Wisente im Thal: Halbfreiheit kommt trotz Widerstand
Der Verein Wisent im Thal treibt die Auswilderung der grössten Wildrinder Europas voran und will die Tiere ab 2027 in eine betreute Halbfreiheit entlassen, obwohl zwei Gemeinden im Mai die nötige Landabgabe verweigert haben.

In einer Medienmitteilung vom 27. Mai 2026 hat der Verein Wisent im Thal bekräftigt, die Planung für die nächste Projektphase weiterzuführen.
Nach eigenen Angaben hat der Verein dafür vertiefte Abklärungen vorgenommen und hält am Ziel fest, die Wisente ab 2027 nicht mehr vollständig einzuzäunen.
Der Entscheid fällt in eine angespannte Lage. Anfang Mai 2026 hatten die Bürgergemeinde Welschenrohr und die Gemeinde Herbetswil dem Projekt die Abgabe von Land verweigert. Damit schrumpft das für die Halbfreiheit vorgesehene Gebiet von ursprünglich rund 12 Quadratkilometern auf etwa 6,4 Quadratkilometer. Einen Teil des fehlenden Raums fängt die Bürgergemeinde Solothurn auf, die dem Projekt rund 600 Hektar Wald zur Verfügung stellt.
Seit Herbst 2022 lebt im Naturpark Thal eine Testherde von maximal 25 Tieren in einem rund 100 Hektar grossen, eingezäunten Gebiet auf der Sollmatt in Welschenrohr-Gänsbrunnen. Es ist die erste freilebende Wisentpopulation in der Schweiz seit rund 1’000 Jahren, nachdem die Art im Mittelalter hierzulande ausgerottet worden war.
Was «Halbfreiheit» konkret bedeutet
In der geplanten Phase wären die Wisente nicht mehr eingezäunt, würden aber weiterhin streng überwacht und auf ein klar definiertes Gebiet beschränkt. Der Verein erhofft sich, dass die Tiere ihr natürliches Verhalten stärker ausleben und die Bevölkerung ein realistischeres Bild der scheuen Pflanzenfresser gewinnt.
Bewährt sich die Halbfreiheit, könnten die Wisente nach 2032 vollständig in die Freiheit entlassen werden. Grundlage dafür ist ein wissenschaftlicher Schlussbericht, der für 2027 vorgesehen ist.
Widerstand kommt von Landwirtschaft und Hobby-Jagd
Gegen die Rückkehr stellen sich vor allem der Solothurner Bauernverband sowie die IG «Wisentansiedlung Nein». Deren Wortführer bezeichnet den Wisent öffentlich als «schadstiftendes Tier». Diese Einordnung ist wissenschaftlich nicht haltbar: Begleituntersuchungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) sowie Studien aus Dänemark zeigen, dass Wisente die Artenvielfalt der Krautvegetation eher erhöhen und als Landschaftsgestalter wirken.
Auch die regionale Hobby-Jägerschaft positioniert sich gegen das Projekt. Ihr Vertreter kritisiert die Einzäunungen und den Besucherandrang und beruft sich auf die «Ruhe des Wildes». Bemerkenswert ist die Konstellation: Während die Rückkehr einer einst heimischen Wildtierart breite Unterstützung findet, gehört ausgerechnet ein Teil der Hobby-Jägerschaft zu den Bremsern. Ein Revierförster warnt zudem vor langfristigen Waldschäden durch Schälungen an Bäumen.
Dem stehen klare Fakten gegenüber. Eine Beschwerde des Bauernverbands gegen das Projekt wurde vom Bundesgericht abgewiesen. Und die zweite WSL-Umfrage vom Januar 2026, an der sich 418 von 1’554 angeschriebenen Haushalten beteiligten, ergab: Die deutliche Mehrheit nimmt den Wisent als spannend, friedlich und als Bereicherung für den Naturpark wahr.
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