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Italiens «Sparatutto»-Gesetz: Wie die Jagdlobby den Wildtierschutz umbauen will

Während in Mailand gegen die Jagdreform C.2984 demonstriert wird, dokumentiert die Jagdopfer-Vereinigung AVC die menschlichen Folgen einer Praxis, deren Risiken der Staat nicht systematisch erfasst.

Redaktion Wild beim Wild — 21. September 2026

In Mailand demonstrierten am 19. September Tierschutzorganisationen gegen die geplante Reform des italienischen Jagdrechts. Zum landesweiten Corteo aufgerufen hatten Fronte Animalista und AVI, unterstützt von zahlreichen weiteren Verbänden. Anlass ist die umstrittene Vorlage S.1552, die im Juni vom Senat angenommen wurde und nun als C.2984 in der Abgeordnetenkammer beraten wird. In Kraft ist sie noch nicht.

Kritikerinnen und Kritiker nennen das Projekt «legge sparatutto», ein «Schiess-auf-alles-Gesetz». Sie warnen vor einer Verschiebung des gesetzlichen Grundprinzips: weg vom Schutz der Wildtiere als öffentlichem Gut, hin zu einer Ausweitung der Hobby-Jagd und zu mehr Entscheidungsspielraum für die Regionen.

Ein Gesetz von 1992 wird umgebaut

Das Gesetz 157/92 erklärte die Wildtiere 1992 zum «unveräusserlichen Erbe des Staates» und machte den Schutz der Fauna zur Regel, den Abschuss zur Ausnahme. Unter der Regierung Meloni wird dieses Prinzip schrittweise zugunsten der Jagdinteressen gelockert. Die nun in der Abgeordnetenkammer beratene Vorlage C.2984 könnte diesen Kurs weiter verschärfen. Wild beim Wild hat die geplanten Lockerungen bereits im Detail dokumentiert.

Am 23. Juni 2026 nahm der Senat den Gesetzesentwurf S.1552 mit 80 zu 56 Stimmen bei zwei Enthaltungen an. Erstunterzeichner ist der Fraktionschef der Fratelli d’Italia, Lucio Malan; mitgetragen wird die Vorlage von Vertretern der Lega, der Forza Italia und der weiteren Mitte-rechts-Koalition. Am 24. Juni ging der Text an die Kammer und wird seither als Atto Camera C.2984 in der Landwirtschaftskommission beraten. Erst nach Abschluss des parlamentarischen Verfahrens kann er in Kraft treten.

Was die Vorlage vorsieht

Die geplanten Änderungen sind kein technisches Feintuning, sondern zielen auf einen Systemwechsel. Umweltverbände wie WWF und Legambiente warnen vor den Folgen. Zu den umstrittensten Punkten gehören:

Die Vorlage sieht vor, die Jagd auf staatliche Flächen und bislang geschützte Zonen auszuweiten, ausdrücklich bis an die Strände, wobei die konkrete Umsetzung bei den Regionen läge. Historisch verbotene Hilfsmittel wie Nachtsichtgeräte und Schalldämpfer könnten zugelassen werden, was nach Einschätzung von Kritikern wirksame Kontrollen erschweren würde. Wildtaube und Wildgans sollen jagdbar werden. Umstritten ist zudem eine Änderung von Artikel 16, die es nach Lesart der Jagdopfer-Vereinigung AVC ermöglichen würde, private Grundstücke gegen den Willen der Eigentümer für jagdliche und kommerzielle Interessen zu nutzen. Und schliesslich sind Sanktionen bei Handlungen vorgesehen, die die Jagdausübung behindern, stören oder verzögern.

Tierschutzorganisationen befürchten, dass eine solche Strafnorm legitimen Protest und die Verteidigung privater Lebensräume unter Druck setzen könnte.

Vom Schutz zur «aktiven Bewirtschaftung»

Der eigentliche Kern der Reform steckt in ihrer Umdeutung. Der Text definiert die Jagd neu als Tätigkeit, die «zum Schutz der Biodiversität und der Ökosysteme beiträgt», und rückt die Hobby-Jäger in die Rolle von «Bioregulatoren». Damit würde jenen, die Wildtiere töten, die Rolle ihrer Beschützer zugeschrieben.

Parallel dazu soll die wissenschaftliche Kontrolle an Gewicht verlieren. Das ISPRA, Italiens oberstes Institut für Umweltforschung, gäbe faktisch Einfluss ab: Regionen könnten künftig unter bestimmten Voraussetzungen von seinen Gutachten zu den Jagdkalendern abweichen. Fachleute halten dem entgegen, dass wirksames Wildtiermanagement auf Daten und Prävention beruht, nicht auf einer Ausweitung des Abschusses.

Die vergessenen Opfer

Was in der politischen Debatte fast vollständig fehlt, sind die menschlichen Kosten. Hier liefert die Associazione Vittime della Caccia (AVC), die Jagdopfer-Vereinigung, mit ihrem Osservatorio Vittime della Caccia die einzige fortlaufende Dokumentation des Landes, weil eine amtliche nationale Statistik zu Jagdunfällen fehlt. Dass ein Staat, der die Hobby-Jagd ausweiten will, ihre Opfer nicht systematisch erfasst, ist für sich genommen bemerkenswert.

Nach dem 19. Dossier der Organisation, das die offizielle Jagdsaison 2025/26 samt Vorverlegungen abdeckt, registrierte AVC 46 durch Jagdwaffen oder im jagdlichen Zusammenhang getötete oder verletzte Personen. Aufschlussreich ist deren Zusammensetzung: 33 der Betroffenen waren Jägerinnen und Jäger, die sich selbst oder einander trafen, 13 waren Menschen, die mit der Jagd nichts zu tun hatten. Am meisten Fälle verzeichnete die Organisation im Piemont und auf Sizilien mit je sieben, gefolgt von der Toskana mit sechs und Sardinien mit fünf. Die Daten beruhen auf einer von AVC nach eigenen Kriterien geführten Chronologie öffentlich dokumentierter Fälle, nicht auf einer staatlichen Gesamterhebung.

Bemerkenswert ist dabei ein Gegensatz: Die Zahl der Hobby-Jäger in Italien sinkt seit Jahren. Laut Innenministerium bestanden 2024 rund 588 000 gültige Jagdlizenzen, gegenüber etwa 609 500 im Jahr 2022 und weit über 1,5 Millionen in den 1980er- und 1990er-Jahren. Die gesellschaftlichen Schäden nehmen aus Sicht von AVC dennoch nicht ab. Eine Ausweitung von Jagdzeiten und Jagdräumen würde nach Einschätzung der Vereinigung und weiterer Kritiker das Risiko zusätzlicher Zwischenfälle erhöhen. Wie stark sich dies statistisch niederschlagen würde, lässt sich vor Inkrafttreten der Reform nicht seriös beziffern.

Brüssel erhöht den Druck auf Rom

Die Reform berührt auch europäisches Recht. Die EU-Kommission leitete im Februar 2024 gegen Italien das Vertragsverletzungsverfahren INFR(2023)2187 ein. Anlass waren Änderungen im italienischen Jagdrecht, die Regionen unter anderem Eingriffe in Wildtierbestände auch in Schutzräumen oder ausserhalb üblicher Jagdzeiten ermöglichen können. Beanstandet wurde zudem die Umsetzung der REACH-Vorgaben zur Bleimunition in und nahe Feuchtgebieten. Im November 2024 verschärfte die Kommission das Verfahren mit einer mit Gründen versehenen Stellungnahme.

Sollte Italien die Reform trotz dieser Bedenken verabschieden, könnten am Ende finanzielle Sanktionen drohen, deren Kosten die Allgemeinheit zu tragen hätte.

Warum das die Schweiz angeht

Man könnte all dies als italienisches Problem abtun. Das wäre ein Fehler. Denn die Bausteine dieser Deregulierung sind exakt jene, die auch hierzulande auf der Wunschliste der Jagdlobby stehen: die Herabstufung des Wolfs, die Zulassung von Nachtzieltechnik, die Jagd in bislang geschützten Räumen, die Verharmlosung der Bleiproblematik. Und vor allem dasselbe Narrativ, wonach ausgerechnet Hobby-Jäger die eigentlichen Naturschützer seien.

Parallel zur Jagdreform verändert sich auch der politische Umgang mit dem Wolf. Die europäische Herabstufung seines Schutzstatus schafft Spielräume, die Italien und seine Regionen für stärkere Eingriffe nutzen könnten. Ob, wo und unter welchen rechtlichen Voraussetzungen Abschüsse zulässig wären, bleibt jedoch an nationale und regionale Verfahren gebunden.

Italien führt gerade in Echtzeit vor, wohin dieser Weg führen kann, wenn Fachwissen der Ideologie weicht und wirtschaftliche Interessen über den Artenschutz gestellt werden. Wer in der Schweiz die Debatte um Beutegreifer, Schutzgebiete und die Rolle der Wissenschaft verfolgt, findet südlich der Alpen die Blaupause. Die von AVC dokumentierten Opfer sind die Mahnung, die sie begleitet.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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