Volksverblödung in Serie: St. Gallen vereidigt 65 neue Hobby-Jäger
Im Kanton St. Gallen bilden Hobby-Jäger Hobby-Jäger aus, prüfen sie und beaufsichtigen sie selbst.
Am 12. Juni 2026 haben im Kanton St. Gallen 65 angehende Hobby-Jäger die Jagdprüfung bestanden, rund 80 Prozent der Prüflinge.
Bei der Übergabe der Fähigkeitszeugnisse betonte die kantonale Jagdverwaltung die «wichtige Verantwortung» des Jagdhandwerks und sprach von einer «modernen und verantwortungsbewussten Ausrichtung der Jagd».
Es ist die Fortsetzung einer Geschichte, die wir bereits im Vorjahr unter dem Titel Volksverblödung im Kanton St. Gallen dokumentiert haben. Geändert hat sich nur die Zahl.
Ein geschlossenes System
Ausgebildet, geprüft und beaufsichtigt werden Hobby-Jäger im Kanton St. Gallen von Hobby-Jägern. Die Prüfungskommission, die Ausbildungskommission und die Abteilung Jagd im Amt für Natur, Jagd und Fischerei sind mit Personen besetzt, die selbst der Hobby-Jagd verbunden sind. Eine unabhängige fachliche oder ethische Kontrolle von aussen gibt es nicht.
Damit prüft und legitimiert eine Interessengruppe ihre eigene Freizeitbeschäftigung. In kaum einem anderen Bereich, in dem mit dem Leben empfindungsfähiger Tiere umgegangen wird, wäre eine solche Selbstkontrolle denkbar.
Kein Einzelfall, sondern System
St. Gallen steht nicht allein. Dieselbe Inszenierung wiederholt sich Jahr für Jahr in den Kantonen, wie unsere Serie zeigt: In Solothurn übergibt die Landammann die Ausweise mit Lob für «gesunde Wildbestände und effiziente Regulation», in Zug verspricht der Kanton eine «tierschutzgerechte und sichere» Jagd, in Luzern, Baselland und im Aargau dasselbe Muster. Es sind dieselben Floskeln, dieselbe Selbstlegitimation. Was wie eine fachliche Würdigung klingt, ist ein kantonsübergreifender Textbaustein.
Eine Ausbildung, die nichts schützt
Die Mängel beginnen bei der Ausbildung selbst. Die Kurse zur Jägerprüfung werden überwiegend von Personen aus dem Jagdmilieu durchgeführt, teils mit ausgeprägt ideologischem Hintergrund, und verlangen keinen regulären Qualifikationsnachweis. Wer die Prüfung besteht, bewegt sich danach im Echoraum der Jagdpresse, die schiefe und oft falsche Darstellungen stetig wiederholt. In den Jagdvereinen bestätigt man sich gegenseitig.
So entsteht keine fachliche Qualifikation, sondern eine abgeschottete Gruppe, die für neue Informationen kaum zugänglich ist. Fatal ist, dass Lokalpresse und Politik weiterhin glauben, unter dem Jägerhut stehe Sachwissen bereit, und bei Naturthemen ausgerechnet den örtlichen Hobby-Jäger befragen.
Was «Verantwortung» in der Praxis bedeutet
Die Realität dieser viel beschworenen Verantwortung lässt sich an Fuchs und Dachs ablesen. Im Kanton St. Gallen werden Jahr für Jahr Tausende meist gesunde Füchse und Dachse getötet, ohne wildbiologischen oder ökologischen Grund. Die Tiere werden nicht zur Nahrungsgewinnung erlegt, sondern landen in der Kadaversammelstelle.
Die Wissenschaft ist hier eindeutig: Wenig bejagte Fuchspopulationen produzieren weniger Nachkommen, intensive Bejagung steuert über kompensatorische Reproduktion sogar dagegen. Was als Wildtiermanagement verkauft wird, ist in weiten Teilen folgenlose Tötung. Wir haben das im Beitrag St. Gallen: Stoppt das Fuchs- und Dachsmassaker dokumentiert.
Eine Behörde, die von einem Mann geleitet wird, der in Russland Wölfe jagt und zum Spass Eichhörnchen erschiesst, und in der Hobby-Jäger sich gegenseitig ausbilden, prüfen und kontrollieren, ist kein Naturschutzamt. Sie ist eine Jagdbehörde mit Naturschutz-Etikett. Normal ist das nicht. Dass eine ethisch und wissenschaftlich nicht begründbare Freizeittätigkeit sich derart selbst verwaltet und legitimiert, gehört politisch und gesellschaftlich grundsätzlich überprüft.
Eine Behörde mit Glaubwürdigkeitsproblem
Das Problem reicht bis an die Spitze. Amtsleiter Dr. Dominik Thiel, verantwortlich für die Jagd- und Wolfspolitik des Kantons, reiste 2024 während der Arbeitszeit und auf Kosten der Steuerzahler zu einer mehrtägigen Wolfsjagd nach Russland und erschoss zum Einschiessen zum Spass ein Eichhörnchen. Zwei Jahre nach dem Skandal ist er weiter im Amt. Die Chronologie steht im Beitrag Dominik Thiel: Wolfsjäger auf Staatskosten. uch Abteilungsleiter Jagd Simon Meier, der bei der Zeugnisübergabe ein Grusswort hielt, ist kein Unbekannter, wie Wie der Hobby-Jäger Simon Meier auf die falsche Fährte lockt zeigt.
Es geht auch anders
Ein Gegenmodell liegt nahe. Der Kanton Genf hat die Hobby-Jagd 1974 per Volksabstimmung vollständig verboten. Seither übernehmen zwölf staatliche Berufsjäger das Wildtiermanagement, mit einer Soforttodrate von 99,5 Prozent. Füchse, Marder und Dachse werden nicht getötet, nur weil Jagdzeit ist. Stattdessen setzt man auf Vergrämung und Aufklärung. Das Resultat: die höchste Feldhasendichte der Schweiz und über 50 Jahre ohne rechtliche Anfechtung. Die Behauptung, ohne Hobby-Jagd breche das ökologische Gleichgewicht zusammen, ist damit empirisch widerlegt.
Dossier Jagdverwaltung St. Gallen
- Dominik Thiel: Wolfsjäger auf Staatskosten
- Psychologie der Jagd im Kanton St. Gallen
- Jagdzeit bis Silvester: Abschussdruck statt Wildtiermanagement
- Jagdverwaltung St. Gallen: Wolfsmanagement ohne Wissenschaft und ohne Glaubwürdigkeit
- Volksverblödung im Kanton St. Gallen
- Amt für Jagd und Blödsinn in St. Gallen modernisiert die Jagdausbildung
- Lügenjäger wurde Abteilungsleiter im Kanton St. Gallen
- St. Gallen: Stoppt das Fuchs- und Dachsmassaker
- Wie der Hobby-Jäger Simon Meier auf die falsche Fährte lockt
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