oder Bauchraum weiter. Wie oft das geschieht, wollen viele Kantone gar nicht so genau wissen: Bei einer Umfrage des Schweizer Tierschutzes STS bei den kantonalen Jagdverwaltungen blieben neun Kantone die Antwort schuldig. Wo Zahlen vorliegen, werden bei Nachsuchen je nach Kanton nur 35 bis 65 Prozent der verletzten Tiere gefunden (STS-Report «Streifschüsse und Nachsuchen auf der Schweizer Jagd»). Rund die Hälfte der angeschossenen nichtmenschlichen Tiere wird also nie von ihrem Leid erlöst. Mehr dazu im Beitrag zu Fehlschüssen auf der Hobby-Jagd. Einen konkreten Fall aus einem Aargauer Wald dokumentiert die TierCrime-Folge Kein Ausweg vor der Treibjagd.

Notwendig ist das nicht. Treibjagden in dieser Form sind ein Merkmal der Revierkantone. Graubünden etwa verbietet im Jagdgesetz laute Treibjagden und die Hobby-Jagd in Gruppen von mehr als vier Personen, und Genf kommt seit 1974 ganz ohne Hobby-Jagd aus. Dass der Aargau an Treibjagden festhält, ist eine jagdpolitische Entscheidung, keine ökologische (mehr dazu im Vergleich Patentjagd und Revierjagd).

Niederwild ohne Rechtfertigung

Geschossen werden im Herbst nicht nur Rehe und Wildschweine, sondern auch Füchse, Dachse, Marder, Rabenkrähen und neuerdings gezielt Waschbären. Für eine flächendeckende Bejagung von Fuchs, Dachs und Marder gibt es keine wildbiologische Begründung. Füchse regulieren ihre Bestände über ihre Sozialstruktur selbst; wo sie bejagt werden, steigt die Fortpflanzungsrate, und die Lücken füllen sich rasch wieder. Das Tierschutzgesetz verbietet, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Angst zuzufügen. Dass ausgerechnet ein Freizeitvergnügen diese Rechtfertigung liefern soll, ist alles andere als selbstverständlich. Hintergründe dazu bieten die Beiträge zu Niederjagd und Wildkrankheiten und die Kampagne Schluss mit der Fuchsjagd.

Auch das Argument der Schadensabwehr trägt nur bedingt. Im Aargau wird mehr geschossen, die Wildschweinschäden bleiben trotzdem hoch. Wer führende Bachen schiesst, kann die Sozialstruktur der Rotten zerstören und damit Vermehrung und Schäden eher anheizen als bremsen.

Die Psychologie dahinter

Die Revierjagd macht aus dem Wald ein gefühltes Eigentum. Reviere werden gepachtet, verwaltet und verteidigt, obwohl Wildtiere niemandem gehören. Daraus entsteht ein klares Wir-und-die-anderen: Wer jagt, gehört dazu, wer Fragen stellt, stört. Die Psychologie der Hobby-Jagd im Aargau beschreibt dieses Muster ausführlich.

Das Merkblatt passt nahtlos hinein. Spaziergänger, Reiterinnen und Biker sollen ausweichen, sich anpassen, sich sichtbar machen. Für Störung des Jagdbetriebs drohen fünfstellige Bussen. Die Frage, was Hobby-Jäger der Allgemeinheit schulden, stellt der Text nicht. Wie selbstverständlich dieses Selbstbild gepflegt wird, zeigte sich auch an der Brevetierung auf Schloss Habsburg, wo der Geschäftsführer von Jagd Aargau den Jungjägern mitgab, sie sollten sich nicht einreden lassen, die Bevölkerung stehe nicht hinter der Hobby-Jagd.

Regeln gelten nicht für alle gleich

Wie ungleich die Massstäbe sind, zeigt ein Fall aus dem unteren Aaretal. Dort hat die IG Wild beim Wild vier Jagdkanzeln dokumentiert: geschlossene Holzkabinen mit Tür, Dach und Fensteröffnungen auf hohen Stahlrahmen, ausserhalb der Bauzone. Der Kanton erklärte sie für bewilligungsfrei. Sein eigenes Kreisschreiben vom 15. Dezember 2015 unterstellt geschlossene Kanzeln aber ausdrücklich der Baubewilligungspflicht. Und auch Jagd Aargau führt die geschlossene Kanzel in einer Präsentation von 2023 selbst als «baubewilligungspflichtig». Der Verband, der der Bevölkerung jetzt die Regeln erklärt, hat die Bewilligungspflicht für geschlossene Kanzeln also selbst dokumentiert. Die ganze Recherche: Jagdkanzeln im Aaretal.

Kontrolliert wird nur, wenn jemand hinschaut. Zuständig ist im Aargau die Gemeinde, und die erfährt von unbewilligten Bauten meist nur durch Hinweise von aussen.

Was Sie melden können

Wer in diesen Wochen im Wald und am Waldrand unterwegs ist, kann mithelfen. Wir sammeln Hinweise auf alles, was bei der Hobby-Jagd nicht stimmt, zum Beispiel:

  1. Hobby-Jäger, die alkoholisiert jagen oder mit geladener Waffe auf Wegen und Strassen unterwegs sind
  2. Tierquälerei: angeschossene oder verletzt zurückgelassene nichtmenschliche Tiere, abgebrochene Nachsuchen, Hunde, die Wildtiere hetzen oder reissen
  3. Schüsse in der Nähe von Wegen, Häusern, Weiden oder Menschen
  4. Treibjagden ohne Warntafeln oder Absperrungen
  5. Liegengelassene Kadaver oder Aufbruch an Wegrändern und in Gewässern sowie verdächtige Fallen
  6. Geschlossene oder grosse Jagdkanzeln, einbetonierte Hochsitze und Hochsitze in offener Landschaft

Hilfreich sind Fotos oder Videos, der Ort (Gemeinde, möglichst mit Koordinaten oder Kartenausschnitt), Datum und Uhrzeit sowie eine kurze Beschreibung. Hinweise bitte über unser Kontaktformular; wir behandeln sie vertraulich.

Bei akuter Gefahr, etwa wenn ein betrunkener Hobby-Jäger mit Waffe unterwegs ist oder Schüsse in Richtung von Menschen fallen, alarmieren Sie zuerst die Kantonspolizei unter 117. Danach können Sie uns den Vorfall melden.

So bleiben Sie auf der sicheren Seite

Fotografieren und filmen Sie nur von öffentlichen Wegen aus und halten Sie Abstand zu bewaffneten Personen. Stellen Sie Hobby-Jäger nicht zur Rede. Wo Warntafeln stehen, kommen Sie an einem anderen Tag wieder. Betreten Sie jagdliche Anlagen nicht, steigen Sie nicht hinauf und verändern Sie nichts. Wer ruhig dokumentiert, bietet niemandem einen Vorwand, von Behinderung des Jagdbetriebs zu sprechen.

Weitere Fälle aus dem Kanton finden sich unter Aargau, die rechtlichen Grundlagen im Beitrag zur Rechtslage bei Hochsitzen in der Schweiz.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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