Aargau brevetiert 39 neue Hobby-Jäger und die Politik applaudiert
Behördenchor und Bauernverband feiern den Nachwuchs, während wissenschaftliche Einwände zur Hobby-Jagd ungehört bleiben.
Auf Schloss Habsburg ist am 25. Juni 2026 wieder Brevetierung gefeiert worden.
4 Jungjägerinnen und 35 Jungjäger nahmen ihren Jagdfähigkeitsausweis und den traditionellen Eichenbruch entgegen, überreicht von Landammann Stephan Attiger (FDP) und Urs Wunderlin, dem Präsidenten der Jagdprüfkommission. Begleitet wurde der Anlass von einem rhetorischen Dauerlob, das selten so dicht ausfiel wie diesmal.
«Lasst Euch nicht einreden, dass die Bevölkerung nicht hinter der Jagd stehen würde»
Den Auftakt machte Daniel Johnson, Geschäftsführer von Jagd Aargau. Er erinnerte daran, dass die Wälder vor der Gründung des Aargauischen Jagdschutzvereins (1883 in Baden) beinahe ohne Wild gewesen seien und Gesetze von Bund und Kanton, in Zusammenarbeit mit der Jägerschaft, das Wiederaufkommen der Wildbestände ermöglicht hätten. Den Jungjägerinnen und Jungjägern gab er mit auf den Weg: «Lasst Euch nicht einreden, dass die Bevölkerung nicht hinter der Jagd stehen würde.»
Einen speziellen Dank richtete Johnson an den Ende Jahr aus der Politik abtretenden Attiger, der zum letzten Mal in seiner Eigenschaft als «oberster Jagdherr des Kantons» die Ausweise überreichte. Als Abschiedsgeschenk gab es ein Schild, das zeigt, wo es zur Jagd geht.
Attiger: «Hohe Hürden müssen sein» und der Waschbär
Regierungsrat Attiger stellte fest, die Zahl von 60 Kandidierenden zeige, dass die Jagd «nach wie vor populär» sei. Die Hürden für das Bestehen der Prüfung seien hoch, «aber sie sollen auch hoch sein». Als neue Herausforderung nannte er ausdrücklich den Waschbären und dessen Regulierung.
Wie hoch die Hürden tatsächlich sind, lässt sich an den Zahlen ablesen: Die Schiessprüfung bestanden 31 der 39 Teilnehmenden. Bei der theoretischen Prüfung, bei der in kurzen Abständen sechs Fächer in je 20 Minuten abgefragt werden, fielen von 60 Kandidierenden 18 durch.
«Es braucht Euch» – Bauernverband im Gleichklang
Urs Wunderlin mahnte zur Bescheidenheit: «Der Wald gehört nicht uns Jägern. Aber wir dürfen im Wald dem Jagdhandwerk nachgehen.» Den emotionalen Schlusspunkt setzte Colette Basler, Grossrätin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Aargau. Sie dankte für den «riesigen Einsatz der Jagd, um das Ökosystem im Gleichgewicht zu halten», und versicherte den Frischbrevetierten: «Aber es braucht Euch. Wir wissen Eure Arbeit zu schätzen.»
«Das Ökosystem im Gleichgewicht halten» – der Satz von Colette Basler klingt gut und sagt nichts. Welches Gleichgewicht? Gemessen woran? Mit welchen Zielwerten, welcher Referenz, welcher Studie? Nichts davon wird genannt, weder von der Grossrätin noch von der Jagdprüfkommission noch vom Regierungsrat. «Gleichgewicht» ist hier keine ökologische Grösse, sondern eine leere Worthülse, die ein Hobby zur unwissenschaftlichen Dienstleistung umetikettiert. Wo ein Begriff alles rechtfertigen soll, ohne je definiert zu werden, ist er kein Argument, sondern ein Ritual.
Bezeichnend ist schon der Schauplatz. Auf Schloss Habsburg war die Jagd über Jahrhunderte ein Vorrecht des Adels, ein Standessymbol, dem gemeinen Volk bei Strafe verboten. Heute steht dasselbe Privileg jedem offen, der eine Prüfung besteht, die Kulisse aber bleibt dieselbe. Gefeiert wird nicht eine Naturschutzaufgabe, sondern die Übernahme eines alten Herrschaftsgestus. Der Eichenbruch, das Schild zur Jagd, der «oberste Jagdherr»: Das ist die Sprache der Standesehre, nicht der Ökologie.
Was Hobby-Jäger tatsächlich tun, lässt sich nüchtern beschreiben. Sie stören Flora und Fauna massenhaft und regelmässig, treiben mit Bewegungsjagden ganze Biotope auf und lassen den Wildtieren mit der Nachtjagd nicht einmal die Dunkelheit zur Ruhe. Sie regulieren auch keine Bestände nachhaltig, im Gegenteil: Bei Arten wie dem Wildschwein fördert der Jagddruck die Vermehrung, weil bejagte Bestände früher und zahlreicher Nachwuchs setzen. Die Hobby-Jagd schafft so genau die «Probleme», deren Lösung sie sich danach gutschreiben lässt.
Verschwiegen wird an solchen Feiern auch, was die Hobby-Jagd physisch in der Landschaft hinterlässt. Jeder Schuss verteilt Munitionsrückstände in Boden, Wasser und Nahrungskette und zwar nachhaltig, weil Metalle nicht abgebaut, sondern nur verlagert werden. Bleimunition ist dabei nur der bekannteste Fall: Angeschossene Tiere, die nicht gefunden werden, tragen die Geschosse jahrelang im Körper, verendetes Aas vergiftet Greifvögel und Aasfresser, und die Splitter reichern sich im Ökosystem an. Aber auch bleifreie Alternativen aus Kupfer, Zink oder anderen Legierungen sind kein sauberer Ausweg: Sie setzen ebenfalls Schwermetalle frei, deren Langzeitwirkung auf Böden und Gewässer kaum erforscht ist. Wer Jahr für Jahr Tausende Schüsse abgibt, betreibt keinen Naturschutz, sondern einen schleichenden Schadstoffeintrag in genau jene Natur, die er zu schützen vorgibt.
Und der Schaden endet nicht im Wald. Die Geschosse fragmentieren im Tierkörper, feinste Partikel verteilen sich weit über den sichtbaren Schusskanal hinaus im Gewebe. Im Wildbret, das anschliessend auf dem Teller landet. Was als «naturnahes Bio-Fleisch» vermarktet wird, ist in Wahrheit ein mit Munitionsrückständen belastetes Lebensmittel. Mehrere unabhängige Fachstellen warnen davor: Das schweizerische Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) raten Schwangeren, Kindern und Frauen im gebärfähigen Alter ausdrücklich vom Verzehr von bleibelastetem Wildbret ab. Die Hobby-Jagd verseucht also nicht nur die Umwelt, sondern auch ihr eigenes Endprodukt.
Dass die Hobby-Jagd mit Wissenschaft nichts zu tun hat, zeigt der Umgang mit dem Fuchs besonders deutlich. Untersuchungen für das Berner Mittelland schätzen, dass ein einziger Fuchs zwischen Mai und Juli durchschnittlich rund elf Rehkitze schlägt. In Skandinavien stieg, als die Räude die Fuchspopulation einbrechen liess, der Rehbestand um 64 Prozent. Der Fuchs reguliert das Reh also gratis und natürlich, wenn man ihn liesse. Genau das aber lässt die Hobby-Jagd nicht zu: Sie bekämpft den Fuchs, weil er ihr Konkurrent um das Reh ist, und schiesst anschliessend die Kitze selbst. Der Beutegreifer, der die Arbeit kostenlos erledigen würde, wird zum Störenfried erklärt und beseitigt.
Wie wenig die Hobby-Jagd reguliert, hat ausgerechnet ein Schweizer Kanton amtlich festhalten lassen. Der Kanton Zug gab als bisher einziger eine unabhängige wissenschaftliche Studie in Auftrag: Die SWILD-Studie vom Mai 2026 (Dr. Claudia Kistler / Dr. Fabio Bontadina, im Auftrag des Amts für Wald und Wild) kommt zum eindeutigen Schluss, dass die praktizierte Fuchsjagd weder die Populationsgrösse nachhaltig senkt noch Wildkrankheiten eindämmt. Bejagte Bestände kompensieren die Verluste über höhere Fruchtbarkeit der Fähen, bessere Überlebensraten und Zuwanderung. Die Jagdkommission zog am 16. Juni 2026 Konsequenzen und fördert die Fuchsjagd nicht mehr proaktiv. Im Klartext: Die Behörde bestätigt schriftlich, dass es die Fuchsjagd nicht braucht.
Und der Aargau? Hier werden gerade jene Hobby-Jäger gefeiert und mit Lob überschüttet, die das Gegenteil dessen tun, was die Zuger Studie nahelegt. Schweizweit werden Jahr für Jahr rund 19’000 Rotfüchse erschossen, ein erheblicher Teil davon im Aargau, ohne nachweisbaren Nutzen für Gesundheit oder Landwirtschaft. Wer Tausende gesunder Tiere tötet und damit Kompensationseffekte auslöst, hält nichts im Gleichgewicht. Er manipuliert und zerstört eine natürliche Ordnung, die ohne ihn besser funktionieren würde.
Dass es ausgerechnet jagdfreie Räume sind, die das beweisen, kommt an solchen Feiern nie zur Sprache. Der Schweizerische Nationalpark ist seit 1914 jagdfrei, der Kanton Genf verzichtet seit 1974 auf die Hobby-Jagd, Luxemburg verbot die Fuchsjagd 2015 und in keinem dieser Gebiete sind die Ökosysteme zusammengebrochen. In Luxemburg sank die Befallsrate mit dem Fuchsbandwurm nach dem Verbot sogar deutlich.
Auch der von Attiger beschworene Waschbär taugt nicht als Rechtfertigung. Dass eine eingeschleppte Art neue «Herausforderungen» schafft, ist richtig, nur lösen Hobby-Jäger sie nicht. Wo Beutegreifer wie der Waschbär bejagt werden, kompensieren die Bestände den Verlust durch Zuwanderung und Nachwuchs. Der Abschuss schafft die Aufgabe, die er angeblich erledigt.
«Es braucht Euch», ruft der Bauernverband den 39 neuen Hobby-Jägern zu. Die ehrlichere Frage wäre: Wofür genau? Für ein Hobby, das sich als Naturschutz verkleidet, lautet die nüchterne Antwort der Wissenschaft – zuletzt amtlich aus dem Kanton Zug – seit Jahrzehnten: Es braucht Euch nicht.
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