10. Mai 2026, 11:15

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Jagd

Luzern und der Rotfuchs: Wenn Politik Fakten ignoriert

Am 12. November 2025 hat Pascal Wolf bei der Luzerner Staatskanzlei eine Petition für den Schutz des Rotfuchses eingereicht. Ein vernünftiges, sachlich begründetes Anliegen: Die Argumente der Hobby-Jäger zur Krankheitsbekämpfung und zur angeblichen Bedrohung der Biodiversität durch den Fuchs seien wissenschaftlich nicht evident. Genau das ist der Punkt. Genau das ist seit Jahrzehnten Stand der Forschung.

Redaktion Wild beim Wild — 8. Mai 2026

Die Antwort der Kommission Raumplanung, Umwelt und Energie (RUEK) unter Präsident Michael Kurmann liest sich, als wäre sie direkt aus einer Stellungnahme von JagdSchweiz abgeschrieben worden.

Die Petition sei «weder sachlich noch wirtschaftlich sinnvoll». Eine Unterschutzstellung bringe «keinen erkennbaren Nutzen». Punkt. Akte zu.

Wer den knappen Bericht der RUEK liest, merkt schnell: Hier wurde nicht recherchiert, sondern abgenickt. Der Petitionär wurde nicht einmal angehört. Stattdessen liess sich die Kommission ausschliesslich vom BUWD belehren, also genau von jener Verwaltung, die seit Jahrzehnten am Status quo der Hobby-Jagd hängt.

Der grosse Bluff: «Nur Genf macht es anders»

Im RUEK-Bericht steht der Satz, der das ganze Argumentationsgebäude zum Einsturz bringt: «Ausser im Stadtkanton Genf wird der Fuchs in der ganzen Schweiz bejagt.» Das ist zwar formal nicht falsch, aber es ist eine bewusst verkürzte Darstellung. Denn der Blick über die Landesgrenze und in andere Kantone erzählt eine ganz andere Geschichte.

Luxemburg: seit über zehn Jahren ohne Fuchsjagd

Das Grossherzogtum Luxemburg hat 2015 ein totales Fuchsjagdverbot eingeführt. Seither wird das Verbot Jahr für Jahr verlängert, zuletzt durch eine Verordnung, die Füchse gleich für mehrere Jahre im Voraus schützt. Selbst nach dem Regierungswechsel 2023, als die christlich-soziale CSV den Umweltminister stellt, blieb das Verbot bestehen.

Die Begründung des luxemburgischen Umweltministeriums sitzt: «Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Hinweise für einen negativen Einfluss auf die Biodiversität durch den Fuchs.» Das Verschwinden von Rebhuhn oder Feldhase liege an der Intensivierung der Landwirtschaft, nicht am Fuchs.

Noch interessanter ist der Befund zum Fuchsbandwurm, der von der Schweizer Hobby-Jäger-Lobby regelmässig als Schreckgespenst bemüht wird: In Luxemburg ist die Befallsrate seit Einführung des Jagdverbots gesunken. War sie 2014 bei anhaltender Bejagung auf 39,7 Prozent gestiegen, lag sie acht Jahre später bei unter 10 Prozent. Bejagung verbreitet den Bandwurm, Schutz reduziert ihn. Das ist die nüchterne luxemburgische Datenlage.

Kanton Genf: seit 1974 ohne Hobby-Jagd

Im Kanton Genf hat die Bevölkerung 1974 die Milizjagd abgeschafft. Seither erfolgt die Wildtierregulation durch professionell ausgebildete staatliche Wildhüter. In der letzten Jagdsaison wurden in Genf null Füchse zum Freizeitvergnügen erschossen. Drei Vollzeitstellen reichen für Regulation und Prävention. Die Wildschadenbilanz ist im langjährigen Mittel vergleichbar mit Kantonen, in denen Hobby-Jäger frei walten dürfen, etwa Schaffhausen.

Die ganzen Kosten für das Wildtiermanagement in Genf belaufen sich auf rund eine Million Franken pro Jahr. Das entspricht ungefähr einer Tasse Kaffee pro Einwohner. So viel zur Behauptung der RUEK, eine Unterschutzstellung wäre mit «erheblichen Mehrkosten» verbunden, denen kein Nutzen gegenüberstehe.

Kanton Tessin: Fuchsjagd nur marginal

Auch im Kanton Tessin sieht die Realität anders aus, als die RUEK glauben machen will. Die Hobby-Jagd auf den Fuchs ist dort eine absolute Randerscheinung. Tessiner Hobby-Jäger interessieren sich primär für Hirsch, Reh, Gämse und Wildschwein während der Hochjagd. Der Fuchs ist statistisch praktisch irrelevant. Ein realistisches Bild der Schweiz wäre also: ein Kanton ohne Fuchsjagd, ein Kanton mit kaum vorhandener Fuchsjagd, ein Nachbarland mit totalem Verbot. Die RUEK reduziert diese Realität auf eine Randnotiz.

Und der Rest Europas?

In Grossbritannien ist die klassische Fuchshetzjagd mit Hunden seit 2005 in England und Wales und schon länger in Schottland verboten. In den Niederlanden ist die Fuchsjagd stark eingeschränkt. Die Schweiz mit ihrer flächendeckenden Fuchsbejagung ist nicht der Normalfall, sondern ein europäischer Hinterwäldler.

Die Ökonomie-Lüge der RUEK

Die Kommission argumentiert, eine Unterschutzstellung wäre teuer. Bei genauerem Hinsehen ist das eine Nebelkerze. Was kostet die Hobby-Jagd den Kanton Luzern wirklich? Wildunfallbearbeitung, Nachsuchen, Hegeabschüsse, Beratungen, Sensibilisierung, Fallenfang im Siedlungsgebiet – all das wird im RUEK-Bericht als Verdienst der 122 Jagdgesellschaften dargestellt. Das Genfer Modell zeigt: Diese Aufgaben können staatliche Wildhüter mit ein paar Vollzeitstellen erledigen. Professionell, kontrolliert, wissenschaftlich, transparent. Ohne Pachtsystem, ohne Eigeninteressen, ohne Trophäenmentalität.

Die Behauptung, das wäre teurer, hält keiner Überprüfung stand. Sie ist ein politisches Argument, kein ökonomisches.

Drei Sätze, drei Verdrehungen

Den entlarvenden Kern des RUEK-Berichts findet man in einem einzigen Abschnitt: «Eine Unterschutzstellung des Rotfuchses bringt keinen erkennbaren Nutzen, weder für den Menschen noch für die Natur noch für den Rotfuchs selbst. Eine Unterschutzstellung führt zusätzlich zu erheblichen Mehrkosten. Eine kantonale Unterschutzstellung der nach Bundesrecht jagdbaren Art Fuchs wird deshalb von der RUEK weder als sachlich noch als wirtschaftlich sinnvoll und begründet erachtet.

Drei Sätze, drei Verdrehungen. Es lohnt sich, diesen Abschnitt auseinanderzunehmen.

«Keinen erkennbaren Nutzen, auch nicht für den Rotfuchs selbst»

Das ist die wohl zynischste Formulierung des ganzen Berichts. Die RUEK behauptet allen Ernstes, der Schutz des Rotfuchses bringe «dem Rotfuchs selbst» keinen Nutzen. Übersetzt heisst das: Es ist für den Fuchs egal, ob er erschossen wird oder nicht. Der lebende Fuchs hat keinen erkennbaren Vorteil gegenüber dem toten Fuchs.

Das ist keine sachliche Einschätzung mehr. Das ist eine moralische Bankrotterklärung. Das schweizerische Tierschutzgesetz verlangt einen «vernünftigen Grund» für das Töten eines Tieres. Die RUEK dreht diese Logik um: Sie behauptet, das Nichttöten brauche eine Rechtfertigung. Der Fuchs muss sich quasi entschuldigen, dass er existiert.

Die Aussage ist auch faktisch falsch. Wildbiologisch ist längst belegt, dass intensive Bejagung Fuchspopulationen destabilisiert, höhere Reproduktionsraten provoziert und Wanderbewegungen verstärkt. Im Bayerischen Nationalpark, wo Füchse nicht bejagt werden, liegt die Wurfgrösse bei rund 1,7 Welpen pro Füchsin, in intensiv bejagten Revieren ist sie etwa dreimal so hoch. Schutz nützt also dem einzelnen Fuchs, der Population, die sich einpendelt, und letztlich auch dem Menschen durch weniger Bandwurmübertragung und stabilere Bestände.

«Erhebliche Mehrkosten»

Das ist die ökonomische Nebelkerze. Genf zeigt seit 1974 das Gegenteil: drei Vollzeitstellen Wildhut, rund eine Million Franken pro Jahr für das gesamte Wildtiermanagement, eine Tasse Kaffee pro Einwohner. Inklusive Wildschadenvergütung.

Was die RUEK verschweigt: Die Hobby-Jagd in Luzern ist kein Geschenk an den Steuerzahler. Sie kostet auch. Verwaltungsaufwand für 122 Pachtverträge, Jagdaufsicht, Koordination, Konfliktbearbeitung mit der Bevölkerung. Diese Kosten erscheinen im Bericht nirgends. Es wird einfach behauptet, der Status quo sei kostenlos und jede Veränderung teuer. Das ist Buchhaltung nach Wunschdenken.

«Weder sachlich noch wirtschaftlich sinnvoll und begründet»

Hier wird die Form zum Inhalt. «Sachlich nicht sinnvoll» ohne einen einzigen wissenschaftlichen Beleg. «Wirtschaftlich nicht sinnvoll» ohne eine einzige Zahl. «Nicht begründet» in einem Bericht, der selbst nicht begründet ist.

Das ist die rhetorische Endstufe: Man behauptet, die Gegenseite habe keine Argumente, und liefert selbst keine. Die RUEK macht es sich zur Methode, das Gegenüber durch blosse Negation zu erledigen.

Was der Abschnitt eigentlich sagt

Wenn man die juristische Verpackung entfernt, lautet die Botschaft: Wir, die Luzerner Politik, haben kein Interesse an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Hobby-Jagd auf den Fuchs. Wir haben kein Interesse daran, die luxemburgische Datenlage zu prüfen. Wir haben kein Interesse am Tierschutzgesetz. Wir haben kein Interesse an der Wildtierforschung. Wir wollen, dass die 122 Jagdgesellschaften ihre Pachten behalten und weiter schiessen können. Punkt.

Das ist der Subtext, und er ist tatsächlich pervers. Pervers, nicht im moralisierenden Sinn, sondern im wörtlichen: verkehrt, verdreht, auf den Kopf gestellt. Eine Petition, die wissenschaftliche Prüfung verlangt, wird mit unwissenschaftlichen Behauptungen abgewiesen. Ein Tier, das Schutz verdient, wird mit dem Argument zurückgewiesen, der Schutz nütze ihm nicht. Eine Kommission, die ergebnisoffen prüfen müsste, formuliert das Ergebnis vor der Prüfung.

Die Krankheits-Lüge: Hobby-Jagd verbreitet, was sie zu bekämpfen vorgibt

Die RUEK übernimmt im Bericht eines der ältesten Jagd-Narrative ungeprüft: Hobby-Jagd auf den Fuchs sei nötig zur «Eindämmung von für den Menschen und Haustiere gefährlichen Krankheiten und Parasiten». Genau dieses Argument hatte Pascal Wolf in seiner Petition als wissenschaftlich nicht evident bezeichnet. Und er hat recht. Denn die Forschung der letzten dreissig Jahre zeigt das exakte Gegenteil: Hobby-Jäger verbreiten Krankheiten, statt sie zu bekämpfen.

Die Mechanik ist biologisch trivial und seit Langem belegt. Wenn intakte Fuchsreviere durch Abschüsse aufgerissen werden, wandern Jungfüchse weiträumig auf der Suche nach freien Territorien umher. Diese Jungtiere sind empfänglicher für Krankheitserreger, sie verteilen Parasiten schneller und über grössere Distanzen, und die durch Bejagung erzwungene erhöhte Reproduktionsrate liefert immer neue Träger nach. Hobby-Jagd fördert die Krankheiten, die sie zu lösen behauptet. Eine intakte Fuchsgesellschaft mit stabilen Revieren tut das Gegenteil: weniger Wanderbewegung, weniger Jungtiere, weniger Übertragung.

Der Kanton Luzern blamiert sich mit den eigenen Zahlen

Hier wird es für die RUEK besonders peinlich. Recherchen der IG Wild beim Wild bei den kantonalen Ämtern für Jagd und Fischerei haben Erstaunliches zutage gefördert: Einzig der Kanton Luzern führt überhaupt eine Statistik über Krankheiten beim Fuchs. Und diese Statistik ist eine Bankrotterklärung für die jagdliche Krankheits-Erzählung.

Im Jagdjahr 2018/19 wurden im Kanton Luzern 2’217 Füchse erschossen. Davon waren laut der eigenen kantonalen Statistik gerade einmal 39 Tiere krank: 32 mit Räude, eines mit Staupe, sechs mit anderen Befunden. Das sind 1,76 Prozent. Knapp 98 Prozent der von Luzerner Hobby-Jägern erschossenen Füchse waren also kerngesund und wurden zu nichts anderem als Sondermüll, entsorgt auf Kosten des Steuerzahlers. Wenn die RUEK behauptet, die Fuchsjagd diene der Eindämmung von Krankheiten, müsste sie diese Zahl kennen. Tut sie das nicht, ist sie inkompetent. Tut sie es doch und schweigt, ist sie unredlich.

Fuchsbandwurm: das Schweizer Jagd-Narrativ stürzt

Eine vierjährige Studie aus der Region Nancy hat untersucht, ob intensivierte Fuchsjagd die Verbreitung des Fuchsbandwurms eindämmt. Das Ergebnis ist niederschmetternd für die Jagd-Lobby: 1’700 Arbeitsstunden, 15’000 Kilometer nächtliche Autofahrten, 776 erschossene Füchse, eine Erhöhung des Jagddrucks um 35 Prozent. Die Fuchspopulation wurde nicht reduziert. Die Befallsrate mit dem Fuchsbandwurm stieg im intensiv bejagten Gebiet von 40 auf 55 Prozent, während sie im Vergleichsgebiet konstant blieb. Der Studientitel ist programmatisch: «Echinococcus multilocularis management by fox culling: An inappropriate paradigm.»

Luxemburg liefert das Gegenexperiment in der Praxis: Seit Einführung des Jagdverbots ist die Befallsrate der Füchse mit dem Fuchsbandwurm gesunken, nicht gestiegen. Das wirksame Mittel sind Entwurmungsköder, nicht Bleimunition. Die RUEK kennt diese Daten nicht oder will sie nicht kennen.

Der Fuchs als Gesundheitspolizist

Was die RUEK zudem ignoriert: Ein einzelner Fuchs frisst rund 4’000 Mäuse pro Jahr. Mäuse sind die zentralen Wirte für Zecken, und Zecken übertragen Borreliose, FSME und Hantaviren. Wer Füchse bejagt, bejagt damit indirekt das eigene Immunsystem. Mehr Mäuse bedeuten mehr Zecken. Mehr Zecken bedeuten mehr durch Zecken übertragene Krankheiten. Die Kantone, die am intensivsten Füchse abschiessen lassen, haben statistisch die meisten Probleme mit wildtierbedingten Krankheiten. Der Kanton Luzern gehört zu dieser Gruppe.

Wenn die RUEK schreibt, eine Unterschutzstellung des Fuchses bringe «keinen erkennbaren Nutzen» für den Menschen, ist das nicht nur tierschutzwidrig. Es ist auch gesundheitspolitisch fahrlässig.

Wenn aus 122 Jagdgesellschaften Statistik wird

Im Jagdjahr 2022/23 haben die rund 10’000 Schweizer Niederjäger 18’943 Beutegreifer erschossen. Davon ein erheblicher Anteil Rotfüchse. Über fünf Jahre ergibt das eine Strecke von rund 100’000 Füchsen, getötet auf einer Fläche, die nicht einmal so gross ist wie das Bundesland Bayern.

Wer in Luzern als Hobby-Jäger Pacht abschliesst, möchte schiessen. Das ist der Kern. Und für diese Schiesslust werden seit Jahrzehnten dieselben Mythen recycelt: Tollwutbekämpfung (in der Schweiz seit 1998 ausgerottet, übrigens nicht durch Abschüsse, sondern durch Impfköder), Fuchsbandwurm (in Luxemburg ohne Bejagung deutlich rückläufig), Schutz von Bodenbrütern (deren Rückgang die luxemburgische Umweltministerin wissenschaftlich klar der Lebensraumzerstörung zuordnet), Räude. Auch die These, der Fuchs müsse zum Schutz der Wälder reduziert werden, hält der Realität nicht stand.

Dieses Argumentekarussell hat eine erkennbare Logik: Sobald ein Argument widerlegt ist, wird das nächste nachgeschoben. Das eigentliche Motiv, die Lust am Jagen, wird nie offen ausgesprochen. Besonders fragwürdig ist die nächtliche Passjagd an Luderplätzen, die in Luzern weiterhin erlaubt ist.

Die Psychologie hinter dem Luzerner RUEK-Bericht

Wer den RUEK-Bericht zynisch nennt, hat formal recht. Wer ihn nur zynisch nennt, greift zu kurz. Hinter der Reflexabwehr der Petition steckt eine erkennbare jagdpsychologische Struktur, die im Kanton Luzern besonders ausgeprägt ist. Die Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Luzern erklärt, warum eine sachlich harmlose Petition mit derart aggressiver Argumentationsverweigerung beantwortet wird.

Revierjagd als Loyalitätssystem

Das Luzerner Revierjagdsystem basiert auf mehrjährigen Pachtverträgen mit 122 Jagdgesellschaften. Wer das Revier hat, hat die Deutungshoheit über den Wildbestand im Gebiet. Wer zu wenig schiesst, riskiert den Pachtvertrag. Das ist ein klassisches Insidermodell: Zugang zu Ressourcen schafft Loyalität, Loyalität schützt den Zugang. Wer nicht dazugehört, versteht angeblich «die Realität vor Ort» nicht. Wissenschaftliche Kritik, Tierschutzargumente und rechtliche Einwände werden als Meinungen von Aussenstehenden abgetan.

Genau diese Mechanik findet sich im Verhalten der RUEK wieder. Pascal Wolf wurde nicht angehört, weil er kein Insider ist. Das BUWD wurde konsultiert, weil es Teil des Systems ist. Eine Kommission, die mit dem jagdlichen Milieu eng verflochten ist, hat keinen institutionellen Anreiz, dieses Milieu zu hinterfragen. So immunisiert sich ein System gegen Selbstreflexion, während es gleichzeitig öffentliche Mittel beansprucht, die in Wirklichkeit primär dem Schutz jagdlicher Privilegien dienen.

Der stille Luchs-Rückgang als Spiegel

Im Kanton Luzern nimmt die Anzahl der Luchse ab, obwohl geeignete Lebensräume vorhanden sind. Eine streng geschützte Art verschwindet aus passendem Habitat, und die Verwaltung betreibt keine erkennbare kritische Ursachenanalyse. Psychologisch ist das aufschlussreich: Wo der Luchs Rehe entnimmt, die die Hobby-Jägerschaft für sich beansprucht, ist er kein Partner, sondern Konkurrenz. Ein Rückgang löst im jagdlichen Milieu keine Alarmreaktion aus, sondern stille Erleichterung.

Übertragen auf den Fuchs ergibt sich dasselbe Muster. Der Fuchs ist im jagdlichen Selbstverständnis nicht Mitgeschöpf, sondern «Raubwild», also Konkurrent. Wer die Hobby-Jagd auf den Fuchs einschränken will, greift nicht eine Praxis an, sondern ein Identitätsmuster. Deshalb fällt die Reaktion der RUEK so aggressiv aus, obwohl die Petition nüchtern eine Prüfung verlangt hat.

Der Jagdkalender als Anspruchskultur

Der Luzerner Jagdkalender 2025/26 umfasst Rothirsch, Reh, Wildschwein, Feldhase, Fuchs, Dachs, Stein- und Baummarder, Eichhörnchen und Kormoran. Die Saison erstreckt sich für verschiedene Arten über praktisch das gesamte Jahr. Was sich wie eine sachliche Auflistung liest, ist in Wirklichkeit eine Lizenz zur ganzjährigen Intervention in das Leben wildlebender Tiere. Tierarten, die in keiner ökologischen Krisenlage sind und für deren Bejagung es keine wissenschaftliche Begründung gibt, stehen gleichberechtigt neben Arten, für die zumindest rudimentäre Regulierungsargumente existieren.

Die Petition Pascal Wolfs hat diese Anspruchskultur an einem einzigen Punkt angekratzt, beim Fuchs. Selbst dieser minimale Eingriff wurde reflexhaft abgewehrt. Das verrät, wie wenig verhandelbar das System die eigene Praxis sieht.

Vorsorglicher Alarmismus statt Wissenschaft

Im Kanton Luzern, wo der Wolf bisher kaum präsent ist, werden bereits «Regulierungskompetenzen» eingefordert, bevor die Tiere überhaupt ankommen. Das gleiche Muster zeigt der RUEK-Bericht beim Fuchs: vorsorgliche Schreckensszenarien zu Mehrkosten und gefährlichen Krankheiten, ohne dass diese mit Daten unterlegt werden. Die psychische Disposition der Hobby-Jagd arbeitet mit Bedrohungsbildern, weil das Selbstverständnis als unverzichtbare Ordnungsmacht nur funktioniert, solange eine angebliche Gefahr abzuwehren ist.

Das ist der Subtext des RUEK-Schlüsselsatzes «keinen erkennbaren Nutzen, weder für den Menschen, die Natur noch für den Rotfuchs selbst». Übersetzt heisst er: Solange wir behaupten dürfen, dass Schutz schade und Töten nütze, müssen wir unsere Praxis nicht verändern. Das ist keine Sachargumentation. Das ist Identitätsverteidigung.

Aggressivität als Selbstbeschreibung

Psychologische Studien zeigen: Hobby-Jäger beurteilen sich selbst eindeutig aggressiver als Nichtjäger. Im niederländischen E-Screener-Test fällt jeder fünfte Jagdscheinanwärter durch. Die Schweiz kennt einen solchen Test bis heute nicht. Im Kanton Luzern bedeutet das: 122 Jagdgesellschaften mit hunderten von Hobby-Jägern, von denen statistisch ein erheblicher Teil einen unabhängigen psychologischen Eignungstest nicht bestehen würde. Diese Hobby-Jäger schiessen jährlich rund 2’000 Füchse.

Wenn die RUEK das gegen jede Evidenz verteidigt, verteidigt sie nicht nur ein Verwaltungssystem. Sie verteidigt eine Subkultur, die mit Schusswaffen, ganzjährigem Tötungsrecht und null gesellschaftlicher Aufsicht über das Leben von zehntausenden Wildtieren entscheidet. Eine Subkultur, deren Selbstverständnis sich genau dann bedroht fühlt, wenn jemand Aussenstehender, etwa ein Petitionär aus Luzern, die einfachste aller Fragen stellt: Warum eigentlich?

Selbst Hobby-Jäger nennen die Fuchsjagd sinnlos

Was die RUEK in ihrem Bericht nicht erwähnt: Die Kritik an der Fuchsjagd kommt längst nicht mehr nur von Tierschutzorganisationen. Sie kommt aus der Wildbiologie, aus dem Tierschutzrecht und sogar aus den eigenen Reihen der Hobby-Jagd. Wer den aktuellen Stand der Diskussion kennt, weiss: Die Verteidigung der Fuchsjagd ist eine zunehmend einsame Position.

Franz Balmer aus dem Kanton Zürich: «Wir schaden dem Ansehen der Jagd»

Im November 2025 berichtete der Tagesanzeiger über einen Fall, der die innere Spaltung der Schweizer Hobby-Jagd offenlegt. Franz Balmer ist seit 13 Jahren Hobby-Jäger im Kanton Zürich. Als sein eigener Jagdverband in einem Verbandsbulletin die Fuchsjagd mit den üblichen Schlagworten verteidigte, schrieb er einen verärgerten Brief an die Redaktion. Sein zentraler Satz: «Wir schaden dem Ansehen der Jagd so mehr, als dass wir ihm nützen.»

Balmer kritisiert seinen Verband dafür, an überholten Behauptungen festzuhalten und wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren. Statt offen über Sinn und Unsinn der Fuchsjagd zu diskutieren, verteidige der Verband eine Tradition um jeden Preis. Genau das tut auch die RUEK Luzern. Wenn ein Mann, der die Praxis der Fuchsjagd seit 13 Jahren aus erster Hand kennt, zu diesem Schluss kommt, ist die Position der RUEK fachlich und ethisch nicht mehr haltbar.

Im selben Tagesanzeiger-Artikel kommt die Wildtierbiologin Sandra Gloor zu Wort. Ihre Aussage ist eindeutig: Der Abschuss eines einzelnen Fuchsrüden oder einer Füchsin aus einem Familienverband bewirke «absolut nichts». Die Fuchsjagd habe keinen nachhaltigen Einfluss auf die Gesamtpopulation. Die Schweizer Jagdausbildung vermittle meist nur formale Regeln statt aktueller Erkenntnisse zur Fuchsbiologie. Letzteres trifft die RUEK direkt: Eine Kommission, die sich auf Aussagen des BUWD stützt, ohne wildbiologische Fachpersonen wie Sandra Gloor anzuhören, arbeitet auf einem Wissensstand der 1980er Jahre.

Robert Brunold aus dem Kanton Graubünden: «Nötig ist die Niederjagd nicht»

Auch Robert Brunold, Ex-Präsident der Hobby-Jäger Graubünden, hat öffentlich zugegeben, was die RUEK partout nicht zugeben will: «Nötig ist die Niederjagd nicht, aber berechtigt. So könne man sich auch fragen, ob es sinnvoll sei, Beeren und Pilze im Wald zu sammeln.» Ein höchster Vertreter der Bündner Hobby-Jagd-Lobby vergleicht das Töten gesunder Wildtiere mit dem Sammeln von Pilzen. Damit räumt er ein, was die Wildbiologie seit dreissig Jahren belegt: Die Fuchsjagd erfüllt keine ökologische oder gesundheitspolitische Funktion. Sie ist Freizeitbeschäftigung. Mehr nicht.

Wenn ein Jagdverbandspräsident die Niederjagd selbst auf das Niveau einer Pilzsuche stellt, ist die Argumentation der RUEK noch peinlicher. Die Kommission verteidigt nicht eine Notwendigkeit, sondern ein blutiges und tierquälerisches Hobby, das die eigenen Funktionäre offen als unnötig bezeichnen.

Die juristische Front: kein vernünftiger Grund

Die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht hat in einer ausführlichen Stellungnahme festgehalten, dass es bei der Fuchsjagd unter heutigen Rahmenbedingungen regelhaft am im Tierschutzgesetz geforderten vernünftigen Grund fehlt. Eine tierschutzgerechte Fuchsjagd sei nur in eng begrenzten Ausnahmefällen denkbar. Die Jagd auf Füchse wird damit als Ausdruck eines überholten Jagdverständnisses eingeordnet, als praktisch unvereinbar mit dem Staatsziel Tierschutz.

Lovis Kauertz, Vorsitzender von Wildtierschutz Deutschland, fasst zusammen: «Es kann doch nicht sein, dass der Gesetzgeber sich dermassen dem Dogma der Lobbyorganisationen der Hobby-Jäger unterordnet, sodass nicht einmal dieser Mindeststandard des Tierschutzes für Füchse und andere Beutegreifer gilt.» Genau das tut die RUEK Luzern. Sie unterwirft sich dem Dogma einer Lobby, der das Töten gesunder Tiere wichtiger ist als das Tierschutzgesetz.

Die wissenschaftliche Front: 18 Studien, ein Befund

Seit über dreissig Jahren liegen mindestens 18 wildbiologische Studien vor, die belegen: Fuchsjagd reguliert nicht und taugt nicht zur Seuchenbekämpfung. Selbst bei einem Abschuss von drei Vierteln eines Bestands ist im Folgejahr wieder die gleiche Zahl an Tieren da. Je stärker Füchse bejagt werden, desto mehr Nachwuchs gibt es. Die Wildbiologie spricht inzwischen ausdrücklich von einem «inappropriate paradigm», also einem unangemessenen Denkmuster.

Im Bayerischen Nationalpark, wo nicht gejagt wird, liegt die Wurfgrösse bei 1,7 Welpen pro Füchsin. In intensiv bejagten Revieren etwa dreimal so hoch. Die Geburtenrate steuert sich biologisch selbst, sobald der Jagddruck wegfällt. Genau das ignoriert die RUEK.

Die ethische Front: Aktionsbündnis Fuchs und der internationale Widerstand

Heidrun Heidtke vom Aktionsbündnis Fuchs sagt es deutlich: «Wer zum ersten Mal erfährt und sieht, was Baujagd bedeutet, ist völlig erschüttert. Die Erbarmungslosigkeit und Brutalität, mit der Füchsen dabei nachgestellt wird, lässt sich mit den Grundsätzen von Moral, Ethik und Tierschutz nicht vereinbaren.» Eine repräsentative Umfrage des Schweizer Tierschutz STS aus dem Jahr 2017 zeigte: 64 Prozent der Schweizer Bevölkerung unterstützen ein Verbot der Baujagd, nur 21 Prozent wollen sie beibehalten. Die Mehrheit ist längst bei der Tierschutzposition angekommen, nicht bei der Hobby-Jagd.

Was bleibt der RUEK?

Wenn der Ex-Präsident der Bündner Hobby-Jäger zugibt, dass die Niederjagd nicht nötig ist, wenn ein Zürcher Hobby-Jäger seinem eigenen Verband schreibt, die Fuchsjagd schade dem Ansehen der Jagd, wenn die Wildtierbiologin Sandra Gloor klar sagt, der Fuchsabschuss bringe «absolut nichts», wenn die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht den vernünftigen Grund verneint, wenn 18 wildbiologische Studien die Sinnlosigkeit der Fuchsjagd belegen und 64 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Baujagd ablehnen, dann ist die Position der RUEK nicht nur fachlich unhaltbar. Sie ist auch isoliert.

Die Kommission verteidigt eine Praxis, die selbst von ranghohen Hobby-Jägern und langjährigen Hobby-Jägern öffentlich auf das Niveau einer Pilzsuche gestellt wird. Sie verteidigt sie ohne Studien, ohne Daten, ohne Anhörung des Petitionärs. Das ist nicht parlamentarische Sachpolitik. Das ist Loyalität gegenüber einem schrumpfenden Milieu, das die Argumente verloren hat und nur noch die Macht behalten will.

Der ignorierte Volkswille von 2020

Was im RUEK-Bericht völlig fehlt, ist der gesellschaftspolitische Kontext. Am 27. September 2020 hat die Schweizer Stimmbevölkerung das revidierte Jagdgesetz mit 51,9 Prozent abgelehnt. Bundesrat und Hobby-Jagd-Lobby hatten ein Gesetz konzipiert, das den Kantonen mehr Spielraum für Abschüsse von Wolf, Biber, Steinbock und weiteren Arten geben sollte. Die Bevölkerung hat dieses Gesetz an der Urne zurückgewiesen.

Die Botschaft war eindeutig: mehr Schutz für Wildtiere, nicht weniger. Mehr Wissenschaftlichkeit in der Wildtierpolitik, nicht weniger. Weniger Macht für die Hobby-Jagd-Lobby, nicht mehr. Das Volk hat ausdrücklich das Gegenteil dessen verlangt, was die RUEK in ihrem Bericht zementiert.

Eine Kommission, die fünf Jahre nach diesem Volksentscheid die Petition zum Schutz des Rotfuchses mit dem Argument abweist, eine Unterschutzstellung sei «weder sachlich noch wirtschaftlich sinnvoll», ignoriert nicht nur die wissenschaftliche Evidenz. Sie ignoriert auch den politischen Willen der Bevölkerung. Das ist nicht parlamentarische Arbeit im Auftrag der Wählerschaft. Das ist Lobbyarbeit für einer militanten Subkultur, die den Mehrheitswillen verloren hat und ihn mit Kommissionsberichten zu kompensieren versucht.

Was die RUEK übersehen hat (oder übersehen wollte)

Die Petition von Pascal Wolf war nicht naiv. Sie verlangte nicht die sofortige Abschaffung, sondern die Prüfung eines Verzichts auf die Fuchsjagd. Eine Prüfung. Mit offenem Visier. Mit Anhörung des Petitionärs. Mit Einbezug der wildbiologischen Forschung der letzten dreissig Jahre. Mit Blick nach Luxemburg, Genf und in andere Gebiete, in denen die Fuchsjagd längst Geschichte ist.

Genau das hat die RUEK verweigert. Sie hat den Petitionär nicht einmal angehört. Sie hat ausschliesslich das BUWD konsultiert, das in dieser Frage Partei ist. Sie hat den Petitionsbericht in vier knappen Abschnitten abgehandelt und mit einem Antrag versehen, der so vorhersehbar war, dass er auch von einer KI hätte stammen können.

Das ist keine seriöse parlamentarische Arbeit. Das ist eine reflexhafte Verteidigung des Jagdkantons Luzern.

Fazit: Der Bericht der RUEK ist eine verpasste Chance

Pascal Wolf hat dem Kanton Luzern eine Möglichkeit zur Selbstkorrektur angeboten. Eine Möglichkeit, das eigene Jagdregime einmal mit den Realitäten in Luxemburg, Genf und anderen Gebieten abzugleichen. Eine Möglichkeit, den Stand der Wildtierforschung zur Kenntnis zu nehmen. Diese Chance hat die RUEK ungenutzt verstreichen lassen.

Was bleibt, ist ein Bericht, der die Hobby-Jagd-Lobby zufriedenstellt und die Wissenschaft ignoriert. Ein Antrag, die Petition «im Sinne der vorgenannten Feststellungen und Folgerungen zur Kenntnis zu nehmen». Eine politische Geste, mehr nicht.

Der Rotfuchs in Luzern wird weiter geschossen. Nicht, weil es Sinn macht. Sondern weil es bequem ist.

Die schlampige Arbeit der RUEK ist eine politische Chance. Sie macht das Versagen sichtbar, das im Luzerner Wildtiermanagement seit Jahrzehnten unter dem Radar läuft. Der Tagesanzeiger-Bericht zur Kritik aus den eigenen Reihen der Hobby-Jagd verändert den Diskurs: Wer heute die Fuchsjagd noch verteidigt, steht nicht mehr nur gegen Tierschützer, sondern gegen langjährige Hobby-Jäger, Schweizer Wildtierbiologinnen, Jagdverbandspräsidenten und 18 wildbiologische Studien.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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