28. Juni 2026, 17:53

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Landshuter Dialog in Utzenstorf: Bogenjagd-Podium mit bekannten Hobby-Jäger-Gesichtern

Am 19. Juli 2026 diskutiert das Schweizer Jagdmuseum erneut eine umstrittene Jagdmethode mit einer Bogenjägerin als Referentin und einem aktiven Hobby-Jäger als Moderator.

Redaktion Wild beim Wild — 28. Juni 2026

Am 19. Juli 2026, 14 bis 15 Uhr, lädt der Förderverein Schloss Landshut in Utzenstorf zum nächsten «Landshuter Dialog zu Wild & Jagd» ein. Das Thema: «Soll die Bogenjagd in der Schweiz erlaubt werden?» Als Referentin ist Melitta Maradi angekündigt – Forstingenieurin ETH, Geschäftsleiterin von Wildtier Schweiz und selbst aktive Bogenjägerin. Die Moderation übernimmt Reinhard Schnidrig, ehemaliger Sektionschef Wildtiere und Waldbiodiversität beim BAFU, ebenfalls ein aktiver Hobby-Jäger aus dem Wallis.

Wer den Veranstalter kennt, weiss, was er zu erwarten hat. Der Förderverein Schloss Landshut ist seit 1998 Mitglied von JagdSchweiz und Träger der Schweizerischen Jagdbibliothek, die unter anderem die Archive von JagdSchweiz und weiterer Jagdverbände beherbergt. Das Jagdmuseum in Utzenstorf ist kein neutraler Ort für eine gesellschaftspolitische Debatte, es ist ein institutioneller Arm der Schweizer Hobby-Jagd-Lobby.

Bereits am 14. Juni 2026 hatte derselbe Veranstalter am gleichen Ort eine Podiumsdiskussion zur Fuchsjagd veranstaltet, bei der von fünf Gästen vier öffentlich der Hobby-Jagd angehörten. Kritische Stimmen wurden nicht gehört, wissenschaftliche Grundlagen nicht geliefert. Die Veranstaltung vom 19. Juli setzt diese Tradition fort.

Melitta Maradi: Geschäftsleiterin von Wildtier Schweiz und Bogenjägerin

Melitta Maradi ist keine unbekannte Akteurin in der Schweizer Hobby-Jagd-Szene. Die Forstingenieurin ETH leitet hauptberuflich die Geschäftsstelle von Wildtier Schweiz, einem Verein, der sich als Bindeglied zwischen Forschung und Jagdpraxis versteht, und sitzt im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie. Daneben ist sie aktive Hobby-Jägerin und geht auch ins Ausland, um mit Pfeil und Bogen zu jagen, wo dies erlaubt ist. Ihre Bezeichnung als «Wildtierbiologin» in der Veranstaltungsankündigung ist irreführend: Maradi ist Forstingenieurin und Wirtschaftsingenieurin, keine promovierte Wildtierbiologin. Laut einem Regierungsratsbeschluss des Kantons Zürich aus dem Jahr 2019 amtete Maradi als Obfrau des Jagdbezirks Oberland und war damit Mitglied der kantonalen Jagdkommission.

Es gibt keine gesetzliche Abschussplanung für tierquälerische und unnütze Jagden auf Fuchs, Dachs, Singvogel, Ente und Co. In Wahrheit gibt es dutzende wissenschaftliche Studien zum wildbiologischen Unsinn der Fuchsjagd. 2011 wurde in Genf zum Beispiel kein Rothirsch, Reh, Rotfuchs, Dachs, Marder, Feldhase usw. erschossen. Genf erfreut sich im Gegensatz zu anderen Kantonen noch hervorragender Hasenbestände – ein klarer Beleg dafür, dass es keine unkontrollierten Hobby-Jäger braucht, sondern Wildhüter, die Herzblut in die Hege leiten. Maradi geht übrigens auch ins Ausland, um mit Pfeil und Bogen zu jagen – wie ein Erfahrungsbericht eines Kurses mit Melitta Maradi belegt. In anderen Kursen für Zürioberland Tourismus serviert sie der Bevölkerung Raubtiernahrung.

Nebenbei betrieb Maradi unter dem Label bodenhaftung.ch kostenpflichtige Naturkurse für Zürioberland Tourismus. In einem dieser Kurse für CHF 100.– pro Person zerlegen die Teilnehmenden gemeinsam ein am Schauenberg erlegtes Reh und als Apéro werden die Innereien des Tieres serviert. Veranstaltungsort: das Schlachthüsli in Hofstetten ZH.

Im Kurstext heisst es, abgesehen von Salz, Zucker, Essig und Öl seien die Zutaten «zwar nicht biologisch zertifiziert – aber Natur pur!». Diese Verklärung blendet aus, dass auch das zentrale «Hauptgericht», ein am Schauenberg erlegtes Reh, nicht biozertifiziert ist. Anders als Fleisch aus kontrollierter Bio-Tierhaltung stammt Wildbret aus der Hobby-Jagd von einem geschossenen Tier, dessen Fleisch im Bereich des Schusskanals durch Munitionsrückstände belastet sein kann. Es als «Natur pur» zu vermarkten, ist irreführend, bis Konsumententäuschung.

Was Kursteilnehmende über Maradi berichten, ist aufschlussreich. In einem öffentlichen Facebook-Kommentar schildert eine Teilnehmerin, wie sie Maradi über Züri Oberland Tourismus für einen Kurs «essbare Wildpflanzen» kennenlernte. Maradi habe einmal einen Fuchs gerochen – «die Reaktion war schlimmer als wenn unser Kater eine Maus richt». Die Teilnehmerin beschreibt Maradi als «wirklich Vollblutjägerin», die es verstehe, «auch bei Menschen den Bückling zu machen». Was diese Reaktion über die Psyche von Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern verrät, beleuchtet unsere Kategorie Psychologie & Jagd. In den Niederlanden wurde deshalb der sogenannte E-Screener eingeführt, ein psychologischer Online-Test, den alle Jagdscheininhaber absolvieren müssen. Das Ergebnis war ernüchternd: 20 bis 25 Prozent der Hobby-Jäger bestanden den Test nicht und mussten Waffe und Jagdschein abgeben. Man darf davon ausgehen, dass Melitta Maradi , die beim Geruch eines Fuchses reagiert «wie ein Kater bei einer Maus» und Kursteilnehmende mit Innereien bewirtet, einen solchen Eignungstest kaum bestehen würde.

Reinhard Schnidrig: Ehemaliger BAFU-Sektionschef und aktiver Hobby-Jäger

Die Wahl des Moderators ist bezeichnend. Reinhard Schnidrig war jahrelang Sektionschef Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt BAFU – und laut seiner offiziellen Ernennung von 2005 «aktiver Jäger in den Kantonen Bern und Wallis». Es ist dies kein Moderator, der zwischen Tierschutz und Hobby-Jagd vermittelt, sondern eine Figur aus dem Innern des jagdpolitischen Betriebs. Wer an diesem Dialog nicht eingeladen ist, liegt auf der Hand: unabhängige Tierschutzorganisationen mit wissenschaftlichem Mandat, die keinerlei Affinität zur Hobby-Jagd haben.

Reinhard Schnidrig

Die Bogenjagd: In der Schweiz aus gutem Grund verboten

Die Bogenjagd ist in der Schweiz aus Tierschutzgründen verboten und diese Rechtslage hat eine solide wissenschaftliche Grundlage. Die Auswertung von rund zwei Dutzend Studien aus den USA zeigt, dass diese Jagdmethode oft zu erheblichem Tierleid führt. In einer Studie der Universität Oklahoma wurden bei einer Bogenjagd auf Weisswedelhirsche 50 Prozent der Tiere lediglich angeschossen und zunächst nicht auffindbar. Der Schweizer Tierschutz (STS) hält in seiner strikt ablehnenden Haltung fest, dass der Pfeilschuss keine Zielungenauigkeit verzeihe und häufig zu Durchschüssen ohne garantierte Tötungswirkung führe.

Selbst wenn man die optimistischeren Angaben der Bogenjagd-Verbände zugrunde legt, bleibt eine Verwundungsrate von 16 bis 17 Prozent, das heisst, jedes sechste bis siebte getroffene Tier erleidet einen qualvollen Tod, ohne dass es vom Hobby-Jäger geborgen werden kann. Das ist kein akzeptables Tierschutzniveau in einem Land mit einem der strengsten Tierschutzgesetze Europas.

Der «Landshuter Dialog zu Wild & Jagd» ist kein Dialog. Es ist eine Veranstaltungsreihe eines Jagdmuseums, das JagdSchweiz angehört, mit Referentinnen und Moderatoren, die der Hobby-Jagd nahestehen, und ohne strukturelle Einbindung unabhängiger Tierschutzstimmen. Die Frage «Ist die Bogenjagd ein Verbot zu viel?» ist rhetorisch gestellt: Sie suggeriert, das Verbot sei erklärungsbedürftig, nicht die Forderung, es aufzuheben. Eine ehrliche Gesellschaft dreht die Frage um: Warum sollte ein Land, das Tierschutz in die Bundesverfassung geschrieben hat, eine Jagdmethode legalisieren, bei der jede sechste geschossene Kreatur qualvoll zugrunde geht? Die Antwort gibt das Gesetz seit Jahrzehnten klar. Es braucht keinen «Dialog» darüber, es braucht seine Durchsetzung.

Das Genfer Modell: Jagdverbot seit 1974

Dabei liefert der Kanton Genf seit über 40 Jahren den schlagenden Gegenbeweis zur Hobby-Jagd-Ideologie. Seit 1974 ist die Hobby-Jagd in Genf verboten. Rund zwei Drittel der Stimmenden sagten damals Ja. Die Bilanz ist laut einem Tages-Anzeiger-Bericht «durchwegs positiv». Wildhüter übernehmen die Bestandskontrolle – nachts, mit Lichtverstärker und Infrarot. Der kantonale Wildtierinspektor Gottlieb Dandliker hält fest: «99,5 Prozent der geschossenen Tiere sind sofort tot.» Das Leiden ist minimal, es gibt fast keine Fälle, in denen Tiere einen Abschuss verletzt überlebten. Bei einer solchen Sofort-Todrate braucht es weder abnormal gezüchtete Jagdhunde noch aufwendige Nachsuchen, beides unvermeidliche Begleiterscheinungen der Hobby-Jagd, die das Tierleid massiv verlängern.

Die Kosten des gesamten Wildtiermanagements hat die Neuenburger Anthropologin Manue Pichaud berechnet: eine Million Franken jährlich, also 2.20 Franken pro Einwohner. Die Genfer zahlen das gerne, weil sie es schätzen, bei Spaziergängen in freier Natur Wildtieren zu begegnen. Dieser Eindruck ist wissenschaftlich bestätigt: Der Kanton stellte in einer Langzeitstudie eine starke Zunahme der Biodiversität fest. Rehe, Hirsche und Wildschweine, die vor 1974 fast vollständig verschwunden waren, leben wieder in Genf. Marder, Biber, Hasen, Wiesel und Greifvögel haben sich erholt. Bertrand von Arx, Direktor für Biodiversität des Kantons Genf, bestätigt: «Das Jagdverbot kann ein Mittel zur Erhöhung der Biodiversität sein.» Jagdunfälle sind kein Thema mehr. Würde Genf heute nochmals abstimmen, wäre die Zustimmung noch grösser.

Das ist das Modell, das funktioniert, nicht ein «Dialog» über Bogenpfeile im Jagdmuseum von Utzenstorf.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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