1. Juni 2026, 18:57

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Podcast

Podcast-Episode: Wildtiere zwischen Schutz und Jagd

Wild beim Wild – wo Jagd-PR auf Fakten trifft und meistens Federn lässt.

Redaktion Wild beim Wild — 30. Mai 2026

Pip: Willkommen bei Wild beim Wild — wo Hobby-Jagd, Artenschutz und gelegentlich ein Skandal-Journalist aufeinandertreffen.

Mara: Die Redaktion Wild beim Wild hat in den vergangenen Tagen ein breites Feld abgedeckt: ein Medienskandal mit Jagd-Lobby-Verflechtungen, illegale Luchsabschüsse und ein Schutzgefälle in der Grenzregion, dazu Langzeitdaten aus jagdfreien Schutzgebieten und Artengeschichten vom Igel bis zum Wisent.

Pip: Ein voller Teller — fangen wir mit dem Skandal an.

Jagdkritik, Lobby-Netzwerke und Trophäenhandel

Mara: Im Mittelpunkt steht der Fall Dominik Feusi: stellvertretender Chefredaktor des «Nebelspalters», Hobby-Jäger, designierter NZZ-Bundeshausredaktor — und nun mit einem Plagiat-Skandal und einem geleakten E-Mail-Wechsel konfrontiert.

Pip: Der E-Mail-Wechsel ist das eigentlich Brisante. Im Jargon eines Hardliners schrieb Feusi an Jagdfunktionär Hanspeter Egli: «Er wird noch mehr Anzeigen starten. Das Ziel ist, dass Sonnthal ganz ruhig gestellt wird. […] Je mehr Anzeigen vorliegen, desto eher verschwindet er von der Bildfläche.»

Mara: Das ist koordinierter Justizmissbrauch als Einschüchterungsinstrument — eine Flut von Strafanzeigen, um den Jagdkritiker Carl Sonnthal finanziell und psychisch zu zermürben. Feusi empfahl dem Verband JagdSchweiz zudem, denselben Anwalt zu nehmen, namentlich FDP-Ständerat Thierry Burkhart.

Pip: Ein Journalist, der über Bundeshaus-Verflechtungen hätte berichten sollen, instrumentalisierte genau diese Verflechtungen. Das ist die bitterste Pointe des Falls.

Mara: Die Einschüchterungstaktik scheiterte vollständig. Das Strafgericht Tessin sprach die IG Wild beim Wild in allen Punkten frei. Richter Siro Quadri hielt fest, dass faktenbasierte Kritik an der Hobby-Jagd rechtlich zulässige Meinungsäusserung im öffentlichen Interesse ist.

Pip: Und Feusi? Sein NZZ-Vertrag wurde aufgelöst, bevor er einen Tag gearbeitet hatte. Sein Abgang riss laut dem Bericht einen weiteren Riss: Bundeshauschef Fabian Schäfer hatte die NZZ bereits verlassen, als Feusis Wechsel bekannt wurde — ein strukturelles Muster, das sich bei der NZZ unter Eric Gujer zunehmend abzeichnet.

Mara: Parallel dazu zeigt der Bericht über den neuen Bündner Patentjäger-Präsidenten Benjamin Hefti ein ähnliches Muster: Er will Kritik nach selbst gesetzten Massstäben filtern und hat im Porträt selbst bestätigt, Anliegen lieber «im Hintergrund» zu regeln. Sein Vorgänger Tarzisius Caviezel, dessen Abgang ein eigener Bericht beleuchtet, hinterlässt einen Verband, der sich als Vollzugspartner einer Abschusspolitik versteht — beim Wolf wie anderswo.

Mara: Zum Trophäenhandel: Deutschland registrierte 2025 allein 679 Einfuhrvorgänge für Jagdtrophäen international geschützter Arten — darunter 60 Giraffen, 28 Löwen und 20 Afrikanische Elefanten. Kein einziger Antrag wurde abgelehnt. 96,2 Prozent der Löwentrophäen stammten aus Zuchtfarmen, also aus Gatterjagd.

Pip: Wer das als harmlose Tradition verteidigt, ignoriert, was hinter den Abschusspaketen steckt — und das gilt nicht nur für Deutschland.

Mara: Zum Widerspruch zwischen Rehkitzrettung und Kitzabschuss: Während freiwillige Drohnenpilotinnen und Tierschutzorganisationen 2025 über 6’400 Kitze retteten, weist die amtliche Bundesstatistik für denselben Zeitraum über 10’000 erschossene Kitze aus. Die treibende Kraft hinter der Rettung ist nicht die Hobby-Jagd, sondern ein Bündnis aus Wissenschaft, Landwirtschaft und Tierschutz.

Pip: Und der französische Jagdfunktionär Willy Schraen hat die Debatte unfreiwillig auf den Punkt gebracht: Gefragt, ob ihm das Erlegen Freude bereite, antwortete er schlicht — «Die Antwort ist ja. Ich töte gerne Tiere im Rahmen der Jagd.»

Mara: Das ist keine Ausnahme, sondern Selbstauskunft: Ernährung als Begründung entfällt nach eigener Aussage — was bleibt, ist das Vergnügen. Das deckt sich mit Forschungsergebnissen, die Jagd überwiegend als Freizeitaktivität beschreiben, bei der der Tötungsakt als Naturdienstleistung verklärt wird.

Pip: Vom Vergnügen am Töten zu den Konsequenzen für Beutegreifer — das ist der nächste Schauplatz.

Raubtiere unter Druck: Luchs, Wolf und Kormoran

Mara: Im Herbst 2024 wurde bei Saint-Claude ein toter Luchs gefunden. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass das Tier durch einen Schuss getötet worden war — ein Hobby-Jäger gilt als Verdächtiger.

Pip: Für eine ohnehin kleine und genetisch verletzliche Population ist jedes einzelne Individuum relevant. Und der Fall steht nicht allein: Im Elsass wurde eine Frau für das Erschlagen eines jungen Luchses zu drei Monaten Bewährung verurteilt, Tierschutzorganisationen erhielten über 30’000 Euro Entschädigung. In der Schweiz kostete ein dreifacher Luchsabschuss durch einen Berufswildhüter eine vierstellige Busse.

Mara: Dieses Schutzgefälle ist für grenzüberschreitende Populationen fatal — Luchs Juro, der im März per GPS-Tracking vom Südschwarzwald durch den Rhein in die Schweiz wanderte, illustriert genau das: Die Tiere kennen keine Grenzen, die Strafverfolgung schon.

Pip: Zum Wolf: Das BAFU-Bericht zur dritten Regulierungsperiode hält fest, dass 77 Wölfe erlegt wurden — und die Anzahl der Rudel trotzdem weiter steigt. Im Wallis durften Hobby-Jäger mit gültiger Bewilligung mitwirken. Im Nordburgenland dokumentiert ein WWF-BirdLife-Bericht 57 Fälle illegaler Wildtierkriminalität seit 2017 — Greifvögel als Hauptopfer, Hobby-Jagd auf Niederwild als struktureller Hintergrund.

Mara: Und neun EU-Staaten fordern die Absenkung des Schutzstatus des Kormorans, um eine reguläre Jagdsaison zu ermöglichen — obwohl wissenschaftliche Studien zeigen, dass an natürlichen Gewässern keine nennenswerten Schäden an Fischbeständen entstehen. Ein Präzedenzfall mit Signalwirkung für Wolf, Luchs und Biber.

Pip: Von den Beutegreifern zu den Schutzgebieten, die zeigen, was ohne sie möglich ist.

Naturschutz: Was floriert, wenn die Hobby-Jagd fehlt

Mara: Zehn europäische Grossschutzgebiete, analysiert auf einer Gesamtfläche von 2’587 Quadratkilometern, liefern einen klaren Befund: «Wildbestände regulieren sich ohne Abschussquoten stabil. Lebensräume erholen sich. Beutegreifer kehren zurück und übernehmen ökologische Funktionen.»

Pip: Das ist keine Theorie mehr — der Schweizerische Nationalpark belegt das seit über 110 Jahren, Kanton Genf seit 1974. Feldhasen auf Rekordniveau, Tiere ohne unnatürliche Scheu, keine explodierten Bestände.

Mara: Gleichzeitig öffnet der Kanton Schwyz ab Herbst 2026 erstmals die Wildschweinjagd — ohne wildbiologische Begründung — und schult Hobby-Jäger systematisch für künftige Beutegreifer-Regulationen. Wer von der Abwesenheit von Wölfen profitiert, soll über deren Abschuss entscheiden: ein Interessenkonflikt, den die Vorschriften nicht adressieren.

Pip: Beim Wisent-Projekt im Thal hält der Verein trotz Landverweigerung zweier Gemeinden am Ziel fest: Halbfreiheit ab 2027, auf nun 6,4 statt 12 Quadratkilometern. Ausgerechnet ein Teil der regionalen Hobby-Jägerschaft gehört zu den Bremsern — bei der Rückkehr einer einst heimischen Art.

Mara: Windkraft im Solothurner Jura, Stadttauben in Basel, Zürich und Bern, der Igel auf der Roten Liste, ein arktischer Kipppunkt beim Nitrathaushalt mit Folgen für die gesamte marine Nahrungskette — all das zeigt: Der Druck auf Wildtiere und ihre Lebensräume kommt von vielen Seiten gleichzeitig.

Pip: Und manchmal, wie in Bern mit den Stadttauben, reicht politischer Wille, um den Bestand von 10’000 auf 1’500 zu senken — ohne ein einziges Tier zu töten.


Mara: Was diese Woche verbindet: Ob Luchs, Wisent oder Rehkitz — die Frage, wer die Spielregeln schreibt, entscheidet über das Schicksal der Tiere.

Pip: Und wer die Spielregeln schreibt, sollte vielleicht nicht gleichzeitig Strafanzeigen gegen die Schiedsrichter koordinieren. Bis zur nächsten Folge.

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