6. Mai 2026, 15:39

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Jagd

Polen zeigt, wie Jagdkritik politisch wirksam werden kann

In Polen hat eine bürgerliche Initiative gezeigt, dass jagdkritischer Widerstand nicht bei Protest und Aufklärung stehen bleiben muss, sondern in konkrete Gesetzesänderungen münden kann. Die Debatte um das Jagdverbot in Anwesenheit von Kindern und den Schutz von Grundeigentum vor Jagd auf Privatland ist ein Lehrstück dafür, wie rechtliche Lücken geschlossen und jagdliche Privilegien zurückgedrängt werden können.

Redaktion Wild beim Wild — 6. Mai 2026

Mitten in Europa kämpft Polen gegen ein Jagdgesetz aus der Volksrepublik.

Eine Allianz um Olga Tokarczuk und Agnieszka Holland will nun mit 100’000 Unterschriften erzwingen, was die Hobby-Jagd-Lobby seit Jahrzehnten blockiert: Sicherheit für Anwohner, ein Ende der Trophäen-Industrie und das Recht auf einen Wald ohne Schüsse. Polen wird damit zum Lehrstück für jagdkritische Politik in ganz Europa, auch für die Schweiz.

Ein Geist der Volksrepublik im polnischen Wald

Polen ist seit über drei Jahrzehnten eine Demokratie. Das Jagdgesetz dagegen stammt im Kern aus dem Jahr 1995 und ist in seinen Grundzügen ein direktes Erbe der Polnischen Volksrepublik (PRL). Wildtiere gelten dort weiterhin als Eigentum des Staates, das Land ist flächendeckend in Jagdbezirke aufgeteilt, und der quasi-staatliche polnische Hobby-Jagd-Verband (PZŁ) verwaltet diese Bezirke wie einen Selbstbedienungsladen. Wer als Grundstückseigentümer mit dem Töten von Tieren ein moralisches Problem hat, hat nach geltender Rechtslage kaum eine Handhabe. Eine Allianz aus Wissenschaftlerinnen, Künstlern und Umweltschützern will jetzt das ändern, was die Politik aussitzt.

An der Spitze der Bewegung stehen zwei der bekanntesten Stimmen Polens: Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, deren Roman «Der Gesang der Fledermäuse» die sinnlose Tötung von Tieren durch Hobby-Jäger zum Thema einer ganzen Generation gemacht hat, und Regisseurin Agnieszka Holland, die den Stoff 2017 als Ökothriller «Die Spur» auf der Berlinale präsentierte und dafür den Silbernen Bären erhielt. Magdalena Gałkiewicz von der polnischen Grünen Partei bringt die Stossrichtung der Initiative auf den Punkt: Das geltende System sei anachronistisch und stehe im Widerspruch zu allem, was heute über Tierschutz und Ökologie bekannt sei.

100’000 Unterschriften auf Papier: Demokratie als Härtetest

Um das Vetorecht der Hobby-Jagd-Lobby im Parlament zu umgehen, setzen die Initiantinnen auf die «zivile Gesetzesinitiative». Das Verfahren ist so aufwendig, wie es klingt: Zunächst müssen 1’000 handschriftliche Unterschriften gesammelt werden, um das Komitee überhaupt zu registrieren. Danach bleiben exakt drei Monate, um weitere 99’000 Unterschriften zusammenzubekommen. Im Zeitalter digitaler Petitionen bleibt Polen bei Tinte und Papier. Der Vorteil: Eine solche Bürgerinitiative kennt keine «Diskontinuität». Wird sie in der laufenden Legislatur nicht verabschiedet, wandert sie automatisch in die nächste. Genau diese Hartnäckigkeit ist es, die der Hobby-Jagd-Verband fürchtet.

700 Meter statt 150: Wenn Windräder mehr Abstand brauchen als Gewehre

Der vielleicht skandalöseste Punkt der aktuellen Rechtslage betrifft nicht einmal die Tiere, sondern die Anwohner. Heute dürfen Hobby-Jäger in Polen mit Hochleistungsbüchsen schon ab 150 Metern Entfernung von Wohnhäusern schiessen. Die Initiative fordert eine Anhebung dieser Distanz auf 700 Meter, gemessen ab jeder Bebauung, einschliesslich Schulen und Kindergärten. Gałkiewicz formuliert die Absurdität sehr klar: Windräder müssten in Polen 700 Meter Abstand halten, weil sie Lärm verursachen, eine tödliche Schusswaffe dürfe man dagegen 150 Meter vom Schlafzimmerfenster eines Kindes entfernt abfeuern. In den letzten zehn Jahren starben in Polen 28 Menschen durch jagdbedingte Vorfälle. Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung, rund 89 Prozent, fordert verpflichtende medizinische und psychologische Tests für alle Hobby-Jäger.

Schluss mit der «Tötungsindustrie»

Besonders unter Druck gerät durch die Initiative die kommerzielle Hobby-Jagd in Polen. Schätzungen sprechen von rund 12’000 ausländischen Trophäen-Jägern, die jedes Jahr nach Polen reisen. Manche Quellen gehen sogar von bis zu 25’000 zahlenden Schiessgästen aus. Die Staatsforsten betreiben eigene Online-Shops, in denen sich Tötungstermine kaufen lassen wie Konzerttickets. Polen wird so zur Kulisse einer Branche, die das Land laut Kritikern «wie ein Drittweltland» behandelt, in dem alles erlegt werden kann, sofern der Preis stimmt. Die Reform wünscht, diesen Markt auszutrocknen. Die juristische Grundlage dafür ist bestechend einfach: Wildtiere gehören laut Verfassung dem Staat, nicht privaten Devisenbringern oder ausländischen Gästen mit Lust auf Geweihe.

Das Recht auf einen Wald ohne Schüsse

Die zweite zentrale Forderung der Initiative betrifft das Recht auf einen Wald ohne Hobby-Jagd. Ein Dekret des stalinistischen Staatschefs Bolesław Bierut aus dem Jahr 1952 hatte Wildtiere de facto verstaatlicht und private Grundeigentümer verpflichtet, Hobby-Jäger auf ihrem Land zu dulden. Bis heute können sich zwar Privatpersonen aus Gewissensgründen austragen lassen, juristische Personen wie Stiftungen, Naturschutzorganisationen oder Waldkindergärten haben dieses Recht jedoch nicht. Sie müssen mit ansehen, wie direkt vor ihren Fenstern auf Rehe, Wildschweine und Vögel geschossen wird. Die Initiative will diesen anachronistischen Zwang beenden. NGOs und Gemeinden sollen ihr Land endgültig aus den Hobby-Jagd-Bezirken ausgliedern können.

Damit knüpft die polnische Reform direkt an die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte an. Im Fall Herrmann gegen Deutschland (2012) urteilte der EGMR, dass Grundstückseigentümer nicht gezwungen werden dürfen, die Hobby-Jagd auf ihrem Land widerspruchslos zu dulden, wenn diese ihren ethischen Überzeugungen widerspricht. Die juristische Architektur, auf der die polnische Bürgerinitiative aufbaut, ist also keine nationale Sonderlocke, sondern europäisches Menschenrecht. Wer die Hobby-Jagd kritisiert, argumentiert nicht «gegen die Natur», sondern für Eigentum, Gewissensfreiheit und Verhältnismässigkeit.

Das «unsichtbare Netzwerk» im Sejm

Der Weg ist steinig, denn im polnischen Parlament wirkt das, was Aktivisten als «unsichtbares Netzwerk» bezeichnen. Nur eine Handvoll Abgeordneter bekennt sich offen zur Hobby-Jagd, doch der Einfluss des Verbandes reicht erheblich weiter. Brisanter geworden ist die Lage, seit Präsident Karol Nawrocki ausgerechnet Marcin Możdżonek, den Präsidenten des Nationalen Hobby-Jagd-Rates, zu seinem Berater für Klima und Umwelt ernannt hat. Damit ist das präsidiale Veto gegen jede ernsthafte Reform programmiert. Polen erlebt einen offenen Konflikt zwischen einer reformwilligen Bürgergesellschaft und einer Lobby, die seit der kommunistischen Ära fest im Staatsapparat verankert ist.

Ködern, Nachtsicht, Trophäen: Was die Initiative wirklich verbieten will

Bei aller Wucht der Forderungen geht es nicht um ein generelles Hobby-Jagd-Verbot, sondern um die Domestizierung einer ausser Kontrolle geratenen Praxis. Konkret will die Initiative das Anlocken von Wildtieren mit Ködern verbieten, das Schiessen bei Nacht mit Wärmebildoptiken untersagen und die Liste der bejagbaren Arten wissenschaftlich überprüfen lassen. Heute werden Hobby-Jagd-Pläne in Polen, wie Gałkiewicz spöttisch formuliert, «zwischen dem Gutsherrn, dem Vogt und dem Pfarrer» ausgehandelt, also in geschlossenen Sitzungen zwischen Hobby-Jägern und Förstern. Künftig sollen diese Pläne öffentlich konsultiert und wissenschaftlich begleitet werden. Anders gesagt: Die polnischen Wälder sollen wieder allen Bürgern gehören und nicht nur den 127 000 Mitgliedern des Hobby-Jagd-Verbandes.

Was die Schweiz von Polen lernen kann

Für die Schweiz ist der polnische Fall deshalb interessant, weil er zeigt, wie jagdkritischer Widerstand juristisch wirksam wird. Die polnische Kampagne hat nicht mit Naturromantik oder moralischen Appellen gewonnen, sondern mit einer präzisen rechtlichen Argumentation: Schutz von Anwohnern, Schutz von Kindern, Schutz von Eigentum und Gewissensfreiheit. Genau dieser Schwenk von der Folklore-Debatte zur Grundrechtsfrage ist auch das, was die Schweizer Hobby-Jagd-Lobby am meisten fürchtet.

Die polnische Reform von 2018, die Minderjährige aus der Hobby-Jagd verbannte, entstand nicht aus einem moralischen Aufschrei, sondern aus einem handfesten Rechtswiderspruch zwischen dem Tierschutzgesetz von 1997 und dem älteren Jagdrecht. Das Muster wiederholt sich: Wer rechtliche Lücken sauber identifiziert, wirft die Hobby-Jagd-Lobby in die Defensive. In der Schweiz unterscheidet sich die Rechtslage kantonal stark, was Patentjagd und Revierjagd sauber zu trennen verlangt. Der Hebel «Eigentum und Grundrechte» funktioniert hier wie dort. Wo eine Privatperson, eine Stiftung oder eine Gemeinde sich gegen Hobby-Jagd auf eigenem Land wehren will, ist das keine Geschmacksfrage, sondern eine Frage der Verhältnismässigkeit.

Polen als Stresstest für ganz Europa

Die Bürgerinitiative ist mehr als ein nationales Reformprojekt. Sie ist ein Lackmustest für die Frage, ob organisierte Zivilgesellschaft eine eingegrabene Hobby-Jagd-Lobby in einem EU-Staat aushebeln kann. Polen hat in den letzten Jahren bereits mehrfach gezeigt, dass solche Verschiebungen möglich sind: vom Verbot der Pelztierzucht über erste Reformschritte gegen die Hobby-Jagd bis zur Streichung von fünf Vogelarten aus der Jagdliste. Wenn jetzt zusätzlich die kommerzielle Trophäen-Hobby-Jagd fällt, der Schutzabstand zu Wohnhäusern verfünffacht wird und Gemeinden ihren Wald wieder schussfrei bekommen, bricht ein Stück Hobby-Jagd-Mentalität zusammen, das auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Debatte prägt.

Die Botschaft aus Warschau ist eindeutig: Die Hobby-Jagd ist kein Naturgesetz und keine kulturelle Konstante. Sie ist eine politische Vereinbarung, die sich ändern lässt, wenn 100 000 Bürgerinnen und Bürger ihren Namen darunter setzen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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