Proaktive Wolfsabschüsse in Graubünden
Graubünden hat zwischen September und Januar über 30 Wölfe getötet. Für das kantonale Amt für Jagd und Fischerei gilt die zweite proaktive Wolfsregulierung als Erfolg. Umweltverbände und der Verein Wolfshirten sprechen hingegen von politisch motivierten Abschüssen, kollektiver Bestrafung ganzer Wolfsfamilien und einer Regulierung ohne belastbare Wirkungskontrolle. Der Konflikt zeigt exemplarisch, wie stark sich die Schweizer Wolfsdebatte von wissenschaftlichen Grundlagen entfernt hat und zunehmend jagdpolitisch aufgeladen wird.
Nach Angaben des Jagdamts wurden insgesamt 32 Wölfe erlegt, darunter 18 Welpen sowie drei als auffällig eingestufte Einzeltiere.
Zusätzlich schossen Hobby-Jäger während der Hochjagd sieben Jungwölfe. Drei Rudel standen explizit im Fokus der Regulierung. Keines davon wurde vollständig aufgelöst. Dennoch zeigt sich die Behörde zufrieden, insbesondere mit der hohen Quote getöteter Jungtiere.
Auffällig ist dabei weniger die Zahl der Abschüsse als das, was fehlt. Bis heute ist unklar, ob die getöteten Tiere tatsächlich den anvisierten Rudeln angehörten. Die entsprechenden DNA-Analysen werden erst im Frühjahr erwartet. Trotzdem wird bereits politisch bilanziert. Eine Regulierung, deren Zielerreichung erst Monate später überprüfbar ist, widerspricht grundlegenden Prinzipien evidenzbasierter Wildtierpolitik. Wirkungskontrolle wird in die Zukunft verschoben, Abschüsse finden in der Gegenwart statt.
Die Argumentation der Jagdbehörde folgt einem bekannten Muster. Die Wölfe würden durch die Regulierung scheuer, was als gewünschter Effekt dargestellt wird. Gleichzeitig räumt man ein, dass genau diese Scheu die Abschüsse erschwere. Diese Logik ist widersprüchlich. Wenn Regulierung primär dazu dient, Abschüsse künftig schwieriger zu machen, verliert sie ihre behauptete Steuerungsfunktion.
Hinzu kommt, dass der Abschuss von Welpen gezielt als Erfolgskriterium genannt wird. Ganze Familienverbände werden destabilisiert, ohne dass belegt wäre, dass dies Nutztierschäden reduziert. Internationale Studien zeigen seit Jahren, dass das Töten von Jungtieren soziale Strukturen auflöst und im Gegenteil zu mehr Konflikten führen kann. Dennoch wird an diesem Instrument festgehalten.
Umweltverbände warnen vor Blindflug
Die nationalen Umweltverbände kritisieren vor allem die fehlende Wirkungskontrolle. Abschüsse würden bewilligt, ohne dass klar sei, ob sie notwendig oder zielführend seien. Auch Fehlabschüsse und Bewilligungen für unauffällige Rudel werden thematisiert. Besonders deutlich ist der Hinweis, dass die Zahl der Nutztierrisse bereits vor der proaktiven Regulierung rückläufig war.
Der zentrale Punkt ist der Herdenschutz. Er gilt weiterhin als wirksamste Präventionsmassnahme. Doch statt diesen konsequent auszubauen, wird der Fokus politisch auf Abschüsse gelenkt. Damit wird ein Scheinhandeln erzeugt, das kurzfristig Druck abbaut, langfristig aber keine strukturellen Probleme löst.
Adrian Arquint sendet zwei sich widersprechende Deutungsrahmen, die je nach Publikum unterschiedlich funktionieren. In einem Kontext wird die Regulierung als Ursache für «scheuere» und lernfähigere Wölfe dargestellt, was die Arbeit «nicht einfacher» mache. In einem anderen Kontext wird derselbe Effekt als Erleichterung für die Behörden beschrieben, weil scheue Wölfe die Arbeit der kantonalen Behörden erleichterten. Logisch lassen sich diese Aussagen nicht gleichzeitig halten. Sie zeigen vielmehr ein Kommunikationsmuster, bei dem die gleiche Beobachtung wahlweise als Erfolg oder als Problem gerahmt wird, je nachdem, welche Legitimation gerade gebraucht wird.
Wolfshirten sprechen von kollektiver Bestrafung
Noch grundsätzlicher fällt die Kritik des Vereins Wolfshirten aus. Die gezielte Tötung von Welpen wird als kollektive Bestrafung ganzer Wolfsfamilien bezeichnet. Die angewandten Managementmodelle orientierten sich an einer restriktiven Zurückdrängung der Population. Vergleichbare Strategien hätten in Europa und Nordamerika weder zu konfliktarmen Populationen noch zu nachhaltigen Lösungen geführt.
Der Verein warnt zudem vor einer problematischen Verschiebung im öffentlichen Diskurs. Der Wolf werde zunehmend als Problemart geframet, während strukturelle Defizite in der Landwirtschaft und beim Herdenschutz ausgeblendet würden. Politische und wirtschaftliche Interessen drohten den fachlichen Diskurs zu überlagern. Die Behauptung, Abschüsse machten Wölfe scheuer, sei wissenschaftlich nicht belegt.
Politischer Druck statt sachlicher Steuerung
Der Fall Graubünden zeigt, wie stark sich die Wolfsregulierung von wissenschaftlicher Vorsicht entfernt hat. Abschüsse erfolgen, bevor ihre Wirkung überprüft werden kann. Erfolgsnarrative werden kommuniziert, obwohl zentrale Daten fehlen. Gleichzeitig wird Herdenschutz rhetorisch betont, praktisch aber in den Hintergrund gedrängt.
Für eine sachliche Debatte wäre ein Moratorium der proaktiven Abschüsse notwendig, bis belastbare Langzeitdaten vorliegen. Ohne klare Zieldefinition, transparente Wirkungskontrolle und Priorisierung nicht letaler Massnahmen bleibt die Wolfsregulierung ein politisches Symbolprojekt. Leidtragende sind nicht nur die Beutegreifer, sondern auch die Glaubwürdigkeit staatlicher Wildtierpolitik.
Abschuss als Erfolgskriterium: Wie Jagdlogik natürliche Regulation manipuliert
Dieses Muster zieht sich durch fast alle Bereiche der staatlich organisierten Hobby-Jagd. Sobald Tiere getötet werden, gilt das Handeln als Erfolg. Unabhängig davon, ob ein ökologischer Nutzen belegt ist oder ob Schäden entstehen.
Beim Wolf zeigt sich das besonders deutlich, beim Fuchs aber genauso. Füchse werden seit Jahrzehnten intensiv bejagt, obwohl sie eine zentrale Rolle im Ökosystem haben. Sie regulieren Nagetiere, beeinflussen Krankheitsdynamiken und stabilisieren Nahrungsketten. Trotzdem werden sie als vermeintliche Schädlinge behandelt. Jeder Abschuss wird statistisch als Leistung verbucht, nie als Eingriff mit Folgen.
Das Problem ist strukturell. Jagdbehörden messen Erfolg fast ausschliesslich an Abschusszahlen. Nicht an Biodiversität, nicht an stabilen Populationen, nicht an funktionierenden Ökosystemen. Töten wird zur aktiven Handlung, Nichttöten gilt als Untätigkeit. Genau dadurch verschiebt sich der Massstab.
Ökologisch ist das fatal. Wer Füchse dezimiert, fördert Mäusepopulationen. Wer Wolfsrudel destabilisiert, riskiert mehr Konflikte statt weniger. Wer permanent eingreift, zerstört soziale Strukturen von Beutegreifern und bringt natürliche Regulationsmechanismen aus dem Gleichgewicht. Das ist keine Ordnung, das ist Dauerintervention.
Hinzu kommt der psychologische Aspekt. Abschüsse liefern einfache Narrative. Handlungsfähigkeit, Kontrolle, Durchgreifen. Herdenschutz, Prävention und Koexistenz sind komplex, mühsam und politisch weniger verwertbar. Deshalb werden sie zwar beschworen, aber nicht konsequent umgesetzt.
Solange Töten als Erfolg gilt, bleibt Naturschutz zweitrangig. Und solange natürliche Ordnung mit menschlicher Kontrolle verwechselt wird, wird genau das zerstört, was angeblich geschützt werden soll.
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