Waschbär in Zürich: Mehr Sichtungen, aber kein Spezialkonzept
Der Kanton Zürich verzichtet auf ein spezielles Konzept, weil der Waschbär ohnehin bejagt werde. Einen Nachweis, wie wirksam diese Bejagung gegen die Ausbreitung ist, gibt es nicht.
Symbolbild: Waschbär. Foto: Chris Ensminger / Unsplash
«Mehr Schuss, mehr Tier»
Im Kanton Zürich häufen sich die Beobachtungen junger Waschbären. Das berichtet die Nachrichtenagentur SDA am 9. Oktober 2026. Die Meldung erschien unter anderem im «Tages-Anzeiger» und bei Watson. Reto Muggler, Co-Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung, beschreibt das Wachstum der Population als «nicht exponentiell, sondern schleichend». Ein spezielles Konzept gegen die Ausbreitung hat der Kanton Zürich nicht.
Muggler begründet den Verzicht auf ein spezielles Konzept mit der bestehenden Bejagung: «Da der Waschbär als Neozoon sowieso bejagt wird, braucht es das im Moment nicht.» Einen Nachweis, wie wirksam diese Bejagung gegen die Ausbreitung ist, nennt die Meldung nicht.
Zugleich relativiert Muggler die Beobachtungen: «Es häufen sich Sichtungen von Jungtieren», das könne aber auch daran liegen, dass es heute viel mehr Kameras gebe als früher. Die Zahl der im Kanton geschossenen Waschbären liegt laut dem Bericht seit Jahrzehnten konstant bei eins bis fünf pro Jahr.
84 Abschüsse und keine Bestandszahl
Wie viele Waschbären in der Schweiz leben, weiss niemand. Seit rund zehn Jahren erscheint die Art in der Jagdstatistik. 2025 wurden laut SDA schweizweit 84 Waschbären getötet, davon 54 im Aargau und 23 in Basel-Landschaft. Zum Vergleich: Die eidgenössische Jagdstatistik verzeichnete 2020 noch 2 Abschüsse, 2022 waren es 17 und 2023 bereits 44, davon 35 in Basel-Landschaft, wie Wild beim Wild im Dossier Der Waschbär in der Schweiz festgehalten hat.
Abschussstatistiken dokumentieren getötete Tiere, sie sind keine Bestandszählung. Steigende Zahlen können sowohl mit einer stärkeren Verbreitung als auch mit intensiverer Bejagung zusammenhängen. Aus ihnen allein lässt sich nicht ableiten, wie wirksam die Eingriffe sind. Genau deshalb wäre ein Monitoring nötig, das Verbreitung und Bestand unabhängig von der Jagdstrecke erfasst.
Der Aargau setzt auf Kastenfallen
Der Kanton Aargau arbeitet laut SDA mit den Jagdgesellschaften zusammen. Den Hobby-Jägern stehen elf eigens entwickelte Kastenfallen mit Abfangkorb zur Verfügung. Geht ein Waschbär in die Falle, wird er mit einem Schuss getötet.
Auch Lebendfallen können Stress, Verletzungen bei Fluchtversuchen und Fehlfänge verursachen. Wie gross diese Risiken sind, hängt unter anderem von Bauart, Fangdauer und Kontrolle ab. Die SDA-Meldung enthält dazu für die Aargauer Fallen keine Angaben. Grundsätzliches zu den Risiken verschiedener Fallentypen steht im Dossier Fallenjagd.
Der Waschbär ist nach dem Jagdgesetz des Bundes ganzjährig jagdbar. Das wirft die Frage auf, wie abhängige Jungtiere bei Fang und Abschuss geschützt werden.
Was Deutschland zeigt
Deutschland gilt in der Berichterstattung als warnendes Beispiel, laut SDA leben dort geschätzt zwei Millionen Waschbären. Weniger oft erwähnt wird, wie intensiv die Art dort bejagt wird. Im Jagdjahr 2024/25 wurden laut Deutschem Jagdverband 284’220 Waschbären getötet, ein neuer Höchstwert und rund doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Etwa vier von zehn Tieren in der Statistik wurden laut DJV mit Lebendfallen gefangen, also mit derselben Methode, auf die nun der Aargau setzt.
Trotz jahrzehntelanger Bejagung hat sich der Waschbär in Deutschland weiter ausgebreitet. Das stellt die Vorstellung infrage, seine Etablierung allein mit jagdlichen Mitteln verhindern zu können. Ob einzelne Eingriffe lokal Wirkung zeigen, muss gesondert untersucht werden.
Hinweise darauf, warum das schwierig ist, liefert die Langzeitstudie der TU Dresden im Müritz-Nationalpark. Dort stabilisierte sich die Population nach einer Wachstumsphase nahe der Kapazitätsgrenze des Lebensraums. Einjährige Weibchen waren nur in 50 Prozent der Fälle trächtig, mehrjährige in 91 Prozent, und Jährlingsfähen hatten deutlich kleinere Würfe, wie die Kurzfassung der Dissertation von Frank-Uwe Michler festhält. Solche dichteabhängigen Unterschiede gelten in der Wildbiologie als Spielraum, über den Bestände Verluste teilweise kompensieren können. Wie stark das bei bejagten Waschbärpopulationen geschieht, belegt diese Arbeit nicht direkt.
Kassel und das EU-Recht: Es gibt Alternativen zum Abschuss
Dass es auch ohne Tötung gehen könnte, wollte die Stadt Kassel zeigen. Im August 2025 startete dort ein Pilotprojekt des Bundesverbands der Wildtierhilfen: Waschbären sollten mit kameraüberwachten Lebendfallen gefangen, von Tierärztinnen und Tierärzten sterilisiert oder kastriert und am selben Ort wieder freigelassen werden, geplant über drei Jahre und wissenschaftlich begleitet (Waschbärprojekt Kassel). Fünf Tage nach dem Start wurde es sistiert: Das Land Hessen hatte die Zuständigkeit an das Regierungspräsidium Kassel übertragen, und der Landesjagdverband Hessen hatte eine rechtliche Prüfung verlangt (Pilotprojekt in Kassel gestoppt). Nach Angaben der Projektverantwortlichen bestätigte das Bundesumweltministerium, dass Sterilisation oder Kastration invasiver Arten mit EU-Recht vereinbar sei. Gemäss der letzten Berichterstattung blieb das Projekt trotzdem auf Eis (Waschbären in Bielefeld: Je mehr getötet wird, desto mehr kommen nach).
Auch das EU-Recht schreibt keine Tötung vor. Die Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 über invasive gebietsfremde Arten nennt in Artikel 19 ausdrücklich tödliche oder nicht tödliche Massnahmen zur Beseitigung, Populationskontrolle oder Eindämmung. Bei der Wahl der Methode müssen die Behörden dafür sorgen, dass den Tieren vermeidbare Schmerzen, Qualen oder Leiden erspart bleiben, und die Wirksamkeit der Massnahmen ist mit einem Überwachungssystem zu kontrollieren. Die Schweiz ist an diese Verordnung nicht gebunden. Sie zeigt aber, dass nicht tödliche Methoden und Erfolgskontrolle auch bei invasiven Arten zum Management gehören. Wie Jagdverbände die Verordnung trotzdem als Tötungspflicht darstellen, zeigt der Fall Solingen: Waschbärbabys getötet: Jagdverband verbreitet Falschaussage. Weitere Hintergründe: Invasive Arten: Keine Lizenz zum Töten.
Was die Nahrungsanalysen zeigen
Die Nahrungsuntersuchungen im Müritz-Nationalpark zeigen, dass Waschbären dort überwiegend leicht verfügbare Nahrung nutzten. In 982 Kotproben aus den Jahren 2006 bis 2011 machten Wirbellose 51,9 Prozent der gefressenen Biomasse aus, pflanzliche Bestandteile 31,8 Prozent und Wirbeltiere 16,3 Prozent. Vögel einschliesslich Eier kamen auf 2,9 Prozent, Amphibien auf 5,7 Prozent der Biomasse, so die Kurzfassung der Dissertation von Berit Michler.
Diese Ergebnisse sprechen gegen eine pauschale Darstellung des Waschbären als spezialisierten Vogeljäger. Sie stammen aber aus einem Untersuchungsgebiet und schliessen lokale Risiken für gefährdete Arten nicht aus. Wo gefährdete Arten betroffen sind, sollten konkrete Schutzmassnahmen an Brutplätzen und Laichgewässern geprüft und ihre Wirkung kontrolliert werden.
Der im Bericht erwähnte Waschbär-Spulwurm ist ein reales Gesundheitsrisiko. Eine Ansteckung erfolgt durch die Aufnahme infektiöser Eier aus einer mit Kot verunreinigten Umgebung. Waschbärkot sollte deshalb nicht ungeschützt angefasst werden, grössere Kotansammlungen sollten Fachleute entfernen (MSD Manual).
Was im Siedlungsraum hilft
Der Waschbär ist im Kanton Zürich bereits nachgewiesen. Wo er im Siedlungsraum auftritt, sollten zugängliche Futterquellen und Gebäudezugänge zuerst in den Blick genommen werden. Solche Massnahmen setzen direkt an typischen Konfliktstellen an. Ein Ersatz für Bestandsmonitoring sind sie nicht.
- Abfallbehälter und Kompost waschbärsicher verschliessen
- Kein Tierfutter im Freien stehen lassen und Wildtiere nicht füttern
- Dachrinnen, Fallrohre und Kamine mit Blechmanschetten oder Gittern sichern
- Brutplätze und Laichgewässer gefährdeter Arten gezielt schützen und die Wirkung kontrollieren
- Ein Bestandsmonitoring aufbauen, bevor über weitere Eingriffe entschieden wird
Praktische Tipps für Haus- und Gartenbesitzer stehen im Beitrag Waschbären tierfreundlich fernhalten.
Dass der Kanton Zürich derzeit kein spezielles Konzept hat, ist deshalb nicht nur ein Versäumnis, sondern auch eine Chance. Er kann eines entwickeln, das Ziele klar benennt, Konfliktprävention, Information der Bevölkerung und wissenschaftliche Erfolgskontrolle verbindet, statt das Aargauer Fallenmodell zu übernehmen, für dessen Wirksamkeit die vorliegende Berichterstattung keinen Nachweis nennt.
Welche Ziele verfolgt der Kanton?
Konfliktprävention, Bestandsregulierung und die Verhinderung der Ausbreitung sind drei verschiedene Ziele. Sie verlangen unterschiedliche Massnahmen und unterschiedliche Erfolgsmasse. Wer «Bejagung» als Antwort auf alle drei nennt, sollte sagen können, welches Ziel er damit verfolgt und woran er den Erfolg misst.
Für den Kanton Zürich stellen sich deshalb konkrete Fragen: Will er die Ausbreitung verhindern, den Bestand begrenzen oder Konflikte im Siedlungsraum vermeiden? Wie erhebt er Verbreitung und Bestand, wenn Sichtungen auch von der Zahl der Kameras abhängen? Und wo sind die öffentlich nachvollziehbaren Belege dafür, dass die bestehende Bejagung ein Spezialkonzept überflüssig macht?
Das Dossier Neozoen und die Hobby-Jagd in der Schweiz zeigt, wie oft das Etikett «invasiv» Tötungen legitimiert, ohne dass Ziele und Wirkung offengelegt werden. Weiterführend: der Beitrag zum Waschbären-Report von BBC Future.
Eine Flinte, die seit Jahrzehnten ein bis fünf Waschbären pro Jahr trifft, ist kein Konzept.
Mitmachen
Wild beim Wild fordert in einer Petition den Verzicht auf die ganzjährige, schonzeitlose Bejagung des Waschbären in der Schweiz.
Quellen
- SDA via «Tages-Anzeiger»: «Waschbären: Ausbreitung in Zürich kaum aufzuhalten», 9. Oktober 2026
- SDA via Watson: «Der Waschbär breitet sich auch in Zürich aus», 9. Oktober 2026
- Eidgenössische Jagdstatistik, Abschusszahlen Waschbär 2020 bis 2023, zusammengestellt im WBW-Dossier Waschbär
- Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel: SR 922.0
- Deutscher Jagdverband: «Neuer Rekord bei der Waschbär-Jagd», 12. März 2026 (Jagdjahr 2024/25)
- Michler, Frank-Uwe: Kurzfassung der Dissertation zur Waschbär-Population im Müritz-Nationalpark, TU Dresden, Abschnitte Reproduktionsbiologie und Populationsdynamik
- Michler, Berit A.: Kurzfassung der Dissertation zur Nahrungsökologie, TU Dresden, Abschnitt II (Kotprobenanalyse)
- MSD Manual: Baylisaskariose
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