Jagdschein in zwei Wochen: Wie eine Reporterin die Waffenprüfung bestand, ohne je im Wald gewesen zu sein
Eine ARD-Reporterin erwarb im Selbstversuch die Berechtigung zum Waffenbesitz über einen Jagd-Crashkurs. Ihr Fazit entlarvt, wie niedrig die Hürden für tödliche Waffen in der Hobby-Jagd wirklich sind.
Wer eine tödliche Waffe führen will, sollte damit umgehen können.
Was für Polizei und Armee selbstverständlich ist, gilt für die Hobby-Jagd offenbar nur eingeschränkt. Eine Recherche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zeigt, wie eine Reporterin im Selbstversuch die Berechtigung zum Waffenbesitz erlangte, und wie wenig dafür nötig war.
Die Prüfung bestanden, ohne je im Wald gewesen zu sein
Für die Reportage «Schiessen, töten, posten: Wie gefährlich ist der neue Jagd-Hype?» recherchierte eine Reporterin zunächst, wie man überhaupt an einen Jagdschein kommt. Sie stiess rasch auf kommerzielle Angebote, die versprechen, die Berechtigung in nur zwei Wochen zu vermitteln. Der sogenannte Crashkurs komprimiert die gesamte Ausbildung auf wenige Tage.
Ihr eigenes Fazit nach bestandener Prüfung fällt vernichtend aus: Sie habe die Jägerprüfung bestanden, ohne ein einziges Mal im Wald gewesen zu sein. Die praktische Realität der Hobby-Jagd, das Aufspüren, Ansprechen und Beurteilen eines lebenden Tieres unter freiem Himmel, kam in ihrer Ausbildung schlicht nicht vor. Am Ende stand dennoch ein Dokument, das rechtlich zum Erwerb und Besitz von Waffen berechtigt.
Eine missachtete Sicherheitsregel, und trotzdem bestanden
Besonders alarmierend ist der Moment der praktischen Prüfung. Die Reporterin überprüfte nicht, ob der Lauf der Waffe frei ist, eine der elementarsten Sicherheitsregeln im Umgang mit Schusswaffen überhaupt. Ein solcher Fehler kann im Ernstfall tödlich enden. Sie bestand die Prüfung trotzdem.
Auf diesen groben Verstoss angesprochen, soll ein Ausbilder lapidar erklärt haben, die Prüfer seien nett, sie wollten Jäger haben. Dieser eine Satz bringt das strukturelle Problem auf den Punkt: Wo das Bestehen zur Formsache wird, weil man den Nachwuchs nicht abschrecken will, verliert die Prüfung ihren eigentlichen Zweck. Sie soll sicherstellen, dass nur befähigte Personen eine Waffe führen. Genau das leistet sie in diesem Fall nicht.
Neun von zehn Schüssen: Tierquälerei mit Ansage
Der zweite Skandal betrifft das Tier. Die Reporterin bilanzierte nach den Schiessübungen, dass von zehn Schüssen etwa einer gut gesessen habe. Alle anderen wären so schlecht gewesen, dass sie die Tiere nicht getötet, sondern schwer verletzt hätten. Sie selbst bezeichnet dies unmissverständlich als das, was es ist: Tierquälerei.
Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Kern des Problems. Die Hobby-Jagd rechtfertigt sich selbst gern mit dem sauberen, waidgerechten Schuss, der dem Tier Leiden erspart. Wer aber nach zwei Wochen Crashkurs neun von zehn Tieren nur anschiesst, fügt ihnen genau das Leid zu, das die Jagd angeblich vermeiden will. Ein angeschossenes Tier flüchtet und verendet oft erst nach langer Zeit qualvoll. Die mangelhafte Ausbildung wird so unmittelbar zum Tierschutzproblem.
Der Vergleich, der alles sagt
Man stelle sich denselben Ablauf bei Polizei oder Armee vor. Dort durchlaufen Menschen, die eine Waffe führen sollen, eine Monate bis Jahre dauernde Ausbildung mit psychologischer Eignungsprüfung, regelmässigen Nachschulungen und ständiger dienstlicher Aufsicht. Ein Anwärter, der bei der Prüfung eine zentrale Sicherheitsregel missachtet, fiele durch, ohne Diskussion. Ein Ausbilder, der einen solchen Fehler mit dem Hinweis durchwinkt, man wolle ja Nachwuchs, wäre untragbar.
In der Hobby-Jagd genügt es, einen zweiwöchigen Kurs zu absolvieren und wohlwollende Prüfer zu treffen. Der Zugang zu tödlichen Waffen ist damit an eine der niedrigsten Hürden geknüpft, die in einer Gesellschaft überhaupt denkbar sind, wenn es um Werkzeuge geht, die töten können.
Ein Hype, der die Ausbildung überholt
Die Jagd liegt im Trend, besonders bei jungen Menschen, und in den sozialen Medien wächst der Jagd-Content stetig. Der Deutsche Jagdverband vermeldet Mitgliederrekorde, fast eine halbe Million Menschen besitzen einen Jagdschein, darunter zunehmend junge Leute und Frauen. Für den Verband ist dieser Boom ein Erfolg, den er offensiv bewirbt.
Genau hier liegt die Verantwortung, die im Jubel über die Rekordzahlen untergeht. Wer den Zugang zur Jagd wie ein Lifestyle-Produkt vermarktet und die Mitgliederzahlen feiert, müsste zugleich sicherstellen, dass die Ausbildungs- und Sicherheitsstandards mit diesem Wachstum Schritt halten. Der Selbstversuch der Reporterin zeigt, dass genau das nicht geschieht. Der Hype eilt der Sorgfalt davon.
Nicht jede Person, die über einen Crashkurs zum Schein kommt, wird zur Gefahr. Doch dass die Hürden so niedrig sind, dass eine Reporterin die Prüfung bestehen kann, ohne je im Wald gewesen zu sein und ohne eine elementare Sicherheitsregel zu beherrschen, ist ein Armutszeugnis für ein System, das über Leben und Tod von Wildtieren entscheidet. Solange die Hobby-Jagd tödliche Waffen leichter zugänglich macht als jede andere Institution, die mit Waffen umgeht, bleibt sie kein seriöses Instrument des Wildtiermanagements, sondern ein Freizeitvergnügen mit tödlichen Folgen für die Tiere.
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