31.10.2026, 09:05

Suchen

Jagd

Waadt plant 612 Hirschabschüsse: Das grösste Kontingent liegt am Mont Tendre

Der Kanton berücksichtigt bei der Abschussplanung nach eigenen Angaben auch die Dichte der Beutegreifer. Welche Rolle das offenbar verschwundene Wolfsrudel am Mont Tendre spielt, sagt er nicht.

Redaktion Wild beim Wild · 10. Oktober 2026
Audio zum Beitrag

«Der Salzstein»

0:00 -0:00
Alle Lieder

Der Kanton Waadt will diesen Herbst 612 Rothirsche töten lassen. In den Jahren 2024 und 2025 sah der Abschussplan jeweils rund 500 vor, das entspricht einer Erhöhung um rund 20 Prozent. Das sagte Frédéric Hofmann, Chef der Sektion Jagd, Fischerei und Arten der Generaldirektion Umwelt (DGE), am 9. Oktober 2026 gegenüber Keystone-ATS. Die Meldung erschien unter anderem bei Watson.

Am selben Tag berichtete «24 heures», das Wolfsrudel am Mont Tendre scheine nach mehreren Abschusskampagnen verschwunden. Liest man beide Meldungen nebeneinander, fällt ein Ort ins Auge: Am Mont Tendre liegt das grösste regionale Hirschkontingent des Kantons.

Die Zahlen des Kantons

Von den 612 geplanten Abschüssen entfallen laut DGE 297 auf die Alpen und 307 auf den Jura, dazu kommen acht Hirsche für die Einzeljagd. Die grössten Kontingente betreffen:

  • Mont Tendre (Jura): 187 Hirsche
  • Pays-d’Enhaut (Alpen): 180 Hirsche
  • La Dôle (Jura): 78 Hirsche, hier wurde das Ziel gesenkt

Begründet wird die Erhöhung mit Schäden an Wald und Landwirtschaft. Der Hirsch, in der Waadt einst verschwunden und seit den 1980er-Jahren zurück, profitiere unter anderem von weniger strengen Wintern. 2019 war das Gleichgewicht zwischen Wald und Wild laut Kanton in fast der Hälfte der Waadtländer Wälder nicht erreicht, eine kantonale Strategie soll es bis 2030 herstellen. Am Jurasüdfuss fressen Hirsche im Spätwinter Raps; die Ertragsausfälle könnten auf einzelnen Parzellen «plus de 50%» erreichen, sagt Hofmann.

Für die Planung stützt sich der Kanton nach eigenen Angaben auf Zählungen in Schlüsselsektoren, Abschussresultate, die Intensität der Schäden und «la densité des effectifs de grands prédateurs», also die Dichte der Beutegreifer.

Was «24 heures» zum Mont Tendre berichtet

Wild beim Wild hat die Eingriffe gegen das Rudel am Mont Tendre seit dem Abschuss der ersten Wolfswelpen und die Wolfsfallen im Waadtländer Jura begleitet. Laut «24 heures» vom 9. Oktober 2026 «semble avoir disparu», das Rudel um den Rüden M351 scheint also verschwunden. Sébastien Beuchat, Direktor der Direction des ressources et du patrimoine naturel, beschreibt die frühere Lage so: Ein einziges Rudel, jenes am Mont Tendre, sei für 80 Prozent der Angriffe im Waadtländer Jura verantwortlich gewesen.

Die Zeitung nennt für den erweiterten Jura folgende Zahlen von getöteten, verletzten und verschwundenen Nutztieren: 49 am Ende der Alpsaison 2023, 76 im Jahr 2024, 63 im Jahr 2025 und 16 in den letzten zehn Monaten. Die Zeiträume sind nicht identisch abgegrenzt und deshalb nur eingeschränkt vergleichbar.

Weiter berichtet die Zeitung: Auf Waadtländer Boden zählt der Kanton nur noch ein Rudel, jenes am Marchairuz mit mindestens fünf Wölfen. Für diese Saison hat die Waadt beim Bundesamt für Umwelt kein Regulierungsgesuch gestellt. Die kantonale Wolfspolitik kostete 1,4 Millionen Franken, alle Massnahmen zusammengerechnet.

Der Kanton wertet die Entwicklung als Ergebnis der Abschüsse. Fachleute sind vorsichtiger. Der Wolfsspezialist Jean-Marc Landry sagt in «24 heures»: «La situation actuelle n’a rien de naturel», sie sei das Ergebnis massiver Abschüsse. Isabelle Germanier von der Gruppe Wolf Schweiz hält fest, die Regulierung eines problematischen Rudels bringe einen Rückgang der Risse, «mais c’est temporaire».

Die offene Frage am Mont Tendre

Der Kanton berücksichtigt nach eigenen Angaben auch die Dichte grosser Beutegreifer bei seiner Abschussplanung. Damit stellt sich am Mont Tendre eine konkrete Frage: Welche Rolle spielt das offenbar verschwundene Wolfsrudel bei der Festlegung des Hirschkontingents? Die vorliegenden Meldungen beantworten das nicht. Als Begründung nennt der Kanton Verbiss, Schäden an Kulturen und weniger strenge Winter.

Wölfe können die Bestände und die Raumnutzung von Hirschen beeinflussen. Wie stark dies die Waldverjüngung entlastet, hängt jedoch von den örtlichen Bedingungen ab. Eine Studie aus Nordpolen (Wójcicki und Borowski, «Scientific Reports», 2023) fand in Revieren mit Wolfsrudeln ein räumlich anderes Verbissmuster: Junge Buchen wurden seltener verbissen, Kiefern dagegen stärker, und die Annahme eines generell geringeren Verbisses bestätigte sich nur teilweise. Weitere Studien hat Wild beim Wild im Beitrag Ohne Wolf kein Wald: Was Beutegreifer für die Schweiz bedeuten zusammengestellt.

Gerade weil die Wirkung ortsabhängig ist, wäre es Aufgabe des Kantons, offenzulegen, wie er die Präsenz oder das Fehlen von Beutegreifern in der Planung gewichtet. Dieselbe Frage stellt sich auf Bundesebene, wo der Nationalrat Wolfsabschüsse mit Waldschäden begründet. Dazu der Beitrag Mehr Wölfe, mehr Waldschäden? Das Parlament verwechselt den Täter.

Regulierung als Staatsauftrag, nicht immer ein willkommenes Etikett

Der Kanton versteht die Jagd zunehmend als Instrument der Bestandesregulierung. Die rund 700 Hobby-Jäger der Waadt schätzen es laut Hofmann allerdings nicht immer, als Regulatoren oder Partner des Staates bezeichnet zu werden, auch wenn ihre Rolle im Wildtiermanagement «primordial» geworden sei. Das zeigt ein Spannungsfeld zwischen Freizeitbeschäftigung und öffentlichem Wildtiermanagement.

Beim Wildschwein ergänzt die Wildhut die Hobby-Jagd bereits in grösserem Umfang. Im vergangenen Jahr töteten Hobby-Jäger 938 Wildschweine, ohne Gesamtkontingent; zusätzlich führte die Police faune-nature der DGE rund 400 Abschüsse durch. Ein Managementplan für 2026 bis 2032 erlaubt Regulierungsabschüsse auch in mehreren Naturschutzgebieten, mit Obergrenzen von bis zu 60 Wildschweinen in einzelnen geschützten Sektoren. Hofmann räumt ein, dass Wildschweine lernen, den Strategien der Hobby-Jäger auszuweichen. Hintergründe dazu im Dossier Das Wildschwein in der Schweiz.

Kurz notiert aus der Keystone-ATS-Meldung: Die Gämse, deren Bestände in der Waadt eher abnehmen, hat ein Abschusskontingent von 237 Tieren. Bleihaltige Munition ist seit dem 1. August mit Ausnahmen verboten. Wegen der hohen Nachfrage importieren Restaurants regelmässig Wildfleisch, unter anderem aus Osteuropa.

Neuenburg: Stabile Bestände trotz Wolf und Luchs

Ebenfalls am 9. Oktober 2026 äusserte sich in Neuenburg der Präsident der kantonalen Hobby-Jäger-Föderation, Gilles Walder, gegenüber Radio RTN. Seit dem 1. Oktober wurden rund 160 Patente für die Rehjagd ausgestellt. Jede Person darf zwei Rehe töten, bis zum 9. November rund 300 Tiere. Zur zunehmenden Präsenz von Wolf und Luchs sagt Walder, die Zahl der Tiere in den Wäldern bleibe stabil, «selon les chiffres, les populations augmentent même légèrement».

Walders Aussage zeigt, dass die Präsenz von Wolf und Luchs nicht zwangsläufig mit sinkenden Wildbeständen einhergeht. Seine Erklärung, die Weibchen könnten mehr Junge bekommen, bezeichnet er ausdrücklich als Vermutung. Aus dem Bericht lässt sich deshalb weder ein bestimmter Kompensationsmechanismus noch eine allgemeine Aussage über die Wirkung von Beutegreifern ableiten.

Fazit

Die Waadt plant mehr Hirschabschüsse und berücksichtigt dabei nach eigenen Angaben auch die Dichte grosser Beutegreifer. Am Mont Tendre liegt das grösste regionale Kontingent. Welche Bedeutung das offenbar verschwundene Wolfsrudel für diese Planung hat, bleibt offen. In Neuenburg berichtet der Präsident der Hobby-Jäger-Föderation von stabilen bis leicht steigenden Wildbeständen trotz der Präsenz von Wolf und Luchs.

Gerade eine Wildtierpolitik, die den Wald schützen will, sollte nachvollziehbar erklären, wie sie die ökologische Rolle der Beutegreifer in ihre Entscheidungen einbezieht. Weitere Hintergründe bietet das Dossier Wald-Wild-Konflikt: Das Verbiss-Narrativ der Hobby-Jagd.

Quellen

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Wildtiere brauchen eine Stimme

Einmal pro Woche: Recherchen, Petitionen und Hintergründe zur Hobby-Jagd. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden →