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Luzern rüttelt an Jagdtraditionen, doch die Hobby-Jäger ziehen die Grenze

Luzern hinterfragt gewachsene Jagdtraditionen und erwägt Belohnungen und Strafen für Jagdgesellschaften. Den wirksamsten Waldhelfer klammert die Strategie aber aus.

Redaktion Wild beim Wild · 22. September 2026
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«Erbstück»

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Der Kanton Luzern stellt die eigene Jagdpraxis infrage.

Künftig soll stärker gesteuert werden, wo, wie und welche Tiere erlegt werden. Reh, Rothirsch und Gämse sollen so reguliert werden, dass im Wald wieder genügend junge Bäume nachwachsen. Grundlage ist die kürzlich vorgestellte kantonale Strategie «Wald-Wild-Lebensraum». Bemerkenswert ist dabei weniger die Ankündigung selbst als das Eingeständnis, das in ihr steckt: Nach Jahrzehnten organisierter Hobby-Jagd, für die die Jagdgesellschaften dem Kanton jährlich knapp eine Million Franken Pachtzins zahlen, ist das Verjüngungsproblem ungelöst.

Nicht intensiver, aber gezielter

Projektleiter Michiel Fehr von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald spricht nicht von mehr, sondern von gezielterer Jagd. Handlungsbedarf bestehe nicht überall: Auf knapp der Hälfte der Luzerner Waldfläche wachse der Jungwald trotz Wild ungehindert nach. Anders sei es in weiten Teilen der Voralpen sowie rund um Pilatus, Rigi und Napf, wo einzelne Baumarten wegen des Verbisses ausfielen.

Entscheidend sei nicht nur, wie viele Tiere fallen, sondern welche. Um einen Bestand langfristig zu senken, brauche es genügend weibliche Tiere und Jungtiere. Genau hier legt der Kanton den Finger in die Wunde der Jagdkultur. Fachbereichsleiter Christian Hüsler räumt ein, unter Hobby-Jägern sei es «teilweise immer noch verpönt», weibliche oder junge Tiere zu erlegen. Dazu kämen ungeschriebene «Anstandsregeln», etwa die, pro Tag nicht mehr als ein Reh zu schiessen. Solche Traditionen erschwerten eine wirksame Regulierung. Damit bestätigt die Behörde, was Kritikerinnen und Kritiker seit Langem festhalten: Die Hobby-Jagd folgt einer Freizeit- und Trophäenlogik, nicht einem ökologischen Auftrag. Mehr dazu im Dossier Wald-Wild-Konflikt: Was das Verbiss-Narrativ verschweigt.

Bonus ja, Bestrafung nein

Am meisten zu reden gibt ein geprüftes Bonus-Malus-System für Jagdgesellschaften. Reviere, die ihre Ziele erreichen, sollen gewürdigt werden, so die Idee, ähnlich wie im Waldbau. Wie das konkret aussieht, ist offen. Der Verband Revierjagd Luzern trägt den Kurs grundsätzlich mit, zieht aber eine klare Grenze: gegen Anreize habe man nichts, eine finanzielle Bestrafung sei jedoch «nicht tragbar». Präsident Fabian Stadelmann, der für die SVP im Kantonsrat sitzt, verweist auf Witterung, Freizeitdruck und Wanderbewegungen des Wildes, Faktoren also, die eine Jagdgesellschaft nicht steuern kann.

Der Einwand ist nicht falsch, entlarvt aber die Grundhaltung. Man reklamiert die Belohnung, weist die Rechenschaft jedoch zurück. Wer für ein exklusives Nutzungsrecht knapp eine Million Franken zahlt und öffentlich als Naturschützer auftritt, kann sich der messbaren Verantwortung schwer entziehen. Wie schmal die tatsächliche ökologische Bilanz der Hobby-Jagd ausfällt, zeigt die Auswertung Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet.

Der ausgeklammerte Waldhelfer

So ehrlich der Kanton die Schwächen der Jagdtraditionen benennt, so konsequent blendet die Strategie den wirksamsten und günstigsten Faktor aus: die Beutegreifer. Wolf und Luchs senken den Verbissdruck nicht nur, indem sie Tiere erlegen, sondern schon durch ihre blosse Anwesenheit, die das Wild wachsamer und beweglicher macht. Genau dieser Effekt fehlt in der Luzerner Handlungslogik als eigener Hebel. Bezeichnend ist der zeitgleiche Widerstand im Nachbarkanton, wo Hobby-Jäger «keine stinkenden Hirsche» wollen, also den natürlichen Vergrämungseffekt der Beutegreifer ausdrücklich ablehnen. Was ein intaktes Beutegreifer-System für den Wald leistet, dokumentiert der Beitrag Ohne Wolf kein Wald: Was Beutegreifer für die Schweiz bedeuten.

Hinzu kommt der überlagernde Druck des Klimawandels. Der Kanton begründet die Dringlichkeit mit Trockenheit und Hitze, doch je stärker der Wald unter Klimastress steht, desto bequemer wird der Verbiss zum Sündenbock für strukturelle Versäumnisse in der Waldbewirtschaftung. Diesen Mechanismus zeigt der Beitrag Verbiss wird zum bequemen Sündenbock.

Immerhin: Hüsler und Fehr betonen selbst, für den Jungwald seien nicht allein die Hobby-Jäger verantwortlich, die Strategie setze auch bei Waldbewirtschaftung, Lebensräumen und Störungen durch Menschen an. Das ist die richtige Einsicht. Sie wäre vollständig, wenn Luzern den Mut hätte, die Beutegreifer nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung zu denken.

Quelle: Susanne Balli, «Bote der Urschweiz», 22. September 2026.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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