Emmental und Entlebuch: Mehr Hirschkühe im Visier, verwaiste Kälber werden verstossen
Bern und Luzern verlagern die Rotwildjagd auf weibliche Tiere. Was das für die Kälber bedeutet, sagt ein Wildhüter offen, und in Schangnau wurde eine noch tragende Hirschkuh erschossen.
«Die geraubte Nacht»
Verliert ein Hirschkalb seine Mutter, verliert es auch die Führung und seine soziale Stellung im Rudel und wird verstossen.
Das sagt der Luzerner Wildhüter Daniel Schmid gegenüber der «Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch». Trotzdem verlagern die Kantone Bern und Luzern die Hobby-Jagd auf Rothirsche in dieser Saison gezielt auf weibliche Tiere. In Schangnau wurde Anfang September zudem eine Hirschkuh erschossen, die noch tragend war.
Im Kanton Bern begann die Rotwildjagd am 1. September, in Luzern bereits am 1. August. Mit steigenden Beständen und Schäden an Wald und Kulturen begründet, hat Bern die Abschusszahlen um sechs Prozent erhöht. Im Wildraum 5 zwischen Lüderen und Schangnau sind 26 Rothirsche freigegeben, 15 davon weiblich. Luzern strebt laut seinen Jagdbetriebsvorschriften 2026 ein Verhältnis von mindestens anderthalb weiblichen auf ein männliches Tier an. Geschossen werden sollen mindestens 195 Rothirsche, darunter 82 überjährige weibliche Tiere, dazu ein Kälberanteil von rund 30 Prozent.
Erst die Kuh, dann der Stier
Wie konsequent der Druck auf die weiblichen Tiere organisiert ist, zeigt ein Detail der Luzerner Vorschriften. Einen Spiesser oder Stier darf ein Hobby-Jäger erst schiessen, wenn er vorher sogenannte Kahlwildpunkte gesammelt hat: zwei pro Hirschkuh, einen pro Schmaltier, einen halben pro Kalb. Wer den ersten Stier will, muss also zuerst eine Kuh oder zwei Kälber töten. Auch Bern koppelt die Freigabe von Kronenhirschen an einen vorherigen Abschuss von Kahlwild.
Die Logik dahinter erklärt Schmid in der «Wochen-Zeitung»: Der Abschuss von Stieren verändere die Bestandsentwicklung kaum. Werden viele Stiere geschossen, beteiligen sich zudem junge Hirsche an der Brunft, was den Anteil weiblicher Tiere weiter wachsen lässt. Reife Stiere dagegen zeugten tendenziell mehr männliche Kälber, wie Forschungsprojekte gezeigt hätten. Hobby-Jäger schiessen lieber männliche Hirsche, räumt Schmid ein, nicht nur wegen der Trophäe, sondern auch, weil das Risiko eines Irrtumsabschusses geringer sei.
Schmid beschreibt damit eine Entwicklung, die nach Einschätzung von Wild beim Wild auch mit der langjährigen Trophäenorientierung der Hobby-Jagd zusammenhängt: Jahrzehntelang stand der Abschuss männlicher Hirsche im Vordergrund. Nun sollen die Folgen mit mehr getöteten Kühen korrigiert werden.
Was mit dem Kalb geschieht
Die Rotwildkälber kommen im Mai und Juni zur Welt. Beim Luzerner Jagdstart Anfang August sind sie zwei bis drei Monate alt, beim Berner Jagdstart rund drei bis vier Monate. Führende Hirschkühe sind in Luzern geschützt, als Merkmal gilt ein aktiv milchbildendes Gesäuge, das Milch trägt. Der Schutz hat jedoch eine Lücke: Werden Kalb und Kuh gemeinsam geschossen, gilt auch die milchtragende Kuh als nicht führend. In Bern dürfen milchtragende Kühe geschossen werden, sofern zuerst das Kalb getötet wird und beide Tiere gemeinsam zur Kontrolle vorgewiesen werden.
Überleben könnte ein älteres Kalb ohne Mutter grundsätzlich, sagt Schmid, denn es frisst längst auch Pflanzen. Entscheidend sei aber der Verlust von Führung und Rang im Rudel. Getrennt würden Kuh und Kalb vor allem bei der sogenannten lauten Jagd mit Hunden, die in Luzern ab Oktober praktiziert wird.
Wird in Luzern eine milchtragende Kuh irrtümlich geschossen, gilt sie nur dann als nicht führend, wenn auch das Kalb bis spätestens zum Einbruch der Nacht des zweiten Folgetags getötet wird. Die Wildhut kann diese Frist um einige Tage verlängern, danach soll weiterhin versucht werden, das verwaiste Kalb zu erlegen. Was in der Sprache der Vorschriften nüchtern klingt, bedeutet für das Kalb Tage ohne Mutter, ohne Schutz und ohne Platz im Verband, bevor auch es erschossen wird, sofern man es überhaupt findet. Dass solche Fälle keine Randerscheinung sind, zeigt der Kanton Tessin: Im Tessiner Jagdbericht 2024 sind 143 erlegte säugende Hirschkühe ausgewiesen, wie der Beitrag 190 Selbstanzeigen, 186 Verfahren: Was der oberste Tessiner Hobby-Jäger «fast verschwunden» nennt dokumentiert. Bereits 2022 berichtete Wild beim Wild über Hobby-Jäger im Tessin, die auf säugende Hirschkühe schiessen.
Die tragende Hirschkuh von Schangnau
Am 3. September 2026 wurde in der Gemeinde Schangnau eine Hirschkuh geschossen, die noch tragend war. Das bernische Jagdinspektorat bestätigt den Fall gegenüber der «Wochen-Zeitung». Der Abschuss fiel in die erste Jagdwoche, in der in Bern vom 1. bis 6. September ausschliesslich Kahlwild geschossen werden durfte, also Kühe, Schmaltiere und Kälber. Vergleichbare Fälle seien aus den vergangenen Jahrzehnten nicht bekannt, auch Luzern hat nie einen derart späten Geburtstermin festgestellt. Die Fachleute des Inspektorats sprechen von einer aussergewöhnlichen Ausnahme und vermuten eine sehr späte Befruchtung im Januar, rund drei Monate nach der üblichen Brunftzeit.
Folgen hat der Fall keine. Weil es sich um einen Einzelfall handle, sehe Bern keinen Anlass, den Jagdbeginn am 1. September zu verschieben. Auch für den Schützen bleibt der Abschuss ohne Konsequenzen, da nicht davon auszugehen gewesen sei, dass die Kuh noch tragend war.
Die Begründung ist aufschlussreich. Regeln, die davon ausgehen, dass der Schütze den Zustand eines Tieres vor dem Schuss nicht erkennen muss, verlagern das Risiko vollständig auf das Tier. Dasselbe Prinzip gilt beim Muttertierschutz: Ob eine Kuh ein Kalb führt, ob sie Milch bildet, ob sie trägt, beurteilt der Schütze in Sekunden, oft in der Dämmerung und auf Distanz. Wie wenig dabei offengelegt wird, zeigt Bern gleich selbst: Aktuelle Abschusszahlen gibt der Kanton gemäss «Wochen-Zeitung» nicht bekannt.
Rotwild, das lernt
Luzern liegt mit 84 geschossenen Rothirschen rund 20 Tiere hinter dem Vorjahresstand zurück. Hirsche seien schwieriger zu jagen als Rehe, sagt Schmid, weil sie meist nur in der Dämmerung vom Hochsitz aus erreichbar seien. Das Rotwild, das in der Region erst seit rund 20 Jahren bejagt wird, lernt aus der Situation, und die Muttertiere gäben ihr Wissen an die Jungtiere weiter. So haben die Tiere gemerkt, dass sie im eidgenössischen Jagdbanngebiet Tannhorn nichts zu befürchten haben. Luzern hat deshalb erneut beim Bund Regulationsabschüsse im Schutzgebiet beantragt, gestützt auf eine Verfügung von 2026. Die dort getöteten Tiere zählen zur ordentlichen Jagdstrecke.
Wiederholter Jagddruck kann dazu beitragen, dass Rotwild scheuer wird, seine Aktivität in Dämmerung und Nacht verlagert und Rückzugsräume aufsucht. Im Entlebuch beschreibt Schmid genau diesen Lerneffekt. Die Antwort darauf ist nicht weniger Jagddruck, sondern Abschüsse auch dort, wo das Gesetz Ruhe garantieren soll. Und gezielt getroffen werden jene Tiere, die das Wissen des Rudels weitergeben: die erfahrenen Kühe. Welche Folgen der Verlust von Leittieren und Sozialstrukturen für Wildtierpopulationen hat, fasst die Seite Jagd im Faktencheck zusammen.
Wie Kantone ihre Hirschzahlen begründen und was sie dabei nicht offenlegen, zeigt auch die Analyse 4’616 Hirsche: Was die Bündner Jagdplanung offenlegt und was sie nicht beweist. Laufende Vorfälle aus der Bündner Hochjagd dokumentiert der Graubünden-Ticker.
Quellen: «Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch», 24. September 2026 (Bruno Zürcher); Kanton Luzern, Jagdbetriebsvorschriften 2026; Kanton Bern, Festlegung der Jagdperiode 2026.
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