29. Juli 2026, 04:51

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Waschbärbabys getötet: Jagdverband verbreitet Falschaussage

Die EU-Verordnung Nr. 1143/2014 enthält kein Tötungsgebot. Auffangstationen sind ausdrücklich ausgenommen. Nicht-letale Massnahmen wie Kastration sind rechtlich zulässig – und in Kassel bereits erfolgreich in der Praxis. Der Deutsche Tierschutzbund widerspricht dem Jagdverband NRW öffentlich und unmissverständlich.

Redaktion Wild beim Wild — 2. Juni 2026

Vier Waschbärbabys, die Ende Mai 2026 von der Feuerwehr Solingen von einem Dach gerettet worden waren, wurden anschliessend getötet – und der Landesjagdverband NRW behauptet öffentlich, die EU-Verordnung habe dies zwingend vorgeschrieben.

Der Deutsche Tierschutzbund widerspricht dieser Darstellung entschieden und bezeichnet sie als falsches Narrativ zur nachträglichen Rechtfertigung einer grausamen Entscheidung.

Jagdverband behauptet gesetzliche Pflicht – zu Unrecht

Der Landesjagdverband NRW hatte in Medienberichten erklärt, die EU-Verordnung Nr. 1143/2014 über invasive gebietsfremde Arten schreibe die Tötung der Jungtiere zwingend vor. Paulina Kuhn, Fachreferentin für Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund, widerspricht: «Wenn der Landesjagdverband NRW behauptet, die Tötung sei rechtlich vorgeschrieben, verbreitet er ein falsches Narrativ, um grausame Entscheidungen nachträglich zu rechtfertigen.»

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Tatsächlich enthält Artikel 7 der EU-Verordnung Nr. 1143/2014 kein generelles Tötungsgebot. Die Verordnung untersagt zwar das vorsätzliche Freisetzen invasiver Arten in die Umwelt sowie eine allgemeine Haltung – sieht aber ausdrücklich Ausnahmen für Auffangstationen und Zoos vor. Artikel 19 derselben Verordnung benennt explizit auch «nicht tödliche Massnahmen» als zulässige Managementmassnahmen.

Kastration als Alternative – Pilotprojekt Kassel zeigt den Weg

Tierschutzverbände und Wildbiologinnen und -biologen verweisen seit Jahren auf praxiserprobte Alternativen zur Tötung. Die Stadt Kassel startete 2025 auf Initiative des Bundesverbands der Wildtierhilfen ein Pilotprojekt: Waschbären werden eingefangen, kastriert und wieder freigelassen. Kastrierte Männchen verteidigen weiter ihr Revier, verhindern die Zuwanderung neuer Tiere und pflanzen sich nicht fort.

Erfahrungen aus Brandenburg bestätigen: In nicht bejagten Populationen mit stabilen Sozialstrukturen ist die Fortpflanzungsrate nachweislich niedriger als in intensiv bejagten Populationen. In Norditalien wurde das Verfahren bei Nutrias erfolgreich angewandt.

Peer Fiesel, Präsident des Landestierschutzverbands NRW, hält fest: «Die Tötung der Waschbärbabys ist inakzeptabel, zumal es andere Optionen gegeben hätte. Mit sachkundigen Auffangstationen arbeiten wir bundesländerübergreifend zusammen. Auch Sterilisationsprogramme sind grundsätzlich eine nachhaltige und tiergerechte Alternative zur Tötung.»

Waschbär: EU-Listung wissenschaftlich umstritten

Waschbären sind in Deutschland nicht ursprünglich heimisch; einzelne Tiere entkamen im 20. Jahrhundert aus Pelzfarmen oder wurden ausgesetzt. Von der EU werden sie als invasive gebietsfremde Art gelistet. Belastbare wissenschaftliche Belege dafür, dass Waschbären massgeblich für den Rückgang heimischer Tierpopulationen verantwortlich sind, existieren jedoch nicht – das betont auch der Deutsche Tierschutzbund ausdrücklich.

Wildbiologischen Daten zufolge steigen die Jagdstrecken bei Waschbären in Deutschland seit Jahren massiv an, während sich die Art gleichzeitig weiter ausbreitet. Die Hobby-Jagd reduziert Bestände nicht dauerhaft: Viele Wildtiere reagieren auf Jagddruck mit kompensatorischer Reproduktion. Der Wildbiologe Dr. Ulf Hohmann, ausgewiesener Waschbär-Experte, hält fest: «Ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler oder Jagdexperten, der ernsthaft glaubt, den Tieren mit jagdlichen Mitteln Einhalt gebieten zu können.»

Der Fall Solingen zeigt exemplarisch, wie Jagdverbände rechtliche Grundlagen verzerrt darstellen, um Tötungen zu legitimieren – obwohl das Gesetz ausdrücklich auch nicht-letale Methoden vorschreibt und Auffangstationen explizit ausnimmt.

Mehr dazu auf wildbeimwild.com:
Invasive Arten: Keine Lizenz zum Töten
282’499 tote Waschbären – und die Population wächst weiter
Neozoen Schweiz: Hobby-Jagd scheitert als Lösung
Streichung des Waschbären von der Invasiv-Arten-Liste

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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