Bund streicht Klimagelder für den Wald: Verbiss wird zum bequemen Sündenbock
Der Bundesrat streicht die Mittel für den klimatauglichen Wald, mitten in einer Zeit, in der die Waldbrandgefahr in weiten Teilen der Schweiz akut hoch ist.
«Der Förster spricht»
Das Bundesamt für Umwelt bestätigte einen Bericht der «NZZ am Sonntag», wonach Umweltminister Albert Rösti diese Gelder aus der Finanzplanung der kommenden Jahre gestrichen hat. Ab 2027 sollen sie ganz wegfallen.
2020 hatte das Parlament noch 100 Millionen Franken über vier Jahre bewilligt, unter anderem für die Pflanzung hitzeresistenter Baumarten. 2023 wurden die Mittel bereits um ein Drittel gekürzt, jetzt kommt der nächste Einschnitt. Der Vorstand der kantonalen Konferenz für Wildtiere, Wald und Landschaft zeigt sich verärgert. Die Streichung komme zur Unzeit, zumal die Hitzeperioden im Wald bereits jetzt grosse Schäden verursachen.
Wenn der Wald schwächelt, wird oft das Wild verantwortlich gemacht
Was diese Kürzung mit unserem Themenbereich zu tun hat, zeigt sich, sobald der Wald weiter unter Druck gerät. Fehlt Geld für klimataugliche Aufforstung, bleiben viele Flächen anfälliger für Trockenstress, Schädlinge und Ausfälle. Genau in solchen Situationen wird der Verbiss durch Reh und Hirsch schnell als Hauptursache für schlechte Waldverjüngung dargestellt, während strukturelle Faktoren wie Klimawandel und fehlende Investitionen im Hintergrund verschwinden.
Wie stark diese Verkürzung sein kann, zeigt der Fall Graubünden. Dort hat der Kanton seit 2012 über 17 Millionen Franken in Zäune, Netze und Schutzmassnahmen gegen Schalenwild investiert, mit dem erklärten Ziel, den Hirschbestand zu senken. Das Ergebnis nach 37 Jahren Hobby-Jagd als Steuerungsinstrument: Der Bestand ist seit dem Reduktionsbeschluss von 1989 um rund 50 Prozent gestiegen, nicht gesunken. Erst seit 2021 zeigt sich ein Rückgang, und ein Bündner Parlamentsvorstoss benennt dafür ausdrücklich den zunehmenden Einfluss der Beutegreifer Wolf und Luchs. Mehr dazu im Beitrag Was kostet uns die Hobby-Jagd? Graubünden rechnet nur in eine Richtung.
Fördergelder für den Wald sind kein Nebenschauplatz
Wer den Wald tatsächlich klimafit machen will, braucht Investitionen in resistente Baumarten, Wiederbestockung und Schutzwaldpflege, nicht in erster Linie mehr Jagddruck. Die Kürzung des Bundes trifft also genau jenen Bereich, der den Wald widerstandsfähiger machen würde. Wird gleichzeitig weiterhin primär über Verbiss und Wild diskutiert, verschiebt sich die politische Aufmerksamkeit weg von der eigentlichen Ursache: einer Klimapolitik, die beim Wald spart, obwohl die Warnzeichen unübersehbar sind.
Einen vertieften Blick auf die Rolle von Wolf und Luchs für den Waldzustand liefert der Beitrag Ohne Wolf kein Wald: Was Beutegreifer für die Schweiz bedeuten. Wer die politische Debatte rund um Wald- und Wildtierpolitik einordnen will, findet weiterführende Hintergründe in der Kategorie Umwelt & Naturschutz.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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