«Ich habe geschossen und es sofort bereut»: Vor Gericht entlarvt sich die Hobby-Jagd als Sport
Ein junger Mann steht weinend vor dem Polizeigericht im französischen Departement Loire.

Anfang zwanzig, Angestellter eines Wasserwerks in Unieux.
Im November 2024 sah er ein Wildschwein aus dem Gehölz treten, griff zum Gewehr, das er nach eigener Aussage während der Saison ständig im Auto mitführt, und drückte ab. «Ich habe geschossen und es sofort bereut», sagte er laut «Le Progrès» vor den Richtern. Der Fall klingt nach einem einmaligen Ausrutscher. Tatsächlich legt er etwas viel Grundsätzlicheres offen.
Der Verband sorgt sich um «das Ansehen seines Sports»
Die Zeitung «Le Progrès» berichtete am 24. Mai 2026 über eine ganze Reihe von Hobby-Jägern, die sich wegen Anlockens, Wilderei oder der fehlenden Kennzeichnung erlegten Wilds vor Gericht verantworten mussten. Bemerkenswert ist dabei nicht der einzelne Regelverstoss, sondern die Begründung, mit der der Jagdverband hart gegen solche Fälle vorgeht: Sie schadeten «dem Ansehen ihres Sports».
Damit sagt die Jägerschaft selbst, was sie sonst mit grossem Aufwand bestreitet. Wer von seinem Sport spricht, betreibt ein Hobby. Ein Hobby aber begründet keinen behördlichen Auftrag, keine Notwendigkeit und schon gar keinen Dienst an der Allgemeinheit. Es ist Freizeitvergnügen, und nichts anderes.
«Fünfzehn Füchse pro Jahr»: die Jahresbilanz als Punktestand
In derselben Berichterstattung fällt der Satz, der dem Bericht seine Schlagzeile gibt: «Ich mache fünfzehn Füchse pro Jahr.» Wer seine getöteten Tiere wie einen persönlichen Punktestand zählt, beschreibt kein ökologisches Management. Er beschreibt eine Freizeitbeschäftigung mit Zielvorgabe, eine Art Saisontabelle.
Genau an dieser Stelle zerbricht die zentrale Schutzbehauptung der Hobby-Jagd. Solange das Töten als nüchterne, ungeliebte Pflichtaufgabe verkauft wird, lässt sich der Anschein eines öffentlichen Auftrags aufrechterhalten. Sobald aber ein Hobby-Jäger im Gerichtssaal stolz oder beiläufig seine Jahresbilanz nennt, fällt diese Fassade. Das geltende Jagdrecht liefert dafür den passenden Rahmen, indem es den Fuchs ganzjährig zum Abschuss freigibt.
Der Mythos vom öffentlichen Auftrag
Frankreich liefert das Lehrstück dazu im Grossformat. Zwischen 600’000 und einer Million Füchse werden dort Jahr für Jahr getötet, der Beutegreifer gilt offiziell als «Art, die Schäden verursachen kann». Eine wissenschaftliche Grundlage fehlt: Die französische Lebensmittel- und Umweltbehörde ANSES kam bereits 2023 zum Schluss, dass keine Fuchstötung aus gesundheitlichen Gründen gerechtfertigt sei. Der Fuchs reguliert Mäusebestände, hält Krankheiten in Schach und stabilisiert das Gleichgewicht. Er ist Nützling, nicht Schädling.
Selbst der französische Senat windet sich um eine ehrliche Einordnung und schreibt, die Jagd lasse sich «weder auf einen Sport noch auf eine Freizeitbeschäftigung noch auf eine Regulierungsaufgabe reduzieren». Diese Formel ist der Versuch, alles gleichzeitig zu sein und nichts davon belegen zu müssen. Die Gerichtsfälle aus der Loire zeigen, wie wenig davon im Alltag übrig bleibt. Aus dem angeblichen Auftrag wird ein Gewehr im Kofferraum, das bei der erstbesten Gelegenheit gezückt wird.
Wilderei dort, wo «jeder weiss», dass gewildert wird
Der Tatort Pascals ist kein Zufall. «Jeder weiss, dass in diesem Gebiet gewildert wird», zitiert «Le Progrès» das französische Amt für Biodiversität. Das Wasserwerk ist als Wildschwein-Revier bekannt, auch unter den Angestellten, zu denen der junge Mann zählt. Wo das Töten zum offenen Geheimnis wird, verschwimmt die Grenze zwischen legaler Hobby-Jagd und schlichter Wilderei vollends. Beides folgt derselben Logik: Da ist ein Tier, also wird geschossen.
Der Impuls, nicht die Notwendigkeit
«Ich dachte nicht nach, ich griff nach meinem Gewehr. Ich dachte: Das schaffe ich.» Pascals eigene Schilderung ist die ehrlichste Beschreibung des Mechanismus, den die Psychologie der Jagd seit Langem benennt. Es ist der Reiz des Treffers, der Jagdtrieb des Menschen, die Lust am Erlegen. Es ist nicht der kühle Verstand eines Sachwalters, der eine Population im Auftrag der Behörden steuert.
Genau diese Unterscheidung ist entscheidend. Ein öffentlicher Auftrag wird nüchtern, kontrolliert und nachvollziehbar erfüllt. Ein Hobby lebt vom Impuls. Pascals Tränen ändern daran nichts. Sie bestätigen nur, dass hier kein Profi am Werk war, der eine Aufgabe erledigte, sondern ein Mensch, der einer Versuchung erlag.
Was bleibt
Der Bericht aus dem Departement Loire ist deshalb wertvoller als hundert Streitgespräche. Nicht Tierschützer behaupten hier, die Hobby-Jagd sei Sport. Der Jagdverband selbst nennt sie so, wenn er um ihren Ruf fürchtet. Und die Hobby-Jäger selbst bestätigen es, wenn sie ihre Jahresbilanz an Füchsen vorrechnen oder ein Wildschwein erlegen, weil sie es gerade «schaffen» könnten.
Eine Tätigkeit, die ihre Befriedigung aus dem Töten zieht und die ihre Trefferquote zählt, verdient keinen Schutz als gemeinnützige Dienstleistung. Sie ist, was sie ist: ein Freizeitvergnügen auf Kosten von Wildtieren. Wer das verstanden hat, betrachtet jede Forderung nach mehr Abschüssen und längeren Schonzeit-Ausnahmen mit anderen Augen. Es geht nicht um Naturschutz, es geht um den Erhalt eines Hobbys.
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