Wolf im Jura: Ruhe in der Waadt, Risse in Neuenburg
Das Jougne-Suchet-Rudel pflanzt sich jetzt in Neuenburg fort, und im Vallée de la Brévine starben trotz Welpenabschüssen erneut zwölf Rinder. Der Herdenschutz fehlt in der Erklärung.
Rinder auf einer Bergweide. Foto: Tim Dennert / Unsplash
«Hofbericht»
Im Waadtländer Jura haben Wölfe in diesem Jahr deutlich weniger Nutztiere gerissen. «24 heures» führt das vor allem auf die Abschüsse am Mont Tendre zurück. Die Zahlen und Stimmen aus dem Artikel hat Wild beim Wild bereits im Beitrag Waadt plant 612 Hirschabschüsse: Das grösste Kontingent liegt am Mont Tendre zusammengefasst. Hier geht es um das, was in der Erfolgsmeldung fehlt: wohin die Wölfe gegangen sind, was im Nachbarkanton mit derselben Abschussstrategie passiert und welche Rolle der Herdenschutz spielt.
Die Erfolgsmeldung in Kürze
Laut «24 heures» vom 9. Oktober 2026 wurden im erweiterten Waadtländer Jura in der Alpsaison 2024 insgesamt 76 Nutztiere von Wölfen getötet, verletzt oder als vermisst gemeldet, 2025 waren es 63. In den letzten zehn Monaten waren es 16. Die Waadt hat für diese Saison kein Regulierungsgesuch beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) gestellt. Der zuständige Direktor Sébastien Beuchat sieht darin den Erfolg einer abgestuften Abschusspolitik: erst Jungtiere, dann Problemtiere, notfalls das ganze Rudel.
Das Rudel am Mont Tendre um den Rüden M351 gilt als verschwunden, ebenso weitgehend jenes am Risoud. Der Kanton Neuenburg hält in einer amtlichen Verfügung fest, dass sich für beide nach aktuellem Wissensstand nicht mehr bestätigen lässt, dass sie die Kriterien eines Rudels erfüllen. Wie viele Wölfe allein die Waadt seit Beginn der Regulierung getötet hat, dokumentiert der Zähler zu den Wolfsabschüssen.
Das Jougne-Suchet-Rudel pflanzt sich jetzt in Neuenburg fort
Ein Satz im Artikel wiegt schwerer als die Schlagzeile: Das grenzüberschreitende Rudel von Jougne, mit mindestens sieben Wölfen, hat sich laut «24 heures» in den Raum Les Verrières im Kanton Neuenburg verschoben. Die amtlichen Unterlagen stützen das, auch wenn sie das Rudel weiterhin als grenzüberschreitend führen. In der Neuenburger Abschussverfügung vom 2. September 2026 heisst es, das Rudel Jougne-Suchet habe sich 2026 auf Neuenburger Boden fortgepflanzt. Es besteht aus zwei Elterntieren, vier Jungwölfen aus dem Vorjahr und mindestens drei Welpen.
Schon im Juni riss in Les Verrières mutmasslich ein Wolf aus diesem Rudel zwei Rinder. Der FDP-Grossrat und Vizedirektor des Schweizer Bauernverbands Loïc Bardet sagt in «24 heures» denn auch, man habe gesehen, wie lange Neuenburg gebraucht habe, um seinerseits zu reagieren. Ein Teil der Entlastung im Waadtländer Jura könnte deshalb eine Verschiebung über die Kantonsgrenze sein. Wie gross dieser Anteil ist, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beziffern. Für die Wölfe und die Herden ändert die Grenze nichts.
Brévine: Weitere Risse trotz Welpenabschüssen
Wie belastbar die Waadtländer Erfolgsformel ist, zeigt das zweite Neuenburger Rudel im Vallée de la Brévine. Es entstand im Frühling 2025 mit sechs Welpen. Nach Angriffen auf Rinder bewilligte der Kanton mit Zustimmung des BAFU im September 2025 den Abschuss von zwei Dritteln der Welpen. Vier der sechs Jungwölfe wurden getötet, genau jener erste Schritt, den Beuchat in der Waadt als Teil der erfolgreichen Abstufung beschreibt.
Die Risse hörten damit nicht auf. Laut der Neuenburger Verfügung tötete oder verletzte das Rudel im Jahr 2025 insgesamt 23 Rinder. Zwischen dem 4. Juli und dem 31. August 2026 starben auf seinem Gebiet erneut zwölf Rinder. Vier dieser Angriffe ordnete die Genetik dem Vaterwolf M583 zu, nicht den Jungtieren. Ein weiterer Jungwolf wurde im August geschossen. Seit dem 2. September läuft eine neue Bewilligung bis Ende Januar 2027, diesmal für M583 oder einen weiteren Welpen. Die Welpenabschüsse von 2025 haben weitere Risse nicht verhindert. Ob sie deren Zahl verringert haben, lässt sich aus den Angaben nicht ableiten. Mehr zur Praxis des Bundes, Abschüsse vor dem Nachweis von Nachwuchs freizugeben, im Beitrag Wolfsabschüsse: Bund bewilligt, bevor Welpen nachgewiesen sind.
Der Herdenschutz kommt in der Erklärung nicht vor
Das Titelbild von «24 heures» zeigt eine Kuh auf der Alp Sapelet bei L’Abbaye mit einer Kapsel am Halsband, die Wolfspheromone abgibt. Im Text taucht der Herdenschutz als möglicher Grund für den Rückgang nicht auf. Dabei unterstützt das Waadtländer Landwirtschaftsdepartement solche Halsbänder seit August 2023 finanziell, wie die Regierung auf eine Anfrage im Grossen Rat erklärte. Nach Angaben des Kantons blieben in einigen Fällen danach Angriffe aus, in anderen nicht. Eine Auswertung für 2026 liegt nicht vor.
Im Juli nannte dieselbe Zeitung noch andere mögliche Gründe für die ruhige Alpsaison, etwa das reiche Angebot an Wildtieren in den Wäldern, an denen sich Wölfe ernähren. Und der Rückgang ist kein Waadtländer Sonderfall. Schweizweit halbierten sich die Wolfsrisse in den Rudelkantonen bis zur Sommermitte, wie Wild beim Wild im Beitrag Halbzeit im Alpsommer: Wolfsrisse halbieren sich dokumentiert hat. Im benachbarten französischen Departement Doubs registrierten die Behörden 2026 bis Mitte September elf Wolfsangriffe, nach je fünfzehn in den beiden Vorjahren, wie ICI Besançon berichtet.
Hinzu kommt eine rechtliche Besonderheit. Für Rinder, die älter als 14 Tage sind, verlangt die Jagdverordnung keine Schutzmassnahmen. Das BAFU hält in seiner Zustimmung zum Abschuss in der Brévine ausdrücklich fest, Schutz für ältere Rinder sei nicht zumutbar. In einem Gebiet, in dem fast ausschliesslich Rinder gesömmert werden, rückt damit fast automatisch der Abschuss in den Vordergrund. Welche Massnahmen auf den betroffenen Weiden tatsächlich eingesetzt wurden und wie sie wirkten, geht aus der Verfügung nicht hervor. Was im Herdenschutz wirkt und was scheitert, fasst das Dossier Herdenschutz in der Schweiz zusammen.
Was die Fachleute tatsächlich sagen
Die Stimmen, die «24 heures» zitiert, stützen die Erfolgsmeldung nur bedingt. Der Wolfsspezialist Jean-Marc Landry hält es für möglich, dass der Jura zur Lage von 2020 zurückgekehrt ist: Paare und Einzelwölfe, die die frei gewordenen Reviere bald wieder besetzen. Die heutige Situation sei nicht natürlich, sondern Folge massiver Abschüsse. Isabelle Germanier von der Gruppe Wolf Schweiz spricht von einem vorübergehenden Rückgang und warnt, Eingriffe in stabile Rudel seien sehr riskant, wie der Chablais gezeigt habe.
Germanier weist auch auf ein methodisches Problem hin: Weil die Abschussmethoden so schnell aufeinander folgten, lasse sich ihre Wirkung kaum sauber untersuchen. Genau diese Untersuchung hat der Kanton Waadt im Februar 2026 bei der KORA in Auftrag gegeben, nachdem die Regulierung 2025 laut Kanton sechs Festangestellte und rund zwanzig Hilfswildhüter beschäftigt hatte, teils zulasten anderer Aufgaben. Das Ergebnis steht aus. Hintergründe zur Rolle der KORA im Waadtländer Jura im Beitrag Wolfsfallen im Waadtländer Jura.
Ein Punkt der Gegenseite trifft zu und gehört zur Ehrlichkeit: Die von Wolfsschützern befürchtete Zersprengung der Rudel, mit Jungwölfen, die sich auf Nutztiere spezialisieren, ist laut «24 heures» in der Waadt 2025 und 2026 nicht eingetreten. Germanier erklärt das damit, dass schlicht zu wenige Jungtiere die Abschüsse überlebten. Das ist kein Beleg für einen schonenden Eingriff, sondern für seine Härte.
Einordnung: Ruhe durch Leere
Die Waadt wollte das Rudel am Mont Tendre vollständig entfernen und hat dort laut Keystone-ATS bis Januar neun Wölfe getötet. M351 blieb unauffindbar. Weniger Wölfe bedeuten weniger Risse, das ist keine Überraschung, sondern Arithmetik. Eine Strategie für das Zusammenleben ist das nicht. Die Lücke wird sich füllen: Die Nachbarrudel Jougne-Suchet, Haute Valserine und Brévine haben sich 2026 laut den Neuenburger Behörden alle fortgepflanzt. Und das Nachbartal zeigt, dass dieselbe Abfolge aus Welpenabschüssen und Ankündigungen die Risse nicht beendet, wenn für ältere Rinder kein Schutz verlangt wird.
Statt den Rückgang als Beweis für Abschüsse zu feiern, müsste der Kanton offenlegen, was er laut «24 heures» mit 1,4 Millionen Franken, alle Massnahmen zusammengerechnet, tatsächlich erreicht hat und welchen Anteil der Herdenschutz daran hat. Germanier stellt die richtige Frage: Welches Ziel verfolgen die Abschüsse, und welche Verluste gelten als tragbar? Solange niemand darauf antwortet, bleibt der Wolf im Jura das, wovor sie warnt: eine politische Waffe.
Quellen
- «24 heures»: «Après des tirs record, le loup s’est fait discret sur les alpages vaudois», Erwan Le Bec, 9. Oktober 2026 (kostenpflichtig)
- Kanton Neuenburg, DDTE: Verfügung zur Regulierung des Rudels Vallée de la Brévine mit Zustimmung des BAFU, 2. September 2026
- Kanton Waadt: Medienmitteilung zum KORA-Mandat über die Wirksamkeit der Abschüsse, 3. Februar 2026
- Grosser Rat Waadt: Antwort des Staatsrats auf die Anfrage Alberto Mocchi zu Pheromon-Halsbändern (23_HQU_118)
- Keystone-ATS via La Télé: «Vaud veut abattre trois louveteaux de la meute Jougne-Suchet», Januar 2026
- ICI Besançon: «Vers une diminution des attaques de loups dans le Doubs?», September 2026
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
Wildtiere brauchen eine Stimme
Einmal pro Woche: Recherchen, Petitionen und Hintergründe zur Hobby-Jagd. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →