Bartgeier Lepontino II: Gerettet, erholt, wieder frei
Monatelang wurde der junge Bartgeier Lepontino II gepflegt, nun ist er in Linthal GL wieder in die Freiheit entlassen worden. Erhöhte Bleiwerte im Blut werfen erneut die Frage auf, wie stark bleihaltige Jagdmunition Greifvögel in den Alpen gefährdet.
Nach monatelanger Pflege ist der junge Bartgeier Lepontino II am 18. August 2026 in Linthal GL wieder in die Freiheit entlassen worden.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie eng Bleivergiftung und die Gefährdung von Greifvögeln in den Schweizer Alpen zusammenhängen, auch wenn im konkreten Fall die genaue Ursache seines Zusammenbruchs nicht restlos geklärt werden konnte.
Vom Tierfehd zurück in die Alpen
Die Wildhut des Kantons Glarus hatte den stark geschwächten und flugunfähigen Jungvogel am 1. April im Tierfehd südlich von Linthal eingefangen. Der Bartgeier litt unter schweren Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen und wurde zur eingehenden Untersuchung ins Tierspital Zürich gebracht. Die Untersuchungen ergaben erhöhte Bleiwerte im Blut, die allein jedoch die ausgeprägte Symptomatik nicht erklären konnten. Da bereits eine geringe Bleibelastung Vitalität und Reaktionsvermögen von Greifvögeln beeinträchtigen kann, vermuten die Fachleute, dass sie eine Kollision begünstigt haben könnte, mutmasslich mit der Folge eines Schädel-Hirn-Traumas.
Nach der Erstversorgung wurde der Vogel in die Wildtier-Pflegestation des Natur- und Tierparks Goldau SZ verlegt. Dort erholte er sich so weit, dass die Stiftung Pro Bartgeier und die kantonale Wildhut ihn nun in Linthal wieder auswildern konnten.
Wer ist Lepontino II
Der Name führt zurück ins Tessin: Am 31. Juli 2023 flog dort erstmals ein wildgeschlüpfter Bartgeier aus, benannt nach den Lepontinischen Alpen, zu denen die Tessiner Bergwelt gehört. Dem gleichen Brutpaar gelang 2025 die Aufzucht eines zweiten Jungtiers, eben jenes Lepontino II, das nun in Linthal ausgewildert wurde. Inzwischen ist mit Lepontino III bereits ein drittes Jungtier dieses Paares ausgeflogen, ein Zeichen dafür, wie erfolgreich sich die Wiederansiedlung im Tessin mittlerweile entwickelt.
Die Schweiz beteiligt sich seit 1991 am internationalen Wiederansiedlungsprojekt für den Bartgeier, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im gesamten Alpenraum ausgerottet worden war. Im Alpenraum gibt es inzwischen 98 Reviere mit erfolgreich brütenden Paaren, 35 davon in der Schweiz. 2025 war mit 26 ausgeflogenen Jungtieren ein Rekordjahr, mit der ersten erfolgreichen Brut auch im Kanton St. Gallen.
Blei bleibt die grösste Dauergefahr für Greifvögel
Auch wenn im Fall von Lepontino II offen bleibt, ob primär eine Kollision oder die Bleibelastung selbst für den Zusammenbruch verantwortlich war, reiht sich der Fall in ein gut dokumentiertes Muster ein. In den Schweizer Alpen sind bereits nachweislich Steinadler und Bartgeier an Bleivergiftungen gestorben. Die Vogelwarte Sempach konnte gemeinsam mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden per Isotopenanalyse zeigen, dass die Bleisignatur in Steinadlerknochen exakt der Signatur von Jagdmunition entspricht und nicht natürlichem Bodenblei. Mit Fotofallen liess sich zudem belegen, dass Steinadler den bleihaltigen Aufbruch aus der Hoch- und Steinwildjagd systematisch als Nahrungsquelle nutzen, ein Mechanismus, der sich bei aasfressenden Bartgeiern in vergleichbarer Weise stellt.
Wie ernst die Lage ist, zeigt eine 2019 veröffentlichte Studie der Universität Zürich, der Vogelwarte Sempach und des Amts für Jagd und Fischerei Graubünden: Im internationalen Vergleich erreicht die Bleibelastung von Steinadlern und Bartgeiern im gesamten Schweizer Alpenraum ungewöhnlich hohe Werte, höher als in anderen europäischen Ländern wie Spanien mit den Pyrenäen und höher als in Nordamerika. Für den Bartgeier mit seiner noch kleinen und verletzlichen, wenn auch wachsenden Population in den Alpen stufen die Studienautoren diesen Befund als besonders alarmierend ein: Der Erfolg der jahrzehntelangen Wiederansiedlung wird durch die Bleivergiftungen ernsthaft gefährdet.
Der Nationalrat lehnte ein landesweites Verbot bleihaltiger Munition erst kürzlich knapp mit 99 zu 94 Stimmen ab, obwohl der Bundesrat selbst Handlungsbedarf sah und die Motion zur Annahme empfohlen hatte. Bleihaltige Munition ist bislang nur in einzelnen Kantonen wie Graubünden und Wallis verboten. Die Schweiz verfügt damit über einen kantonalen Flickenteppich statt einer einheitlichen Regelung.
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