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FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Patentjagd und Revierjagd?

In der Schweiz existieren drei grundlegend verschiedene Jagdsysteme: die Patentjagd (in 16 Kantonen), die Revierjagd (in 9 Kantonen) und die Staatsjagd (im Kanton Genf).

Redaktion Wild beim Wild — 10. März 2026

Was auf den ersten Blick wie ein verwaltungstechnischer Unterschied wirkt, ist aus jagdkritischer Sicht viel mehr: Zwei Systeme legitimieren die Hobby-Jagd als Freizeitbeschäftigung und keines davon löst die ökologischen und tierschutzrechtlichen Grundwidersprüche der Jagd.

Die drei Jagdsysteme der Schweiz im Überblick

Das Schweizer Jagdsystem teilt sich in drei Modelle auf: Die Patentjagd (16 Kantone) funktioniert so, dass der Staat Abschusspatente an zugelassene Personen verkauft. Die Revierjagd (9 Kantone) erlaubt Hobby-Jägern, exklusive Jagdreviere zu pachten. Die Staatsjagd (1 Kanton: Genf) bedeutet, dass nur staatliche Wildhüter jagen – faktisch ein Jagdverbot für Private. Die Kantonsverteilung ist historisch gewachsen und spiegelt kulturelle sowie politische Traditionen wider. Genf ist der einzige Kanton mit einem faktischen Jagdverbot für Private – ein Modell, das in der Schweiz einzigartig ist. Unser Dossier zum Genfer Jagdverbot beleuchtet dieses Modell ausführlich.

Was ist die Patentjagd?

Bei der Patentjagd vergibt der Kanton Abschusslizenzen (sogenannte Patente oder Jagdkarten) für bestimmte Tierarten, Mengen und Zeiträume. Jede Person, die eine Jagdausbildung abgeschlossen und die kantonale Jagdprüfung bestanden hat, kann gegen Bezahlung ein Patent erwerben. Mit diesem Patent darf sie im gesamten öffentlichen Jagdgebiet des Kantons jagen – nicht in einem exklusiven Revier, sondern im staatlich definierten Jagdraum.

Kantone mit Patentjagd (16): Graubünden, Wallis, Tessin, Glarus, Uri, Obwalden, Nidwalden, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Schaffhausen, Schwyz, Zug, Luzern, Solothurn, Jura und weitere.

Der Kanton Graubünden ist der grösste Patentjagd-Kanton der Schweiz. Mit rund 7’106 Quadratkilometern Jagdfläche und jährlich mehreren tausend ausgestellten Jagdkarten ist die Graubündner Hochjagd ein Massenspektakel: Während der Hochjagd im September strömen Tausende von Hobby-Jägern in die Bündner Berge. Die Hochjagd auf Hirsch, Gämse und Reh findet in einem eng getakteten Zeitfenster statt und verursacht nachweislich erheblichen Stress für Wildtierpopulationen.

Patentgebühren: Was Hobby-Jäger bezahlen

Die Höhe der Patentgebühren variiert stark je nach Kanton und Tierart. In Graubünden beispielsweise kostet ein Hirschpatent mehrere hundert bis über tausend Franken, je nach Klasse (Kalb, Jungtier, Stier). Gämsen- und Rehpatente sind günstiger. Hinzu kommen Prüfungsgebühren, Ausrüstungskosten, Unterkunft und Reisekosten – die Hobby-Jagd ist eine teure Freizeitbeschäftigung.

Ein Teil dieser Patentgebühren fliesst in die kantonale Kasse und wird für Wildschadenvergütungen, Wildhut und Wildtiermanagement verwendet. Trotzdem übersteigen die Gesamtkosten der Jagdverwaltung die eingenommenen Patentgebühren in vielen Kantonen deutlich – die Allgemeinheit subventioniert die Freizeitbeschäftigung der Hobby-Jäger. Mehr dazu im Dossier «Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet».

Was ist die Revierjagd?

Bei der Revierjagd pachten Jagdvereine oder Einzelpersonen ein abgegrenztes Jagdrevier von Grundeigentümern oder Gemeinden. Der Pächter hat das exklusive Jagdrecht in diesem Revier für die Pachtdauer – in der Regel 8 Jahre (je nach Kanton 6–12 Jahre). Er trägt die Verantwortung für das Revier, muss Abschusspläne erstellen und ist für Wildschadensverhütung zuständig.

Kantone mit Revierjagd (9): Zürich, Bern, Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Freiburg, Neuenburg, Waadt (teils) und Thurgau. Zürich ist ein typischer Revierjagd-Kanton. Die Jagdreviere sind in der Regel mehrere hundert bis über tausend Hektar gross. Die Pächter zahlen Pachtpreise, die je nach Revier und Lage stark variieren – von einigen tausend bis zu mehreren zehntausend Franken pro Jahr in attraktiven Revieren mit gutem Wildbestand.

Pachtdauer und Abschussplanung in der Revierjagd

Die typische Pachtdauer von 8 Jahren gibt Revierpächtern einen längeren Planungshorizont. Dies wird von Jagdbefürwortern als Vorteil gegenüber der Patentjagd dargestellt: Die Pächter hätten ein Interesse daran, das Revier «nachhaltig» zu bewirtschaften. In der Praxis führt dieses Argument jedoch zu einem anderen Problem:

Revierpächter haben ein finanzielles Interesse an hohen Wildbeständen – ein volles Revier ist attraktiver für Jagdgäste und rechtfertigt höhere Pachtpreise. Dies kann dazu führen, dass Wildbestände gezielt hochgehalten werden – was ökologisch kontraproduktiv ist und Verbissschäden im Wald fördert. Abschusspläne werden oft zwischen Revierpächter und Kantonsbehörden ausgehandelt, wobei die Lobby-Macht der Jagdverbände eine transparente Regulierung erschwert. Mehr zu Wildbeständen und Verbissschäden im Dossier zum Wald-Wild-Konflikt.

Hochjagd und Sonderjagd: Besondere Jagdformen im Patentjagd-System

In Patentjagd-Kantonen, insbesondere in Graubünden, gibt es neben der regulären Jagdsaison weitere besondere Jagdformen. Die Bündner Hochjagd (September) ist die grösste Jagdveranstaltung der Schweiz. In wenigen Wochen werden Tausende von Hirschen, Gämsen und Rehen geschossen. Die Hochjagd steht in der Kritik, weil die massive Präsenz von Hobby-Jägern im Berggebiet zu erheblichem Stress für Wildtierpopulationen führt, vornehmlich kurz vor dem Winter. Unser Dossier zur Hochjagd dokumentiert diese Probleme ausführlich.

Die Sonderjagd in Graubünden findet nach der Hochjagd statt und soll Wildtiere erlegen, die während der Hochjagd ihren Abschussquoten nicht zugeführt werden konnten. Sie verlängert den Jagddruck auf Wildtierpopulationen in den Wintermonaten und ist ökologisch besonders problematisch, weil Wildtiere im Winter ohnehin stark energetisch belastet sind. Unser Dossier zur Sonderjagd in Graubünden liefert die Details.

Der Jagdschein: Zugang zu beiden Systemen

Egal ob Patent- oder Revierjagd: Voraussetzung ist in beiden Systemen der bestandene Jagdschein. Die Ausbildung umfasst Wildtierkunde, Schiesstraining und rechtliche Grundlagen. Aus jagdkritischer Sicht ist die Jagdausbildung in der Schweiz jedoch nicht geeignet, Hobby-Jägern ein ökologisch fundiertes Wildtiermanagement zu vermitteln. Sie dient primär der technischen Befähigung zum Töten – nicht der Frage, ob und wann Abschüsse ökologisch sinnvoll sind. Mehr dazu im Dossier zum Jagdschein.

Kritik an der Patentjagd aus Tierschutz-Sicht

Die Patentjagd wird von Tierschutzorganisationen aus folgenden Gründen kritisiert: Erstens der Massencharakter der Hochjagd – Tausende Hobby-Jäger gleichzeitig im Jagdgebiet führen zu Panik, Fluchtstress und Jagddruck, der weit über das ökologisch Vertretbare hinausgeht. Zweitens fehlende Selektivität – das Patent-System erlaubt wenig individuelle Selektion der zu erlegenden Tiere. Drittens die Kommerzialisierung: Die Hochjagd ist für viele Bergregionen ein wirtschaftliches Event, was dazu führt, dass das System auch dann aufrechterhalten wird, wenn ökologische Argumente dagegen sprechen.

Kritik an der Revierjagd aus Tierschutz-Sicht

Die Revierjagd wird von Tierschutzorganisationen aus anderen Gründen kritisiert: Durch die Privatisierung der Wildtiere betrachtet, wer ein Revier pachtet, die darin lebenden Wildtiere faktisch als sein «Eigentum» – was dem rechtlichen Grundsatz widerspricht, dass Wildtiere herrenlos sind. Revierpächter haben wirtschaftliche Interessen, die mit der ökologischen Notwendigkeit niedriger Schalenwildbestände kollidieren können. Verpachtete Jagdreviere schränken zudem die Nutzung von Natur und Wald durch die Allgemeinheit faktisch ein.

Warum beide Systeme die Hobby-Jagd legitimieren

Trotz ihrer Unterschiede teilen Patent- und Revierjagd eine fundamentale Gemeinsamkeit: Sie legitimieren beide die Hobby-Jagd als anerkannte Freizeitbeschäftigung. In beiden Systemen werden Wildtiere getötet, um Jagdquoten zu erfüllen oder das eigene Jagderlebnis zu maximieren – unabhängig davon, ob ein echter ökologischer Bedarf für den Abschuss besteht.

Das Genfer Modell zeigt, dass es anders geht: Im einzigen Kanton ohne private Hobby-Jagd werden Wildtiere professionell durch staatliche Wildhüter reguliert. Das Ergebnis ist ein effizienteres, kostengünstigeres und tierschutzgerechteres System. Warum dieses Modell nicht schweizweit angewendet wird, hat weniger mit sachlichen Argumenten als mit dem politischen Gewicht der Jagdlobby zu tun. Mehr dazu im Dossier zum Einstieg in die Jagdkritik.

Die Jagdsysteme im Zahlenvergleich

Laut dem Dossier «Jagd in der Schweiz – Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs» werden in der Schweiz jährlich rund 130’000 bis 150’000 Wildtiere im Rahmen der Hobby-Jagd erlegt. Die Verteilung zwischen Patent- und Revierjagd-Kantonen ist dabei nahezu ausgeglichen. Ein Systemvergleich zeigt, dass weder Patentjagd noch Revierjagd besser geeignet ist, ökologisch begründetes Wildtiermanagement zu betreiben. Beide Systeme sind primär an den Interessen der Hobby-Jäger ausgerichtet – nicht an den Bedürfnissen der Wildtiere oder der Biodiversität.

Fazit: Zwei Systeme, ein Problem

Die Unterscheidung zwischen Patentjagd und Revierjagd ist für das Verständnis des Schweizer Jagdsystems wichtig. Aus jagdkritischer Sicht lenkt sie aber auch vom Wesentlichen ab: Beide Systeme erlauben es, dass Zehntausende von Hobby-Jägern aus Freude am Töten Wildtiere erlegen – finanziert durch Steuern, subventioniert durch günstige Pachten auf staatlichem Land und legitimiert durch ein politisches System, das von der Jagdlobby intensiv bearbeitet wird. Das Genfer Modell der Staatsjagd zeigt, dass professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd nicht nur möglich, sondern effizienter ist.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

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