Nilgänse am Stadlersee erschossen: Hobby-Jagd zerstört Idylle
Am Stadlersee in Stadel bei Niederglatt ZH hat ein Hobby-Jäger am vergangenen Samstag ein Nilgans-Paar erschossen.
«Sie kamen weit»
Das Männchen trieb tot im See, das Weibchen wurde auf einem angrenzenden Feld erlegt.
Spaziergänger und Anwohner, die das Gänsepaar über Monate beobachtet und sich an seinem Nachwuchs erfreut hatten, reagierten mit Entsetzen und Trauer. Ein Anwohner richtete sogar eine Gedenkwebsite ein, schreibt 20.min.ch.
Invasiv oder einfach unerwünscht?
Die Nilgans stammt ursprünglich aus Afrika und wurde im 18. Jahrhundert als Ziervogel nach Europa gebracht. Aus Gefangenschaft entkommen, gründeten die Tiere wildlebende Populationen. Seit 2003 brütet die Art auch in der Schweiz. In der EU ist sie seit 2017 als «invasive gebietsfremde Art» gelistet, und das Schweizer Bundesgesetz verpflichtet die Kantone, die Ausbreitung des Brutbestands zu verhindern.
Doch was heisst «invasiv» wirklich? Die Nilgans nutzt ähnliche Lebensräume wie einheimische Wasservögel und kann diesen Konkurrenz machen. BirdLife Schweiz bestätigt, dass Massnahmen nötig seien. Gleichzeitig räumt die Organisation ein, dass die Tiere auch hätten eingefangen werden können. Der Griff zur Flinte ist also keineswegs alternativlos.
Hobby-Jagd als «Lösung»: bequem, brutal, fragwürdig
Der Fall am Stadlersee zeigt exemplarisch, wie die Hobby-Jagd funktioniert: Ein Hobby-Jäger erschiesst zwei Tiere, die von der lokalen Bevölkerung geschätzt werden, beruft sich auf die Legalität und verschwindet. Zurück bleiben tote Tiere und trauernde Menschen. Dass der Abschuss «rechtlich einwandfrei» war, macht ihn nicht ethisch vertretbar.
Die Hobby-Jagd bietet sich stets als einfache Lösung an, wo differenziertere Ansätze gefragt wären. Einfangen, umsiedeln, Gelege-Management, Vergrämung: All diese Methoden existieren und werden in anderen Ländern erfolgreich eingesetzt. Doch sie erfordern Fachwissen, Geduld und den Willen, Tiere als fühlende Wesen zu behandeln, nicht als Zielscheiben.
Wenn Mitgefühl zum Problem erklärt wird
Besonders bezeichnend ist die Reaktion auf die Trauer des Anwohners. In Kommentarspalten und seitens der Hobby-Jäger wird Mitgefühl mit Tieren regelmässig als naiv oder «vermenschlichend» abgetan. Der sogenannte «Jöö-Effekt» wird belächelt. Doch die Fähigkeit, Empathie für andere Lebewesen zu empfinden, ist keine Schwäche. Sie ist Ausdruck eines Wertewandels, den die Hobby-Jagd-Lobby mit allen Mitteln aufzuhalten versucht.
Der Anwohner bringt es auf den Punkt: Tiere sind oft die besseren Vorbilder. Ein Nilgans-Paar, das gemeinsam Küken aufzieht, verdient mehr Respekt als ein Hobby-Jäger, der es aus dem Hinterhalt erschiesst.
Die grössere Frage: Wem gehört die Natur?
Der Vorfall am Stadlersee wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wem gehört die Natur? Den Hobby-Jägern, die mit Pachtverträgen und Jagdscheinen über Leben und Tod entscheiden? Oder der Allgemeinheit, die sich an der Tierwelt erfreut und ein gewaltfreies Zusammenleben anstrebt?
Die Regulierung invasiver Arten mag in bestimmten Fällen notwendig sein. Aber die Art und Weise, wie sie durchgeführt wird, sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Solange die Hobby-Jagd als Standard-Instrument gilt, werden Szenen wie am Stadlersee kein Ende nehmen: Schüsse am helllichten Tag, tote Tiere vor den Augen von Familien und Kindern, und die zynische Erklärung, dass alles «rechtlich einwandfrei» sei.
Es ist Zeit, dass die Schweiz andere Wege geht. Wege, die sowohl dem Artenschutz als auch dem Tierschutz gerecht werden. Die Hobby-Jagd gehört nicht dazu.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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