Italiens neues Jagdgesetz: CNR-Forscher wirft Regierung gezielte Sprachmanipulation vor
Der Gesetzentwurf 1552 verwandelt Wildtiere in eine Ware, sagt Biologe Michelangelo Morganti.

Am 13. Juli 2026 hat das Onlinemagazin «Altreconomia» einen Beitrag veröffentlicht, der die derzeit heftigste Debatte der italienischen Naturschutzpolitik auf den Punkt bringt.
Verfasst hat ihn Michelangelo Morganti, Forscher am Consiglio nazionale delle ricerche (CNR), promovierter Biologe mit rund sechzig wissenschaftlichen Publikationen und Lehrbeauftragter für Regionale Fauna an der Universität Pavia. Sein Vorwurf an die Regierung Meloni ist unmissverständlich: Der Gesetzentwurf zur Neuordnung der Hobby-Jagd sei ein Werk gezielter Begriffsmanipulation.
Worum es geht
Der Disegno di legge 1552 ändert zahlreiche Bestimmungen des Gesetzes 157/1992, das die Ausübung der Hobby-Jagd in Italien regelt. Der Senat hat den Entwurf bereits verabschiedet, er liegt nun in der Abgeordnetenkammer.
Das Gesetz von 1992 entstand nicht aus freien Stücken. Italien musste die europäischen Richtlinien «Habitat» (92/43/EWG) und «Vögel» (79/409/EWG) umsetzen und ein nationales Schutzgebietsnetz aufbauen, das Rete Natura 2000.
Morganti beschreibt die 157/1992 als komplexes, austariertes Regelwerk, das die Hobby-Jagd zwar zulässt, aber der Erhaltung der Fauna unterordnet. Verboten ist die Jagd während des Frühjahrszugs und der Brutzeit. Dienstag und Freitag gelten als Tage der «absoluten jagdlichen Stille», an denen sich alle Lebewesen, auch die menschlichen, sicher im Wald bewegen können. Feste Ansitzhütten dürfen weder verkauft noch vererbt werden, ausser der Erbe ist selbst Hobby-Jäger. Die Gesamtzahl der Ansitze darf jene der Saison 1989/90 nicht überschreiten. Erlegte Tiere aus Ansitzhütten oder aus Jagdbetrieben dürfen nicht verkauft, sondern nur privat verzehrt werden. Jagdbetriebe dürfen statutarisch keinen Gewinn erzielen. Und jeder Hobby-Jäger darf sich für nur eine Jagdform entscheiden.
Genau diese Detailnormen fallen mit dem Ddl 1552 weitgehend weg.
«Dynamisch» statt bewahrend
Der Entwurf erklärt den Kurswechsel offen. Man gebe eine «rein konservative Sicht der Natur» auf und fördere eine «dynamische und multifunktionale Perspektive», und präsentiere dies noch als Fortschritt.
Genau hier setzt Morgantis zentraler Vorwurf an. Er spricht von «Gaslighting»: der bewussten Manipulation von Wortbedeutungen und einer irreführenden Erzählung, die dem Gesetz den Anschein von Innovation geben solle, den es nicht besitze. Der Ddl 1552 sei, so Morganti, ein minutiöses Aushöhlen der 157/1992, lesbar als Revanche jener, die drei Jahrzehnte lang das Gesetz als Einschränkung ihrer jagdlichen Freiheiten empfunden hätten. Dass hier nur der konservativste Teil der Jagdwelt spreche, zeigten auch die Rücktritte an der Spitze von Arci Caccia, die den Entwurf offen bekämpft.
Vier Beispiele der Umdeutung
Der Hobby-Jäger als Naturschützer. Artikel 1 Absatz 2 schreibt fest, der Hobby-Jäger «trage zum Schutz der Biodiversität bei». Morganti widerspricht: Selektive, wissenschaftlich geleitete Abschüsse problematischer Tiere im Rahmen von Wildtiermanagement könnten in Einzelfällen nötig sein. Dass die Hobby-Jagd als solche jedoch die Biodiversität fördere, sei durch nichts belegt. Die Jagd reduziert Tierbestände durch Tötung. Ob und unter welchen eng definierten Bedingungen ein Eingriff dem Artenschutz dient, ist wissenschaftlich umstritten und jedenfalls nicht der Regelfall der Freizeitjagd.
Aussetzen als Geschäftsmodell. Fasane, Hasen, Rebhühner und Wildschweine werden laut Morganti vielerorts erst gezüchtet und ausgesetzt, um überhaupt bejagt werden zu können. Er bezeichnet die Praxis als eine der Hauptquellen genetischer Verunreinigung wilder Populationen; sie habe die Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten begünstigt und erzeuge Bestandsdichten oberhalb der Tragfähigkeit des Lebensraums. Wer laufend Wildschweine aussetze, schaffe ein Problem, zu dessen Lösung sich die Jagd danach unentbehrlich erklären könne. Die Einschätzung deckt sich mit den Stellungnahmen der beiden italienischen Fachgesellschaften Atit und Ciso zum Ddl 1552 (siehe Quellen).
Falknerei als Feigenblatt. Die Verfasser berufen sich auf die Unesco-Anerkennung der Falknerei als immaterielles Kulturerbe, um die Hobby-Jagd als «nationale Tradition» zu adeln. Morganti hält dagegen: Der Verweis diene dazu, eine Reform der modernen Jagd mit Feuerwaffen und Nachtsichtgeräten mit dem Nimbus jahrtausendealter Tradition zu umhüllen.
Die frisierte Zahl. Die Einleitung des Entwurfs spricht von rund 300’000 Hobby-Jägern. Laut Innenministerium wurden 2025 hingegen 630’000 Jagdlizenzen ausgestellt. Der Vergleich ist nicht deckungsgleich, da nicht jede ausgestellte Lizenz auch aktiv genutzt wird. Entscheidend ist für Morganti aber der politische Gebrauch der niedrigeren Zahl: Sie dient als Begründung für Deregulierungen, keine Ruhetage mehr, keine Begrenzung der Ansitze, keine Festlegung auf eine Jagdform. Dabei schafft das neue Gesetz gerade wirtschaftliche Anreize, die Zahl der Hobby-Jäger wieder zu erhöhen.
Fast schon grotesk wirkt die Legalisierung der Treibjagd im Schnee. Der Entwurf begründet sie damit, dass bei Schnee «sowohl Hunde als auch Jäger zu erhöhter Aufmerksamkeit angehalten» seien. Morganti fragt trocken, erhöht im Vergleich wozu, wo die Alternative doch schlicht darin bestünde, bei solchen Bedingungen nicht zu jagen.
Die Wissenschaft wird ausgeladen
Sowohl die Associazione teriologica italiana (ATIT) als auch das Centro italiano studi ornitologici (CISO), die Fachgesellschaften der italienischen Säugetier- und Vogelforscher, haben ausführliche kritische Stellungnahmen zum Ddl 1552 vorgelegt. ATIT hat ein «Dokument wissenschaftlich begründeter Beobachtungen» zum Entwurf publiziert, CISO hat ihn öffentlich als Überschreitung der Nachhaltigkeitsgrenzen zurückgewiesen.
Der schwerwiegendste Punkt kommt zuletzt. Die Pflicht, vor jagdlichen Entscheidungen ein Gutachten des Istituto superiore per la protezione e la ricerca ambientale (Ispra) einzuholen, wird gestrichen. Damit verliert die italienische Wildtierpolitik ihr wissenschaftliches Korrektiv.
Die Profit-These
Morgantis Kernthese lautet: Das eigentliche Ziel der Reform sei weder Tradition noch Naturschutz, sondern der Profit. Er stützt sie auf konkrete Änderungen im Gesetzestext. Der Ddl 1552 erlaubt es, feste Ansitze auszuweiten und neu auch mobile einzuführen, die Erzeugnisse der Jagd zu vermarkten und Jagdbetriebe (aziende faunistico-venatorie) gewinnorientiert zu führen. Alle drei Punkte waren unter dem Gesetz von 1992 ausdrücklich untersagt. Indirekt, so Morganti, weite sich damit auch der Markt für Waffen, Munition, Nachtsichtgeräte, Lockmittel, Ausrüstung und Dienstleistungen aus.
Zum ersten Mal werde die Jagd nicht bloss reguliert, sondern als auszubauender Wirtschaftssektor gedacht. Das Jagdgesetz von 1992 wollte verhindern, dass Wildtiere zur Ware werden. Der Ddl 1552 geht nach Einschätzung des Autors in die Gegenrichtung. Morganti endet mit einem lateinischen Satz: Mala tempora currunt, sed peiora parantur. Schlechte Zeiten laufen, doch schlimmere werden vorbereitet.
Wie die Umdeutung ins Klassenzimmer gelangt
Wie diese Umdeutung konkret in die Gesellschaft getragen wird, zeigt ein zweiter Konflikt, der bis heute nachwirkt. Der Jurist und Publizist Fabio Balocco hatte im «Fatto Quotidiano» eine Initiative des Provinzverbands Crotone scharf angegriffen, bei der Hobby-Jäger in einer Grundschule mit Kindern über Umweltschutz sprechen sollten. Sein Vergleich: Einen Hobby-Jäger einzuladen, um über die Umwelt zu sprechen, sei ein wenig so, als lade man einen Serienmörder ein, um über die Liebe zu sprechen.
Das Jagdportal «Caccia Passione» empörte sich über die Formulierung und forderte ein Gegenrecht in der Zeitung. Noch im April 2026 berichtete dasselbe Portal über Bildungsprojekte der Jagdstiftung UNA an Schulen, im Juni 2026 über Nistkastenaktionen von Hobby-Jägern an drei Schulen in Macerata.
Die Logik ist dieselbe wie beim Ddl 1552. Wer Wildtiere tötet, präsentiert sich als deren Beschützer. Und je häufiger die Gleichsetzung wiederholt wird, desto normaler klingt sie. Mehr zu den Mechanismen dahinter im Dossier Psychologie der Hobby-Jagd.
Kommentar der Redaktion
Was Morganti für Italien beschreibt, kennen wir in der Schweiz bis in die Wortwahl hinein. «Regulierung» statt Abschuss, «Hege» statt Bewirtschaftung, der Hobby-Jäger als «Bioregulator». Wenn ein Forscher des staatlichen Forschungsrats zum Begriff Gaslighting greift, um die Sprache eines Gesetzentwurfs zu beschreiben, ist ein Punkt erreicht, an dem die Debatte nicht mehr über Fakten geführt wird, sondern über deren Umbenennung.
Aus Sicht der Redaktion ist der Wegfall der verbindlichen Ispra-Gutachten der eigentliche Skandal: Ein Staat schafft die wissenschaftliche Kontrolle über die eigene Wildtierpolitik ab. Wer glaubt, das bleibe eine italienische Angelegenheit, unterschätzt, wie schnell erfolgreiche Deregulierungsmodelle die Alpen überqueren. Siehe dazu auch unsere Kampagnen gegen die Hobby-Jagd und die Kategorie Tierrechte.
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