4. Juli 2026, 12:58

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Trentino erlaubt Bogenjagd auf Wildschweine – gegen ein Problem, das die Hobby-Jagd selbst geschaffen hat

Das Tessin bejagt Wildschweine ganzjährig, tags und nachts, und trotzdem verdoppelt sich die Strecke. Warum die neue Bogenjagd im Trentino nichts löst, sondern nur mehr Tierleid schafft.

Redaktion Wild beim Wild — 4. Juli 2026

Die norditalienische Region Trentino will ab 2027 die Bogenjagd auf Wildschweine erlauben, um die wachsende Population einzudämmen.

Was als moderne Regulierungsmassnahme verkauft wird, ist in Wahrheit der nächste Schritt in einem Teufelskreis, den die Hobby-Jagd selbst in Gang gesetzt hat. Denn die Wildschweinschwemme in Italien ist kein Naturphänomen, sondern zu einem wesentlichen Teil das Ergebnis jagdlicher Eingriffe.

Hobby-Jäger haben die Wildschweine selbst eingeführt

Der Ursprung der italienischen Wildschweinschwemme liegt bei der Hobby-Jagd. Weil der heimische Bestand Anfang des 19. Jahrhunderts stark geschrumpft war, führten Hobby-Jäger gezielt grössere, vermehrungsfreudigere Wildschweine aus Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern ein und setzten sie aus, um weiterhin jagen zu können. Diese osteuropäischen Tiere unterscheiden sich grundlegend von der ursprünglich in Italien heimischen Art.

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Während eine Bache des einheimischen italienischen Wildschweins durchschnittlich nur zwei bis vier Junge zur Welt brachte, wirft die osteuropäische Form acht bis zehn Frischlinge pro Jahr und wird bereits im Alter von sechs Monaten geschlechtsreif. Das Ergebnis dieser jagdlich motivierten Auskreuzung ist eine Population, die sich rasant vermehrt und heute in Italien auf über eine Million Tiere geschätzt wird. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sie sich mehr als verdoppelt.

Die Ironie dabei ist offensichtlich und wird selbst in italienischen Medien so benannt: Es sind die Hobby-Jäger, die diese Plage verursacht haben. Wer heute mit noch mehr und noch neueren Jagdmethoden gegen die Wildschweine vorgehen will, bekämpft ein Problem, das ohne die Hobby-Jagd in dieser Form gar nicht bestünde.

Warum Bejagung die Vermehrung sogar ankurbeln kann

Der Trugschluss, dass mehr Hobby-Jagd automatisch weniger Wildschweine bedeutet, hält sich hartnäckig, obwohl die Wildbiologie ein anderes Bild zeichnet. Wildschweine reagieren auf hohen Bejagungsdruck mit gesteigerter Reproduktion. Dieser kompensatorische Effekt ist ein natürlicher Ausgleichsmechanismus: Wird eine Population stark dezimiert, setzen frühere Geschlechtsreife und grössere Würfe ein.

Hinzu kommt die soziale Struktur der Rotte. Eine erfahrene Leitbache steuert den Fortpflanzungsrhythmus der Gruppe und unterdrückt die Frühreife der jüngeren Bachen. Wird sie geschossen, zerfällt diese Ordnung, und die Jungbachen werden früher und zahlreicher trächtig. Die Hobby-Jagd trifft überproportional häufig genau die falschen Tiere und beschleunigt so unbeabsichtigt die Vermehrung.

Ein dritter Faktor ist die Kirrung, also das Anlocken der Tiere mit ausgelegtem Futter, meist Mais, um sie leichter erlegen zu können. Diese Zusatznahrung verbessert die Kondition der Tiere und ihren Bruterfolg und trägt damit direkt zur Vermehrung bei. Die Hobby-Jagd füttert also im Wortsinn ihre eigene Beute heran und schafft sich das Problem, das sie zu lösen vorgibt.

Das Tessin beweist es mit Zahlen: Jagd reguliert nicht, sie reproduziert

Wohin die osteuropäischen Wildschweine über die Grenze wandern, lässt sich in der Schweiz besichtigen. Im Kanton Tessin wird Schwarzwild ganzjährig, tags und nachts, flächendeckend bejagt. Wenn intensive Hobby-Jagd tatsächlich regulieren würde, müssten die Bestände sinken. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Abschussstatistik lässt keinen Interpretationsspielraum: Wurden im Tessin 2015 noch 1437 Wildschweine erlegt, waren es 2024 bereits 2904, eine Verdoppelung innert zehn Jahren. Allein zwischen 2022 und 2024 stiegen die Abschüsse um 73 Prozent. In keinem einzigen Jahr dieser Dekade ging die Zahl der erlegten Tiere trotz stetig gesteigerter Jagdintensität dauerhaft zurück, und dies bei rund 880 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern im ganzjährigen Einsatz. Die Jagdstrecke wächst also Jahr für Jahr, statt zu schrumpfen. Das ist kein Zeichen erfolgreicher Regulierung, sondern das Gegenteil.

Der Grund ist wissenschaftlich beschrieben. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) berechnete 2014, dass jährlich unter günstigen Bedingungen über 67 Prozent des Bestands entnommen werden müssten, um eine dauerhafte Reduktion zu erreichen. In offenen Populationen mit ständiger Zuwanderung aus Nachbargebieten ist dieser Wert praktisch nicht erreichbar, die tatsächliche Abschussquote in der Schweiz liegt bei rund 40 Prozent. Alles darunter bewirkt keine Reduktion, sondern setzt lediglich den kompensatorischen Vermehrungsmechanismus in Gang, der die Bestände zusätzlich anheizt.

Bemerkenswert deutlich wird dieser Zusammenhang von jagdlicher Seite selbst bestätigt. Der bekannte deutsche Wildschweinkenner Norbert Happ hielt in der Fachzeitschrift «Wild und Hund» fest, die Nachwuchsschwemme sei hausgemacht: Ungeordnete Sozialverhältnisse im Schwarzwildbestand seien ausschliesslich der Jagdausübung anzulasten. Deutlicher kann das Eingeständnis kaum ausfallen, dass die Hobby-Jagd das Problem nicht löst, sondern erzeugt. Wie sich das konkret auswirkt, zeigen unsere Beiträge zur nächtlichen Wildschweinpirsch in Graubünden und zur Tessiner Jagdbilanz.

Der grössere Teufelskreis: Mais als Mastfutter

Die Kirrung ist nur die kleinere Hälfte des Nahrungsproblems. Der grössere Teil liegt in der Landschaft selbst. In Mitteleuropa nimmt die Wildschweinpopulation vor allem durch den stark ausgeweiteten Maisanbau zu. Maisfelder bieten dem Schwarzwild über Monate Deckung und eine energiereiche, verlässliche Nahrungsquelle.

Entscheidend ist dabei ein Puffereffekt. Früher schwankten die Wildschweinbestände natürlich mit den Waldfrüchten: In guten Eichel- und Buchenmastjahren gab es viel Nachwuchs, in schlechten Jahren brach die Vermehrung ein. Genau dieser natürliche Regulator ist heute ausser Kraft gesetzt. Fällt die Waldmast aus, wird sie durch den flächendeckenden Maisanbau kompensiert. Die Tiere finden immer Nahrung, gute wie schlechte Jahre führen gleichermassen zu hohem Bruterfolg.

Und hier schliesst sich der Kreis zur Tierhaltung. Der grösste Teil des angebauten Maises ist kein Nahrungsmittel für Menschen, sondern Mastfutter für Nutztiere. Rund zwei Drittel der Maisproduktion fliessen in die Tierfütterung. Die industrielle Fleischproduktion schafft also über ihren gewaltigen Futterbedarf erst die Landschaft, in der sich Wildschweine grenzenlos vermehren können. Wer diese Wildschweine anschliessend mit immer neuen Jagdmethoden bekämpft, behandelt ein Symptom, dessen Ursache in der Art unserer Landwirtschaft und unseres Fleischkonsums liegt. Ein Teufelskreis, an dessen Anfang und Ende jeweils der Mensch steht, nie das Tier.

Die Bogenjagd ist aus Tierschutzsicht besonders problematisch

Dass die Bogenjagd nun als schonende Alternative zur Feuerwaffe präsentiert wird, weil der Lärm von Schusswaffen andere Tierarten störe, verkehrt die Tierschutzfrage ins Gegenteil. Der Pfeil tötet nicht durch Schockwirkung, sondern durch Verbluten. Ein nicht sofort tödlich getroffenes Tier flüchtet mit dem Pfeil im Körper und verendet oft erst nach langer Zeit und auf langer Fluchtstrecke qualvoll. Die Chancen, ein Tier mit Pfeil und Bogen zu erlegen, sind etwa zehnmal kleiner als mit dem Gewehr.

Was für die Rotte akustisch schonender sein mag, bedeutet für das einzelne getroffene Tier ein erhöhtes Risiko eines langen, leidvollen Sterbens. Durch das Geräusch der Sehne könne das Tier beim Schuss zusammenzucken, der Pfeil treffe dann oft nicht tödlich, sondern verletze das Tier nur; dies könne zu «unnötigem Leid» führen. Eine Massnahme, die das Tierwohl derart nachrangig behandelt, taugt nicht als Fortschritt, sondern ist ein Rückschritt im Umgang mit fühlenden Wildtieren.

Der eigentliche Regulator wird bekämpft statt geschützt

Die nachhaltige Antwort auf zu hohe Wildschweinbestände liegt nicht in immer neuen Jagdmethoden, sondern in funktionierenden Ökosystemen mit intakten Beutegreifern. Wolf und Luchs regulieren Wildbestände auf natürliche Weise, ohne kompensatorische Vermehrungsschübe auszulösen, weil sie das Verhalten und die Raumnutzung ihrer Beute verändern, statt sie bloss zahlenmässig zu reduzieren.

Genau diese Beutegreifer werden jedoch vielerorts selbst bejagt oder ihre Rückkehr behindert, wie der aktuelle Fall im Wallis zeigt, wo als erster Kanton der Schweiz Luchse abgeschossen werden sollen. Rehe, Gämsen und Wildschweine dienen als Beutetiere in erster Linie den Beutegreifern als Nahrungsgrundlage und nicht der Hobby-Jagd. Solange die natürlichen Regulatoren verfolgt und die Bestände jagdlich künstlich hochgehalten werden, bleibt jede Abschusskampagne ein Kampf gegen die Folgen der eigenen Eingriffe.

Kein Nutzen, nur mehr Leid

Fügt man die Belege zusammen, bleibt von der angeblichen Regulierungsmassnahme wenig übrig. Die Wildschweinschwemme in Italien entstand durch jagdliche Aussetzungen. Sie wächst trotz ganzjähriger, flächendeckender Bejagung weiter, weil Abschuss unterhalb der kritischen Entnahmeschwelle die Vermehrung sogar ankurbelt. Genau an dieser Mechanik ändert die Bogenjagd nichts. Ein Pfeil hebt die Entnahmequote nicht über den nötigen Wert, im Gegenteil: Bogenjagd hat eine geringere Reichweite und Trefferpräzision als das Gewehr und tötet damit tendenziell weniger Tiere pro Ansitz, nicht mehr.

Was die Bogenjagd sehr wohl verändert, ist das Leiden des einzelnen Tieres. Der Pfeil tötet durch Verbluten, das bedeutet im Fall eines Fehlschusses einen verlängerten Todeskampf. Die Begründung, das Verfahren sei schonender, weil es andere Tierarten weniger durch Lärm störe, verlagert die Belastung lediglich vom Umfeld auf das getroffene Tier.

Damit bleibt die entscheidende Frage: Wenn eine Methode die Bestände nicht wirksamer senkt, sondern nur qualvoller tötet, wozu dann überhaupt? Die naheliegende Antwort lautet, dass es nicht um Schadensbegrenzung geht, sondern darum, der Hobby-Jagd eine weitere Betätigungsform zu erschliessen. Die Bogenjagd gilt in Jagdkreisen als sportliche Herausforderung. Die Wildschweinschwemme, welche die Hobby-Jagd selbst mitverursacht hat, liefert dafür die willkommene Rechtfertigung. Am Ende steht kein gelöstes Problem, sondern zusätzliches Tierleid.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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