Jagdopfer in Italien: Das AVC-Dossier 2025/2026
Mit der Präsentation des neuen Dossiers „Jagdopfer 2025/2026“ legt die AVC – Beobachtungsstelle für Jagdopfer in Italien erneut eine erschütternde Bilanz vor. Es ist das 19. Jahresdossier einer Institution, die seit Jahren dokumentiert, was die Hobby-Jagd jenseits romantischer Mythen tatsächlich bedeutet: Tod, Verletzungen, Gewalt, Rechtsbrüche und eine wachsende Bedrohung für Menschen, Tiere und den öffentlichen Raum.

Das Dossier macht deutlich, dass die Jagdsaison 2025/2026 keine Ausnahme darstellt, sondern Teil einer ununterbrochenen Kette von Vorfällen ist.
Todesfälle, schwere Verletzungen, Missbrauch von Jagdwaffen und kriminelles Verhalten prägen auch dieses Jahr die Chronologie. Besonders alarmierend ist dabei, dass immer häufiger Menschen betroffen sind, die in keinerlei Zusammenhang mit der Hobby-Jagd stehen. Spaziergängerinnen, Nachbarn, Familienangehörige oder zufällig Anwesende werden zu Opfern einer bewaffneten Freizeitaktivität, die sich dem gesellschaftlichen Wandel hartnäckig verweigert.
Die AVC definiert den Begriff «Hobby-Jäger» bewusst weit. Er umfasst alle Personen, die jagen, unabhängig davon, ob sie über eine gültige Lizenz verfügen oder illegal handeln. Diese Perspektive ist entscheidend, denn die im Dossier dokumentierten Fälle zeigen, dass die Gefahren nicht an formalen Genehmigungen enden. Die Risiken gehen von der Praxis selbst aus, von Waffen im zivilen Raum und von einer Kultur, die Gewalt gegen Tiere und Menschen normalisiert. Mehr zur grundsätzlichen Problematik der Hobby-Jagd als gesellschaftliches Risiko findet sich im Dossierbereich der IG Wild beim Wild.
Offiziell gibt es in Italien laut Innenministerium noch rund 588’000 gültige Jagdlizenzen. Diese Zahl ist seit Jahren rückläufig. In den 1980er- und 1990er-Jahren lag sie bei über 1,5 Millionen. Doch der Rückgang der Hobby-Jägerschaft bedeutet keineswegs weniger Schaden. Im Gegenteil: Das Dossier zeigt eine umgekehrte Proportionalität. Weniger Hobby-Jäger, aber eine anhaltend hohe Zahl von Opfern, teilweise sogar mit steigender Gefährdung unbeteiligter Personen. Illegale Hobby-Jagd und Wilderei bleiben dabei ein massives Dunkelfeld, das die offiziellen Zahlen zusätzlich verzerrt.
Besonders eindrücklich ist das Verhältnis zwischen Hobby-Jäger-Opfern und Nicht-Jäger-Opfern. In der Saison 2025/2026 starben 33 Hobby-Jäger infolge eigener Handlungen. Gleichzeitig kamen 13 Menschen ums Leben, die mit Jagdaktivitäten nichts zu tun hatten. Diese Zahl ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Warnsignal. Sardinien, Piemont und die Toskana führen die traurige Statistik an. Regionen also, in denen Hobby-Jagd tief in der Alltagskultur verankert ist und entsprechend wenig kritisch hinterfragt wird.
Trotz dieser Fakten bleibt eine ernsthafte politische Debatte aus. Medien berichten oft episodisch, isoliert, ohne den strukturellen Zusammenhang sichtbar zu machen. Die Hobby-Jagd wird weiterhin als Tradition, als notwendiges Instrument oder als harmloses Hobby dargestellt. Genau diese Verharmlosung kritisieren wir seit Jahren bei Wild beim Wild, etwa in unseren Analysen zur Psychologie der Hobby-Jagd und zur Rolle von Gewaltlegitimation im ländlichen Raum.
Die politische Entwicklung in Italien verschärft die Situation zusätzlich. Unter der Regierung Meloni werden Gesetze vorangetrieben, die Jagdinteressen weiter ausdehnen und Grundrechte untergraben. Besonders brisant ist der Gesetzesentwurf 1552 mit der geplanten Änderung von Artikel 16 des Gesetzes 157/1992. Er öffnet die Tür für Hobby-Jagd auf privatem Grund gegen den Willen der Eigentümerinnen und Eigentümer und zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Das ist nicht nur ein Angriff auf Eigentumsrechte, sondern auch auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.
Das AVC-Dossier ist methodisch sauber. Es schliesst Fälle aus, die nicht direkt auf den Einsatz von Jagdwaffen zurückzuführen sind, etwa Stürze oder Herzinfarkte. Auch gewöhnliche Kriminalität ohne Jagdbezug wird nicht berücksichtigt. Umso schwerer wiegen die Zahlen, die übrig bleiben. Sie zeigen, dass Hobby-Jagd kein isoliertes Naturschutzinstrument ist, sondern eine gefährliche Praxis mit realen Opfern. Menschliche Opfer, Haustiere, synanthrope Tiere und Wildtiere sind gleichermassen betroffen. Vertiefende Hintergründe zur ethischen Dimension finden sich unter:
Am Ende zwingt dieses Dossier zu einer klaren Entscheidung. Entweder wird weiterhin eine bewaffnete, anachronistische und sozial zunehmend unverträgliche Aktivität toleriert oder es erfolgt ein Richtungswechsel hin zu einer Ethik des Lebens. Eine Ethik, die Sicherheit, Tierschutz und gesellschaftlichen Frieden über Partikularinteressen stellt. Die Zahlen aus Italien sind kein Sonderfall. Sie sind ein europäisches Warnsignal.
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