Graubünden meldet drei neue Rudel. Was der Kanton verschweigt: Es ist kein Wachstum, es ist Ersatz
Heinzenberg, Giarsinom und Madlain besetzen exakt die Territorien jener Rudel, welche die Abschüsse zuvor ausgelöscht haben. Die Natur repariert, was die Hobby-Jagd zerstört. Und das Amt kündigt bereits das nächste Massaker an.
Der Kanton feiert Nachwuchs. Die Wildhut hat in der ersten Augusthälfte 2026 drei neue Wolfsrudel mit mindestens zehn Welpen nachgewiesen, womit in Graubünden rechnerisch 13 Rudel als bestätigt gelten.
Die Botschaft klingt nach Erfolg. Die Wahrheit ist nüchterner: Die drei «neuen» Rudel kommen nicht zum Bestand dazu. Sie füllen exakt die Lücken, welche die Abschüsse gerissen haben.
Drei Rudel, drei aufgefüllte Lücken
Heinzenberg bewohnt das Gebiet des früheren Beverin-Rudels, das nach wiederholten Eingriffen und dem Verlust zentraler Rudelmitglieder nicht mehr als reproduzierendes Rudel nachgewiesen wurde. Am Heinzenberg konnte die Wildhut mittels Fotofalle und anschliessenden Beobachtungen zwei Welpen bestätigen.
Giarsinom bei Zernez übernimmt zumindest teilweise das Territorium des Fuorn-Rudels im und um den Schweizerischen Nationalpark, das 2024/25 nach diversen Abschüssen erlosch. Das neue Rudel mit mindestens drei Welpen hält sich aktuell weiter nördlich auf, als es das damalige Rudel im Sommer tat, doch die Streifgebiete dürften sich in wesentlichen Teilen überschneiden.
Madlain bei Scuol besetzt das Gebiet des früheren Sinestra-Rudels, dessen vollständige Entnahme im November 2025 verfügt wurde und aus dem später sechs Wölfe erlegt wurden. Sinestra lebte beidseits des Inns. Madlain beansprucht bisher mit mindestens fünf Welpen die Südseite, dürfte im Winter aber ebenfalls beidseitig unterwegs sein.
Die Wölfe kompensieren. Das ist kein Freibrief zum Töten.
Das Positive: Die Wölfe beweisen, dass sie Abschüsse kompensieren können. Auch in weiteren einst zerstörten Rudelgebieten gibt es diesen Sommer Reproduktionshinweise, in Graubünden wie im Wallis. Weitere solche Meldungen werden in den kommenden Tagen und Wochen folgen.
Genau diese Kompensation ist jedoch kein Argument für die Abschusspolitik, sondern ihr Todesurteil. Wer ein Territorium leer schiesst, schafft eine «wolfsfreie Zone» nur auf dem Papier. Zuwandernde Wölfe besetzen sie erfahrungsgemäss rasch aufs Neue. Es entstehen unnötig hohe Verluste, neuerliche Konflikte und Druck auf die genetische Vielfalt. Ein Teufelskreis, wie ihn der Schweizer Tierschutz an der geplanten Rudelentnahme scharf kritisiert hat. Wer Rudelstrukturen zerstört und Leittiere entnimmt, riskiert mehr Nutztierrisse statt weniger, weil unerfahrene Jungtiere ihre Beutewahl ändern.
Und noch etwas verschweigen die Abschussbefürworter: Wolfsbestände wachsen nicht ins Unendliche. Das Territorialverhalten der Art reguliert sich selbst. Sind in einer Region alle geeigneten Reviere besetzt, wächst kein weiteres Rudel hinzu. Die Jungwölfe wandern stattdessen ab, oft über hunderte Kilometer quer durch den Kontinent, bis sie ein freies Revier finden. Das «wolfsfreie» Territorium, das ein Abschuss schafft, ist für abwandernde Tiere geradezu ein Magnet. Genau deshalb füllt sich jede leergeschossene Region zuverlässig wieder auf. Die Abschusspolitik bekämpft also nicht einen unkontrollierbaren Zuwachs, sondern einen Bestand, der sich längst selbst begrenzt.
Das nächste Massaker ist bereits angekündigt
Kaum ist der Nachwuchs bestätigt, bereitet das unwissenschaftliche Amt bereits das nächste proaktive Massaker vor, wie es das auch bei anderen Tierarten macht. Das zeigt die politische Absurdität dieser Praxis: Erst werden Rudelstrukturen zerstört, dann wird die erneute Besiedlung derselben Räume als neue Ausgangslage für weitere Abschüsse behandelt. Es ist dasselbe Muster wie in den proaktiven Wolfsabschüssen des vergangenen Winters, bei denen zwischen September 2025 und Januar 2026 35 Wölfe getötet wurden. 18 davon fielen der sogenannten Jungtierregulation zum Opfer. Und es ist dieselbe Logik wie hinter den Phantomrudeln, die Graubünden vorsorglich zum Abschuss freigeben wollte.
Im Chöpfenberg-Rudel im Kanton Schwyz läuft parallel dasselbe Trauerspiel: Nachdem 2025 bereits drei Jungwölfe getötet wurden, dürfen nun bis zu vier der mindestens sechs diesjährigen Welpen erlegt werden – erneut trifft es ein Rudel, das sich erst seit kurzem etabliert hat.
Kompensation ist kein Argument fürs Töten. Sie ist der Beweis, dass die Natur repariert, was die Hobby-Jagd mutwillig zerstört. Wer Jahr für Jahr dieselben Territorien leer schiesst und den anschliessenden Wiederbesatz als «neue Rudel» feiert, betreibt kein Wildtiermanagement, sondern Symbolpolitik auf dem Rücken der Welpen.
Alle Hintergründe im Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd».
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