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Rehjagd im Kanton Bern: Was das Plattform-J-Porträt einer Hobby-Jägerin ausblendet

Ein Medienporträt zum Start der Berner Rehjagd zeigt die Hobby-Jagd als stilles Naturerlebnis und lässt ihre Widersprüche unkommentiert.

Redaktion Wild beim Wild — 1. Oktober 2026
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Am 1. Oktober hat im Kanton Bern die Rehjagd begonnen.

Zum Saisonstart holt die Berner Plattform J ein Porträt aus dem Archiv: Eine Redaktorin begleitete im Herbst 2024 eine Hobby-Jägerin auf die Ansitzjagd, der Text erschien erstmals am 9. Oktober 2024. Die Wiederveröffentlichung gehört zur Reihe «Frauen in Männerdomänen» und wird mit dem hauseigenen Gewinnspiel «Jagdfieber» verknüpft, bei dem die Leserschaft im Herbst selbst «auf die Jagd» geht. Bei diesem Spiel fliesse am Ende Geld statt Blut, schreibt die Redaktion sinngemäss.

Das Porträt zeigt ein ruhiges Bild: Nebel über dem Feld, Warten auf den Sonnenaufgang, ein Fuchs, der verschont wird. Unter dem Titel «Das Bauchgefühl entscheidet» erklärt die Hobby-Jägerin, die Vorurteile gegen die Hobby-Jagd beruhten auf Einzelfällen, die Hobby-Jagd verhindere Schäden am Wald, Wildbret sei Bio-Fleisch und Spaziergänger müssten keine Angst haben. Eingeordnet werden diese Aussagen nicht. Wild beim Wild hat sie mit den amtlichen Vorgaben und dem Stand der Forschung verglichen.

Was die amtlichen Jagdzeiten tatsächlich vorsehen

Plattform J schreibt, die Rehjagd finde bis zum 15. November jeweils am Montag, Mittwoch und Samstag statt. Das sind die regulären Jagdtage, für die laufende Saison ist die Angabe aber unvollständig. Die Jagdordnung 2026/2027 der kantonalen Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion sieht in den Wildräumen 1, 4, 5, 7 und 10 zusätzlich eine Donnerstagjagd auf Rehe in ausgewählten Schwerpunktgebieten vor. Pro Hobby-Jäger können laut derselben Jagdordnung bis zu neun Rehe erworben werden.

Auch das Bild vom Herbst als Jagdzeit greift zu kurz. Laut der amtlichen Übersicht des Kantons dauert die Jagdzeit für Wildschweine vom 2. August bis 31. Januar, für Füchse, Marderhunde und Waschbären vom 1. September bis 28. Februar. Welche Arten wo, wann und an welchen Tagen bejagt werden dürfen, unterscheidet sich nach Gebiet und Schontagen. Für Erholungssuchende bleibt aber die Tatsache, dass über einen Grossteil des Jahres irgendwo im Kanton mit bewaffneten Hobby-Jägern zu rechnen ist. Wie diese Störung in der öffentlichen Debatte regelmässig unter den Tisch fällt, zeigt auch der Fall aus dem Eschenbergwald.

Der Fuchs und das Bauchgefühl

Die Szene mit dem Fuchs soll Zurückhaltung belegen: Er sehe gesund aus, also bleibe er verschont. Umgekehrt bedeutet das, dass der Fuchs ein mögliches Ziel war und dass ein Blick durch den Feldstecher über Leben und Tod entscheidet. Eine Sichtprüfung ist kein Gesundheitsbefund, und das «Bauchgefühl» ist kein Kriterium der Jagdordnung.

Die Szene passt zudem schlecht zur späteren Aussage, jedes erlegte nichtmenschliche Tier lande auf dem Teller. Füchse werden in der Schweiz praktisch nicht gegessen. Die Fuchsjagd lässt sich mit dem Wildbret-Argument also gar nicht begründen. Wie widersprüchlich die Rechtfertigungen der Hobby-Jäger-Verbände bei der Fuchsjagd ausfallen, dokumentiert der Faktencheck JagdSchweiz argumentiert gegen sich selbst. Die Studienlage zur Wirkung der Bejagung auf Fuchsbestände ist auf der Seite Jagd im Faktencheck zusammengestellt.

Waldschutz durch Hobby-Jagd?

Die Hobby-Jägerin bezeichnet sich als Naturschützerin, weil die Hobby-Jagd Schäden am Wald durch zu hohe Wildbestände verhindere. So einfach ist der Zusammenhang nicht. Jagddruck kann das Verhalten der Rehe und damit die Verteilung des Verbisses beeinflussen: Bejagte Tiere werden scheuer und ziehen sich tagsüber stärker in die Deckung des Waldes zurück, also dorthin, wo die Verjüngung wächst. Ob die Hobby-Jagd Waldschäden mindert, hängt deshalb auch von Jagddruck, Jagdorten und Waldstruktur ab und nicht allein von der Zahl der Abschüsse. Wie die Wald-Wild-Debatte diesen Faktor regelmässig ausklammert, zeigt das Beispiel Luzern.

Der Kanton Genf kennt seit 1974 keine Hobby-Jagd. Regulierende Eingriffe nehmen dort professionelle Wildhüter vor, und der Wald ist nicht zusammengebrochen. Die Erfahrungen sind im Beitrag zum Genfer Jagdverbot beschrieben.

«Bio-Wildbret» ohne Bio-Zertifizierung

«Bio» ist in der Schweiz ein geschützter Begriff mit Zertifizierung und Kontrollen. Erzeugnisse der Jagd sind vom Geltungsbereich der Bio-Verordnung ausgenommen, Wildbret aus frei lebendem Jagdwild ist also nie Bio-zertifiziert. Für seine Abgabe gelten eigene Untersuchungs- und Hygieneregeln, die nicht mit einer Bio-Kontrolle gleichzusetzen sind. Wie das Bio-Narrativ funktioniert, zeigt der Faktencheck «Bio Bio Plus» und andere Legenden.

Davon getrennt zu betrachten ist das Gesundheitsrisiko. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV hält fest, dass Wildfleisch von mit Bleimunition erlegten Tieren hohe Bleiwerte aufweisen kann, und empfiehlt, solches Wild nur selten zu essen. Kinder bis sieben Jahre, Schwangere, Stillende und Frauen mit Kinderwunsch sollen nach BLV vorsorglich ganz auf Wildfleisch verzichten, weil sich die verwendete Munition nicht immer feststellen lässt. Wie Gastronomie und Medien diese Warnhinweise ausblenden, zeigt die Analyse der Bündner Genussstrecke.

Zum Bild vom stillen Ansitz gehört auch, was das Porträt nur am Rand erwähnt: Am Nachmittag wechselt die Hobby-Jägerin zu einer bewegten Jagd mit Hunden, ein Kollege erlegt einen Rehbock. Bei Schüssen auf bewegte Tiere oder unter Zeitdruck steigt das Risiko einer Verwundung, weshalb diese zweite Jagdform eine eigene Einordnung verdient. Was Fehlschüsse und Nachsuchen für die betroffenen Tiere und die eingesetzten Hunde bedeuten, beschreibt der Beitrag Warum es so viele Jagdhunde braucht.

«Keine Angst» im gemeinsam genutzten Wald

Die Hobby-Jägerin berichtet, sie werde nicht selten von Aussenstehenden auf die Hobby-Jagd angesprochen, oft aus Verunsicherung. Ihre Antwort: Man müsse keine Angst haben. Das allgemeine Risiko im Berner Wald lässt sich aus einem Einzelfall nicht beziffern. Dass Unbeteiligte bei einer Jagd aber sehr wohl zu Schaden kommen können, zeigt beispielhaft der Prozess nach einem Treibjagd-Unfall in Harkebrügge, bei dem eine Frau in ihrem eigenen Garten von einem Schrotkorn schwer verletzt wurde. Die Verunsicherung der Waldbesucher ist kein Missverständnis, das sich mit einem Gespräch ausräumen lässt, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf Schusswaffen im Erholungsraum.

Kommentar: Hobby-Jagd als Unterhaltungsformat

Plattform J verpackt das Töten nichtmenschlicher Tiere in drei freundliche Rahmen: als Archivperle, als Emanzipationsgeschichte und als Gewinnspiel. Dass am Ende des Tages ein Rehbock tot ist, erscheint im Text als «Erfolg». Die Behauptung, Kritik an der Hobby-Jagd beruhe auf Einzelfällen, bleibt unwidersprochen, eine jagdkritische Stimme kommt nicht vor.

Der Geschlechterdiskurs lenkt dabei vom Kern ab. Für das Reh spielt es keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau abdrückt. Die Frage ist nicht, wer jagen darf, sondern ob die Hobby-Jagd ihre eigenen Begründungen erfüllt. Aus unserer Sicht betreiben Medien, die ein Gewinnspiel «Jagdfieber» führen und dazu Porträts von Hobby-Jägern ausgraben, Imagepflege statt Journalismus. Das gleiche Muster zeigt sich derzeit beim Sender RTR, der ein Jagdpatent verlost und das «schönste» Erlegerbild kürt. Dass die Bevölkerung die Hobby-Jagd deutlich kritischer sieht, als solche Formate suggerieren, zeigen unabhängige Erhebungen, wie im Beitrag zum Jagdbarometer dargelegt. Weitere Hintergründe bündeln die Dossiers von Wild beim Wild.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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