190 Selbstanzeigen, 186 Verfahren: Was der oberste Tessiner Hobby-Jäger «fast verschwunden» nennt
FCT-Präsident Davide Corti erklärt auf tio.ch die Hobby-Jagd zur Wissenschaft, die Wilderei zum Auslaufmodell und den Wolf zur Stellschraube. Der Jagdbericht 2024 des Kantons Tessin widerspricht ihm in jedem Punkt.
Am 16. September 2026 publiziert tio.ch ein Interview mit Davide Corti, Präsident der Federazione Cacciatori Ticinesi (FCT).
Der Titel: «L’emozione più grande da cacciatore? Mia figlia, die eine Beute nimmt.» Die grösste Emotion als Jäger? Die Beute der Tochter. Davor liegen zehn Fragen, in denen Corti die Hobby-Jagd zum «Weg der Bewusstwerdung und Verantwortung», zur «wissenschaftlichen Wildbewirtschaftung», zur «Prävention von Epidemien» und zum «Schutz der Umwelt» erklärt. Die Jagd müsse ethisch bleiben, technische Überlegenheit dürfe die «Verteidigungsmöglichkeiten» des Tieres nicht zu stark beschneiden. Schwere Verstösse und Wilderei seien «fast verschwunden», übrig blieben abnehmende administrative Fehler. Und der Wolf sei weder auszurotten noch zu verklären, sondern wie andere Arten «zu bewirtschaften».
Das klingt gemässigt. Es verschiebt die Debatte aber weg von der entscheidenden Frage: Weshalb soll eine Freizeitjagd, deren Zweck das Töten von Tieren ist, sich selbst als ethische Instanz und als unverzichtbare Wildtierverwaltung darstellen dürfen?
Der Journalist stellt keine einzige kritische Rückfrage. Er nennt keine Zahl. Er erwähnt nicht, dass am ersten Wochenende dieser Saison zwei Hobby-Jäger im Tessiner Berggelände zu Tode gestürzt sind. Und er datiert die zweite Periode der Hochjagd im Lead auf «vom 23. bis 17. September», ein Zeitraum, der vor seinem Beginn endet. Der Fehler steht seit der Publikation unkorrigiert online. Wir holen nach, was tio.ch unterlassen hat, und halten die Behauptungen an den Jagdbericht 2024 des Kantons Tessin, an die Urteile der Tessiner Gerichte und an die Forschung.
«Fast verschwunden»: Der Jagdbericht 2024 zählt anders
Der stärkste Widerspruch liegt bei den Verstössen. Der kantonale Jagdbericht 2024 dokumentiert kein Randphänomen, sondern ein Vollzugsproblem:
| Offiziell dokumentiert im Tessin, Jagdjahr 2024 | Zahl |
|---|---|
| Selbstanzeigen von Hobby-Jägern | 190 |
| Disziplinarbussen | 82 |
| Eröffnete Übertretungsverfahren | 186 |
| davon Delikte in Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft | 9 |
| davon schwere Fälle mit vorsorglichem Patententzug | 12 |
| Entscheide über Jagdrechtsentzug (Fliesstext des Berichts) | 16, zwei Fälle pendent |
| «Privazioni del diritto di caccia» (statistische Tabelle des Berichts) | 37 |
Wenn 190 Selbstanzeigen, 82 Disziplinarbussen, 186 Übertretungsverfahren, neun Delikte bei der Staatsanwaltschaft und mindestens 16 Jagdrechtsentzüge als «fast verschwundene schwere Verstösse» gelten sollen, wird die Realität sprachlich kleingeredet. Dazu kommt, dass der Bericht sich selbst widerspricht: Im Fliesstext nennt das Ufficio della caccia e della pesca 16 Entscheide über den Entzug des Jagdrechts und zwei pendente Fälle, die statistische Tabelle auf derselben Seite weist 37 «Privazioni del diritto di caccia» aus. Die 268 «Multe totali» der Tabelle sind die Summe aus 82 Disziplinarbussen und 186 Verfahren, was der Bericht nirgends erklärt. Eine Behörde, die Verstösse in zwei Zählweisen ausweist, ohne sie zu erläutern, liefert selbst den Beleg, wie wenig belastbar Cortis «fast verschwunden» ist. Das UCP muss offenlegen, weshalb Fliesstext und Tabelle unterschiedliche Werte nennen.
Die 190 Selbstanzeigen liegen beinahe auf dem Niveau des langjährigen Mittels. Selbstanzeigen sind besser als Vertuschung. Sie belegen aber gerade nicht, dass Regelverletzungen bedeutungslos wären. Sie zeigen, wie oft Hobby-Jäger Situationen melden müssen, in denen ihr Abschuss rechtlich oder fachlich falsch war: falsches Tier, falsches Geschlecht, falsche Altersklasse, falscher Ort, falsche Zeit. Und sie entlarven den Anspruch auf «Ethik» und «Wissenschaft» an seiner empfindlichsten Stelle. Die erste Regel jeder Jagd lautet: Geschossen wird nur, wenn das Ziel zweifelsfrei angesprochen ist, nach Art, Geschlecht und Alter, mit sicherem Kugelfang. Wer ein falsches Tier schiesst, hat diese Regel gebrochen, bevor er abgedrückt hat. 190 Mal pro Jahr, allein bei denen, die es melden. Ein Berufsschütze, dem das passiert, verliert seine Stelle. Ein Chirurg, der 190 Mal am falschen Organ operiert, verliert seine Zulassung. Bei der Hobby-Jagd heisst es: Selbstanzeige, Busse, weiter geht es. Das ist der Unterschied zwischen Handwerk und Hobby: Beim Handwerk ist der Fehler die Ausnahme, die Konsequenzen hat. Beim Hobby ist er eingepreist.
Was hinter den «schweren Fällen» steckt, zeigt die Justiz. Im April 2026 verurteilte das Gericht in Mendrisio einen 68-jährigen Hobby-Jäger, der zwei Stunden vor Eröffnung der Hochjagd 2024 eine Wildschweinbache erschossen hatte. Sein Karabiner hatte einen illegal verkürzten Lauf, einen selbstgebauten Schalldämpfer und ein thermisches Nachtsichtgerät. Die Wildhut, die ihn seit Längerem beobachtet hatte, bezeichnete ihn laut Medienberichten eher als Wilderer denn als Hobby-Jäger, und die Richterin stufte die Schuld als schwer ein. Am Tag vor dem Interview berichtete tio.ch selbst über einen Tessiner Hobby-Jäger, der einen im Piemont geschossenen Kronenhirsch per Helikopter über die Grenze fliegen liess und gebüsst wurde. Im Interview beschreibt Corti den Helikoptertransport von Hirschkadavern als Normalfall, «previa notifica al guardiacaccia». Wie oft die Notifikation ausbleibt, fragt niemand.
Und Corti liefert die Spannung selbst: Im selben Atemzug, in dem er schwere Verstösse für verschwunden erklärt, nennt er als «Hauptsorge» des Verbandes den gesetzwidrigen Einsatz von Nachtsichtgeräten und «anderen Apparaturen». Ein Problem, das der Verband als Hauptsorge bezeichnet, kann nicht gleichzeitig zur vernachlässigbaren Ausnahme erklärt werden.
Ein Blick in den Nachbarkanton zeigt, was die Tessiner Zahlen tatsächlich bedeuten. Graubünden unterhält eine flächendeckend organisierte Wildhut mit zahlreichen zuständigen Wildhütern und Pikettdiensten in allen Jagdbezirken und publiziert seine Vorgänge regelmässig: 2016 waren es 1’201 Bussen und Anzeigen bei 5’512 Teilnehmenden, 2017 1’384 bei 5’532, Jahr für Jahr über 1’000. Das belegt nicht, dass Bündner Hobby-Jäger häufiger gegen Regeln verstossen. Es belegt, was sichtbar wird, wenn ein Kanton kontrolliert und Zahlen veröffentlicht. Registrierte Verstösse sind das Produkt aus tatsächlichen Verstössen, Entdeckungswahrscheinlichkeit und Anzeigepraxis. Die Hobby-Jagd findet in abgelegenem Gelände statt, frühmorgens, abends, teils nachts, und die Beweislage nach einem Abschuss verschwindet schnell. Je weniger Wildhüter, desto kleiner die Zahl im Bericht, nicht desto kleiner das Problem.
Für das Tessin heisst das: 82 Disziplinarbussen, 186 Verfahren und mindestens 16 Jagdrechtsentzüge sind nicht die ganze Realität, sondern die dokumentierte Untergrenze. Corti nennt keine Kontrollquote, keine Zahl der Einsätze, keine Zahl der überprüften Hobby-Jäger, keine Dunkelziffer. Ohne diese Bezugsgrössen ist die Aussage, Wilderei und schwere Verstösse seien «fast verschwunden», keine überprüfbare Bilanz, sondern Verbandskommunikation.
«Ethische Jagd»: Ausbau statt Zurückhaltung
Corti warnt vor technischer Überlegenheit, welche die Chancen des Tieres zu stark mindere. Das ist eine bequeme Ethikformel, denn sie setzt voraus, ein Tier könne überhaupt «faire Chancen» haben, wenn Menschen es mit Gewehr, Zieloptik, Ortskenntnis, Lockmethoden, Hunden und digitaler Meldetechnik verfolgen. Die kantonale Praxis zeigt keine Jagd, die sich aus Ethik selbst begrenzt. Sie zeigt eine Systemlogik der Effizienzsteigerung:
- 1’762 Personen lösten 2024 eine Hochjagd-Bewilligung.
- In der Hochjagd wurden 3’377 Hirsche, Rehe und Wildschweine getötet, ein erneuter Rekord.
- Gegenüber zehn Jahren zuvor stieg die Zahl dieser getöteten Huftiere um 48 Prozent.
- Die Wildschweinjagd wurde ausgedehnt: Sommerjagd im Juni und Juli, Hochjagd, Winterjagd, dazu Eingriffe durch Wildhut und Jagdberechtigte. In der Saison 2024/25 wurden 3’427 Wildschweine getötet, die Winterjagd wurde um 15 Tage verlängert.
Gerade die Wildschweinjagd zeigt, was «wissenschaftliches Management» im Tessin bedeutet: das Gegenteil dessen, was die Wissenschaft sagt. Die Wildbiologie beschreibt seit zwei Jahrzehnten, dass hoher Jagddruck bei Wildschweinen nicht zu weniger, sondern zu mehr Tieren führt. Servanty und Kollegen wiesen 2011 im «Journal of Applied Ecology» nach, dass stark bejagte Populationen früher und häufiger reproduzieren. Gamelon und Kollegen zeigten im selben Jahr in «Evolution», dass Bachen unter Jagddruck ihre Geschlechtsreife vorverlegen und bereits im ersten Lebensjahr Frischlinge werfen. Bieber und Ruf hatten 2005 vorgerechnet, dass Abschüsse erwachsener Tiere die Populationsdynamik kaum beeinflussen, weil die Bestände über die Überlebensrate der Jungtiere gesteuert werden, also über Mast und milde Winter, nicht über Gewehre. Massei und Kollegen stellten 2015 für ganz Europa fest, dass die Wildschweinbestände trotz Rekordabschüssen überall steigen.
Besonders schädlich ist der Abschuss der Leitbache. Wildschweine leben in Rotten mit strenger Sozialstruktur, in der die älteste Bache die Fortpflanzung der jüngeren Weibchen hemmt und die Rotte im Raum führt. Fällt sie, zerfällt die Rotte, die jungen Bachen werden gleichzeitig rauschig und werfen alle, und die versprengten Tiere ziehen weiter, in neue Gebiete und auf neue Felder. Der Jagddruck erzeugt also genau die Vermehrung und die Schäden, die er zu bekämpfen vorgibt.
Die Tessiner Zahlen bestätigen das über 25 Jahre. Laut BAFU wurden im Kanton im Jahr 2000 rund 570 Wildschweine erlegt, 2024 waren es rund 2’900, eine Verfünffachung. Am stärksten gewachsen ist der Anteil der erlegten Bachen, von rund 150 auf rund 800. Ein Management, das wirkt, müsste diese Kurve irgendwann nach unten drehen. Im Tessin dreht sie seit einem Vierteljahrhundert nur nach oben, und die Antwort des Kantons lautet jedes Jahr: mehr Jagdtage. Wer das «Wissenschaft» nennt, hat die Wissenschaft nicht gelesen.

Mehr Jagdfenster, mehr Freigaben, zusätzliche Bejagung im Sommer, Verlängerung bis Ende Februar. Die Sprache der «Fairness» verdeckt, dass Wildtiere im Tessin in einem immer dichteren Netz jagdlicher Eingriffe leben.
Besonders aufschlussreich ist die Behandlung säugender Hirschkühe. 2024 war es erlaubt, in den letzten fünf Tagen der Hochjagd eine säugende Hirschkuh zu töten, ohne zugleich ihr Kalb erlegen zu müssen. Von 143 getöteten säugenden Kühen wurden 87 ohne Kalb zur Kontrolle gebracht. Der Kanton bewertet das positiv, weil es die Abschusszahlen erhöhe und Hobby-Jäger vor «Fehlabschüssen» schütze. Die naheliegende Frage stellt der Bericht nicht: Was geschieht mit einem abhängigen Kalb, dessen Mutter erschossen wurde? Das ist die «Ethik», von der Corti spricht.
«Wissenschaftliches Management»: Abschussziele statt Ökologie
Corti spricht von Ethik, die Verwaltung von Abschusszielen. Wildtiere erscheinen im Jagdbericht als «Bestand», nicht als Individuen. Und selbst diese Bestandslogik funktioniert nicht.
Beim Rothirsch verfehlte die Jagd 2024 das kantonale Ziel von 2’870 Tieren trotz Rekordintensität: 2’554 Hirsche wurden getötet, 89 Prozent des Plans. Die Antwort des Kantons lautet nicht, die Ursachen hoher Bestände unabhängig zu prüfen, etwa Lebensraumfragmentierung, fehlende Ruhegebiete oder landwirtschaftliche Nutzung. Vorgesehen sind mehr Druck, zusätzliche Jagdgelegenheiten und mehr Abschüsse weiblicher Tiere und Jungtiere. Dabei hatte die Jägerföderation selbst 2021 der behördlichen Annahme einer wachsenden Population widersprochen und vor einem «Kampf ohne Gnade» gegen den Hirsch gewarnt.
Beim Gamswild räumt der Kanton ein, dass die Jagd den angestrebten Geschlechterausgleich verfehlt: 2024 wurden 402 männliche, aber nur 217 weibliche Gämsen getötet, ein Verhältnis von 1 zu 0,5. Der Bericht nennt als Ursache ausdrücklich die direkte Jagd auf erwachsene Böcke. Trotzdem wird diese Jagdmöglichkeit nicht aufgehoben, sondern nur eingeschränkt. Im Gebiet Gambarogno-Tamaro-Lema brach die Gämsenpopulation so stark ein, dass die Jagd dort drei Jahre ausgesetzt werden musste.
Das legt das strukturelle Problem offen: Jagdregeln werden nicht nach ökologischen Kriterien gestaltet, sondern danach, welche Abschüsse für die Hobby-Jäger attraktiv sind. Die Trophäenorientierung beim Gamsbock steht im direkten Widerspruch zum Anspruch einer neutralen «Bestandsregulierung». Wissenschaft hiesse: Ziel definieren, Massnahme daran messen, Ergebnis unabhängig prüfen. Nichts davon findet statt. Was stattfindet, ist ein Verband, der die Freigabezahlen mitverhandelt und sich hinterher als wissenschaftliche Instanz bezeichnet.
Corti nennt als eine der drei Säulen der Hobby-Jagd den «Schutz der Umwelt». Auch das lässt sich an der Tessiner Bilanz messen. Zweimal innert zwei Jahren hatte der Kanton die Gelegenheit, Natur ohne Jagddruck zuzulassen, und zweimal haben jagdnahe Kreise das verhindert: 2016 den Parc Adula rund um das Rheinwaldhorn, 2018 den Nationalpark Locarnese. Streitpunkt war beide Male nicht die Parkidee, sondern die jagdfreie Kernzone. Wer die einzigen zwei Gebiete bekämpft, in denen Wildtiere im Tessin dauerhaft in Ruhe gelassen worden wären, betreibt keinen Umweltschutz, sondern Besitzstandswahrung. Dazu passt, dass die Jägerföderation 2017 dem Tessiner Fernsehen mit rechtlichen Schritten drohte, weil ihr die Darstellung der Hobby-Jäger in einem Spielfilm nicht gefiel. Die einzige jagdfreie Zone, die der Kanton in den letzten Jahren geschaffen hat, ist die Gämsensperre im Gambarogno, und die kam nicht aus Einsicht, sondern weil die Hobby-Jagd den Bestand dort zusammengeschossen hatte. Hobby-Jäger operieren im Tessin regelmässig gegen die Natur, die sie zu schützen vorgeben. Die Mechanik dahinter haben wir in der Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Tessin beschrieben: Schutzgebiete werden als Enteignung erlebt, nicht als Gewinn.
«Seuchenprävention»: Beim Fuchs längst widerlegt
Das Argument ist so alt wie falsch. In der Schweiz werden jährlich rund 19’000 Füchse erschossen, im Tessin während einer monatelangen Niederjagd. Der Kanton Luzern ist der einzige, der den Gesundheitszustand der erlegten Tiere erfasst: Von 2’217 getöteten Füchsen hatten 39 einen Krankheitsbefund, über 98 Prozent waren gesund. Beim Fuchsbandwurm ist die Jagd sogar kontraproduktiv: Eine Studie aus dem Raum Nancy (Comte et al. 2017) zeigte, dass intensive Bejagung die Prävalenz von 44 auf 55 Prozent erhöhte. In Luxemburg sank die Befallsrate nach dem Fuchsjagdverbot 2015 von rund 40 auf unter 10 Prozent. Die Tollwut wurde nicht durch Hobby-Jäger besiegt, sondern durch Impfköder ab 1978.
Der Kanton Zug hat als einziger Kanton eine unabhängige Studie in Auftrag gegeben. Der Fachbericht von SWILD im Auftrag des Zuger Amts für Wald und Wild (Mai 2026) kommt zum Schluss, dass die gegenwärtig praktizierte, räumlich nicht koordinierte Fuchsjagd keine belastbare Grundlage für eine nachhaltige Bestandsregulation bietet, keinen Nutzen für die Seuchenbekämpfung hat und beim Schutz von Nutztieren nicht-letalen Massnahmen unterlegen ist. Die Zuger Jagdkommission hat daraufhin beschlossen, die Fuchsjagd nicht mehr proaktiv zu fördern. Das Tessin fährt die gegenteilige Schiene, ohne eine einzige eigene Studie. Die Berner Regierung räumte in ihrer Ablehnung einer Fuchs-Motion selbst ein, die Jagd auf nicht bedrohte Arten wie den Fuchs sei «faktisch ein Selbstzweck». Wer trotzdem «Seuchenprävention» sagt, wiederholt eine Verbandsparole.
Der Wolf: Präventive Tötung unter dem Etikett «Management»
Corti bezeichnet die Vorstellung des Wolfs als Symbol unberührter Natur als «utopisch» und fordert, ihn «wie andere Arten zu bewirtschaften». Die Bundesgesetzgebung erlaube heute «ein gezielteres und präventiveres Management». Was das konkret heisst, bleibt unausgesprochen: Abschüsse, bevor ein Tier einen Schaden angerichtet haben muss.
Erlauben tut das Bundesrecht es seit dem 1. Dezember 2023. Ob es wirkt, ist nicht belegt. Sven Buchmann, bei der Stiftung KORA für das nationale Wolfsmonitoring im Auftrag des BAFU zuständig, hält gegenüber der «Südostschweiz» fest, dass direkte wissenschaftliche Belege für die behauptete Schutzwirkung der Welpenabschüsse «rar» sind. Die Schweizer Praxis sei weltweit einzigartig, und ob sie überhaupt einen der behaupteten Effekte auslöse, müsse erst untersucht werden. Das Projekt läuft bis 2029. Bis dahin wird im gesetzlichen Maximum geschossen. Buchmann korrigiert auch die Prämisse: Die Abschüsse erfolgten nicht aus ökologischer Notwendigkeit, sondern als gesellschaftspolitische Massnahme. Wir haben die Verfügungslage und die Evidenzlücke dokumentiert.
Die internationale Forschung ist weiter: Treves und Kollegen werteten 2026 fünf Feldstudien aus und fanden keinen verlässlichen Schutzeffekt von Wolfsentnahmen; je nach Fall blieben die Schäden gleich, sanken oder stiegen. Die Autoren empfehlen, tödliche Eingriffe nicht als vorsorgliche Schutzmassnahme zu behandeln, solange ihre Wirkung nicht nachgewiesen ist. Cassidy und Kollegen zeigten 2023, dass menschenverursachte Mortalität die Wahrscheinlichkeit, dass ein Rudel bis zum Ende des biologischen Jahres fortbesteht, um 27 Prozent senkt und die Wahrscheinlichkeit der Fortpflanzung im Folgejahr um 22 Prozent; beim Tod eines Leittiers lagen die Rückgänge bei 73 respektive 49 Prozent. Die Nutztierrisse in der Schweiz sanken von 1’789 im Jahr 2022 auf 1’051 im Jahr 2023, bevor der erste präventive Schuss fiel. Die entscheidende Variable ist der Herdenschutz.
Die Wortwahl «wie andere Arten bewirtschaften» normalisiert die Reduktion eines ökologisch bedeutsamen Beutegreifers auf eine jagdpolitische Stellschraube. Dabei tut der Wolf, was die Hobby-Jagd nur behauptet: Er beeinflusst Verhalten, Verteilung und Kondition der Huftiere durch dauerhafte Präsenz, nicht durch Abschusszahlen an bestimmten Tagen. Die Hobby-Jagd selektiert nach menschlichen Interessen, mit Schwerpunkt auf Trophäenträgern, wie die Gamsstatistik zeigt. Dass ausgerechnet der Konkurrent des Wolfs um Hirsch und Reh dessen «Management» fordert, ist keine Wissenschaft, sondern Interessenpolitik.
Wenn die Gewalt vom Hochsitz nach Hause kommt
Corti spricht von «Verantwortung» und «Bewusstsein» als Kern der Jagdausbildung. Der Kanton, in dem er das sagt, hat in diesem Sommer erlebt, was das Gegenteil bedeutet. Am 9. Juli 2026 wurde in Faido eine 56-jährige Frau mit einer Kopfschussverletzung gefunden, sie starb kurz darauf. Als Täter identifizierten die Behörden ihren 59-jährigen Ex-Mann aus Leontica im Bleniotal. Am Abend darauf lockte er Einsatzkräfte in ein Haus und sprengte es. Drei Polizisten wurden verletzt, er selbst starb. Auf Anfrage bestätigte RSI, gestützt auf die Medienkonferenz der Kantonspolizei: Der Täter war Hobby-Jäger, legal im Besitz mehrerer Waffen. Beim Schuss vor der Klinik hörte niemand einen Knall, die Polizei ging von einem Schalldämpfer aus. Ob er dafür eine jagdrechtliche Ausnahmebewilligung hatte, ist bis heute nicht öffentlich geklärt.
Damit sind es innert weniger Monate zwei dokumentierte Tessiner Fälle, in denen ein Hobby-Jäger mit Schalldämpfer auftaucht: einmal als verurteilter Wilderer in Mendrisio, einmal als Femizid-Täter in Faido. Schalldämpfer sind in der Schweiz grundsätzlich verboten. Die Ausnahme gilt für bestimmte Bewilligungskategorien, darunter Personen mit Jagdpatent. Corti nennt im Interview keine Zahl zu diesen Bewilligungen: keine Kontrolle, keine Konsequenz. Er nennt Nachtsichtgeräte als «Hauptsorge». Der Schalldämpfer, mit dem in seinem Kanton eine Frau erschossen wurde, kommt nicht vor.
Faido war der dritte Femizid im Tessin seit Jahresbeginn. Die Gewalt bleibt selten im Wald. Wer gelernt hat, dass Töten eine Lösung ist, die Emotion und Anerkennung bringt, trägt dieses Muster nach Hause. Die Antwort des Kantons auf das Phänomen der häuslichen Gewalt sind seit September die «Cassette Arancioni», orangefarbene Briefkästen, über die sich Betroffene diskret Hilfe holen können. Die Antwort des Verbandes ist ein Interview über die Freude an der Beute.
Was der Satz über die Tochter psychologisch bedeutet
Nach zehn Fragen über Verantwortung, Wissenschaft und Ethik lautet die letzte: Was ist die stärkste Erinnerung? Corti antwortet, in vierzig Patentjahren habe er viele, aber die stärkste sei das erste Jagdpatent seiner Tochter. Sie hätten «neulich» gemeinsam gejagt, sie habe «einen schönen Hirsch» erlegt. Er empfinde bei ihrer Beute mehr Befriedigung als bei der eigenen. Das sei «das Schönste in meiner Jägerkarriere».
Das ist der ehrlichste Satz des Interviews, und er verdient eine genauere Betrachtung, nicht als Urteil über die Person, sondern als Beispiel für Mechanismen, die in der Psychologie der Hobby-Jagd verständlich beschrieben sind.
Zunächst zum Rest des Interviews. Wer 82 Disziplinarbussen, 186 Verfahren und mindestens 16 Jagdrechtsentzüge als «administrative Fehler» und «fast verschwunden» bezeichnet, beschreibt nicht die dokumentierte Vollzugslage. Die Aussage folgt einer Perspektive, in der die eigene Jagdpraxis grundsätzlich legitim ist und Verstösse als Ausnahme erscheinen. Die Sozialpsychologie beschreibt diesen Effekt als motiviertes Denken: Information wird so verarbeitet, dass Praxis und Identität intakt bleiben. Vierzig Jahre Patent und ein Verbandspräsidium sind ein starker Filter. Dazu kommt die Sprache. «Bewirtschaften», «entnehmen», «Beute machen», «Management» verschieben den Fokus von der Tötung eines einzelnen Tieres zu einer technischen oder kulturell aufgeladenen Beschreibung. Albert Bandura diskutiert diese euphemistische Etikettierung als einen der zentralen Mechanismen moralischer Entkopplung: Wer die Handlung umbenennt, muss sie nicht bewerten. Und die Ethikformel von den «Verteidigungsmöglichkeiten» des Tieres funktioniert als Selbstlizenz: Wer sich eine Regel setzt und sie einhält, fühlt sich berechtigt zu allem, was innerhalb der Regel liegt. Die Regel wird zum Beweis der eigenen Anständigkeit, nicht die Handlung.
Dann die Tochter. Was Corti beschreibt, ist keine Freude am Sterben eines Hirschs an sich. Es ist Freude an Bindung, Identität und Weitergabe: Die Tochter ist in seine Welt eingetreten, hat den Initiationsritus bestanden, er lebt in ihr weiter. Das ist ein zutiefst menschliches Motiv. Nur ist das Medium dieser Bindung der Tod eines Tieres. Die Beute ist die Währung, in der Anerkennung, Zugehörigkeit und Stolz ausgezahlt werden. Genau deshalb kann die Hobby-Jagd auf das Töten nicht verzichten, auch wenn sie es rhetorisch zur Nebensache erklärt: Ohne Beute keine Emotion, ohne Emotion kein Ritus, ohne Ritus keine Weitergabe. Corti sagt das selbst, wenn er ihre Beute über seine eigene stellt. Das ist Trophäenlogik in Familienform.
Und es erklärt die Dissonanz des ganzen Interviews. Ein Mensch, der sich als Manager und Ethiker beschreibt, findet seine stärkste Emotion nicht in einer erreichten Abschussquote oder einem gesund gebliebenen Bestand. Er findet sie darin, dass sein Kind tötet wie er. Darin liegt die Spannung, die das Interview selbst offenlegt: zwischen der öffentlichen Sprache von Management, Seuchenprävention und Wissenschaft und der emotionalen Bedeutung von Beute, Erfolg und Traditionsweitergabe. Ein Manager empfindet keine Emotion bei einer Zahl im Abschussplan. Eine Seuchenpräventionsmassnahme ist kein «schöner Hirsch».
Bemerkenswert ist schliesslich, wie der Satz erzählt wird: nicht verschämt, sondern als Höhepunkt, und tio.ch macht daraus die Schlagzeile. Das zeigt, wie stark die Normalisierung in einer Jagdregion wirkt. Was ausserhalb dieser Kultur befremdlich wirkt, dass ein Vater das Töten durch seine Tochter als schönsten Moment seiner Laufbahn feiert, wird innerhalb als Idyll gelesen. Diese Übersetzungslücke zwischen Jagdmilieu und Öffentlichkeit ist der eigentliche Befund. Und sie erklärt, weshalb der Verband so viel Energie in Kommunikation steckt.
Denn auch das sagt Corti offen: Die Mehrheit der neuen Hobby-Jäger komme heute aus städtischen Gebieten ohne familiären Bezug zur Jagd. Das sei Folge der Kommunikationsarbeit des Verbandes, der der Öffentlichkeit «die wahre Rolle des Jägers» zeige: Management, Seuchenprävention, Umweltschutz. Nach Cortis eigener Darstellung ist die Erzählung vom wissenschaftlichen Manager also kein Befund, sondern das Instrument, mit dem der Verband Menschen ohne Jagdtradition gewinnt. Was sie am Ende erwerben, beschreibt der letzte Satz des Interviews.
Die Fragen, die tio.ch hätte stellen müssen
- Wie passen 190 Selbstanzeigen, 82 Disziplinarbussen, 186 Verfahren und neun Delikte im Jagdjahr 2024 zur Aussage, schwere Verstösse seien «fast verschwunden», und weshalb nennt der Jagdbericht 16 Jagdrechtsentzüge im Text, aber 37 in der Tabelle?
- Was geschieht mit den Kälbern der 87 säugenden Hirschkühe, die 2024 ohne Kalb zur Kontrolle gebracht wurden?
- Weshalb tötet eine «wissenschaftliche» Jagd beim Gamswild doppelt so viele Böcke wie Geissen, obwohl der Kanton selbst die Trophäenjagd als Ursache benennt?
- Auf welche Studie stützt sich die «Seuchenprävention», nachdem Luzern 98 Prozent gesunde Füchse und Zug keinen Nutzen der Fuchsjagd festgestellt hat?
- Wie viele Helikopterflüge mit Hirschkadavern wurden 2025 gemeldet und kontrolliert?
- Wie erklärt der FCT-Präsident, dass zwei Hobby-Jäger am ersten Wochenende dieser Saison gestorben sind?
- Wie viele jagdrechtliche Ausnahmebewilligungen für Schalldämpfer hat der Kanton Tessin erteilt, wer kontrolliert sie, und hatte der Täter von Faido eine?
Keine dieser Fragen ist schwierig. Keine wurde gestellt.
Kommentar: Verbandssprache ist kein Journalismus
Das Interview erzählt die vertraute Geschichte einer verantwortungsvollen Jagdgemeinschaft, die sich selbst kontrolliert und zwischen Technik, Tradition und Naturschutz die vernünftige Mitte wahrt. Der Jagdbericht des eigenen Kantons erzählt eine andere: Die Hobby-Jagd im Tessin ist ein wachsender Eingriff in Wildtierpopulationen mit Rekordabschüssen und immer längeren Jagdzeiten. Schwere und strafrechtlich relevante Verstösse sind nicht verschwunden. Die Reaktion auf verfehlte Abschussquoten lautet regelmässig: Die Hobby-Jagd ausweiten, Druck erhöhen, mehr Tiere töten, auch säugende Mütter. Die behauptete «Ethik» endet dort, wo Abschussziele, Trophäeninteressen und jagdliche Effizienz Vorrang erhalten. Und beim Wolf wird «Management» zur sprachlichen Verpackung für präventive Tötungen eines geschützten Beutegreifers.
Davide Corti tut, was ein Verbandspräsident tut: Er verkauft sein Produkt. Nicht legitim ist, dass ein Medium mit der Reichweite von tio.ch diese Verkaufsargumente ungeprüft weitergibt, während im selben Kanton innert zehn Tagen zwei Menschen bei der Hobby-Jagd sterben, ein Hobby-Jäger wegen eines Helikopter-Hirschs gebüsst wird und die Justiz einen Wilderer mit Wärmebildgerät verurteilt.
Die entscheidende Gegenfrage an den Jagdpräsidenten ist deshalb nicht, ob Nachtoptik «zu unfair» sei. Sie lautet: Wie kann eine Jagd, die immer längere Jagdzeiten, Tausende Abschüsse, den Tod säugender Muttertiere und Hunderte Sanktionen pro Jahr produziert, glaubwürdig als ethische Form des Wildtierschutzes gelten? Wo Eingriffe in Wildtierbestände nachweislich unvermeidbar sind, gehören sie in die Hände einer professionellen, staatlich angestellten Wildhut nach dem Vorbild des Kantons Genf, mit Zielvorgaben, Wirkungskontrolle und öffentlicher Rechenschaft. Das wäre Management. Was Corti beschreibt, ist ein Hobby mit Fachvokabular.
Alle Vorfälle der laufenden Saison dokumentieren wir fortlaufend im Tessin-Ticker 2026/27.
Quellen: tio.ch, Interview von Davide Milo mit Davide Corti, 16. September 2026; Kanton Tessin, Ufficio della caccia e della pesca, «Rapporto sulla stagione venatoria e indirizzi gestionali 2024»; BAFU, Sektion Wildtiere und Artenförderung, Eidgenössische Jagdstatistik, Wildschwein Kanton Tessin 2000 bis 2024, jagdstatistik.ch, 2026; Pretura di Mendrisio, Urteil April 2026; Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, Jagdstatistiken 2016 und 2017 sowie Jagdbetriebsvorschriften; Kanton Luzern, Statistik zum Gesundheitszustand erlegter Füchse; SWILD, Kistler C. und Bontadina F., «Wissenschaftliche Grundlagen zur Fuchsjagd», im Auftrag des Amts für Wald und Wild des Kantons Zug, Mai 2026; Comte S. et al., «Echinococcus multilocularis management by fox culling: An inappropriate paradigm», 2017; Servanty S. et al., «Influence of harvesting pressure on demographic tactics: implications for wildlife management», Journal of Applied Ecology, 2011; Gamelon M. et al., «Making use of harvest information to examine alternative management scenarios: a body weight-structured model for wild boar», Journal of Applied Ecology, 2012, sowie Gamelon M. et al., «High hunting pressure selects for earlier birth date: wild boar as a case study», Evolution, 2011; Bieber C. und Ruf T., «Population dynamics in wild boar Sus scrofa: ecology, elasticity of growth rate and implications for the management of pulsed resource consumers», Journal of Applied Ecology, 2005; Massei G. et al., «Wild boar populations up, numbers of hunters down? A review of trends and implications for Europe», Pest Management Science, 2015; BAFU, Jagdverordnung, präventive Wolfsregulation ab 1. Dezember 2023; Stiftung KORA, Interview Sven Buchmann in der «Südostschweiz», September 2026; Treves A. et al., «Removing wolves did not reliably prevent domestic animal losses», Conservation Science and Practice, 2026; Cassidy K. A. et al., «Human-caused mortality triggers pack instability in gray wolves», Frontiers in Ecology and the Environment, 2023.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →