Val Russein: 82 Schafe abgestürzt, Amt findet keinen Hinweis auf Wolf
In der Surselva sind 82 Schafe über eine Felswand in den Tod gestürzt. Das Bündner Amt für Jagd und Fischerei fand keinen Hinweis auf einen Wolf, die Forderung nach Regulierung kommt trotzdem.
Symbolbild: Schaf an einem steilen Hang im Nebel. Foto: André Mašek / Unsplash
Am 11. September 2026 entdeckte eine Hirtin in der Val Russein, einem Seitental der Surselva am Fuss des Tödi, unterhalb einer Felswand zahlreiche tote Schafe.
82 Schafe kamen ums Leben, wie die «Südostschweiz» am 2. Oktober berichtete. 62 davon gehörten dem Schafhalter Marcus Berther aus Segnas, die übrigen zwei weiteren Haltern aus der Region.
In der Region stand der Verdächtige rasch fest: der Wolf. Belegt ist das bis heute nicht. Die zuständige Behörde hat den Fall untersucht und kommt zu einem anderen Befund.
Was über den Absturz bekannt ist
Nach den bisherigen Berichten lagen die Schafe beim Fund wahrscheinlich bereits rund zwei Tage am Fuss der Felswand. Dichter Nebel hatte die Sicht im Hochtal zuvor über mehrere Tage stark eingeschränkt. Berther geht davon aus, dass die Herde in Panik geriet und einem Leittier über die Kante folgte. Was die Panik ausgelöst hat, kann er nach eigenen Angaben nicht sagen: ein Wolf, frei laufende Hunde oder ein anderes Ereignis.
Fest steht, was nicht gefunden wurde. An keinem der Schafe war laut Berther ein Wolfsbiss zu erkennen, DNA-Proben würden noch ausgewertet. Zum Schutz seiner Herde setzt er auf Elektrozäune, die sich im felsigen Gelände der Val Russein nach seinen Worten nur schwer sicher anbringen lassen. Herdenschutzhunde sind nach seinen Angaben nicht immer im Einsatz.
Das Amt findet keinen Hinweis auf einen Wolf
Adrian Arquint, Co-Leiter des Bündner Amts für Jagd und Fischerei, bestätigte den Fall am 2. Oktober gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Wildhut war zur Beurteilung der toten Schafe vor Ort. Sein Befund: «Wir haben keine Hinweise für einen Wolfseinfluss gefunden.»
Ausgeschlossen ist ein Wolf damit nicht mit letzter Sicherheit. Die Untersuchung vor Ort hat aber nichts ergeben, was auf ihn hindeutet. Dieser Befund hat Gewicht, weil er von der Behörde stammt, die im Kanton die Wolfsabschüsse verfügt und vollzieht, und von einem Amtsleiter, der selbst Hobby-Jäger ist.
Ein Absturz, mehr tote Schafe als alle Wolfsrisse bis Ende August
Wie gross die Dimension ist, zeigt die amtliche Statistik. Das «Monitoring Wolfsmanagement» des Amts weist mit Stand 31. August 2026 für das ganze Jahr und den ganzen Kanton 73 von Wölfen gerissene Schafe und Ziegen sowie fünf Stück Grossvieh aus. In der Val Russein starben bei einem einzigen Ereignis 82 Schafe. Ein Absturz ohne Wolfsbefund hat damit mehr Schafe das Leben gekostet als sämtliche Wolfsrisse in Graubünden von Januar bis August zusammen. Der Vergleich stellt ein Einzelereignis einer kantonsweiten Schadensstatistik gegenüber. Gerade das macht die Grössenordnung sichtbar.
Im bisherigen Saisonvergleich liegen die registrierten Wolfsrisse zudem tiefer als im Vorjahr: Bis Ende Juli waren es 30 statt 68 Nutztiere, im August kamen 44 Schafe und Ziegen dazu, gegenüber 105 im August 2025. Ob daraus ein dauerhafter Trend wird, lässt sich vor Abschluss der Alpsaison nicht sagen, das Amt selbst hält Aussagen zum ganzen Jahr für verfrüht. Dass Wölfe ohnehin nur einen kleinen Teil der Schafverluste verursachen und die meisten Schafe an Krankheiten, Parasiten und Haltungsbedingungen sterben, haben wir hier dokumentiert.
Im Gebiet des Stagias-Rudels wird längst reguliert
Berther zieht aus dem Unglück dennoch einen Schluss: «Es gibt hier Wölfe und wir müssen sie regulieren.» Genau das geschieht bereits. Die Val Russein liegt auf dem Gebiet der Gemeinden Disentis/Mustér und Sumvitg. Das Streifgebiet des Stagias-Rudels erstreckt sich nach Angaben des Amts über die Gemeinden Tujetsch, Disentis/Mustér und Medel (Lucmagn).
Für dieses Rudel bestätigte die Wildhut am 30. August vier Welpen. Am 31. August folgte die Abschussverfügung für zwei Jungtiere. Die Weisung des Amts zu den Wolfsabschüssen während der Hochjagd vermerkt für Stagias bereits mit Stand 2. September: Abschusskontingent erreicht. Das war rund eine Woche, bevor die Schafe in der Val Russein in den Tod stürzten.
Kantonsweit führt die Weisung mit Stand 22. September 19 Abschussperimeter auf, 18 für Rudel und einen für einen Einzelwolf. In der Surselva sind neben Stagias auch die Rudel Valgronda und Frisal betroffen. Bis Ende August summierten sich die verfügten Abschüsse laut Monitoring auf 42, darunter die vollständige Entnahme des Calderas-Rudels. Vollzogen werden sie nicht nur von der Wildhut, sondern während der Hochjagd auch von eigens autorisierten Hobby-Jägern. Die vom Bund beauftragte Monitoringstelle KORA hält selbst fest, dass direkte Belege für die behauptete Schutzwirkung rar sind. Wir haben das hier aufgearbeitet, die Hintergründe zur Schweizer Wolfspolitik stehen im Dossier «Wolf in der Schweiz».
Einordnung: Das Argument mit der Verbuschung
Berther warnt, ohne Schafe würden die Alpen verbuschen, die Artenvielfalt schrumpfe und das Risiko von Naturgefahren steige. So einfach ist es nicht: Zu viele Schafe schaden der Biodiversität, und auch die landwirtschaftliche Nutzung setzt den Alpwiesen zu.
Der Fall zeigt vor allem die Risiken einer Sömmerung in steilem, bei Nebel schwer überblickbarem Gelände. Die toten Schafe wurden laut den Berichten am 11. September entdeckt und könnten zu diesem Zeitpunkt bereits rund zwei Tage unterhalb der Felswand gelegen haben. Auch auf einer behirteten Alp ist die Überwachung bei solchen Verhältnissen schwierig. Was Herdenschutz leisten kann und wo er scheitert, zeigt unser Dossier zum Herdenschutz.
Kommentar: Der Wolf muss nicht einmal da gewesen sein
Die «Südostschweiz» hat in einem Kommentar selbst festgehalten, dass der Wolf in solchen Fällen zur Projektionsfläche wird und dass weder Bissspuren noch andere Belege für ihn sprechen. Das ist richtig, und es verdient Anerkennung. Umso bemerkenswerter ist, dass dieselbe Zeitung auf ihrer Frontseite ausgerechnet den Satz von der Regulierung als Zitat heraushebt.
Darin liegt das Muster. Es gibt keinen Biss, keinen Befund der Wildhut und keinen Hinweis des Amts. Die Schlussfolgerung lautet trotzdem: regulieren. Der Wolf muss nicht einmal anwesend gewesen sein, um als Begründung für weitere Abschüsse zu dienen.
Der mutmassliche Zeitpunkt des Absturzes fällt in den ersten Block der Bündner Hochjagd vom 3. bis 13. September. In diesen Tagen sind im Kanton Tausende Hobby-Jäger im Gebirge unterwegs. Das belegt keinen Zusammenhang. Ob Menschen im Gelände, Hunde, ein Gewitter, Steinschlag oder ein Wildtier die Herde aufgeschreckt haben, weiss niemand, und für keinen Auslöser gibt es bisher einen Beleg. Es zeigt aber, wie schnell sich die Debatte auf den Wolf verengt hat, während nach anderen Störungen niemand fragt. Die Vorfälle der laufenden Saison dokumentieren wir im Ticker zur Bündner Jagdsaison 2026/27.
82 nichtmenschliche Tiere sind tot, und der Verlust trifft die Halter schwer. Gerade deshalb verdient die Ursache eine sorgfältige Aufarbeitung statt eines Reflexes. Der Absturz zeigt, dass Schafe auf Alpen auch ohne Wolf erheblichen Risiken ausgesetzt sind. Wenn ein einziges Ereignis mehr Schafe tötet, als Wölfe im ganzen Kanton in acht Monaten gerissen haben, gehört der Umgang mit Absturzgelände, Nebel und Aufsicht in diese Aufarbeitung. Die Verantwortung für gesömmerte Schafe liegt bei den Menschen, die sie auf die Alp bringen, mit oder ohne Wolf.
Wer aus einem Ereignis ohne Wolfsnachweis weitere Abschüsse ableitet, verschiebt die Debatte von der ungeklärten Ursache zur politischen Forderung. Er liefert die Begründung für eine Wolfsjagd, für die der Kanton gemäss Weisung (Stand 22. September) 19 Abschussperimeter führt und an deren Vollzug während der Hochjagd auch eigens autorisierte Hobby-Jäger beteiligt sind. Das Amt für Jagd und Fischerei sollte die Ergebnisse der DNA-Auswertung veröffentlichen, sobald sie vorliegen. Und die Medien sollten den Befund der Behörde so prominent vermelden wie zuvor den Verdacht.
Quellen: «Südostschweiz», Bericht vom 2. Oktober 2026 sowie Frontseite und Kommentar zum Fall; Keystone-SDA, Meldungen vom 4. August und 2. Oktober 2026; watson.ch, 2. Oktober 2026; Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, «Monitoring Wolfsmanagement» (Stand 31. August 2026), Medienmitteilung zur proaktiven Regulation vom 28. August 2026, Weisungen zum Vollzug von Wolfsabschüssen im Rahmen der Bündner Hochjagd 2026 (Stand 22. September 2026), Quartalsbericht 4/2024 zum Streifgebiet des Stagias-Rudels sowie Jagdtermine 2026.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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