23. Mai 2026, 15:04

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Podcast

Podcast-Episode: Jagd, Naturschutz und Risiko

Wild beim Wild – wo Jagd-PR auf Fakten trifft und meistens Federn lässt.

Redaktion Wild beim Wild — 23. Mai 2026

Mara: Die Redaktion Wild beim Wild hat sich diese Woche drei eng verwandten Fragen gewidmet: ob Lobby-Argumente für die Jagd einer Prüfung standhalten, was die Zahlen zur Fuchsjagd in Luzern tatsächlich belegen, und ob das Schutzversprechen der Hobby-Jagd wissenschaftlich haltbar ist.

Pip: Kurz gesagt: eine Woche, in der Behauptungen auf Quellen treffen. Fangen wir mit der Lobbyfrage an.

Lobby-PR und Naturschutzversprechen

Mara: Der Ausgangspunkt ist ein Beitrag des italienischen Jagdportals Caccia Passione, der sich auf das sogenannte Biodiversitätsmanifest der FACE beruft – dem europäischen Dachverband der Jagdverbände – und über 550 Naturschutzprojekte als Beleg anführt.

Pip: Das Urteil fällt knapp aus: «Eine Zahl wie ‚550 Projekte‘ klingt eindrĂĽcklich, sagt ĂĽber die ökologische Wirkung aber genauso wenig aus wie die Zahl der Pressemitteilungen, die ein Verband versendet.»

Mara: Die Projekte werden vom Verband selbst gemeldet, ausgewählt und nicht unabhängig geprüft. Peer-reviewte Wirkungsnachweise sind das nicht.

Pip: Dazu kommt ein strukturelles Problem: In 16 von 26 Kantonen gilt die Patentjagd – kein gepachtetes Revier, keine Pflegepflicht. Das Bild des Jägers als Landschaftshüter setzt ein Verhältnis voraus, das rechtlich gar nicht existiert. Und nach Jahrzehnten jagdlicher Hege gilt rund ein Drittel der untersuchten Arten als gefährdet.

Mara: Genf zeigt seit 1974, dass es ohne geht – und zählt heute zu den artenreichsten Kantonen der Schweiz. Das führt direkt zur Frage, was die Zahlen zur Fuchsjagd konkret sagen.

Fuchsjagd: Was die Luzerner Daten zeigen

Mara: Luzern ist der einzige Schweizer Kanton, der Krankheiten beim erlegten Fuchs systematisch erfasst. Im Jagdjahr 2018/19 wurden 2217 Füchse erschossen – 39 davon waren krank.

Pip: Das sind 1,76 Prozent. Über 98 Prozent der getöteten Tiere waren gesund.

Mara: Damit kollabiert das Hauptargument, die Fuchsjagd diene der Seuchenbekämpfung. Der Bericht der kantonalen Kommission zitiert dazu keine einzige wildbiologische Studie – obwohl Dutzende Untersuchungen aus Grossbritannien, Skandinavien, Deutschland und der Schweiz seit Jahrzehnten zeigen, dass Jagddruck die Fuchsdichte in der Fläche nicht senkt.

Pip: Und Stimmen aus der Jägerschaft selbst bestätigen das. Franz Balmer, seit 13 Jahren ZĂĽrcher Hobby-Jäger, sagte im Tagesanzeiger: «Wir schaden dem Ansehen der Jagd so mehr, als dass wir ihm nĂĽtzen.»

Mara: Wildtierbiologin Sandra Gloor und der frühere Bündner Verbandspräsident Robert Brunold kommen unabhängig voneinander zum gleichen Schluss: Die Fuchsjagd erfüllt keinen sachlichen Zweck. Das Genfer Modell kostet rund eine Million Franken pro Jahr – umgerechnet eine Tasse Kaffee pro Einwohnerin.

Pip: Wobei der Bericht vor «erheblichen Mehrkosten» warnt — ohne eine einzige Zahl zu nennen. Das ist eine ökonomische Behauptung ohne Vergleichsrechnung.

Mara: Und das führt zur eigentlichen Frage: Schützt die Hobby-Jagd die Bevölkerung überhaupt?

Schutzversprechen unter der Lupe

Pip: Das ist die Kernfrage des dritten Beitrags – und die Antwort fällt an jedem einzelnen Punkt negativ aus.

Mara: Beim Thema Zecken zeigt eine Studie des niederländischen Biologen Tim Hofmeester: «Wo viele Beutegreifer leben, tragen deutlich weniger Zecken den Borreliose-Erreger, weil sich Mäuse häufiger verstecken und seltener von Zeckenlarven befallen werden.»

Pip: Füchse töten heisst also: mehr Mäuse, mehr Zecken, mehr Borreliose. In der Schweiz erkranken jährlich schätzungsweise 6000 bis 12000 Menschen daran – das ist keine abstrakte Zahl.

Mara: Beim Fuchsbandwurm dreht sich das Argument ebenfalls um. Eine vierjährige Studie rund um Nancy zeigt: Trotz 35 Prozent erhöhtem Jagddruck und 776 erlegten Füchsen schrumpfte der Bestand nicht – die Bandwurm-Prävalenz stieg von 40 auf 55 Prozent. In leer geschossene Reviere wandern junge Füchse nach, die besonders viele Eier ausscheiden.

Pip: Und dann ist da noch das Blei. Bleihaltige Geschosse zerlegen sich beim Aufprall, Splitter dringen tief ins Fleisch ein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung zählt Wildbret zu den am höchsten bleikontaminierten Lebensmitteln – für Blei gibt es keine unbedenkliche Dosis.

Mara: Besonders betroffen sind ausgerechnet Vielverzehrer – also Hobby-Jäger und ihre Familien. Wirksame Alternativen existieren: Tollwut wurde mit Impfködern besiegt, Entwurmungsköder senkten die Bandwurm-Prävalenz von 13,3 auf 2,2 Prozent. Den wirksamsten Mäuse- und Zeckenschutz liefert der Fuchs selbst.

Pip: Gratis und rund um die Uhr — ohne Munition.

Mara: Lobbydaten ohne Unabhängigkeit, Gesundheitsargumente ohne wissenschaftliche Grundlage, Schutzversprechen, die sich ins Gegenteil kehren – das ist der rote Faden dieser Woche.

Pip: Und Genf zeigt seit 50 Jahren, wie es gehen kann. Beim nächsten Mal schauen wir, welche Argumente die Gegenseite neu aufwärmt.

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