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Sandrine Rousseau im Visier der Hobby-Jagdlobby: 57’000 fordern Rücktritt, 500’000 einen Jagdstopp

Eine Petition aus dem Fischerei- und Jagdmilieu verlangt den Rücktritt der Grünen-Abgeordneten. Die Petition für eine Schonzeit in den Brandgebieten Frankreichs zählt fast zehnmal so viele Unterschriften.

Redaktion Wild beim Wild — 18. September 2026

Die französische Grünen-Abgeordnete Sandrine Rousseau steht nach ihrem Aufruf zum Widerstand gegen die Hobby-Jagd weiter unter Druck.

Eine Rücktrittspetition, lanciert vom Präsidenten eines Fischereivereins, erreichte am 17. September 56’867 verifizierte Unterschriften. Rousseau wirft ihren Gegnern vor, von der entscheidenden Frage abzulenken: Was geschieht mit Wildtieren, die Waldbrände, Dürre und Hitze überlebt haben und kurz darauf wieder ins Visier der Hobby-Jäger geraten?

Die Auseinandersetzung um Sandrine Rousseau verschärft sich. Knapp vier Wochen nach ihrer Rede an der UniREVcité nahe Tours sammelt eine Petition für den Rücktritt der Abgeordneten weiter Unterschriften.

Wer hinter der Rücktrittspetition steht

Die Petition «Pour la démission de Sandrine Rousseau de son mandat de députée» wurde am 27. August auf Change.org aufgeschaltet. Lanciert hat sie Anthony Cuoq, Präsident der Association des pêcheurs de la Plaine de Valence. Die Zahl der Unterschriften stieg rasch: Nach wenigen Tagen waren es rund 11’500, am 2. September über 28’000, am 6. September laut Le Monde 47’000. Am Donnerstag, 17. September, zählte die Petition 56’867 verifizierte Unterschriften, fast 1’000 davon kamen allein an diesem Tag hinzu.

Der Petitionstext selbst räumt ein, dass das französische Recht keinen Mechanismus kennt, mit dem Bürgerinnen und Bürger das Mandat einer Abgeordneten per Petition beenden könnten. Es handelt sich also um ein politisches Druckmittel. Regionale Jagdverbände, etwa jener des Départements Ariège, riefen ihre Mitglieder offen zur Unterzeichnung auf.

Was Rousseau gesagt hatte

Auslöser sind Aussagen vom 23. August. An der UniREVcité, der Sommeruniversität der Bewegung «Révolution écologique pour le vivant» von Aymeric Caron, sprach Rousseau über die bevorstehende Eröffnung der Hobby-Jagd nach einem Sommer mit Hitzewellen, Dürre und Waldbränden. Sie rief dazu auf, sich dieser Eröffnung entgegenzustellen und zahlreich in Wälder, ländliche Gebiete und auf Wege zu gehen: «C’est parce que nous serons là, debout, face à eux, physiquement, qu’enfin ils prendront conscience de la réalité de ce que nous sommes.» Sinngemäss: Weil wir dort sein werden, aufrecht, ihnen physisch gegenüber, werden sie endlich begreifen, wer wir sind.

Die Fédération nationale des chasseurs (FNC) kündigte darauf eine Strafanzeige an und wandte sich an die Präsidentin der Nationalversammlung. Mehrere regionale Jagdverbände zogen nach, namentlich in Ariège und im Gard. Zwei Abgeordnete, darunter Matthias Renault vom Rassemblement National, schalteten gestützt auf Artikel 40 der Strafprozessordnung die Staatsanwaltschaft ein. Die Hintergründe dazu haben wir in «Frankreich: Strafanzeige wegen Aufruf gegen Hobby-Jagd» dokumentiert.

Politische Schärfe ist noch kein Straftatbestand

Ob sich aus der Rede ein strafbarer Aufruf konstruieren lässt, ist offen. Für eine Verurteilung wegen öffentlicher Anstiftung verlangt das französische Recht grundsätzlich eine hinreichend konkrete Aufforderung zu einer bestimmten Straftat. Rousseaus Wortwahl ist scharf, lässt sich aber auch als Aufruf zu sichtbarer, gewaltfreier Präsenz in Jagdgebieten lesen. Wer Wald und Feld betritt, um dort Zeugnis abzulegen, tut nichts anderes als Spaziergängerinnen, Pilzsammler oder Wanderer.

Die Jagdlobby behandelt diese Unterscheidung nicht als juristische, sondern als politische Frage. Das Muster ist aus Frankreich bekannt: Wie wir in «Hobby-Jäger als Opfer? Jagdkritik und Zahlen aus Frankreich» gezeigt haben, stellt sich die FNC gerne als bedrohte Minderheit dar, während jedes Jahr Millionen Wildtiere getötet werden. Und wie FNC-Präsident Willy Schraen die Saisoneröffnung inszeniert, zeigt «Willy Schraen und die Eröffnung: Der Stolz auf das Töten».

Rousseau: «Sie wollen nicht über Wildtiere sprechen»

Rousseau weist die Rücktrittsforderung zurück. Gegenüber Le Monde bezeichnete sie die Petition als «une façon de détourner le débat», als Versuch, die Debatte umzulenken, und fügte an: «Ils ne veulent pas que l’on parle de l’état de la faune sauvage.» Sie wollen nicht, dass über den Zustand der Wildtiere gesprochen wird. Gegenüber Actu.fr nannte sie die Mobilisierung gegen ihre Person einen «totalitarisme rural», einen ländlichen Totalitarismus.

Ihre Kritik trifft einen realen Konflikt. Die Hobby-Jagd wird in Frankreich weiterhin als normale Freizeitaktivität behandelt, selbst wenn nichtmenschliche Tiere nach Bränden kaum Rückzugsräume, Nahrung oder Wasser finden.

Fast zehnmal mehr Menschen fordern einen Jagdstopp

Während die Rücktrittspetition knapp 57’000 Unterschriften erreichte, ist eine zweite Petition um ein Vielfaches grösser. «Pas de fusils sur les cendres» wurde am 14. Juli auf Change.org lanciert, getragen von Bruno Valentin, der im Cantal ein Tierheim führt. Sie richtet sich direkt an Staatspräsident Emmanuel Macron und Premierminister Sébastien Lecornu. Am 5. September zählte sie über 485’000 Unterschriften, am 15. September überschritt sie die Marke von 500’000, einen Tag nach der Saisoneröffnung in den meisten Départements.

Die Petition verlangt ein vollständiges Verbot der Hobby-Jagd in allen im Sommer 2026 abgebrannten Waldmassiven, Schutzperimeter rund um die Brandflächen, damit Wildtiere in unversehrte Gebiete ausweichen können, ohne dort verfolgt zu werden, sowie ein Moratorium von mindestens drei Jahren, damit sich Vegetation, Nahrungsketten und Fortpflanzungszyklen erholen können. Der Text beschreibt die überlebenden Wildtiere als «épuisés, affamés, privés de leurs abris et de leurs points d’eau»: erschöpft, hungrig, ohne Unterschlupf und Wasserstellen.

Die Regierung delegiert, die Statistik beschönigt

Die Regierung lehnt ein landesweites Moratorium ab. Mathieu Lefèvre, ministre délégué für die ökologische Transition, verwies die Präfekten auf Artikel R.424-3 des Umweltgesetzbuchs, der bei Katastrophen eine Aussetzung der Hobby-Jagd erlaubt, und überliess ihnen die Entscheidung. Am 3. September verkündete er, 23 Départements hätten im Sommer die Hobby-Jagd eingeschränkt.

Die Zahl klingt nach Handeln, ist aber weit gefasst. Gezählt wurde jede Massnahme, die die Hobby-Jagd direkt oder über eine Sperrung von Waldgebieten begrenzte. Darunter fallen auch Zutrittsverbote wegen akuter Brandgefahr, die mit Wildtierschutz nichts zu tun haben. Die Tierschutzorganisation ASPAS hatte bereits am 17. August die Präfekten von 44 Départements um Jagdaussetzungen ersucht.

Das Beispiel Var: Schonzeit für die nächste Saison

Wie solche Schutzmassnahmen konkret aussehen, zeigt das Département Var. Nach den Bränden von Gros Bessillon und Les Arcs-Taradeau, die allein beim Gros Bessillon rund 6’300 Hektaren erfassten, ordnete der Präfekt ab dem 13. September eine einjährige Sperre für die abgebrannten Waldflächen in neun Gemeinden an. Die Drückjagd auf Wildschweine bleibt jedoch erlaubt, begründet mit Schäden in der Landwirtschaft.

Bemerkenswert ist, wer die Sperre wollte: Der Jagdverband des Départements hatte sie selbst beantragt. Das erklärte Ziel ist die Wiederbesiedlung der Brandflächen durch Niederwild. Die Hobby-Jäger aus den betroffenen Gebieten werden derweil auf andere Wälder verteilt. Geschützt wird hier nicht das einzelne nichtmenschliche Tier um seiner selbst willen, sondern der künftige Bestand, der später wieder zum Abschuss freigegeben werden soll. Dass es anders geht, zeigt der Blick über die Grenze: In «Feuer, Hitze, Flinten: Warum Frankreich verweigert, was Portugal längst geregelt hat» haben wir die verbindlichen Regeln in Portugal beschrieben.

Die eigentliche Frage

Die Rücktrittspetition gegen Sandrine Rousseau mobilisiert, aber sie beantwortet keine der Fragen, die der Sommer 2026 aufgeworfen hat. Warum wird die Hobby-Jagd auf nichtmenschliche Tiere fortgesetzt, die gerade Brände, extreme Hitze und den Verlust ihrer Lebensräume überstanden haben? Weshalb darf ein Wildtier, das aus einem verbrannten Wald flieht, im nächsten unversehrten Waldstück wieder verfolgt werden? Und warum wird eine Politikerin, die diese Fragen stellt, zur Zielscheibe einer nationalen Kampagne?

Die Gegenmobilisierung zeigt vor allem eines: Sobald die Hobby-Jagd nicht mehr als unantastbare Tradition, sondern als veränderbare Praxis behandelt wird, reagiert ihr organisiertes Umfeld mit maximaler Empörung. Die über 500’000 Unterschriften für «Pas de fusils sur les cendres» machen jedoch sichtbar, wo die Mehrheit steht. Sie verlangt für die Wildtiere nach Feuer und Dürre nichts Radikales, sondern eine Atempause.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier umfassende Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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