Jagdmesse Spreitenbach: Der Kanton antwortet, die Gemeinde schweigt
Der Veterinärdienst Aargau bestätigt schriftlich, dass die Jagdmesse Schweiz in der Umwelt Arena Spreitenbach weder gemeldet noch vor Ort kontrolliert wurde. Die Gemeinde Spreitenbach, die wegen 850 Protestmails Strafanzeige erstattete, lässt drei Schreiben der IG Wild beim Wild bis heute unbeantwortet.
Symbolbild
Mit Datum vom 19. Mai 2026 hat der Veterinärdienst des Kantons Aargau auf das Auskunftsbegehren der IG Wild beim Wild geantwortet.
Das Schreiben ist nüchtern formuliert, doch der Inhalt ist deutlich. Es bestätigt, was wir seit Monaten kritisieren, und es legt eine Diskrepanz offen, die zum Kern dieses Falls gehört.
Der Kanton antwortet, die Gemeinde schweigt
Die zuständige kantonale Fachstelle hat reagiert. Stv. Kantonstierärztin Melanie Kocher beantwortet sieben Fragen und gibt einem Teil unseres Akteneinsichtsgesuchs statt. Man kann über den Inhalt streiten, aber der Veterinärdienst hat sich der Sache gestellt.
Die Gemeinde Spreitenbach hat das nicht getan. Drei Schreiben haben wir an den Gemeinderat gerichtet. Eine Antwort ist bis heute ausgeblieben. Wer 850 freiwillige Protestmails als strafbaren Missbrauch einer Fernmeldeanlage anzeigt, aber auf direkte Fragen der angezeigten Plattform nicht reagiert, sendet eine unmissverständliche Botschaft über seine Prioritäten. Wie aus einem Konflikt um Tierschutz ein Verfahren gegen die Kritisierenden wurde, haben wir in Spreitenbach kriminalisiert Petitionsrecht ausführlich dokumentiert.
Die Jagdmesse lief durch jede Kontrolle hindurch
Der wichtigste Befund steht gleich in den ersten Antworten. Die Jagdmesse Schweiz vom 7. und 8. März 2026 wurde dem Veterinärdienst im Vorfeld nicht gemeldet. Es lagen keine Kenntnisse über eine Vorführung lebender Tiere vor. Vor Ort wurden keine Kontrollen durchgeführt. Und zur Jagdmesse wie auch zur Sportfischereimesse 2026 liegen dem Veterinärdienst keinerlei amtliche Dokumente vor.
Damit ist klar belegt, was wir nach dem Anlass zum Töten als Freizeitvergnügen geschrieben haben. Eine Veranstaltung, die Waffen, Trophäen und Jagdtourismus in einer als Umweltbildung vermarkteten Halle inszeniert, lief vollständig am tierschutzrechtlichen Vollzug vorbei. Kein Formular, keine Auflage, keine Kontrolle, kein Aktenstück. Die Hobby-Jagd hat sich als Event etabliert, und genau dieser Mechanismus der Normalisierung ist Thema unseres Beitrags Die Hobby-Jagd als Event.
Bei der Terra Expo wird die Behörde aktiv, bei der Jagdmesse nicht
Ehrlicherweise gehört zum Bild, dass der Veterinärdienst nicht überall untätig ist. Für die Terra Expo 2026 wurden die Termine geprüft und eine Ausstellungsbewilligung erlassen. Bei solchen Veranstaltungen führt der Dienst stichprobenartige und unangemeldete Kontrollen durch, beanstandet Mängel und prüft bei wiederholten oder schweren Verstössen weitergehende Massnahmen bis hin zu Ausstellungsverboten und Strafanzeigen.
Doch dann folgt der entscheidende Satz. Solche Massnahmen wurden bislang nur vereinzelt ergriffen, und zwar im Zusammenhang mit Katzenausstellungen. Bei den Reptilienbörsen, gegen die sich unsere Petition gegen die Tierquälerei in der Umwelt Arena ebenso richtet, ist offenbar kein vergleichbarer Durchgriff erfolgt. Das wiegt schwer, denn der Schweizer Tierschutz STS geht von rund 60’000 tierquälerischen und damit strafbaren Reptilienhaltungen in der Schweiz aus, mit der Umwelt Arena als Drehscheibe. Warum die Behörde ihre eigenen Instrumente bei Katzen anwendet, bei einem dokumentierten Massenproblem mit Reptilien aber nicht, bleibt offen.
Eine Gemeinde, die lieber anzeigt als antwortet
Damit verschiebt sich der Blick zurück auf die Gemeinde. Auf kommunaler Ebene besteht laut Veterinärdienst keine allgemeine Mitteilungspflicht für Veranstaltungen mit Tieren. Bewilligungspflichtige Anlässe werden im ordentlichen Verfahren gemeldet. Genau deshalb haben sich Hunderte Bürgerinnen und Bürger an die Standortgemeinde gewandt, weil sie davon ausgingen, dass der Gemeinderat Verantwortung für das Geschehen auf dem Gemeindegebiet trägt.
Statt diese Anliegen aufzunehmen, hat der Gemeinderat sie kriminalisiert. Den Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Baden reichte Gemeindepräsident Markus Mötteli (Die Mitte) im Namen des Gemeinderats ein. Die 850 Mails gingen an die Verwaltung sowie an die vier Ratsmitglieder Mötteli, Vizegemeindepräsidentin Doris Schmid-Hofer (FDP) und die beiden parteilosen Räte Adrian Mayr und Mike Heggli. Dieselben vier Personen liessen unsere drei Schreiben unbeantwortet. Nicht der Inhalt der Mails wurde beanstandet, sondern deren Zahl. Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr in Reinform. Jene, die Missstände öffentlich machen, geraten ins Visier der Justiz, während die Veranstaltung, die den Protest auslöste, ohne tierschutzrechtliche Spur durchläuft. Fachleute kennen dieses Vorgehen als SLAPP, als Klage, die nicht auf einen Sieg vor Gericht zielt, sondern auf das Verstummen der Kritik. Wie die Umwelt Arena ihre eigene Nachhaltigkeitsmarke gegen das Tierwohl ausspielt, zeigt unser Beitrag Wie die Umwelt Arena Spreitenbach Tierquälerei legitimiert.
Gewalt gehörte zum Programm
Wer den Massstab für die Reaktion der Behörden sucht, sollte das Geschehen vom Messewochenende selbst einbeziehen. Am 8. März 2026 wurde der HUNT-Watch-Aktivist Olivier Bieli vor der Umwelt Arena am Hals angegriffen, im Vorfeld kursierten in Hobby-Jäger-Foren sogar Tötungsfantasien. Die dokumentierte Kette solcher Übergriffe haben wir in Gewalt durch Hobby-Jäger gegen Tierschützende zusammengetragen.
Die Gewichtung spricht für sich. Ein tätlicher Angriff auf eine friedlich demonstrierende Person löste keine Strafanzeige der Gemeinde aus. 850 Mails von Menschen, die sich um das Tierwohl sorgen, hingegen schon.
Was bleibt
Das Schreiben des Veterinärdiensts ist ein Mosaikstein, aber ein aussagekräftiger. Es bestätigt, dass die Jagdmesse ohne jede tierschutzrechtliche Begleitung stattfinden konnte, und es macht durch den Vergleich mit der Terra Expo sichtbar, dass die Behörden sehr wohl handeln können, wenn sie wollen. Die Umwelt Arena beruft sich derweil weiter darauf, sie sei keine moralische Instanz, sondern ein Ort des Diskurses. Wer einer Jagdmesse Raum, Bewerbung und das Etikett der Nachhaltigkeit gibt, trifft jedoch eine Entscheidung, und diese Entscheidung ist alles andere als neutral.
Wir bleiben dran. Das Akteneinsichtsgesuch wurde nur teilweise und in anonymisierter Form gutgeheissen, der Veranstalter der Terra Expo hat sich gegen eine Herausgabe ausgesprochen. Die offenen Fragen an die Gemeinde Spreitenbach bleiben ebenfalls offen. Beantworten wird sie der Gemeinderat wohl erst, wenn er muss. Die Frist lief am 27. Mai 2026 ab, die Gemeinde hat nicht geantwortet. Das ist ein Rechtsverstoss.
Weiterführende Informationen: Kriminalität und Jagd · Dossier Jagd und Tierschutz · Jagdlobby-Dossier
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