Eschenbergwald: Hobby-Jäger macht Biker zu den einzigen Störenfrieden
Ein Winterthurer Jagdobmann beklagt illegale Bike-Trails.
«Die geraubte Nacht»
In einem Porträt, das zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschien und am 27. September 2026 von Nau.ch übernommen wurde, begleitet ein Reporter den Winterthurer Jagdobmann Harry Kohler auf einer Autofahrt durch den Eschenbergwald.
Thema ist der Hitzesommer und wie die nichtmenschlichen Tiere ihn überstanden haben. Kohler beschreibt, dass Rehe, Füchse und Dachse unter der Hitze litten, ihre Körperfunktionen herunterfuhren und sich kaum noch bewegten. Sein Fazit ist eindeutig: «Die einzigen, die während der Hitze Probleme verursachten, waren die Biker.» Er verweist auf mehrere illegal angelegte Trails und fordert die Politik zum Handeln auf.
Illegale Trails, zerstörte Absperrungen und selbstgebaute Schanzen sind ein reales Problem und nicht zu beschönigen. Die Frage ist nur, wer hier über Störung spricht und was dabei ausgeblendet wird.
Wer den Wald wirklich rund um die Uhr stört
Biker sind tagsüber und saisonal unterwegs. Die Hobby-Jagd dagegen greift zehn Monate im Jahr und zu jeder Tageszeit in den Lebensraum ein. Ansitze finden in der Dämmerung und in der Nacht statt, genau in den Stunden, in denen viele Wildtiere aktiv sind. Wildschweine werden in mehreren Kantonen nachts mit Nachtsicht- und Wärmebildtechnik bejagt. Im Herbst und Winter folgen Bewegungsjagden mit Treibern, Hunden und Schüssen, die ganze Waldgebiete in Aufruhr versetzen. Hinzu kommt die Baujagd, bei der Hunde in Fuchs- und Dachsbauten geschickt werden.
Zehn von zwölf Monaten: Die Jagdzeiten im Kanton Zürich
Wie lückenlos die Hobby-Jagd das Jahr abdeckt, zeigen die Schonzeiten, die das Bundesamt für Umwelt (BAFU) für 2025 zusammengestellt hat. Für die vier Arten, die Kohler im Artikel selbst erwähnt, gilt im Kanton Zürich:
| Art | Schonzeit | Zum Abschuss freigegeben |
|---|---|---|
| Reh | 1. Januar bis 30. April | 1. Mai bis 31. Dezember |
| Rotfuchs | 1. März bis 15. Juni | 16. Juni bis Ende Februar |
| Dachs | 16. Januar bis 15. Juni | 16. Juni bis 15. Januar |
| Wildschwein | 1. März bis 30. Juni | 1. Juli bis Ende Februar |
Nur im März und April sind alle vier Arten gleichzeitig geschont. Ab Mai werden Rehe geschossen, ab Mitte Juni Füchse und Dachse, ab Juli Wildschweine. Das fällt mitten in die Brut- und Setzzeit, in der Familienhunde bis Ende Juli an die Leine müssen. Und es umfasst den ganzen Hitzesommer, in dem die nichtmenschlichen Tiere nach Kohlers eigener Schilderung geschwächt waren. Zum Vergleich: Im Kanton Genf sind alle vier Arten das ganze Jahr geschützt.
Die Forschung zeigt, was das für die nichtmenschlichen Tiere bedeutet: Bejagte Arten reagieren mit grösseren Fluchtdistanzen, verschieben ihre Aktivität in die Nacht und stehen unter anhaltendem Stress. Die Belege dazu sind im Faktencheck zur Hobby-Jagd zusammengetragen. Ein Mountainbike auf einem illegalen Trail ist eine Störung. Ein Schuss in der Nacht ist für das getroffene Tier das Ende und für alle anderen in Hörweite ein Alarmsignal.
Wenn der Hobby-Jäger zum «Wildhüter» wird
Auffällig ist auch die Begrifflichkeit. Im Artikel wird Kohler einmal als Jagdobmann, dann als Wildhüter bezeichnet. Im Kanton Zürich mit seinem Reviersystem liegt die Aufsicht über die Reviere weitgehend bei den Jagdgesellschaften selbst. Wer als «Wildhüter» vorgestellt wird, ist in diesem Fall also ein Hobby-Jäger, der über den Wald spricht, in dem seine Jagdgesellschaft tötet – ein Etikettenschwindel.
Eine Einordnung dieser Rolle fehlt im Artikel ebenso wie eine Stimme ausserhalb der Jägerschaft. Kohler spricht davon, kranke Tiere zu entnehmen, was im Klartext heisst: Sie werden erschossen. Doch die wenigsten Tiere, die bei der Hobby-Jagd sterben, sind krank. Rehe, Füchse und Wildschweine werden nach Abschussplänen, Jagdzeiten und Streckenzielen getötet, nicht nach Befund. Das zeigen die Daten aus dem Kanton Zürich selbst: Von 21’846 Füchsen, die zwischen 2015 und 2025 im elektronischen Wildbuch als Jagdabschuss verbucht wurden, tragen nur 7,7 Prozent einen Hinweis auf Krankheit oder Verletzung, wie die Auswertung des Zürcher Wildbuchs zeigt. Im Kanton Luzern, wo der Gesundheitszustand erlegter Füchse systematisch erfasst wird, waren über 98 Prozent der Tiere gesund. Das Bild des fürsorglichen Waldhüters, der notfalls Löcher in Bachbette gegraben hätte, blendet diese Seite der eigenen Tätigkeit aus. Dazu gehören auch die Folgen der Nachsuche nach Fehlschüssen.
Kommentar: Zuerst vor dem eigenen Hochsitz kehren
Es ist bequem, eine Gruppe als alleinige Störenfriede zu benennen, wenn man selbst mit Gewehr, Hund und umgebautem Auto durch den Wald fährt. Die Hobby-Jagd stört nicht nur während einer Hitzewelle, sondern zehn Monate im Jahr, tagsüber und nachts. Wer den Wald ernsthaft entlasten will, darf die eigene Freizeitbeschäftigung nicht von der Rechnung ausnehmen.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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