Wildtier Schweiz: Forschungs-Etikett, Hobby-Jagd-Kern
Wie ein Spendensiegel die Auftragsfinanzierung eines Hobby-Jagd-nahen Vereins verdeckt.
Wildtier Schweiz präsentiert sich gegenüber Bund und Medien als neutrales Kompetenzzentrum, wird aber von JagdSchweiz mitfinanziert, schreibt Studien im Auftrag des Hobby-Jagd-Dachverbands und bewirtschaftet gleichzeitig die eidgenössische Jagdstatistik.
Vor und nach Melitta Maradi sitzt durchgehend Hobby-Jagd-Personal in der Geschäftsleitung. Vorgänger Simon Meier plant heute Wolfsabschüsse im Kanton St. Gallen. Die Jahresrechnung 2024 macht zudem sichtbar: Der Verein trägt das ZEWO-Spendensiegel, finanziert sich aber zu 98 Prozent über Aufträge.
Am 19. Juli 2026 referiert die Geschäftsleiterin von Wildtier Schweiz, Melitta Maradi, im Schweizer Jagdmuseum Utzenstorf für die in der Schweiz verbotene Bogenjagd, ein Schlaglicht auf einen Verein, der sich seit Jahrzehnten als neutrale wildbiologische Drehscheibe der Schweiz präsentiert.
Ein Verein mit doppeltem Auftritt
Wildtier Schweiz ist seit 1982 als Verein nach Art. 60 ff. ZGB eingetragen, hat seinen Sitz an der Universität Zürich und ist vom Kanton Zürich als gemeinnützig anerkannt. Auf der eigenen Website präsentiert sich der Verein als «schweizweites Kompetenzzentrum für Wildtierbiologie und Wildtiermanagement», das Bund, Kantone und Öffentlichkeit berät. Acht Mitarbeitende verteilen sich auf rund 510 Stellenprozente. So weit das offizielle Bild.
Das andere Bild zeigt die Wikipedia-Seite des Vereins, gespeist aus den eigenen Statuten und Jahresberichten. Die offiziellen Träger und Unterstützer sind dort namentlich aufgeführt: die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz, der Zürcher Tierschutz, die Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz und JagdSchweiz, der nationale Dachverband der Hobby-Jagd. Genau dieser Dachverband, der 2025 mit einer Mitgliederbefragung die Stimmung zur Wiedereinführung der Bogenjagd unter der Schweizer Jägerschaft sondierte, sitzt also mit am Tisch jener Organisation, die «wissenschaftliche» Stellungnahmen zu Jagdfragen liefert. Die explizite politische Forderung nach Wiedereinführung der Bogenjagd kommt vom Verband Schweizer Bogenjäger, der auf seiner Website wörtlich festhält, «langfristiges Ziel» sei die Wiedereinführung dieser Methode. Wildtier Schweiz liefert über seine Geschäftsleiterin die wissenschaftlich anmutende Bühne dazu.
Die Geschäftsleitung kommt aus der Hobby-Jagd
Maradi ist Forstingenieurin ETH, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie, und war laut Regierungsratsbeschluss des Kantons Zürich von 2019 Obfrau des Jagdbezirks Oberland und damit Mitglied der kantonalen Jagdkommission. Sie geht mit Pfeil und Bogen ins Ausland, dorthin, wo das in der Schweiz aus Tierschutzgründen verbotene Verfahren erlaubt ist. Mit dieser Vita leitet sie heute den Verein, dessen Statistiken und Stellungnahmen in jeder zweiten Behördenvernehmlassung zitiert werden.
Ihr Vorgänger Simon Meier ist auf wildbeimwild.com seit 2017 dokumentiert. Über Jahre prägte er die mediale Stimme von Wildtier Schweiz in NZZ, Tages-Anzeiger, Der Bund und SRF und plädierte konsequent für mehr Hobby-Jagd, von der Wildschwein-Bejagung mit Nachtzielgeräten bis zur Behauptung, gejagte Wildtiere seien «kräftiger und gesünder». Wer dieselben Texte gegen seriöse wildbiologische Literatur liest, findet Auslassungen und einseitige Argumentationsmuster, die wir unter dem Titel «Wie der Hobby-Jäger Simon Meier auf die falsche Fährte lockt» ausführlich dokumentiert haben. Heute leitet Meier die Abteilung Jagd beim Amt für Natur, Jagd und Fischerei St. Gallen, einer Behörde, deren Wolfsabschuss-Praxis das Bundesgericht in mindestens einem Fall für rechtswidrig erklärt hat.
Personelle Kontinuität von der Verbandsnähe in die Behörde. Wer bei Wildtier Schweiz die Geschäfte führt, ist beim Bund und in den Kantonen die Stimme der Wissenschaft, und in der eigenen Freizeit die Stimme der Hobby-Jagd.
Wenn JagdSchweiz die Forschung in Auftrag gibt
Wie eng die Verflechtung läuft, zeigt eine Studie, die JagdSchweiz selbst publiziert hat: Eine Arbeit zu den «Auswirkungen der Jagdbarkeit auf Birkhuhn, Alpenschneehuhn, Waldschnepfe, Feld- und Schneehase» wurde von JagdSchweiz bei Wildtier Schweiz in Auftrag gegeben. Auf der JagdSchweiz-Website ist das Ergebnis unter dem Doppelporträt «Simon Meier, Geschäftsleiter Wildtier Schweiz, und David Clavadetscher, Geschäftsführer JagdSchweiz» abrufbar. Auftraggeber und Auftragnehmer treten gemeinsam vor das Publikum, und das Ergebnis lautet wenig überraschend, dass eine «nachhaltige Jagd» auf diese teils gefährdeten Arten möglich sei.
Die Liste der jagdbaren Arten in der Schweiz wird nicht ausgewürfelt. Sie wird vom Bundesrat in der Jagdverordnung festgelegt, gestützt auf Daten und Empfehlungen, die wesentlich von Wildtier Schweiz mitgeprägt werden. Wenn JagdSchweiz im Vorfeld Studien bei ebendiesem Verein in Auftrag gibt, ist das kein Wissenschaftsbeitrag, sondern Lobbying mit akademischem Anstrich.
Die eidgenössische Jagdstatistik in jagdfreundlicher Hand
Wildtier Schweiz bewirtschaftet die eidgenössische Fischerei- und Jagdstatistik. Diese Datenbasis ist die Grundlage für Abschusszahlen, Vergleichswerte zwischen Kantonen und politische Forderungen. Dass eine vom Hobby-Jagd-Dachverband unterstützte Organisation diese Zahlen erhebt, aufbereitet und kommentiert, ist mindestens erklärungsbedürftig.
Die gewöhnliche Leserin und der gewöhnliche Leser stossen in NZZ oder SRF auf den Satz «Laut Wildtier Schweiz» und lesen dies als Stimme der Wissenschaft. Tatsächlich lesen sie die Stimme einer Organisation, die personell und finanziell aus dem Milieu kommt, das sie beurteilen soll.
Das ZEWO-Siegel ohne Spender
Wildtier Schweiz trägt seit 1986 das ZEWO‑Spendensiegel. Dieses Siegel soll in der Schweiz Vertrauenswürdigkeit gegenüber Spenderinnen und Spendern signalisieren. Die Jahresrechnung 2024, die der Verein über die ZEWO-Website publiziert, zeigt allerdings eine andere Wirklichkeit.
Der Gesamtertrag 2024 beträgt 818’010 Franken. Davon stammen aus allgemeinen Spenden 7’085 Franken und aus Mitgliederbeiträgen 6’703 Franken. Spenden und Mitgliederbeiträge zusammen ergeben 1,7 Prozent des Vereinsbudgets. Die Spendenseite, für die das ZEWO-Siegel eigentlich gedacht ist, existiert faktisch nicht.
Der Eignungstest, mit dem die ZEWO selbst klärt, welche Organisationen das Gütesiegel überhaupt anstreben dürfen, schliesst Organisationen aus, die «auf wirtschaftliche Interessen von Dritten ausgerichtet sind». JagdSchweiz und die kantonale Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz vertreten genau solche wirtschaftlichen Interessen, nämlich jene der Hobby-Jagd-Branche und ihres Behörden-Apparats. Sind diese Organisationen aber, wie auf Wikipedia dokumentiert, Träger und Auftraggeber von Wildtier Schweiz, dann erfüllt der Verein die ZEWO-Eingangskriterien zwar dem Buchstaben nach, widerspricht aber dem Geist der Bestimmung. Eine ernsthafte Rezertifizierungsprüfung müsste hier eingreifen.
Die wahren Einnahmequellen sind Aufträge. 547’292 Franken stammen aus «Aufträgen der öffentlichen Hand», das sind 67 Prozent des Budgets. Weitere 195’629 Franken laufen unter «Erlös aus übrigen Aufträgen», das sind nochmals 24 Prozent. Wer hinter den «übrigen Aufträgen» steht, wird in der Jahresrechnung nicht aufgeschlüsselt. Der Jahresbericht 2024 spricht lediglich von «zahlreichen Stiftungen» und «weiteren Aufträgen». Die statutarischen Träger JagdSchweiz und Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz werden in der gesamten publizierten Finanzkommunikation nicht als Auftraggeber namentlich genannt.
Bemerkenswert ist das Wachstum dieser Blackbox-Position. Die «übrigen Aufträge» stiegen von 127’271 Franken im Jahr 2023 auf 195’629 Franken im Jahr 2024, also um 54 Prozent in einem Jahr. Genau in diesem Zeitraum hat Wildtier Schweiz das neue Produkt «Wildtier Schweiz forscht für Sie» lanciert, eine Forschungsartikel-Serie, die laut Eigenangabe im Jahresbericht «speziell für die kantonalen Jagdverwaltungen» verfasst wird.
Im Anhang zur Jahresrechnung steht ein weiterer aussagekräftiger Satz: «Mit nahestehenden Personen oder Organisationen bestehen keine wesentlichen Transaktionen.» Diese Behauptung steht im Widerspruch zur Trägerstruktur. JagdSchweiz und die Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz sind laut Wikipedia und früheren Vereinsdokumenten Träger des Vereins. Sobald sie wesentliche Aufträge erteilen, müssten sie nach Swiss GAAP FER 21 als nahestehende Organisationen offengelegt werden. Entweder sind die Aufträge dieser Verbände tatsächlich nicht wesentlich, was angesichts der publizierten Gemeinschaftsstudie zur Jagdbarkeit von Birkhuhn und Co. überrascht, oder sie sind in der Kategorie «übrige Aufträge» versteckt und werden bewusst nicht namentlich offengelegt. Beide Varianten sind erklärungsbedürftig.
Das Vertrauenssignal des ZEWO-Siegels deckt damit eine Praxis, die sich der unabhängigen Kontrolle entzieht.
Das Gegenmodell heisst Genf
Der Kanton Genf hat 1974 per Volksabstimmung die Hobby-Jagd abgeschafft und überträgt das Wildtiermanagement zwölf staatlichen Berufsjägerinnen und Berufsjägern. Die Soforttodrate liegt bei 99,5 Prozent, die Feldhasenbestände bewegen sich auf einem für die Schweiz nicht wiederholten Niveau. Bertrand von Arx, Direktor für Biodiversität des Kantons Genf, hält fest, das Jagdverbot trage zur Erhöhung der Artenvielfalt bei.
In Genf braucht es kein «Kompetenzzentrum», das gleichzeitig Studien für JagdSchweiz schreibt und die Bundesstatistik führt. Es braucht Wildhüterinnen und Wildhüter, die ihre Arbeit beherrschen, und eine Verwaltung, die nicht von der Lobby finanziert wird, die sie kontrollieren sollte.
Argumentarium: Was zu tun ist
Solange Wildtier Schweiz in der Bundeskommunikation als neutrale Stimme behandelt wird, fliesst Lobbyarbeit in Behördenentscheide, ohne dass die Öffentlichkeit das erkennt. Vier Konsequenzen drängen sich auf.
Erstens: Aufschlüsselung der «übrigen Aufträge». Welche konkreten Beträge stammen von JagdSchweiz, der Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz und einzelnen kantonalen Jagdverwaltungen? Solange diese Auftraggeber namentlich verschwiegen werden, ist die Transparenzwirkung des ZEWO-Siegels eine Illusion. Eine Auftragsbeziehung über 10’000 Franken gehört offengelegt, mit Namen und Betrag.
Zweitens: Überprüfung durch die ZEWO. Eine Organisation, die das ZEWO-Spendensiegel führt, sich aber zu 98 Prozent über Aufträge und nicht über Spenden finanziert, missbraucht das Vertrauen, das dieses Siegel beim Schweizer Publikum geniesst. Die ZEWO muss prüfen, ob die Zertifizierungsvoraussetzungen weiterhin erfüllt sind, insbesondere die Anforderung, wesentliche Mittelgeber offenzulegen.
Drittens: Trennung der Funktionen. Wer die eidgenössische Jagdstatistik führt, soll nicht gleichzeitig Auftragsarbeiten für den nationalen Hobby-Jagd-Verband oder Forschungsartikel «speziell für die kantonalen Jagdverwaltungen» schreiben dürfen. Das eine schliesst das andere logisch und ethisch aus.
Viertens: eine echte wildbiologische Forschungsstelle. Eine vom Bund finanzierte Stelle ohne personelle Verzahnung mit der Hobby-Jagd, deren Mitarbeitende keine Jagdfunktionen ausüben dürfen, würde das leisten, was Wildtier Schweiz nur vorgibt zu leisten.
Bis dahin gilt: Wenn «Wildtier Schweiz sagt» in einem Medienbericht auftaucht, lohnt sich ein zweiter Blick. Hinter dem Etikett steht keine neutrale Wissenschaft, sondern ein Verein, dessen Geschäftsleitung mit Pfeil und Bogen jagt, dessen Vorgänger heute die Wolfsabschüsse im Kanton St. Gallen plant und dessen Spendensiegel über einer Auftragsfinanzierung steht, deren Auftraggeber nicht offengelegt werden.
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Quellen
- Wildtier Schweiz, Jahresrechnung 2024 (Bilanz, Betriebsrechnung, Anhang, Revisionsbericht Doris Graf Treuhand vom 16.3.2025), publiziert auf zewo.ch
- Wildtier Schweiz, Jahresbericht 2024, publiziert auf wildtier.ch und zewo.ch
- ZEWO, Detailseite Wildtier Schweiz, zertifiziert seit 1986, letzte Zertifizierung 2024
- ZEWO, 21 ZEWO-Standards, insbesondere Standard 16 (Rechnungslegung nach Swiss GAAP FER 21) und Standard 19 (jährliche Berichterstattung), zewo.ch
- Swiss GAAP FER 21, Rechnungslegung für gemeinnützige Non-Profit-Organisationen
- Wildtier Schweiz, Selbstdarstellung und Mitarbeitenden-Profile, wildtier.ch/ueber-uns
- Wikipedia, «Wildtier Schweiz», Trägerstruktur und Unterstützer
- StiftungSchweiz, Organisationsprofil Wildtier Schweiz
- JagdSchweiz, Studie «Auswirkungen der Jagdbarkeit auf Birkhuhn, Alpenschneehuhn, Waldschnepfe, Feld- und Schneehase», jagdschweiz.ch
- Regierungsratsbeschluss des Kantons Zürich, 2019, Bestätigung von Melitta Maradi als Obfrau des Jagdbezirks Oberland
- NZZ, 3. September 2018, «Fast nur Exoten unterstützen die Jagdverbotsinitiative»
- Tages-Anzeiger, 8. September 2018, «Mit Nachtzielgeräten gegen Wildschweine»
- SRF Radio 1, 4. Februar 2021, Interview mit Simon Meier
- Tages-Anzeiger, «Füchse und Rehe als Volkstherapie», zum Genfer Modell
- Bundesgericht, Urteil zur St. Galler Wolfsabschuss-Praxis
- Verband Schweizer Bogenjäger VSBJ, vsbj.org, Verbandsziel und Selbstbeschreibung
- JagdSchweiz, Mitgliederbefragung zur Bogenjagd 2025, verteilt über die Kantonalverbände (chassefribourgeoise.ch, jagd-tg.ch, revierjagd-solothurn.ch)
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